{"id":118439,"date":"2013-11-01T12:00:00","date_gmt":"2013-11-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2013\/11\/etter-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:22:00","modified_gmt":"2023-08-23T21:22:00","slug":"etter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2013\/11\/etter\/","title":{"rendered":"Freihandelsabkommen Schweiz-China: Der Verhandlungsleiter der Schweiz erl\u00e4utert, wie es zum Abschluss kam"},"content":{"rendered":"<p>Der Abschluss der Verhandlungen f\u00fcr ein Freihandelsabkommen mit China im Mai 2013 gilt als einer der gr\u00f6ssten Erfolge der schweizerischen Aussenwirtschaftspolitik der letzten Jahre. Leiter der Verhandlungen auf Schweizer Seite war Botschafter Christian Etter, Delegierter des Bundesrates f\u00fcr Handelsvertr\u00e4ge im Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco). Etter sagt, warum die Freihandelsabkommen f\u00fcr die Schweiz wichtig sind und weshalb die Schweiz die Freihandelsverhandlungen zwischen den USA und der EU eng verfolgt. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201311_22_Etter_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"246\" \/>&#13;<\/p>\n<p class=\"bildquelle\">Foto: Saxer<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Innerhalb weniger Monate besuchten f\u00fcnf Bundesr\u00e4te China. Dreht sich in diesem Jahr in der Aussenpolitik alles um China?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Die Schweiz verfolgt eine universelle Aussen- und Aussenwirtschaftspolitik. Auch im laufenden Jahr sind nebst China die Beziehungen mit vielen anderen Partnerstaaten gepflegt worden. Aber China ist mittlerweile die zweitgr\u00f6sste Volkswirtschaft der Erde. F\u00fcr die Schweiz ist China nach der EU und den USA der drittwichtigster Handelspartner sowie der wichtigste in Asien. China ist somit tats\u00e4chlich ein sehr wichtiger Baustein unserer Aussenwirtschaftsstrategie.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Aber gleich f\u00fcnf Bundesr\u00e4te?<\/i><b>C. Etter:<\/b> China hat seit M\u00e4rz eine neue Regierung. Vor einem Regierungswechsel ist es kaum mehr m\u00f6glich, Treffen auf Ministerstufe zu vereinbaren. Das hatte in den vergangenen Monaten \u2013 nach dem Regierungswechsel \u2013 zur Folge, dass relativ viele Treffen mit Vertretern der neuen Regierung stattgefunden haben, sowohl in China wie in der Schweiz. Premierminister Li Keqiang war im Mai 2013 ja in der Schweiz. Der Fokus auf China steht aber auch im Zusammenhang damit, dass im Mai die Verhandlungen \u00fcber ein bilaterales Freihandelsabkommen Schweiz-China abgeschlossen werden konnten.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b><i>Warum sind die Freihandelsabkommen f\u00fcr die Schweiz wichtig?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Die Schweiz ist ein Land mit einem beschr\u00e4nkten Binnenmarkt und entsprechend ausgepr\u00e4gter Abh\u00e4ngigkeit von der Aussenwirtschaft. Wir sind auf Exporte und auf Importe angewiesen. Dazu kommt als Besonderheit, dass die St\u00e4rke unserer Exportwirtschaft h\u00e4ufig bei qualitativ hochstehenden Nischenprodukten und Speziall\u00f6sungen liegt. Mit derartigen Angeboten lassen sich typischerweise auf einem einzelnen Markt nicht gen\u00fcgend grosse Ums\u00e4tze erreichen, weshalb Schweizer Exportunternehmen auf geografisch breit diversifizierte Exportm\u00e4rkte angewiesen sind. Insofern ist es wichtig, dass die Schweiz universelle Handelsbeziehungen \u2013 das heisst mit m\u00f6glichst vielen Auslandm\u00e4rkten \u2013 unterh\u00e4lt.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b><i>Ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA steht m\u00f6glicherweise bevor. Ist es dadurch umso wichtiger, dass die Schweiz jetzt auf weitere Freihandelsabkommen setzt?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Dass jetzt die EU mit den USA verhandelt, war noch nicht bekannt, als wir mit China Verhandlungen aufgenommen haben. Die schweizerische Aussenwirtschaftspolitik war schon seit jeher darauf ausgerichtet, Diskriminierungen zu vermeiden oder diesen vorzubeugen. Dies ist ein wichtiger Grund, weshalb wir unser Freihandelsnetz laufend ausbauen. Wenn unsere Konkurrenten mit unseren Handelspartnern Abkommen abschliessen, er\u00f6ffnet sich ein Diskriminierungspotenzial. Ein Beispiel: Wir hatten 2005 im Rahmen der Europ\u00e4ischen Freihandelsassoziation (Efta) mit Tunesien ein Abkommen abgeschlossen. Dies war aber erst ein paar Jahre nach der EU m\u00f6glich. In dieser Zwischenphase sind die Exporte nach Tunesien teilweise stark zur\u00fcckgegangen, weil Exporte aus der EU nach Tunesien zu tieferen Z\u00f6llen m\u00f6glich waren als aus der Schweiz.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b><i>Eine Studie prophezeit der Schweiz durch ein Freihandelsabkommen USA-EU im schlimmsten Fall den Verlust von bis zu 18\u2009000 Arbeitspl\u00e4tzen. Sind Sie besorgt?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Solche Berechnungen sind stark hypothetisch. Zuerst muss man Annahmen dar\u00fcber treffen, was in diesem Abkommen vielleicht einmal stehen k\u00f6nnte, und das ist in diesem fr\u00fchen Stadium der Verhandlungen kaum m\u00f6glich. Dann kommt dazu, dass die Wirtschaft naturgem\u00e4ss dynamisch ist. Unter ver\u00e4nderten Umst\u00e4nden ergeben sich oft neue Reaktions- und Entwicklungsm\u00f6glichkeiten, die sich nicht prognostizieren lassen. Aber es ist keine Frage, dass der Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und den USA f\u00fcr den Standort Schweiz neue Herausforderungen mit sich bringen w\u00fcrde. Welchen Einfluss dies auf die Arbeitspl\u00e4tze h\u00e4tte, ist schwer zu sagen. Die Schweiz hat ja gl\u00fccklicherweise ein breit diversifiziertes Exportportfolio, auch geografisch. Die EU ist zwar bei weitem der wichtigste Handelspartner mit aktuell 57% der Schweizer Exporte. Die USA folgen mit 11%, China zusammen mit Hongkong mit 8%, Tendenz steigend. Die weiteren Exporte verteilen sich auf viele andere M\u00e4rkte. Die Schweizer Wirtschaft wird dank der besonders ausgepr\u00e4gten Diversifikation und ihren qualitativ hochstehenden, weltweit gefragten Produkten und Dienstleistungen eine gute Zukunft haben.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b><i>Wie bringt sich die Schweiz bei den Verhandlungen EU-USA ein?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Diese Verhandlungen werden zwischen der EU und den USA gef\u00fchrt. Die Efta-Minister haben aber beschlossen, mit den USA parallel zu den Verhandlungen einen Dialog zu f\u00fchren, um aus erster Hand informiert zu sein. Die USA haben zugestimmt. Mit der EU-Kommission pflegen wir so oder so laufend aussenwirtschaftspolitische Kontakte.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b><i>Es sind Verhandlungen \u00fcber ein transatlantisches und transpazifisches Freihandelsabkommen im Gang. Experten reden schon von einem Paradigmenwechsel. Wird das Entstehen dieser zwei grossen Bl\u00f6cke die Schweiz zwingen, ihre Aussenhandelspolitik zu \u00fcberdenken?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Die Tatsache, dass nebst der WTO immer mehr Pr\u00e4ferenzabkommen zwischen einzelnen L\u00e4ndern und L\u00e4ndergruppen abgeschlossen werden, ist nicht neu. Das ist vor allem seit dem Jahr 2000 mit stark zunehmender Tendenz der Fall. Die WTO hat heute 159 Mitglieder. In dieser grossen Gruppe ist es schwierig geworden, Liberalisierungsfortschritte zu erzielen. Das hat dazu gef\u00fchrt, dass handelspolitisch \u00e4hnlich gesinnte L\u00e4nder untereinander vermehrt Freihandelsabkommen abschliessen, regional oder Regionen \u00fcbergreifend. Um die aussenwirtschlichen Rahmenbedingungen g\u00fcnstig zu halten und weiter zu verbessern, versucht auch die Schweiz mit ihrer Freihandelsstrategie seit \u00fcber zehn Jahren Pr\u00e4ferenzabkommen mit wichtigen Partnern abzuschliessen. Dass jetzt auch Grosse mit Grossen, wie die EU und die USA, miteinander \u00fcber Pr\u00e4ferenzabkommen verhandeln, ist ein neues Element, das die Bedeutung dieser Entwicklung akzentuiert.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b><i>F\u00fcr das Freihandelsabkommen Schweiz-China hat Bundesrat Johann Schneider-Ammann viele Vorschusslorbeeren erhalten. Welches war Ihre Rolle als Delegationsleiter?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Als Verhandlungs- und Delegationsleiter der Schweiz habe ich mich in den letzten Jahren schwergewichtig mit diesem Projekt befasst. Die Verhandlungen habe ich zusammen mit einem interdepartementalen Team gef\u00fchrt, das aus Seco-Kolleginnen und -Kollegen bestand sowie aus Vertretern anderer \u00c4mter und Departemente, wie beispielsweise der Zollverwaltung, dem Bundesamt f\u00fcr Landwirtschaft und dem Institut f\u00fcr Geistiges Eigentum. Die Schweizer Delegation hat jeweils aus 20 bis gegen 30 Personen bestanden, je nach den Themen, die an einem Treffen behandelt wurden. Die chinesische Delegation war jeweils gr\u00f6sser. Wenn eine Verhandlungsrunde in der Schweiz stattfand \u2013 die Treffen wurden abwechslungsweise in der Schweiz und in China durchgef\u00fchrt \u2013 nutzten wir die Gelegenheit, um Experten weiterer \u00c4mter beizuziehen. In China war die Schweizer Delegation jeweils kleiner.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b><i>Worauf war die gr\u00f6ssere Delegation Chinas zur\u00fcckzuf\u00fchren?<\/i><b>C. Etter:<\/b> China hat eine Regierung mit einer gr\u00f6sseren Zahl von Ministerien. Das ist vielleicht der Hauptgrund. Es gibt mehr Regierungsstellen, die mit am Tisch sitzen. Das war nicht nur bei China so, wir haben das zum Beispiel auch mit Japan erlebt oder mit Indonesien. Die chinesische Regierung besteht nicht aus sieben Departementen wie in der Schweiz, sondern setzt sich aus \u00fcber 20 Ministerien zusammen, was sich in der Delegationsgr\u00f6sse spiegelt. Wenn wir im Efta-Rahmen verhandeln, kann die Gr\u00f6sse der Schweizer Delegation kleiner sein, vielleicht ein Dutzend Personen. Wir werden dann durch das Efta-Sekretariat unterst\u00fctzt und k\u00f6nnen uns die Arbeit bis zu einem gewissen Grad mit den norwegischen, isl\u00e4ndischen und liechtensteinischen Kollegen aufteilen.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Was gab den Ausschlag zum Durchbruch f\u00fcr das Freihandelsabkommen?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Eine Verhandlung ist immer ein Gemeinschaftswerk von zwei Delegationen. Der Prozess muss so weit fortgeschritten sein, dass der Hauptteil der Ziele f\u00fcr beide Seiten erreicht ist und f\u00fcr keine Seite mehr etwas im Weg steht, das wirklich st\u00f6rt. Dies ist ein Reifeprozess. Die Themen m\u00fcssen m\u00f6glichst gut gekl\u00e4rt und vertieft sein, bis gen\u00fcgend Ann\u00e4herungen m\u00f6glich sind, was mit einem entsprechenden Zeitbedarf verbunden ist. Sodann m\u00fcssen die jeweiligen internen Beratungen so weit gediehen sein, dass beide Seiten zur Erkenntnis gelangen, dass mit vern\u00fcnftigem Aufwand keine wesentlichen Verbesserungen mehr m\u00f6glich sind. Dann schliesst man die Verhandlungen ab.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Was zu Diskussionen gef\u00fchrt hat, sind die unterschiedlichen Zollreduktionen. W\u00e4hrend die Schweiz chinesische Produkte vollumf\u00e4nglich von Zollabgaben befreit, m\u00fcssen schweizerische Exporteure mit Einschr\u00e4nkungen leben. Lag da nicht mehr drin?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Auch die Schweiz befreit nicht s\u00e4mtliche Produkte von Z\u00f6llen. Bei uns ist vor allem die Landwirtschaft ein sensibles Gebiet, wo wir aufgrund unserer Landwirtschaftspolitik die Z\u00f6lle nur selektiv beseitigen und oft nur teilweise abbauen k\u00f6nnen. China war seinerseits nicht in der Lage f\u00fcr s\u00e4mtliche Industrieprodukte einen sofortigen vollst\u00e4ndigen Zollabbau vorzunehmen. Entscheidend f\u00fcr unsere Beurteilung ist, dass die \u00fcberwiegende Mehrheit der Schweizer Exporte von Industrie- und Landwirtschaftsprodukten unter den Zollabbau des Freihandelsabkommens f\u00e4llt. Dazu kommen Verbesserungen beim Handel mit Dienstleistungen und beim Schutz des geistigen Eigentums. Dazu enth\u00e4lt das Abkommen Bestimmungen zu Wettbewerb, Transparenz und Nachhaltigkeit.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b><i>Aber warum die unterschiedlichen \u00dcbergangsfristen?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Um die mehrj\u00e4hrigen \u00dcbergangsfristen f\u00fcr den Abbau eines Teils der chinesischen Z\u00f6lle zu verstehen, muss man die unterschiedliche Ausgangslage ber\u00fccksichtigen. Die Schweiz erhebt auf Importen f\u00fcr Industrieprodukte bereits heute zum gr\u00f6ssten Teil keine oder sehr tiefe Z\u00f6lle. In China sind die Industriez\u00f6lle wesentlich h\u00f6her. Das ist der Grund, weshalb wir bereit waren, mit China \u00fcber Abbaufristen zu verhandeln, um der chinesischen Seite Zeit f\u00fcr die Anpassungen der Industrie an den gr\u00f6sseren Zollabbau zu geben. China ist ein Schwellenland, das in gewissen Industriesektoren zwar eine grosse Exportkraft hat. Aber es gibt in verschiedenen Sektoren Betriebe, die einen Nachholbedarf an effizienten Produktionsmethoden und moderner Technologie haben. Vor dem Hintergrund dieser Ausgangslage ist das Abkommen ausgewogen.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b><i>Es war die Rede von einem Abdeckungsgrad von 95% der Schweizer Produkte, die zollbefreit werden. Wie ist das zu verstehen? Zuerst war ja die Rede von 84%.<\/i><b>C. Etter:<\/b> Mein \u00d6konomie-Professor an der Universit\u00e4t hat jeweils gesagt, Statistiken seien immer falsch, und genau genommen hat er Recht. Nehmen wir die Zollstatistik. Die Schweiz weist 2012 Exporte nach China von knapp 8 Mrd. Franken und Importe aus China von gut 10 Mrd. Franken aus. Die chinesische Zollstatistik weist f\u00fcr dasselbe Jahr Exporte in die Schweiz von rund 3,5 Mrd. Franken und Einfuhren aus der Schweiz von ca. 23 Mrd. US-Dollar aus. Das sind sehr grosse Differenzen. Man kann das zum Teil damit erkl\u00e4ren, dass die Schweiz ein Binnenland ist. Exporte aus der Schweiz nach China oder andere \u00dcberseel\u00e4nder gehen in aller Regel \u00fcber einen Seehafen in der EU wie zum Beispiel Hamburg, Rotterdam oder Genua. Im Fall von China sind oft Hongkong oder Singapur weitere Zwischenstationen. Was dann beim Verlassen der Schweiz oder bei der Einfuhr in China als Ziel- bzw. Herkunftsland einer Ware in der Zollstatistik erfasst wird, ist mit grossen Unsicherheiten behaftet. Weitere Diskrepanzen ergeben sich bei Handelsgesch\u00e4ften, die \u00fcber Zollfreilager laufen. Wenn eine Schweizer Firma eine Ware in ein Zollfreilager liefert, erscheint dies in der Schweizer Zollstatistik nicht als Export in ein bestimmtes Land, da das Zielland zu diesem Zeitpunkt oft noch nicht definitiv feststeht. Wird die Ware sp\u00e4ter aus dem Schweizer Zollfreilager beispielsweise nach China geliefert, wird sie bei der Einfuhr in China als Import aus der Schweiz erfasst. Was heisst das f\u00fcr den Abdeckungsgrad des Freihandelsabkommens? Messbar wird dieser erst, wenn das Abkommen einmal in Kraft ist, wenn man also die tats\u00e4chlichen Exporte und Importe kennt, die unter dem Freihandelsabkommen stattfinden. Vorher lassen sich zwar Modellberechnungen mit Zahlen aus der Vergangenheit machen, die aber \u2013 wie dargelegt \u2013 sehr unzuverl\u00e4ssig sind und die Dynamik der Handelsfl\u00fcsse nicht ber\u00fccksichtigen k\u00f6nnen. Nimmt man die Schweizer Zahlen aus der j\u00fcngeren Vergangenheit als Basis, kann der Anteil der Schweizer Exporte nach China, die unter dem Freihandelsabkommen von Zollverg\u00fcnstigungen profitieren werden, auf gut 95% gesch\u00e4tzt werden.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b><i>Das Abkommen senkt die Z\u00f6lle und erh\u00f6ht die Rechtssicherheit unter anderem f\u00fcr den Handel mit Dienstleistungen sowie den Schutz des geistigen Eigentums. Hat die Schweizer Delegation auch in Bezug auf die Nachhaltigkeit und die Menschenrechte das Maximum herausgeholt?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Ich glaube schon, dass wir auch in diesen Fragen das M\u00f6glichste erreicht haben. Sie waren von Anfang bis zum Schluss ein Thema und wurden auch auf Stufe der Minister wiederholt aufgenommen. Wir haben eine Reihe von Bestimmungen vereinbart, die auf die Menschenrechte und das Konzept der Nachhaltigkeit Bezug nehmen. Die Thematik ist im Sinn einer koh\u00e4renten Aussen- und Aussenwirtschaftspolitik im Abkommen verankert. So best\u00e4tigen die Vertragsparteien in der Pr\u00e4ambel des Freihandelsabkommens ihre Verpflichtungen unter der UNO-Charta, welche in Artikel 1 die Achtung der Menschenrechte als Ziel der internationalen Zusammenarbeit festh\u00e4lt. Weiter verpflichten sich die Parteien, die im Verst\u00e4ndigungsprotokoll Schweiz-China von 2007 vereinbarte Zusammenarbeit zu vertiefen, darunter auch den bilateralen Menschenrechtsdialog, den die Schweiz mit China seit 1991 pflegt. Weiter wurden in einem gleichzeitig mit dem Freihandelsabkommen unterzeichneten und mit diesem verbundenen Abkommen \u00fcber Arbeitsfragen Bestimmungen zu den Rechten bei der Arbeit vereinbart, die ebenfalls Teil der Menschenrechte sind. Schliesslich gibt es im Freihandelsabkommen ein Kapitel zu Umweltfragen.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b><i>Warum aber war es nicht m\u00f6glich, das Wort Menschenrechte in den Vertrag zu integrieren?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Die Menschenrechte, die Arbeitsrechte sowie Umweltfragen in Form der erw\u00e4hnten Bestimmungen Bestandteil des Freihandelsabkommens mit China. Es gibt kein anderes Abkommen Chinas, das diese Fragen in vergleichbarer Art und Weise anspricht. So gesehen haben wir viel erreicht.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Zum weiteren politischen Prozess: Wann wird das Abkommen politisch unter Dach und Fach sein?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Mit der Unterzeichnung eines Staatsvertrags sind die Verhandlungen abgeschlossen. Bevor ein solches Abkommen in Kraft treten kann, muss es von beiden Seiten ratifiziert werden. Das bedeutet, dass auf beiden Seiten die gem\u00e4ss Verfassung zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde dem Abkommen zustimmen muss. In der Schweiz ist dies das Parlament. Es ist geplant, dass der Nationalrat \u00fcber das Gesch\u00e4ft in der Wintersession 2013 befindet und der St\u00e4nderat in der Fr\u00fchjahrsession 2014.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b><i>Eine abschliessende Frage. Welches sind f\u00fcr Sie als erfahrener Verhandlungsleiter die wichtigsten Werkzeuge zum F\u00fchren von Verhandlungen?<\/i><b>C. Etter:<\/b> Die wichtigsten Werkzeuge sind Dossierkenntnis, Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen und Kreativit\u00e4t. Ohne weitgehende Kenntnis des Verhandlungsgegenstandes ist es kaum m\u00f6glich, erfolgreich Verhandlungen zu f\u00fchren. Aber Dossierfestigkeit allein reicht nat\u00fcrlich nicht. Unentbehrlich sind klare eigene Zielsetzungen und die F\u00e4higkeit, die Ziele und Motive der anderen Seite bestm\u00f6glich zu verstehen. Dazu muss man Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen haben, man muss glaubw\u00fcrdig sein und ein Vertrauensverh\u00e4ltnis aufbauen k\u00f6nnen. Gelingt dies nicht, k\u00f6nnen Verhandlungen sehr schwierig oder gar unl\u00f6sbar werden. Oft ist Geduld n\u00f6tig, denn erzwingen l\u00e4sst sich nichts. Schliesslich ist Kreativit\u00e4t wichtig, die in Verbindung mit der Dossierkenntnis und dem Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen Voraussetzung daf\u00fcr ist, um neue L\u00f6sungsans\u00e4tze zu entwickeln, wenn man auf einem eingeschlagenen Weg nicht weiterkommt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Wird die Schweiz Gespr\u00e4che f\u00fcr ein Abkommen mit den USA aufnehmen?&#13;<\/p>\n<h3>Wird die Schweiz Gespr\u00e4che f\u00fcr ein Abkommen mit den USA aufnehmen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Volkswirtschaft:&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nK\u00f6nnten Verhandlungen zwischen der EU und den USA auch dazu f\u00fchren, dass die Schweiz wieder Gespr\u00e4che aufnimmt f\u00fcr ein Freihandelsabkommen mit den USA?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nC. Etter:&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Jahr 2006 haben die Schweiz und die USA eine Machbarkeitsanalyse durchgef\u00fchrt. Damals sind beide Regierungen zum\u00a0Schluss gekommen, dass es unter den gegebenen Voraussetzungen kaum m\u00f6glich w\u00e4re, ein Verhandlungsergebnis zu erzielen, das von den Parlamenten auf beiden Seiten genehmigt w\u00fcrde. Aber diese Frage wird man\u00a0zu gegebener Zeit im Licht neuer Entwicklungen erneut evaluieren m\u00fcssen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Wer leitet die diversen Freihandelsverhandlungen?&#13;<\/p>\n<h3>Wer leitet die diversen Freihandelsverhandlungen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Volkswirtschaft:&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz verhandelt aktuell neue Abkommen mit der Zollunion Russland, Weissrussland und Kasachstan, mit Indien, Vietnam, Indonesien, Malaysia und Thailand. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nC. Etter:&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz verf\u00fcgt aktuell \u00fcber 28 abgeschlossene Freihandelsabkommen mit Partnern ausserhalb der EU und der Efta, die alle in den letzten 20 Jahren ausgehandelt wurden, das neueste mit China. Dazu kommen ein halbes Dutzend aktuell laufende Verhandlungen. Ber\u00fccksichtig man, dass jede einzelne Verhandlung von der Exploration bis zur Ratifikation mehrere Jahre dauert, wird leicht ersichtlich, dass wir dauernd mehrere Verhandlungsprozesse parallel f\u00fchren. Dies erfordert von allen beteiligten Personen und Stellen einen sehr grossen Einsatz, der nur im\u00a0Teamwork zu leisten ist. Die Leitung der einzelnen Verhandlungen wird normalerweise auf verschiedene Gesch\u00e4ftsleitungsmitglieder der Direktion f\u00fcr Aussenwirtschaft des Seco verteilt. Auch bei den Fachunterh\u00e4ndlern sind wir bem\u00fcht, eine gewisse Arbeitsteilung zu erm\u00f6glichen, also zu jedem Thema m\u00f6glichst mehr als eine Person zu haben, die in der Lage ist, entsprechende Fachverhandlungen zu f\u00fchren. Mein n\u00e4chstes Verhandlungsprojekt wird die Leitung der Schweizer Delegation bei der Weiterf\u00fchrung der Verhandlungen \u00fcber ein Freihandelsabkommen mit Thailand sein. Zudem bin ich seit diesem Jahr mit meinem Team f\u00fcr das Freihandelsabkommen Schweiz-EU von 1972 verantwortlich, dem nach wie vor mit Abstand wichtigsten Freihandelsabkommen der Schweiz.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Abschluss der Verhandlungen f\u00fcr ein Freihandelsabkommen mit China im Mai 2013 gilt als einer der gr\u00f6ssten Erfolge der schweizerischen Aussenwirtschaftspolitik der letzten Jahre. 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