{"id":118519,"date":"2013-11-01T12:00:00","date_gmt":"2013-11-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2013\/11\/omoregie-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:22:37","modified_gmt":"2023-08-23T21:22:37","slug":"omoregie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2013\/11\/omoregie\/","title":{"rendered":"Wohnbaugenossenschaften \u2013 ein Modell f\u00fcr die Zukunft?"},"content":{"rendered":"<p>Urspr\u00fcnglich als Selbsthilfeorganisationen geschaffen, beruhen Genossenschaften bis heute auf den \u00absechs S\u00bb: Selbsthilfe, Selbstbestimmung, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung, Solidarit\u00e4t und Spekulationsentzug. K\u00fcnftig wird die Schweiz noch mehr auf die Wohnbaugenossenschaften angewiesen sein. Denn sie haben die Strukturen und die Innovationskraft, um den wohnungswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft zu begegnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn ihrer Gr\u00fcndungszeit lieferten sie die Antworten auf die Fragen ihrer Epoche: Die Wohnbaugenossenschaften erstellten zu Beginn des 20. Jahrhunderts den dringend ben\u00f6tigten Wohnraum f\u00fcr die Arbeiterfamilien, die im Zuge der Industrialisierung in die St\u00e4dte gesp\u00fclt wurden und in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen hausen mussten. In den neuen Genossenschaftssiedlungen fanden sie bezahlbare, helle und saubere Wohnungen mit einem Fleckchen Gr\u00fcn, wo sie Gem\u00fcse anbauen und ihre Kinder sich an der frischen Luft bewegen konnten. Ein wichtiger Grundgedanke des Modells war auch die Solidarit\u00e4t.&#13;<\/p>\n<h2>Die heutige Generation hat andere Bed\u00fcrfnisse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nHeute, rund hundert Jahre sp\u00e4ter, sieht dies etwas anders aus. L\u00e4ngst geh\u00f6rt nicht mehr nur die Arbeiterschicht zur Bewohnerschaft. Auch die homogene Zielgruppe der Familie existiert so nicht mehr: Die Familienphase ist eine immer k\u00fcrzere Periode im Lebenszyklus geworden, und die klassische Kleinfamilie ist nicht mehr das Mehrheitsmodell. Die heutige Bewohnerschaft ist heterogener, multikultureller und mobiler. Sie tr\u00e4gt die Genossenschaftsidee nicht mehr in demselben Masse mit wie die Pioniergeneration. Die demografische Entwicklung mit vielf\u00e4ltigen Haushaltformen, zunehmender \u00dcberalterung und Migration stellt die Wohnungsanbieter vor neue Herausforderungen. Die Genossenschaftssiedlungen der Gr\u00fcnderzeit mit ihren vielen uniformen Einheiten liefern darauf nicht mehr die richtige Antwort. Die Ende des Zweiten Weltkriegs erstellten Stammsiedlungen sind mittlerweile am Ende ihres Lebenszyklus angelangt. Energie- und bautechnisch sowie mit kleinr\u00e4umigen Grundrissen entsprechen sie nicht mehr den heutigen Bed\u00fcrfnissen.&#13;<\/p>\n<h2>Einfaches wirtschaftliches Prinzip<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUnd diese funktionieren noch immer nach demselben wirtschaftlichen Prinzip wie die ersten Wohnbaugenossenschaften und andere Genossenschaftsunternehmen. Als Non-Profit-Unternehmen sind sie sachzielorientiert: Sie verfolgen eine Mission, eine gemeinsame Sache, und nicht ein finanzielles Ziel. Im Gegensatz zu finanziell bestimmten, am <i>Shareholder Value<\/i> ausgerichteten Konzernen z\u00e4hlt f\u00fcr Genossenschaften der Nutzen f\u00fcr die Mitglieder, der <i>Member Value<\/i>. Den evidentesten Nutzen sp\u00fcren die Mitglieder der Wohnbaugenossenschaften noch heute direkt im eigenen Portemonnaie: Da sie nicht gewinnorientiert arbeiten und dem Prinzip der Gemeinn\u00fctzigkeit verpflichtet sind, berechnen Wohnbaugenossenschaften ihre Mietzinse nach dem Prinzip der Kostenmiete. Das heisst, sie verrechnen nur die effektiven Kosten, die f\u00fcr Land, Bau, Unterhalt und Verwaltung anfallen. Ihre Wohnungen sind deshalb im Durchschnitt rund 20%, in gewissen St\u00e4dten sogar bis zu 40% g\u00fcnstiger als andere Mietwohnungen. Weil die Liegenschaften und der Boden langfristig der Spekulation entzogen sind, werden die Wohnungen im Laufe der Jahre im Vergleich zum Markt immer g\u00fcnstiger.&#13;<\/p>\n<h2>Grosser Nutzen f\u00fcr Wirtschaft und Gesellschaft<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDamit springen die gemeinn\u00fctzigen Wohnbautr\u00e4ger dort in die Bresche, wo der Markt nicht spielt: In gewissen St\u00e4dten und Agglomerationen wie Basel, Zug oder Genf liegt der Leerwohnungsbestand unter 0,5%. F\u00fcr einen funktionierenden Markt m\u00fcsste er aber mindestens 1%-2% betragen. Der private Wohnungsbau ist nicht imstande, ein bedarfsgerechtes Angebot bereitzustellen. Deshalb braucht es in Zukunft eigentlich mehr gemeinn\u00fctzigen Wohnungsbau. Denn von einer ausreichenden Versorgung mit preisg\u00fcnstigem Wohnraum profitieren auch der Staat und die Wirtschaft: Wenn einkommensschwache Haushalte bezahlbare Wohnungen finden, spart die \u00f6ffentliche Hand Sozialhilfegelder. Das Wohnangebot wird einen wichtigen Beitrag dazu leisten, ob die k\u00fcnftigen Generationen den heutigen Lebensstandard halten werden k\u00f6nnen, oder ob breitere Bev\u00f6lkerungsschichten in Armut abrutschen. Mit bezahlbarem Wohnraum und einem hohen K\u00fcndigungsschutz bieten Wohnbaugenossenschaften auch dem Mittelstand sehr viel Sicherheit. Das wirkt sich direkt auf die Konsumstimmung aus. Und letztlich ist es auch im Sinne der Wirtschaft, dass die Besch\u00e4ftigten in vern\u00fcnftiger Distanz zum Arbeitsort Wohnraum finden.&#13;<\/p>\n<h2>Konzepte f\u00fcr die Zukunft<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAusserdem \u00fcbernehmen die Wohnbaugenossenschaften gesellschaftliche Verantwortung: Gem\u00e4ss ihrer Charta, zu der sich alle gemeinn\u00fctzigen Bautr\u00e4ger der Schweiz verpflichten, bieten sie Wohnraum f\u00fcr alle Bev\u00f6lkerungskreise an. Sie geben auch gesellschaftlichen Randgruppen und Personen eine Chance, die es auf dem Wohnungsmarkt schwer haben. Diese integrierende Kraft n\u00fctzt der ganzen Gesellschaft. Genossenschaften, die auf gesellschaftliche und demografische Ver\u00e4nderungen eingehen und auf aktuelle Notsituationen reagieren k\u00f6nnen, werden im schweizerischen Wohnungsmarkt k\u00fcnftig an Bedeutung gewinnen. Interessanterweise sind es derzeit vor allem Baugenossenschaften, die sich mit zukunftsweisenden Konzepten und ganz neuen Wohnmodellen hervortun. Dies hat nicht zuletzt mit dem demokratischen Ansatz zu tun: Weil die Mitglieder mitreden k\u00f6nnen und Projekte partizipativ aufgegleist werden, k\u00f6nnen vielf\u00e4ltige Anregungen und Trends aus der Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner aufgegriffen werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abAnteil der Genossenschaften an der Neubaut\u00e4tigkeit, 2000\u20132011\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1: \u00abMietpreisstatistik 2011: Miet- und Genossenschaftswohnungen im Vergleich\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Urspr\u00fcnglich als Selbsthilfeorganisationen geschaffen, beruhen Genossenschaften bis heute auf den \u00absechs S\u00bb: Selbsthilfe, Selbstbestimmung, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung, Solidarit\u00e4t und Spekulationsentzug. 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