{"id":118599,"date":"2013-10-01T12:00:00","date_gmt":"2013-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2013\/10\/gassmann-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:23:14","modified_gmt":"2023-08-23T21:23:14","slug":"gassmann-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2013\/10\/gassmann-3\/","title":{"rendered":"Chinas Innovationen: Angriff ist die beste Verteidigung"},"content":{"rendered":"<p>Forschung und Entwicklung (F&amp;E) nach China verlagern um den Schweizer Industrieplatz zu st\u00e4rken? Was sich f\u00fcr manch einen Politiker wie ein Widerspruch anh\u00f6ren mag, ist in zahlreichen Industrien schon seit l\u00e4ngerem zu beobachten. Mit\u00a0steigender Entwicklung der aufstrebenden M\u00e4rkte werden auch traditionelle Schweizer High-Tech-Unternehmen nicht nur die Produktion, sondern auch F&amp;E-Ressourcen in diesen M\u00e4rkten auf- und ausbauen, um Tiefkostenprodukte zu entwickeln. Wenn sie dies nicht tun, gef\u00e4hrden sie l\u00e4ngerfristig ihre Wettbewerbsposition \u2013 und zwar sowohl in den Wachstums- wie auch in ihren Heimm\u00e4rkten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie aufstrebenden M\u00e4rkte der Brics-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, S\u00fcdafrika) bestimmen durch ihre steigende Wirtschaftskraft zunehmend das Weltgeschehen. China ist bereits die zweitgr\u00f6sste Wirtschafts- und Handelsnation sowie gr\u00f6sster Devisenverwalter der Welt. In drei Jahren sollen die USA als Spitzenreiter abgel\u00f6st werden. Das Wachstum der Brics wird sich, wenn auch etwas langsamer als bisher gesch\u00e4tzt, mittelfristig weiter fortsetzen. So geht die Boston Consulting Group etwa davon aus, dass Chinesen und Inder im Jahre 2020 zusammen an die 10 Bio. US-Dollar f\u00fcr Konsumg\u00fcter \u2013 also alleine f\u00fcr den privaten Ge- und Verbrauch \u2013 ausgeben werden. Das ist mehr als das Dreifache ihrer heutigen Ausgaben. Gem\u00e4ss Berechnungen der OECD werden 2060 die konsolidierten Bruttoinlandprodukte (BIP) heutiger aufstrebender M\u00e4rkte 60% des Welt-BIP ausmachen. Schon 2050 wird die H\u00e4lfte der globalen Mittelklasse in Indien und China leben. Bereits heute verbraucht China halb so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen. Der massive Ausbau der chinesischen Infrastruktur wird diese Entwicklung auch in Zukunft aufrecht erhalten: Gem\u00e4ss aktuellem F\u00fcnfjahresplan soll u.a. bis 2020 jede Woche ein neues chinesisches Kohlekraftwerk ans Netz gehen.&#13;<\/p>\n<h2>China ist l\u00e4ngst nicht mehr nur billig<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDoch nicht nur die makro\u00f6konomischen Zahlen sind beeindruckend. Betrachtet man einzelne globale chinesische Unternehmen wird der Aufstieg fast noch deutlicher sichtbar. Die <i>China International Marine Containers (CIMC)<\/i> ist mit 56% Marktanteil Weltmarktf\u00fchrer f\u00fcr Schiffscontainer; <i>Haier<\/i> mit knapp 8% Weltmarktanteil (2011) der gr\u00f6sste Haushaltger\u00e4tehersteller der Welt. Unter den zehn weltweit gr\u00f6ssten Stahlproduzenten (nach Volumen) befinden sich sieben Unternehmen aus Schwellenl\u00e4ndern, sechs davon aus China. Aber auch in Bereichen, in denen per se keine chinesische Vorreiterrolle vermutet wird, sind sie auf dem Vormarsch. Im Klavierbau zum Beispiel ist die chinesische <i>Pearl River Piano<\/i> mit \u00fcber 100\u2009000 produzierten Klavieren Weltmarktf\u00fchrer bez\u00fcglich Volumen. Die chinesische Kompetenz beschr\u00e4nkt sich dabei nicht nur auf kosteng\u00fcnstige Pianos, sondern zielt mit strategischen Kooperationen \u2013 wie z.B. mit <i>Steinway &amp; Sons<\/i> \u2013 auch auf hochwertige Produkte. China ist schon l\u00e4nger nicht mehr einfach \u00abnur billig\u00bb: Dank strategischen Investitionen in junge Industrien geh\u00f6rt das Land in einigen Bereichen zur Weltspitze, beispielsweise in der Solarindustrie.&#13;<\/p>\n<h2>Motor des Aufstiegs<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWieso sind chinesische Firmen in der Lage, so schnell und so stark zu wachsen? Auf der K\u00e4uferseite befeuert das steigende Einkommen der chinesischen Bev\u00f6lkerung den Absatz lokaler Firmen. Prognosen von McKinsey gehen davon aus, dass sich das Einkommen der urbanen chinesischen Haushalte bis 2022 verdoppeln wird und viele Kunden den Aufstieg in die Mittelklasse schaffen werden. Insbesondere in den St\u00e4dten der dritten Reihe \u2013 im chinesischen Hinterland \u2013 wird mit einer Verdoppelung der Mittelklassehaushalte bis 2020 auf 30% mit dem st\u00e4rksten Wachstum der Einkommen gerechnet.&#13;<\/p>\n<h2>Vorsicht in Nischenm\u00e4rkten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGrunds\u00e4tzlich sind frugale Innovationen in allen Branchen und M\u00e4rkten denkbar. Besonders schwer sind sie aber in Nischenm\u00e4rkten vorauszusehen. Dies macht die Thematik insbesondere f\u00fcr international t\u00e4tige kleine und mittlere Unternehmen (KMU) relevant. Im Unterschied zum Massenmarkt ist im Nischenmarkt eine verh\u00e4ltnism\u00e4ssig kleine Anzahl Kunden bereit, mehr f\u00fcr eine spezifische, nicht standardisierte L\u00f6sung zu bezahlen. Haben chinesische Innovatoren erst einmal frugale Produkte entwickelt, sind sie durch ihre Kostenstruktur in der Lage, schneller die Gewinnschwelle zu erreichen als Schweizer Firmen. Die tieferen Preise ergeben letztendlich die M\u00f6glichkeit, eine gr\u00f6ssere K\u00e4uferschaft anzusprechen und so die fr\u00fchere Nische zu einem Massenmarkt zu entwickeln. So geschehen im Bereich der Wein-K\u00fchlschr\u00e4nke: Lange wurden diese Produkte nur von Restaurants und Weinliebhabern zu sehr hohen Preisen nachgefragt. Seit Haier in dieses Gesch\u00e4ft mit neuen Produkten f\u00fcr den privaten Heimgebrauch eingestiegen ist, wurde daraus ein Massenmarkt, von dem Haier heute 60% des US-Marktes h\u00e4lt.&#13;<\/p>\n<h2>Angriff ist die beste Verteidigung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBevor frugale Innovatoren zum globalen Angriff ansetzen k\u00f6nnen, m\u00fcssen sie eine starke Position im Heimmarkt besitzen, um sich Mengen- und Kostenvorteile gegen\u00fcber westlichen Unternehmen zu schaffen. Schmerzhaft musste dies <i>Ericsson<\/i> erfahren, die 2009 auf ihrem Heimmarkt in Schweden gegen <i>Huawei<\/i> im Wettbewerb um den 4G-Infrastrukturausbau unterlag. Technisch auf demselben Niveau, konnte Ericsson dem tiefen Preisniveau Huaweis nicht standhalten. Aus der gest\u00e4rkten Position im Heimmarkt intensivieren chinesische Firmen zudem ihre M&amp;A- und Direktinvestitions-Aktivit\u00e4ten. 2012 stiegen die Direktinvestitionen chinesischer Firmen im Ausland um 28,5% auf insgesamt 77 Mrd. US-Dollar. Die \u00dcbernahmen von <i>Putzmeister<\/i> durch <i>Sany<\/i> (2012) und <i>Volvo<\/i> durch <i>Geely<\/i> (2010) sind nur die Spitze des Eisbergs. Um die chinesische und indische Konkurrenz in Schach halten zu k\u00f6nnen m\u00fcssen zwei Strategien angewendet werden:&#13;<\/p>\n<h2>Herausforderung ist erkannt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMultinationale Firmen investieren massiv in China und Indien. <i>Unilever<\/i> zum Beispiel erh\u00f6ht f\u00fcr \u00fcber 5,4 Mrd. US-Dollar seine Anteile an der Gesellschaft Hindustan Unilever, <i>Audi<\/i> nimmt alleine dieses Jahr drei neue indische Standorte in Betrieb. Der weltgr\u00f6sste Chemiekonzern <i>BASF<\/i> baut f\u00fcr 860 Mio. Euro eine Anlage in Chongqing, um ab 2014 das Kunststoffvorprodukt MDI in China herzustellen. Der Anteil der Investitionen, der in F&amp;E fliesst, ist in den vergangenen Jahren ebenfalls gewachsen. Laut j\u00e4hrlicher Erhebung zu Forschungsausgaben der gr\u00f6ssten 1000 Unternehmen 2011 von <i>Booz &amp; Co.<\/i> sind die Ausgaben f\u00fcr F&amp;E in China und Indien um 27,2% gestiegen und betrugen 16,3 Mrd. US-Dollar.&#13;<\/p>\n<h2>Aufstrebende globale Mittelschicht er\u00f6ffnet viele Chancen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Globalisierung und die damit einhergehende globale Vernetzung schreiten weiter voran. Deshalb m\u00fcssen sich Schweizer Unternehmen in Zukunft noch intensiver mit Konkurrenz aus China und anderen Schwellenl\u00e4ndern auseinandersetzen und altgediente Gesch\u00e4ftsmodelle \u00fcberdenken. Aufstrebende M\u00e4rkte bieten \u2013 abgesehen von den beschriebenen Gefahren \u2013 vor allem eines: sehr viele Chancen. Neben den von der Politik zu schaffenden Rahmenbedingungen sind Offenheit, proaktive Herangehensweise sowie Flexibilit\u00e4t auf Unternehmensseite erforderlich, um diese Chancen auch nutzen und die aufstrebende globale Mittelklasse erreichen zu k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abFrugale Innovation am Beispiel der Entwicklung portabler Ultraschallger\u00e4te\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Literatur&#13;<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li>Gassmann, O., Beckenbauer, A., Friesike, S.(2012): Profiting from Innovation in China. Heidelberg: Springer.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Zeschky, M., Widenmayer, B., Gassmann, O. (2011a): Frugal Innovation in Emerging Markets. Research-Technology Management, 54(4), S. 38\u201345.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Gassmann, O., Winterhalter, S., Wecht, C.(2013). Frugal Innovation \u2013 Oder lernen von China? IM+io, 28(4) (forthcoming).<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Williamson, P. J. (2010): Cost Innovation: Preparing for a \u00abValue-for-Money\u00bb Revolution. Long Range Planning, 43, S. 343\u2013353. KPMG-Studie.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Silverstein, J., Singhi, A., Liao, C., Michael, D.(2012): The $10 Trillion Dollar Prize. Boston: Harvard Business School Publishing.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Markides, C.C.(2012): How Disruptive Will Innovations From Emerging Markets Be? MIT Sloan Management Review, 54(1), S. 22\u201325.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Barton, D., Chen, Y., Jin, A. (2013): Mapping China\u2019s Middle Class. McKinseyQuarterly, June 2013.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Faeh, D., Meyer, H.(2011): Wie gehen Schweizer Firmen in China mit Forschung und Entwicklung um? Zwischenbericht des geographischen Instituts der Universit\u00e4t Bern.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>KPMG.(2011): Steuerliche F\u00f6rderung von F&amp;E in der Schweiz. R&amp;D Survey 2011.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>G\u00e4rtner, M. (2013): Das neue Milliardengesch\u00e4ft in der Provinz. Manager Magazin online.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Jaruzelski, B., Loehr, J., Holman, R. (2012): The Global Innovation 1000. Making Ideas Work. Strategy+Business, 69 (Winter 2012), S. 1\u201314.<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<br \/>\nKasten 2: Kontakt&#13;<\/p>\n<h3>Kontakt<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"mailto:oliver.gassmann@unisg.ch\">oliver.gassmann@unisg.ch<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"mailto:stephan.winterhalter@unisg.ch\">stephan.winterhalter@unisg.ch<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nInstitut f\u00fcr Technologiemanagement (ITEM-HSG)&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDufourstrasse 40a&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nCH-9000 St. Gallen&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTel: +41 71&nbsp;224 72 20&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nFax: +41 71&nbsp;224 73 01&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.item.unisg.ch\">http:\/\/www.item.unisg.ch<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Forschung und Entwicklung (F&amp;E) nach China verlagern um den Schweizer Industrieplatz zu st\u00e4rken? 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