{"id":118639,"date":"2013-09-01T12:00:00","date_gmt":"2013-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2013\/09\/baumberger-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:23:04","modified_gmt":"2023-08-23T21:23:04","slug":"baumberger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2013\/09\/baumberger\/","title":{"rendered":"Tiefl\u00f6hne in der Schweiz \u2013 eine Situationsanalyse"},"content":{"rendered":"<p>Die Mindestlohn-Initiative wirft sehr direkt die Frage nach der gerechten Lohnverteilung auf. Obwohl die Schweiz keinen nationalen Mindestlohn kennt und die Abdeckung mit Gesamtarbeitsvertr\u00e4gen im internationalen Vergleich durchschnittlich ist, weist unser Land eine sehr ausgewogene Lohnverteilung und einen niedrigen Tieflohnanteil aus. An dieser Konstellation hat\u00a0sich in den letzten Jahren auch mit der \u00d6ffnung des Arbeitsmarktes gegen\u00fcber der EU kaum etwas ver\u00e4ndert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs ist ein pr\u00e4gendes Merkmal der schweizerischen Arbeitsmarktpolitik, dass sich der Staat aus der Lohnbildungspolitik weitgehend zur\u00fcckh\u00e4lt. Arbeitsbedingungen und L\u00f6hne werden grunds\u00e4tzlich von den Sozialpartnern auf Branchen- oder Firmenebene sowie durch die Arbeitnehmenden individuell mit den Unternehmen ausgehandelt. Dieser gemischte Ansatz hat den Vorzug, dass die Lohnabschl\u00fcsse die wirtschaftliche Realit\u00e4t und Entwicklung in verschiedenen Branchen, Regionen und Unternehmen ber\u00fccksichtigen k\u00f6nnen.Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge (GAV) k\u00f6nnen unter anderem Mindestl\u00f6hne festlegen und damit eine ausgleichende Wirkung auf die Lohnverteilung entfalten. Allerdings werden Mindestl\u00f6hne in GAV sehr oft nach Anforderung der T\u00e4tigkeit, nach Qualifikation, Betriebszugeh\u00f6rigkeit oder nach Region differenziert. Sie nehmen so auf die Besonderheit der Branchen und Unternehmen R\u00fccksicht. Je nach Ausgangslage haben sich die Sozialpartner in GAV auch schon auf tiefere Mindestl\u00f6hne als die von der Mindestlohn-Initiative geforderten 22 Franken geeinigt. Ein hoher GAV-Abdeckungsgrad geht somit nicht automatisch mit einem niedrigen Tieflohnanteil einher. In der Schweiz haben die L\u00f6hne in der Vergangenheit der makro\u00f6konomischen Entwicklung und den Produktivit\u00e4tsunterschieden zwischen den Branchen gut Rechnung getragen. Dies zeigt sich nicht zuletzt im hohen Besch\u00e4ftigungsniveau wie auch in der tiefen Arbeitslosenquote, welche den Schweizer Arbeitsmarkt seit vielen Jahrzehnten auszeichnen. In kaum einem Land gelingt zudem die Arbeitsmarktintegration auch von weniger gut qualifizierten Personen so gut wie in der Schweiz. Doch wie positioniert sich die Schweiz international bez\u00fcglich der Lohnverteilung? Ist die moderate staatliche Lohnregulierung allenfalls mit einer besonders ausgepr\u00e4gten Lohnungleichheit verbunden? Wie gross ist der Anteil tiefer L\u00f6hne in der Schweiz im Quervergleich, und welche Personengruppen und Wirtschaftszweige sind h\u00e4ufiger davon betroffen? Was w\u00e4re bei Einf\u00fchrung eines nationalen Mindestlohnes zu erwarten? Und\u00a0wie w\u00fcrde die wirtschaftliche Situation von Haushalten mit niedrigen Einkommen davon beeinflusst?&#13;<\/p>\n<h2>Niedriger und zeitlich konstanter Tieflohnanteil<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEs gibt verschiedene Masse, um die Lohnverteilung international zu vergleichen. Zur Analyse tiefer L\u00f6hne wird international h\u00e4ufig ein sogenannter Tieflohnanteil berechnet. Dieser bezeichnet den Anteil der Stellen, welche die Schwelle von zwei Dritteln des Medianlohnes&#13;<br \/>\nDer Medianlohn teilt die Grundgesamtheit der Lohnbez\u00fcger in zwei gleich grosse Gruppen: F\u00fcr die H\u00e4lfte der Arbeitsstellen liegt der standardisierte Lohn \u00fcber, f\u00fcr\u00a0die andere dagegen unter diesem Wert. unterschreitet.Im internationalen Vergleich zeichnet sich die Schweiz durch einen geringen Anteil an Tieflohn-Stellen aus (siehe <i>Grafik 1<\/i>). Im Jahr 2010 wiesen gem\u00e4ss OECD einzig Belgien, Finnland und Portugal einen noch niedrigeren Tieflohnanteil auf als die Schweiz. Deutlich h\u00f6her als in der Schweiz liegt dieser Anteil dagegen in angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern, aber auch in Deutschland oder \u00d6sterreich.Auch andere Masszahlen best\u00e4tigen, dass die Lohnverteilung in der Schweiz im unteren Bereich relativ ausgewogen ist. Der Lohn, welchen 10% der Arbeitnehmenden untertreffen (1.\u2009Dezil der Lohnverteilung), lag 2010 in der Schweiz nach Berechnung der OECD bei 68% des Brutto-Medianlohnes. Nur in Belgien und Schweden lag dieser Wert mit knapp \u00fcber 70% sp\u00fcrbar dar\u00fcber. In den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern, aber auch in Deutschland und \u00d6sterreich verdienten die 10% am tiefsten entl\u00f6hnten Arbeitnehmenden dagegen lediglich 60% des Medianlohnes oder teilweise noch deutlich weniger. In der Schweiz verharrte der Anteil an Tieflohnstellen in der Privatwirtschaft und beim Bund zwischen 1996 und 2010 auf praktisch konstantem Niveau.&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss Berechnungen des Seco auf der Basis der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamts f\u00fcr Statistik (BFS). In dieser Zeitspanne fielen im Durchschnitt 11,9% aller Stellen unter die Tieflohnschwelle. 2010 waren es mit 12,3% nur leicht mehr. Ausgedr\u00fcckt in vollzeit\u00e4quivalenten bzw. Arbeitsvolumen lag der Tieflohnanteil im Zeitraum 1996\u20132010 bei durchschnittlich 10,7% (2010: 10,6%).Hinter der zeitlichen Konstanz des Anteils an Tieflohnstellen stehen zwei gegenl\u00e4ufige Tendenzen. W\u00e4hrend der Tieflohnanteil bei M\u00e4nnern zwischen 1996 und 2010 von 5,2% auf 5,9% leicht zunahm, verringerte sich der entsprechende Anteil bei Frauen von 23,0% auf 18,4%.&#13;<\/p>\n<h2>Was bewirken Mindestl\u00f6hne von 22\u00a0Franken pro Stunde?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Mindestlohn-Initiative des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), \u00fcber die aktuell das Parlament ber\u00e4t, fordert einen nationalen Mindestlohn in der H\u00f6he von 22\u00a0Franken.&#13;<br \/>\nInformationen zur eidgen\u00f6ssischen Volksinitiative \u00abF\u00fcr den Schutz fairer L\u00f6hne (Mindestlohninitiative)\u00bb sind auf der Homepage der Bundeskanzlei zu finden: <a href=\"http:\/\/www.bk.admin.ch\">http:\/\/www.bk.admin.ch<\/a>, Themen, Politische Rechte, Volksinitiativen. Gemessen an den Lohndaten der LSE 2010 liegt dieser Wert nur leicht unterhalb der klassischen Tieflohnschwelle von zwei Dritteln des Medianlohnes. Im zweiten und dritten Sektor (ohne Hauswirtschaft) erzielten 2010 rund 8,2% der Arbeitnehmenden weniger als 22 Franken Stundenlohn. Unter Einbezug von Land- und Hauswirtschaft waren es rund 9% oder 329\u2009000 Arbeitnehmende. Diese Auswertungen zeigen, dass die Mindestlohnforderung der SGB-Initiative sp\u00fcrbare Lohnanpassungen bei tiefen L\u00f6hnen erfordern w\u00fcrde, weshalb mit erheblichen R\u00fcckwirkungen auf dem Arbeitsmarkt zu rechnen w\u00e4re (siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>M\u00f6gliche Folgen eines Mindestlohnes von 22\u00a0Franken pro Stunde<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer in der Initiative verlangte Mindestlohn von 22 Franken in der Stunde liegt im internationalen Quervergleich ausgesprochen hoch. Bereinigt um Kaufkraftunterschiede und ausgedr\u00fcckt in US-Dollar k\u00e4me er gem\u00e4ss Daten der OECD bei 14,10 US-Dollar zu liegen. Damit l\u00e4ge er um 36% h\u00f6her als in Luxemburg ($10,40), welches im OECD-Raum vor Frankreich ($10,20) den h\u00f6chsten nationalen Mindestlohn aufweist. Gegen\u00fcber den Niederlanden ($9,20) l\u00e4ge der Mindestlohn um mehr als 50% und gegen\u00fcber \u00d6sterreich ($6,50) sogar um mehr als 100% h\u00f6her.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Mehrzahl der empirischen Literatur \u00fcber die Wirkung von Mindestl\u00f6hnen beruht auf Erfahrungen von L\u00e4ndern mit vergleichsweise tiefen Mindestl\u00f6hnen wie etwa den USA, wo der nationale Mindestlohn 2012 kaufkraftbereinigt bei 7,10 US-Dollar lag. Eine \u00dcbertragung empirischer Befunde auf die Einf\u00fchrung eines rund doppelt so hohen Mindestlohnes w\u00e4re daher gef\u00e4hrlich.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Einf\u00fchrung eines generellen Mindestlohnes von 22 Franken pro Stunde w\u00fcrde Lohnanpassungen f\u00fcr einen bedeutenden Teil der Arbeitnehmenden erzwingen. Vor allem unqualifizierte T\u00e4tigkeiten w\u00fcrden durch einen Mindestlohn in der Schweiz relativ verteuert, sodass mit Rationalisierungsmassnahmen der Unternehmen zu rechnen w\u00e4re. Mit negativen Besch\u00e4ftigungseffekten w\u00e4re vor allem im Detailhandel, im Gast- und Beherbergungsgewerbe (Tourismus), im Reinigungsgewerbe, in der Hauswirtschaft, in der Landwirtschaft sowie bei pers\u00f6nlichen Dienstleistungen zu rechnen. In regionaler Hinsicht w\u00e4ren solche vor allem im Tessin sowie in l\u00e4ndlichen bzw. touristisch ausgerichteten Regionen zu erwarten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDar\u00fcber hinaus w\u00fcrde der Einstieg von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt erschwert, was sich langfristig negativ auf ihre Erwerbslaufbahn auswirken k\u00f6nnte. Insgesamt w\u00fcrde die Integration einiger heute bereits benachteiligter Personenkategorien (Jugendliche ohne Berufserfahrung, Niedrigqualifizierte) zus\u00e4tzlich erschwert. Die Konkurrenz um Arbeitsstellen mit niedrigen Qualifikationserfordernissen k\u00f6nnte sogar noch zunehmen, weil von einem erh\u00f6hten Mindestlohn ein zus\u00e4tzlicher Anreiz zur Einwanderung in die Schweiz ausgehen d\u00fcrfte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n).&#13;<\/p>\n<h2>Der Lohn widerspiegelt die Produktivit\u00e4t der Arbeitskraft<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuf einem wettbewerblich organisierten Arbeitsmarkt werden Arbeitskr\u00e4fte \u2013 vereinfacht ausgedr\u00fcckt \u2013 entsprechend ihrer Produktivit\u00e4t entl\u00f6hnt. Dieser Zusammenhang manifestiert sich besonders deutlich in den Lohnunterschieden zwischen Arbeitnehmenden verschiedener Ausbildungsniveaus sowie zwischen Personen mit unterschiedlich langer Berufserfahrung und Betriebszugeh\u00f6rigkeit. Die entsprechenden Unterschiede im mittleren Lohnniveau zeigen sich auch in verschieden hohen Tieflohnanteilen.&#13;<br \/>\nDie folgenden Berechnungen beziehen sich auf den Schwellenwert von 22 Franken pro Stunde statt auf eine klassische Tieflohnschwelle. Damit wird ein Bezug zur Mindestlohn-Initiative des SGB hergestellt.W\u00e4hrend im Jahr 2010 rund 21% der Arbeitnehmenden ohne Berufsausbildung einen Stundenlohn unter 22 Franken erzielten, lag dieser Anteil bei Arbeitnehmenden mit Ausbildung auf Sekundarstufe II (Berufsausbildung oder Matura) bei 7%. Klammert man davon Arbeitnehmende aus, die eine einfache und repetitive T\u00e4tigkeit aus\u00fcben, reduziert sich der Anteil auf 5,5%. Noch tiefer lag der Anteil mit 2% bei Personen mit einem terti\u00e4ren Bildungsabschluss.&#13;<\/p>\n<h2>Tiefe L\u00f6hne sind h\u00e4ufig ein vor\u00fcbergehendes Einstiegsproblem<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n23% der Jugendlichen unter 25 Jahren verdienten 2010 weniger als 22 Franken. Bei den 25- bis 34-J\u00e4hrigen lag der Tieflohnanteil bei 9% und bei den 45- bis 54-J\u00e4hrigen und \u00e4lteren Personen bei 6%. Dieses ausgepr\u00e4gte Altersprofil deutet darauf hin, dass tiefe L\u00f6hne h\u00e4ufiger zu Beginn der Berufslaufbahn erzielt werden, wenn die Produktivit\u00e4t der Arbeitskraft noch relativ gering ist. Dieses Ph\u00e4nomen zeigt sich auch darin, dass der Anteil an Tieflohnbez\u00fcgern mit fortschreitender Dauer der Betriebszugeh\u00f6rigkeit sinkt. Ein Viertel aller Arbeitnehmenden, die 2010 weniger als 22 Franken pro Stunde verdienten, waren weniger als ein Jahr im betreffenden Betrieb, und mehr als die H\u00e4lfte (55%) waren dort h\u00f6chstens seit zwei Jahren t\u00e4tig.&#13;<\/p>\n<h2>Unterschiede nach Geschlecht, Nationalit\u00e4t und Besch\u00e4ftigungsgrad&#8230;<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n12% der Frauen erzielten im Jahr 2010 einen Stundenlohn von unter 22 Franken. Damit waren sie h\u00e4ufig davon betroffen wie die M\u00e4nner mit 5%. Das gleiche gilt f\u00fcr Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4nder: W\u00e4hrend 6% der Schweizerinnen und Schweizer einen Stundenlohn unter 22 Franken erzielten, waren es bei Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern 14%. In den erh\u00f6hten Tieflohnanteilen beider Gruppen widerspiegelt sich einerseits deren im Durchschnitt niedrigeres Qualifikationsniveau sowie eine starke Pr\u00e4senz in den Bereichen Beherbergung, Reinigung oder pers\u00f6nliche Dienstleistungen, die vergleichsweise tief entlohnt werden. Ein Drittel aller Stellen mit weniger als 22\u00a0Franken Stundenlohn sind zudem Teilzeitstellen mit einem Besch\u00e4ftigungsgrad von weniger als 50%. Dies d\u00fcrfte die \u00fcberdurchschnittliche Betroffenheit der Frauen mit erkl\u00e4ren.&#13;<\/p>\n<h2>&#8230; nach Branchen &#8230;<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nJe nach Branche fallen die Tieflohnanteile sehr unterschiedlich aus, was sich prim\u00e4r mit der unterschiedlichen Nachfrage nach wenig qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften erkl\u00e4rt. Am h\u00f6chsten lag der Anteil 2010 mit 51% bei den sonstigen pers\u00f6nlichen Dienstleistungen wie Coiffeur- und Kosmetiksalons, W\u00e4schereien und chemische Reinigung. In der Herstellung von Bekleidung, in der Hauswirtschaft und im Reinigungsgewerbe war er mit 41%-45% ebenfalls deutlich erh\u00f6ht. \u00dcber 30% betrug der Anteil ferner in der Beherbergungswirtschaft, in der Landwirtschaft, in der Gastronomie sowie in der Herstellung von Leder, Lederwaren und Schuhen. Im Detailhandel, welcher in absoluten Zahlen am meisten Stellen mit einem Stundenlohn unter 22 Franken aufwies, machen diese Stellen 14% des Totals aus. Im Durchschnitt \u00fcber alle Branchen lag der Anteil bei 9%.&#13;<\/p>\n<h2>&#8230; und nach Regionen.<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit 19% verdienten im Kanton Tessin mehr als doppelt so viele Arbeitnehmende weniger als 22 Franken in der Stunde als in den \u00fcbrigen Grossregionen (Anteile zwischen 7% und 9%). Im hohen Tieflohnanteil des Kantons Tessin widerspiegelt sich ein im Vergleich zur restlichen Schweiz generell tieferes Lohnniveau, welches sich u.a. durch eine unterschiedliche Auspr\u00e4gung der Wirtschaftsstruktur erkl\u00e4rt. Aus den gleichen Gr\u00fcnden variiert der Tieflohnanteil nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Grossregionen. Gegen\u00fcber dem Schweizer Durchschnitt war dieser etwa in touristischen Gemeinden mit rund 20% stark erh\u00f6ht und in agrarischen und agrargemischten Gemeinden mit 10%-11% leicht erh\u00f6ht. Deutlich tiefer lag der Anteil dagegen in einkommensstarken Gemeinden mit 5%.&#13;<\/p>\n<h2>Kontraproduktive Eingriffe in die Lohnbildungspolitik<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Analyse der Tieflohnsituation in der Schweiz zeigt, dass die Lohnverteilung in der Schweiz im internationalen Vergleich im unteren Bereich der Lohnverteilung sehr ausgewogen und \u00fcber die Zeit trotz \u00d6ffnung des Arbeitsmarktes gegen\u00fcber der EU stabil geblieben ist. Gleichzeitig weist die Schweiz \u2013 unter anderem dank einer flexiblen und regional differenzierten Lohnbildungspolitik \u2013 ein hohes Lohn- und Besch\u00e4ftigungsniveau sowie eine tiefe Arbeitslosigkeit auf. Direkte staatliche Eingriffe in die Lohnbildungspolitik, wie sie etwa die Mindestlohn-Initiative fordert, laufen dem erfolgreichen Grundsatz der sozialpartnerschaftlichen Lohnbildung entgegen. Unterschiedliche Situationen in den Branchen und Regionen k\u00f6nnten nicht mehr im erforderlichen Mass ber\u00fccksichtigt werden, womit zahlreiche Arbeitspl\u00e4tze vor allem in Bereichen mit erh\u00f6hten Tieflohnanteilen gef\u00e4hrdet w\u00fcrden. Bezogen auf das Ziel der Armutsbek\u00e4mpfung d\u00fcrfte ein Mindestlohn kontraproduktiv sein (siehe <i>Kasten 2<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Zusammenhang zwischen Tieflohn und Armut<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nOb ein Lohn zur Sicherung des Lebensunterhalts ausreicht, kann mit den beschriebenen Tieflohnkonzepten nicht beantwortet werden. Die wirtschaftliche Situation von Individuen h\u00e4ngt letztlich vom verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommen und von der Zusammensetzung des Haushaltes ab. Die H\u00f6he des erzielten Stundenlohnes der einzelnen Haushaltsmitglieder ist zwar ein relevanter aber nicht der wichtigste Bestimmungsfaktor ihrer wirtschaftlichen Situation.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie eine Studie des Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) gezeigt hat, besteht ein relativ loser Zusammenhang zwischen dem Bezug eines Tieflohnes (weniger als zwei Drittel des Medianlohnes) und der individuellen Wahrscheinlichkeit, in einem armen Haushalt zu leben.a Nur rund 13% der Arbeitnehmenden, die 2006 einen Tieflohn erzielten, geh\u00f6rten auch zu den Working Poor. Bei den \u00fcbrigen 87% \u00fcberstieg das verf\u00fcgbare Haushaltseinkommen die Armutsschwelle, etwa auf Grund weiterer Einkommen anderer Haushaltsmitglieder oder dank gezielten Sozialtransfers.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUmgekehrt geh\u00f6rte lediglich ein Drittel der Working Poor zu den Arbeitnehmenden mit Tieflohn. Zwei Drittel der Working Poor erzielten also einen Stundenlohn \u00fcber der Tieflohnschwelle. Sie geh\u00f6rten folglich eher auf Grund der Haushaltszusammensetzung (Mehrpersonenhaushalte, allenfalls mit Kindern) oder wegen eines Teilzeit-Arbeitspensums zu den Working Poor.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie aktuellsten Zahlen des BFS zur Armutsproblematik best\u00e4tigen, dass Personen in Haushalten mit hoher Erwerbspartizipation generell die tiefsten Armutsquoten aufweisen.b Dies l\u00e4sst darauf schliessen, dass eine Erwerbst\u00e4tigkeit der beste Schutz gegen Armut ist. Auch Einkommen aus einer vergleichsweise tief entlohnten Arbeit k\u00f6nnen wesentlich zur Verringerung von Armut beitragen, wenn die Erwerbseinkommen durch Sozialtransfers gezielt erg\u00e4nzt werden oder wenn weitere Haushaltseinkommen dazu kommen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDass letzteres h\u00e4ufig der Fall ist, l\u00e4sst sich anhand einer Auswertung der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake) best\u00e4tigen. 2012 erzielten 9,0% der Arbeitnehmenden einen Stundenlohn von unter 22 Franken. 80% davon lebten in einem Haushalt, in dem mindestens ein weiteres Haushaltsmitglied ein zus\u00e4tzliches Erwerbseinkommen erzielte. 7% lebten alleine im Haushalt, und 13% lebten in einem Mehrpersonenhaushalt, in dem zum Zeitpunkt der Befragung kein weiteres Lohneinkommen erzielt wurde. Von allen Personen, die 2012 einen Stundenlohn unter 22 Franken erzielten, lebten 2012 insgesamt 35% noch im Elternhaus. Letzteres illustriert nochmals die hohe Verbreitung von vergleichsweise tiefen L\u00f6hnen bei Jugendlichen am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n). Besonders wenig qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte, Jugendliche und Berufs-(wieder)einsteiger h\u00e4tten voraussichtlich mit Erschwernissen bei der Arbeitsmarktintegration und einer Erh\u00f6hung des Arbeitslosenrisikos zu rechnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abTieflohnanteil im internationalen Vergleich, 2010\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: M\u00f6gliche Folgen eines Mindestlohnes von 22\u00a0Franken pro Stunde&#13;<\/p>\n<h3>M\u00f6gliche Folgen eines Mindestlohnes von 22\u00a0Franken pro Stunde<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer in der Initiative verlangte Mindestlohn von 22 Franken in der Stunde liegt im internationalen Quervergleich ausgesprochen hoch. Bereinigt um Kaufkraftunterschiede und ausgedr\u00fcckt in US-Dollar k\u00e4me er gem\u00e4ss Daten der OECD bei 14,10 US-Dollar zu liegen. Damit l\u00e4ge er um 36% h\u00f6her als in Luxemburg ($10,40), welches im OECD-Raum vor Frankreich ($10,20) den h\u00f6chsten nationalen Mindestlohn aufweist. Gegen\u00fcber den Niederlanden ($9,20) l\u00e4ge der Mindestlohn um mehr als 50% und gegen\u00fcber \u00d6sterreich ($6,50) sogar um mehr als 100% h\u00f6her.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Mehrzahl der empirischen Literatur \u00fcber die Wirkung von Mindestl\u00f6hnen beruht auf Erfahrungen von L\u00e4ndern mit vergleichsweise tiefen Mindestl\u00f6hnen wie etwa den USA, wo der nationale Mindestlohn 2012 kaufkraftbereinigt bei 7,10 US-Dollar lag. Eine \u00dcbertragung empirischer Befunde auf die Einf\u00fchrung eines rund doppelt so hohen Mindestlohnes w\u00e4re daher gef\u00e4hrlich.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Einf\u00fchrung eines generellen Mindestlohnes von 22 Franken pro Stunde w\u00fcrde Lohnanpassungen f\u00fcr einen bedeutenden Teil der Arbeitnehmenden erzwingen. Vor allem unqualifizierte T\u00e4tigkeiten w\u00fcrden durch einen Mindestlohn in der Schweiz relativ verteuert, sodass mit Rationalisierungsmassnahmen der Unternehmen zu rechnen w\u00e4re. Mit negativen Besch\u00e4ftigungseffekten w\u00e4re vor allem im Detailhandel, im Gast- und Beherbergungsgewerbe (Tourismus), im Reinigungsgewerbe, in der Hauswirtschaft, in der Landwirtschaft sowie bei pers\u00f6nlichen Dienstleistungen zu rechnen. In regionaler Hinsicht w\u00e4ren solche vor allem im Tessin sowie in l\u00e4ndlichen bzw. touristisch ausgerichteten Regionen zu erwarten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDar\u00fcber hinaus w\u00fcrde der Einstieg von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt erschwert, was sich langfristig negativ auf ihre Erwerbslaufbahn auswirken k\u00f6nnte. Insgesamt w\u00fcrde die Integration einiger heute bereits benachteiligter Personenkategorien (Jugendliche ohne Berufserfahrung, Niedrigqualifizierte) zus\u00e4tzlich erschwert. Die Konkurrenz um Arbeitsstellen mit niedrigen Qualifikationserfordernissen k\u00f6nnte sogar noch zunehmen, weil von einem erh\u00f6hten Mindestlohn ein zus\u00e4tzlicher Anreiz zur Einwanderung in die Schweiz ausgehen d\u00fcrfte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Zusammenhang zwischen Tieflohn und Armut&#13;<\/p>\n<h3>Zusammenhang zwischen Tieflohn und Armut<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nOb ein Lohn zur Sicherung des Lebensunterhalts ausreicht, kann mit den beschriebenen Tieflohnkonzepten nicht beantwortet werden. Die wirtschaftliche Situation von Individuen h\u00e4ngt letztlich vom verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommen und von der Zusammensetzung des Haushaltes ab. Die H\u00f6he des erzielten Stundenlohnes der einzelnen Haushaltsmitglieder ist zwar ein relevanter aber nicht der wichtigste Bestimmungsfaktor ihrer wirtschaftlichen Situation.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie eine Studie des Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) gezeigt hat, besteht ein relativ loser Zusammenhang zwischen dem Bezug eines Tieflohnes (weniger als zwei Drittel des Medianlohnes) und der individuellen Wahrscheinlichkeit, in einem armen Haushalt zu leben.a Nur rund 13% der Arbeitnehmenden, die 2006 einen Tieflohn erzielten, geh\u00f6rten auch zu den Working Poor. Bei den \u00fcbrigen 87% \u00fcberstieg das verf\u00fcgbare Haushaltseinkommen die Armutsschwelle, etwa auf Grund weiterer Einkommen anderer Haushaltsmitglieder oder dank gezielten Sozialtransfers.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUmgekehrt geh\u00f6rte lediglich ein Drittel der Working Poor zu den Arbeitnehmenden mit Tieflohn. Zwei Drittel der Working Poor erzielten also einen Stundenlohn \u00fcber der Tieflohnschwelle. Sie geh\u00f6rten folglich eher auf Grund der Haushaltszusammensetzung (Mehrpersonenhaushalte, allenfalls mit Kindern) oder wegen eines Teilzeit-Arbeitspensums zu den Working Poor.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie aktuellsten Zahlen des BFS zur Armutsproblematik best\u00e4tigen, dass Personen in Haushalten mit hoher Erwerbspartizipation generell die tiefsten Armutsquoten aufweisen.b Dies l\u00e4sst darauf schliessen, dass eine Erwerbst\u00e4tigkeit der beste Schutz gegen Armut ist. Auch Einkommen aus einer vergleichsweise tief entlohnten Arbeit k\u00f6nnen wesentlich zur Verringerung von Armut beitragen, wenn die Erwerbseinkommen durch Sozialtransfers gezielt erg\u00e4nzt werden oder wenn weitere Haushaltseinkommen dazu kommen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDass letzteres h\u00e4ufig der Fall ist, l\u00e4sst sich anhand einer Auswertung der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake) best\u00e4tigen. 2012 erzielten 9,0% der Arbeitnehmenden einen Stundenlohn von unter 22 Franken. 80% davon lebten in einem Haushalt, in dem mindestens ein weiteres Haushaltsmitglied ein zus\u00e4tzliches Erwerbseinkommen erzielte. 7% lebten alleine im Haushalt, und 13% lebten in einem Mehrpersonenhaushalt, in dem zum Zeitpunkt der Befragung kein weiteres Lohneinkommen erzielt wurde. Von allen Personen, die 2012 einen Stundenlohn unter 22 Franken erzielten, lebten 2012 insgesamt 35% noch im Elternhaus. 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