{"id":118829,"date":"2013-06-01T12:00:00","date_gmt":"2013-06-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2013\/06\/lukac-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:24:06","modified_gmt":"2023-08-23T21:24:06","slug":"lukac","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2013\/06\/lukac\/","title":{"rendered":"Vermehrte Zuwanderung aus den L\u00e4ndern S\u00fcd- und Osteuropas"},"content":{"rendered":"<p>Das Freiz\u00fcgigkeitsabkommen mit den EU\/Efta-Staaten (FZA) &shy;erleichtert den Schweizer Unternehmen die Rekrutierung und Einstellung ausl\u00e4ndischer Arbeitskr\u00e4fte. Damit erweitern sich die &shy;Wachstumsm\u00f6glichkeiten der &shy;Unternehmen, welche in fr\u00fcheren Aufschwungphasen oft relativ rasch durch einen Fachkr\u00e4fte&shy;mangel eingeschr\u00e4nkt waren. Der Schweizer Arbeitsmarkt &shy;erwies sich in den letzten elf Jahren als aufnahmef\u00e4hig, und &shy;negative Auswirkungen auf die ans\u00e4ssige Bev\u00f6lkerung blieben &shy;relativ eng begrenzt. In den letzten beiden Jahren nahm die Zuwanderung aus Deutschland ab und jene aus S\u00fcd- und Osteuropa zu. Die berufliche Zusammensetzung der Zuwanderung blieb bislang jedoch relativ stabil.&#13;<br \/>\nDer vorliegende Beitrag st\u00fctzt sich in wesentlichen Teilen auf den 9. Bericht des Observatoriums zum FZA Schweiz-EU.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201306_04_Lukac_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit mit den EU\/Efta-Staaten hat die Arbeitsmarktentwicklung in der Schweiz in den letzten elf Jahren wesentlich gepr\u00e4gt. Die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen stieg zwischen 2002 und 2012 um insgesamt 565\u2009000 oder 1,3% pro Jahr. Dieser Zuwachs entfiel zur einen H\u00e4lfte auf ausl\u00e4ndische Kurz- und Jahresaufenthalter sowie Grenzg\u00e4nger und zur anderen H\u00e4lfte auf Schweizerinnen und Schweizer sowie niedergelassene Ausl\u00e4nder. Die Schweiz erwies sich in den letzten Jahren als attraktiver Unternehmensstandort. Gerade auch dank des erleichterten Zugangs zu ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4ften im EU\/Efta-Raum vermochten die Unternehmen vom starken Weltwirtschaftswachstum zu profitieren. Die Expansion unternehmerischer T\u00e4tigkeiten wurde weniger als in vergangenen Aufschwungphasen durch Engp\u00e4sse bei der Rekrutierung von Fachkr\u00e4ften begrenzt. Auch in der Krise 2009 erwies sich die Zuwanderung als eine St\u00fctze der Schweizer Binnenkonjunktur. Mit der Zuwanderung von Arbeitskr\u00e4ften aus dem EU\/Efta-Raum verst\u00e4rkte sich auch das Bev\u00f6lkerungswachstum in der Schweiz, da die Zuwanderung aus Drittstaaten, die heute nur noch zu einem relativ kleinen Teil auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet ist, konstant blieb. In den letzten elf Jahren wuchs die Bev\u00f6lkerung in der Schweiz um 0,94% pro Jahr, wobei 0,8 Prozentpunkte auf die Zuwanderung zur\u00fcckgingen. In den 1990er-Jahren war die Bev\u00f6lkerung um 0,6% und in den 1980er-Jahren um 0,7% pro Jahr gewachsen; davon waren rund 0,3 respektive 0,4 Prozentpunkte auf die Zuwanderung zur\u00fcckzuf\u00fchren.Den Grossteil der Netto-Zuwanderung aus dem EU\/Efta-Raum machten in den letzten elf Jahren deutsche Staatsangeh\u00f6rige aus, gefolgt von Portugiesen. Mit der Rezession 2009 verringerte sich der gesamte Wanderungssaldo, wobei jener der Deutschen am st\u00e4rksten\u00a0auf den Abschwung reagierte (siehe <i>Grafik 1<\/i>). In der nachfolgenden Erholungsphase wanderten ab 2011 vermehrt Personen aus s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern (Italien, Portugal, Spanien und Griechenland) sowie aus osteurop\u00e4ischen EU-Mitgliedstaaten (EU8+2) in die Schweiz ein.&#13;<\/p>\n<h2>Krise im Euroraum ver\u00e4ndert inter&shy;nationale Wanderungsbewegungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Jahr 2007 \u2013 also kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise, als sich die Schweizer Wirtschaft in einer konjunkturellen Hochphase befand \u2013 machten deutsche Staatsangeh\u00f6rige 63% der Netto-Zuwanderung aus dem EU\/Efta-Raum in die Schweiz aus. Lediglich 5% entfielen auf die vier genannten L\u00e4nder S\u00fcdeuropas und 8% auf Osteuropa. 2012 machten Deutsche noch 15% der Netto-Zuwanderung aus, w\u00e4hrend der Anteil der vier s\u00fcdeurop\u00e4&shy;ischen L\u00e4nder auf 51% und jener aus osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern auf 20% kletterte. Mit dem globalen konjunkturellen Einbruch und der Versch\u00e4rfung der Eurokrise haben sich in den letzten Jahren die internationalen Wanderungsbewegungen im EU\/Efta-Raum stark gewandelt. In <i>Grafik 2<\/i> ist die Bedeutung des internationalen Wanderungssaldos f\u00fcr das Bev\u00f6lkerungswachstum in verschiedenen L\u00e4ndern des EU\/Efta-Raums abgebildet. Wie zu erkennen ist, hat sich Deutschland zwischen 2008 und 2011 von einem Netto-Abwanderungsland zu einem bedeutenden Netto-Zuwanderungsland entwickelt. Die s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4nder entwickelten sich gerade in die entgegengesetzte Richtung. Vor allem Spanien und Italien, aber auch Portugal und Griechenland verzeichneten im letzten Jahrzehnt eine bedeutende Netto-Zuwanderung. Diese schw\u00e4chte sich mit der Finanzkrise ab, und im Falle von Spanien, Portugal und Griechenland verkehrte sie sich 2011 in eine Netto-Abwanderung. In der Schweiz schw\u00e4chte sich die \u2028Netto-Zuwanderung ebenfalls ab. Vergleichsweise stabil blieb die Netto-Zuwanderung dagegen in Norwegen, welches von der Krise nur schwach betroffen war. Diese Entwicklungen unterstreichen die Bedeutung der Arbeitsmarktlage in den Herkunfts- und Ziell\u00e4ndern f\u00fcr internationale Migrationsbewegungen. W\u00e4hrend Spanien (25%), Portugal (16%) und Italien (11%) im Jahr 2012 deutlich erh\u00f6hte Arbeitslosenquoten aufwiesen, lagen die entsprechenden Quoten in Deutschland (5,5%), in der Schweiz (4,2%) und in Norwegen (3,1%) auf relativ tiefem Niveau. Die verst\u00e4rkte Zuwanderung von Arbeitskr\u00e4ften aus Spanien, Portugal und Italien sowie die Abschw\u00e4chung der Zuwanderung aus Deutschland in die Schweiz passt insofern gut ins Bild der internationalen Wanderungsbewegungen. Allerdings \u00e4usserten sich die Auswirkungen der Krise in den betroffenen L\u00e4ndern nur zum Teil in einer st\u00e4rkeren Auswanderung der eigenen Staatsb\u00fcrger. Mit der Eurokrise b\u00fcssten diese L\u00e4nder vor allem auch als Ziell\u00e4nder f\u00fcr Zuwanderer aus anderen Regionen an Attraktivit\u00e4t ein. Zahlreiche ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte kehrten wegen der Krise in ihre Heimatl\u00e4nder zur\u00fcck. Gleichzeitig gewannen alternative Ziell\u00e4nder an Anziehungskraft f\u00fcr EU-Staatsb\u00fcrger, die in einem anderen Land des EU\/Efta-Raums nach einer Arbeitsm\u00f6glichkeit suchen. So fanden <i>Bertoli et. al (2013)<\/i> f\u00fcr Deutschland heraus, dass die verst\u00e4rkte Netto-Zuwanderung von EU8+2-Staatsangeh\u00f6rigen nicht in erster Linie auf die Verschlechterung der Arbeitsmarktsituation in den osteurop\u00e4ischen EU-Mitgliedsstaaten zur\u00fcckzuf\u00fchren war, sondern auf die wirtschaftliche Verschlechterung in alternativen Destinationsl\u00e4ndern des EU\/Efta-Raums (insbesondere S\u00fcdeuropa f\u00fcr rum\u00e4nische und Irland f\u00fcr polnische Staatsangeh\u00f6rige). Inwieweit solche Effekte auch die Zuwanderung in die Schweiz beeinflusst haben, wurde bislang nicht untersucht.&#13;<\/p>\n<h2>Zuwanderung: Mehrheitlich hoch &shy;qualifizierte Fachkr\u00e4fte\u2026<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZuwanderer, welche nach Inkrafttreten des FZA aus dem EU\/Efta-Raum in die Schweiz gelangten, waren mehrheitlich hoch qualifiziert. 53% der Erwerbst\u00e4tigen, die im Rahmen des FZA zugewandert waren, verf\u00fcgten \u00fcber einen terti\u00e4ren Bildungsabschluss. Bei den Erwerbst\u00e4tigen in der Schweiz liegt dieser Anteil bei 34%. Die Zuwanderung hoch qualifizierter Arbeitskr\u00e4fte d\u00fcrfte die Ansiedlung und den Ausbau von wertsch\u00f6pfungsstarken Sektoren in der Schweiz gest\u00e4rkt haben.&#13;<br \/>\nVgl. dazu den Artikel von Marc Surchat auf S. 24 ff. in dieser Ausgabe.&#13;<\/p>\n<h2>\u2026aber auch weniger qualifizierte &shy;Personen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n14% der Zuwanderer, welche nach Inkrafttreten des FZA in die Schweiz kamen, verf\u00fcgen dagegen \u00fcber keine nachobligatorische Schulbildung. Der entsprechende Anteil im Total der Erwerbst\u00e4tigen liegt bei 16%. Der EU\/Efta-Raum spielte damit auch als Rekrutierungsgebiet f\u00fcr weniger gut qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte eine Rolle. Dies erkl\u00e4rt sich vor allem damit, dass ausl\u00e4ndische Saisonarbeitskr\u00e4fte seit Inkrafttreten des FZA nur noch im EU\/Efta-Raum rekrutiert werden d\u00fcrfen. Diese Gruppe von Zuwanderern, welche h\u00e4ufiger aus s\u00fcd- oder osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern kommen, weisen entsprechend die f\u00fcr diese Branchen typischen erh\u00f6hten Arbeitslosenquoten auf.Wie oben gezeigt, verst\u00e4rkte sich in den letzten beiden Jahren die Zuwanderung aus S\u00fcd- und Osteuropa. Typischerweise waren Personen aus diesen L\u00e4ndern in Berufsgruppen mit niedrigeren Qualifikationserfordernissen \u00fcbervertreten. Eine erste Auswertung des zentralen Ausl\u00e4nderregisters (Zemis) deutet bislang allerdings nicht darauf hin, dass Berufsgruppen mit geringeren Qualifikationserfordernissen zwischen 2008 und 2012 insgesamt an Bedeutung gewonnen h\u00e4tten. Eine deutlich gr\u00f6ssere Bedeutung bei der Zuwanderung erlangte in den letzten vier Jahren das Baugewerbe, welches sich &shy;bekanntlich aussergew\u00f6hnlich dynamisch entwickelt hat. Leicht zugenommen hat die Zuwanderung zudem in Landwirtschaftsberufen, sowie in Berufen der Organisation und Verwaltung. Die Zuwanderung ins Gastgewerbe schw\u00e4chte sich dagegen \u2013 entsprechend der schw\u00e4cheren Nachfrage \u2013 leicht ab. Nicht ber\u00fccksichtigt ist in dieser vorl\u00e4ufigen Einsch\u00e4tzung allerdings die Zuwanderung von Personen, die sich vor\u00fcbergehend zur Stellensuche in der Schweiz aufhalten d\u00fcrfen.&#13;<\/p>\n<h2>Dynamischer und aufnahmef\u00e4higer Schweizer Arbeitsmarkt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Schweizer Arbeitsmarkt erwies sich in den letzten Jahren der starken Zuwanderung als aufnahmef\u00e4hig. Die Erwerbst\u00e4tigenquote der 15- bis 64-j\u00e4hrigen Bev\u00f6lkerung lag in den Jahren 2002\u20132012 bei durchschnittlich 78,5%, bzw. um rund einen Prozentpunkt h\u00f6her als in den Jahren 1991\u20132001. Im internationalen Vergleich liegt die Schweiz mit diesen Werten im OECD-Raum zusammen mit den nordeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern in einer Spitzengruppe. Im Zeitraum 2003\u20132012 konnten sowohl Angeh\u00f6rige von EU27\/Efta-Staaten wie auch Schweizerinnen und Schweizer ihre Erwerbst\u00e4tigenquote erh\u00f6hen, wobei Staatsangeh\u00f6rige der EU27\/Efta-Staaten bez\u00fcglich ihrer &shy;Erwerbst\u00e4tigenquote zur Schweizer Bev\u00f6lkerung aufschliessen konnten. \u00dcber die Zeit relativ konstant und deutlich tiefer lag demgegen\u00fcber die Erwerbst\u00e4tigenquote von ausl\u00e4ndischen Personen aus Drittstaaten.Ein analoges Muster zeigt sich auch in den Arbeitslosenquoten der genannten Nationalit\u00e4tengruppen. Schweizerinnen und Schweizer wiesen \u00fcber den Zeitraum 2003\u20132012 permanent die tiefste Arbeitslosenquote aus, wobei keine Verschlechterung der relativen Position \u00fcber die Zeit zu verzeichnen war. Staatsangeh\u00f6rige aus EU27\/Efta-Staaten hatten dagegen ein \u00fcberdurchschnittliches Arbeitslosenrisiko, was in erster Linie darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, dass sie h\u00e4ufiger als Einheimische in Branchen mit erh\u00f6htem Arbeitslosenrisiko t\u00e4tig sind. Allerdings lag deren Arbeitslosenquote in der Regel rund halb so hoch wie jene der von Drittstaaten, welche oft auf dem Asylweg, als Saisonniers oder \u00fcber den Familiennachzug in die Schweiz kamen. Sie bekundeten offensichtlich mehr M\u00fche, vom Stellenwachstum der letzten Jahre in der Schweiz zu profitieren, auch wenn die Arbeitslosenquote gegen\u00fcber 2003 eine leicht sinkende Tendenz aufwies. Die Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern stellt auch in anderen L\u00e4ndern eine Herausforderung dar. Im internationalen Vergleich geh\u00f6rt die Schweiz zu den L\u00e4ndern, in denen die arbeitsmarktliche Integration von Zuwanderern ausgesprochen gut klappt.&#13;<br \/>\nVgl. OECD 2012. Dies ist einerseits Ausdruck davon, dass die wirtschaftliche Integration fr\u00fcherer Zuwanderungsgenerationen trotz Schwierigkeiten vergleichsweise gut verlaufen ist. Zum anderen zeigt es, dass die aktuelle Zuwanderung, welche vorwiegend aus dem EU\/Efta-Raum erfolgt, gut auf die Arbeitskr\u00e4ftenachfrage der Unternehmen in der Schweiz abgestimmt ist.&#13;<\/p>\n<h2>Verdr\u00e4ngungseffekte durch &shy;Zuwanderung?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine zentrale Frage im Zusammenhang mit der Personenfreiz\u00fcgigkeit ist, ob die verst\u00e4rkte Zuwanderung, welche durch das FZA beg\u00fcnstigt wurde, zu Verdr\u00e4ngungseffekten bei der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung gef\u00fchrt hat. Diese Frage wurde in einer aktuellen Studie der Universit\u00e4ten Z\u00fcrich und Lausanne detailliert untersucht. Die Autoren kommen zum Schluss, dass die starke Zuwanderung gewisse Verdr\u00e4ngungseffekte bei h\u00f6her qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften gehabt hat. Sie sch\u00e4tzen, dass die durch die Personenfreiz\u00fcgigkeit ausgel\u00f6ste zus\u00e4tzliche Zuwanderung die Arbeitslosenquote von Personen, die in der Schweiz geboren wurden, insgesamt um rund 0,2 Prozentpunkte erh\u00f6ht hat. Von der Zunahme der Grenzg\u00e4ngerbesch\u00e4ftigung konnte als Folge des FZA einzig bei hoch qualifizierten fr\u00fcher zugewanderten Arbeitskr\u00e4ften ein leichter R\u00fcckgang der Besch\u00e4ftigungsquote gemessen werden.&#13;<br \/>\nF\u00fcr eine Zusammenfassung der Studie vgl. den Artikel von Sandro Favre, Rafael Lalive und Josef Zweim\u00fcller auf S. 8 ff. in dieser Ausgabe.&#13;<\/p>\n<h2>Lohndruck durch Zuwanderung?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine zweite wichtige Frage ist, inwieweit die Zuwanderung der letzten Jahre die Lohnentwicklung der Arbeitnehmenden in der Schweiz beeinflusst hat. Auf der rein beschreibenden Ebene gibt es f\u00fcr diese These keine deutlichen Anzeichen. So sind in den elf Jahren seit Inkrafttreten des FZA die Reall\u00f6hne gem\u00e4ss Lohnindex des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS) um j\u00e4hrlich durchschnittlich 0,6% gestiegen. Verglichen mit 1992\u20132002 fiel das j\u00e4hrliche Wachstum um 0,4 Prozentpunkte h\u00f6her und verglichen mit 1982\u20131992 um 0,4 Prozentpunkte tiefer aus. \u00d6konometrische Studien zu den Auswirkungen des FZA auf die Lohnentwicklung fanden mehrheitlich, dass die Zuwanderung der letzten Jahren das Lohnwachstum in der Schweiz tendenziell ged\u00e4mpft hat, weil die Fachkr\u00e4fteknappheit reduziert wurde. Das Ausmass dieses lohnd\u00e4mpfenden Effekts wurde jedoch auch als relativ klein eingesch\u00e4tzt.&#13;<br \/>\nVgl. Merckx, Wegm\u00fcller (2013).Auch hierzu liegt eine aktuelle, sehr umfassende Studie der Universit\u00e4t Genf vor, welche den Zeitraum 1996\u20132010 anhand der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung abdeckt.&#13;<br \/>\nVgl. Asensio, Graf, M\u00fcller (2013). Die Autoren kommen zum Schluss, dass einheimische und ausl\u00e4ndische Arbeitnehmende mit terti\u00e4rem Bildungsabschluss sowie ausl\u00e4ndische Arbeitnehmende ohne nachobligatorische Schulbildung als Folge der Zuwanderung gewisse negative Lohneffekte zu gew\u00e4rtigen hatten. Den st\u00e4rksten Lohndruck verzeichneten junge (einheimische oder ausl\u00e4ndische) terti\u00e4r gebildete Arbeitskr\u00e4fte mit 10\u201315 Jahren Berufserfahrung. W\u00e4re der Ausl\u00e4nderanteil in der Periode 2004\u20132010 konstant geblieben, h\u00e4tten ihre Reall\u00f6hne im Jahr 2010 gem\u00e4ss Simulationsrechnungen um rund 1,6% h\u00f6her gelegen. Eine vergleichbare Lohneinbusse (\u20131,4%) hatten \u00e4ltere ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte ohne nachobligatorische Schulbildung mit mehr als 35 Jahren Berufserfahrung zu verzeichnen. Leicht negative Lohneffekte (bis \u20130,6%) fanden sich zudem bei unqualifizierten ans\u00e4ssigen ausl\u00e4ndischen Arbeitnehmenden mit 15- bis 35-j\u00e4hriger Berufserfahrung. F\u00fcr die Lohnentwicklung der niedrig qualifizierten einheimischen Arbeitskr\u00e4fte war die Zuwanderung tendenziell von Vorteil. Gem\u00e4ss Sch\u00e4tzungen der Autoren lagen deren Reall\u00f6hne 2010 um 1,1% \u00fcber dem Niveau, das sie bei konstantem Ausl\u00e4nderanteil erreicht h\u00e4tten.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit: Negative Effekte bleiben moderat<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Zuwanderung in die Schweiz war in den letzten elf Jahren hoch, und die Personenfreiz\u00fcgigkeit beg\u00fcnstigte diese Entwicklung massgeblich. Der Schweizer Arbeitsmarkt erwies sich dabei als aufnahmef\u00e4hig. Verdr\u00e4ngungseffekte oder negative Lohneffekte blieben auch gem\u00e4ss neuesten empirischen Erkenntnissen moderat. In den letzten beiden Jahren gewann die Zuwanderung aus den L\u00e4ndern S\u00fcd- und Osteuropas, welche zum Teil sehr stark unter der Wirtschaftskrise Europas leiden, an Bedeutung. Die berufliche Zusammensetzung der Zuwanderung blieb bislang aber relativ stabil. Angesichts der grossen wirtschaftlichen Ungleichgewichte in Europa und rekordhohen Jugendarbeitslosenquoten in einigen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern werden Migrationsfragen in den kommenden Jahren auch innerhalb der EU auf der wirtschaftspolitischen Agenda stehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abWanderungssaldo der ausl\u00e4ndischen Wohnbev\u00f6lkerung in die Schweiz nach Staatsangeh\u00f6rigkeit, &shy;1991\u20132012\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abInternationaler Wanderungssaldo im Verh\u00e4ltnis zur Gesamtbev\u00f6lkerung nach ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern der EU17\/Efta, 2000\u20132011\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Arbeitsmarktsituation in den &shy;Grenzregionen&#13;<\/p>\n<h3>Arbeitsmarktsituation in den &shy;Grenzregionen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIn den Jahren seit Inkrafttreten des Freiz\u00fcgigkeitsabkommens gewann auch die Besch\u00e4ftigung ausl\u00e4ndischer Grenzg\u00e4nger an Bedeutung. Damit setzte sich ein bereits einige Jahre vor Inkrafttreten des Abkommens begonnener Trend fort. Tats\u00e4chlich bestanden schon vor Inkrafttreten des FZA \u2013 im Gegensatz zur Migration \u2013 keine quantitativen Beschr\u00e4nkungen. Allerdings wurde bei der Erteilung von Grenzg\u00e4ngerbewilligungen vor Mitte 2004 der sogenannte Inl\u00e4ndervorrang geltend gemacht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn den Grenzregionen der lateinischen Schweiz \u2013 namentlich in den Regionen Genf, Jurabogen und Tessin \u2013 nahm der Anteil der Grenzg\u00e4ngerbesch\u00e4ftigung in den letzten zehn Jahren kr\u00e4ftig zu. Wie entwickelte sich der Arbeitsmarkt in diesen Regionen relativ zu anderen Regionen der Schweiz? In der Entwicklung der Erwerbst\u00e4tigenquoten der 25- bis 64-j\u00e4hrigen st\u00e4ndigen Wohnbev\u00f6lkerung waren in den Jahren nach Inkrafttreten des FZA keine systematischen Unterschiede &shy;zwischen Kantonen mit hohen Grenzg\u00e4nger&shy;anteilen und den \u00fcbrigen Kantonen festzu&shy;stellen. Nur im Kanton Genf stieg die &shy;Erwerbst\u00e4tigenquote zwischen den Perioden &shy;1996\u20132002 und 2008\u20132012 weniger stark an als in Referenzkantonen mit geringeren Grenzg\u00e4ngeranteilen. In Bezirken mit hohen Grenzg\u00e4ngeranteilen war relativ zu den \u00fcbrigen Bezirken vor allem in der Westschweiz \u00fcber die Zeit eine Erh\u00f6hung der Arbeitslosenquote festzustellen. Sowohl die Region Genf als auch der Jurabogen verzeichneten gleichzeitig einen starken Zuwachs des Grenzg\u00e4ngeranteils. Kein entsprechender Zusammenhang zeigt sich f\u00fcr den Kanton Tessin.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie aktuellste Studie zu m\u00f6glichen Verdr\u00e4ngungseffekten der Personenfreiz\u00fcgigkeit hat den Zusammenhang zwischen der Grenzg\u00e4ngerbesch\u00e4ftigung und den Arbeitsmarktergebnissen der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung ebenfalls untersucht.a Auf der aggregierten Ebene findet sich zwischen der Zunahme des Grenzg\u00e4ngeranteils und der Arbeitslosen- bzw. Besch\u00e4ftigungsquote kein kausal interpretierbarer statistischer Zusammenhang. Negative Besch\u00e4ftigungseffekte einer Zunahme des Grenzg\u00e4ngeranteils finden sich lediglich bei hoch qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften, die fr\u00fcher zugewandert waren. Eine Zunahme des Grenzg\u00e4ngeranteils um 1 Prozentpunkt reduziert deren Besch\u00e4ftigtenquote um &shy;gesch\u00e4tzte 0,21%.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBez\u00fcglich der Lohnentwicklung unterscheiden sich Kantone mit hohen Grenz&shy;g\u00e4ngeranteilen nicht systematisch von den \u00fcbrigen Kantonen. W\u00e4hrend die Kantone St.\u2009Gallen, Thurgau, Schaffhausen und Tessin in den Jahren 2002\u20132010 eine leicht unterdurchschnittliche Lohnentwicklung verzeichneten, wiesen die Kantone Genf, Neuenburg und &shy;Jura ein \u00fcberdurchschnittliches Lohnwachstum aus.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\na Vgl. dazu den Artikel von Favre, Lalive und Zweim\u00fcllerauf S. 8 ff. in dieser Ausgabe.&#13;<br \/>\nKasten 2: Literatur&#13;<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li>Asensio, No\u00e9, Graf, Roman, M\u00fcller, Tobias (2013): Die Auswirkungen der Personenfreiz\u00fcgigkeit auf die L\u00f6hne in der Schweiz, in: Die Volkswirtschaft, 1\/2-2013, S. 43-47.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Bertoli, Simone, Br\u00fccker, Herbert, Fernandez-Huertas Moraga, Jesus (2013), The European Crisis and Migration to Germany: Expectations and the Diversion of Migration Flows, in: IZA Discussion Papers Series, IZA DP Nr. 7170, Januar 2013.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Merckx, V\u00e9ronique, Wegm\u00fcller, Claudio (2013), Auswirkungen der Immigration auf die L\u00f6hne: Zehn Jahre Erfahrungen mit der Personenfreiz\u00fcgigkeit, in: Die Volkswirtschaft 1\/2-2013, S. 39-42.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>OECD (2012), Jobs for Immigrants (Vol. 3): Labour Market Integration in Austria, Norway and Switzerland, OECD Publishing.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>SECO, BFM, BFS, BSV (2013), Auswirkungen der Personenfreiz\u00fcgigkeit auf den Schweizer Arbeitsmarkt \u2013 9. Bericht des Observatoriums zum FZA Schweiz-EU, Bern.<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Freiz\u00fcgigkeitsabkommen mit den EU\/Efta-Staaten (FZA) &shy;erleichtert den Schweizer Unternehmen die Rekrutierung und Einstellung ausl\u00e4ndischer Arbeitskr\u00e4fte. Damit erweitern sich die &shy;Wachstumsm\u00f6glichkeiten der &shy;Unternehmen, welche in fr\u00fcheren Aufschwungphasen oft relativ rasch durch einen Fachkr\u00e4fte&shy;mangel eingeschr\u00e4nkt waren. 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