{"id":118899,"date":"2013-05-01T12:00:00","date_gmt":"2013-05-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2013\/05\/busch-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:24:17","modified_gmt":"2023-08-23T21:24:17","slug":"busch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2013\/05\/busch\/","title":{"rendered":"Wie aus Finanzkapital Sachkapital wird"},"content":{"rendered":"<p>Der Schweizer Finanzsektor &shy;erwirtschaftet einen &shy;bedeutenden Teil des Bruttoinlandproduktes (BIP) und bietet Arbeitspl\u00e4tze mit hoher Wertsch\u00f6pfung. Der\u00a0Nutzen f\u00fcr die Gesamtwirtschaft geht jedoch idealerweise \u00fcber diese &shy;reine Wertsch\u00f6pfung hinaus. &shy;Indem Finanzintermedi\u00e4re &shy;Finanzkapital in Investitionen \u00fcberf\u00fchren und dabei &shy;Risiken \u00fcbernehmen sowie Informationsasymmetrien abmildern, \u00fcbernehmen sie &shy;wichtige Funktionen zugunsten anderer Sektoren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie und vor allem wie gut dieser finanzielle Intermediationsprozess (welcher nicht nur durch den Finanzsektor, sondern auch von anderen Sektoren erbracht wird) in der Schweiz funktioniert, ist nicht hinreichend erforscht. F\u00fcnf vom Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) im Rahmen der Ressortforschung vergebene Studien thematisieren deshalb verschiedene Aspekte der Finanzintermediation in der Schweiz. Sie werden in der Folge kurz vorgestellt.&#13;<\/p>\n<h2>Auswirkungen des Finanzsektors auf die\u00a0Gesamtwirtschaft<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAusgehend von der wissenschaftlich intensiv diskutierten Hypothese, dass ein (zu) grosser Finanzsektor volkwirtschaftlich eher sch\u00e4dlich als n\u00fctzlich sein kann, untersucht <i>BAK Basel<\/i>, welche gesamtwirtschaftlichen Effekte ein grosser Finanzsektor auf regionaler Ebene generiert. Dabei zeigt sich: Ab einem Anteil von rund 8% an der Gesamtbesch\u00e4ftigung bringt ein expandierender Finanzsektor keinen zus\u00e4tzlichen Wachstumseffekt f\u00fcr die Gesamtwirtschaft. M\u00f6gliche Erkl\u00e4rungen sind ein Brain-Drain zulasten anderer Sektoren, erh\u00f6hte systemische Risiken oder eine durch Finanzanlagen ausgel\u00f6ste Aufwertungen der W\u00e4hrung.Die Ergebnisse sind jedoch mit Vorsicht zu interpretieren. Auf aggregierter Ebene sind Analysen \u00fcber solch heterogene Regionen hinweg notwendigerweise unvollst\u00e4ndig, und spezifische Charakteristika der Finanzpl\u00e4tze k\u00f6nnen nicht ausreichend ber\u00fccksichtigt werden. So weist der Finanzplatz Z\u00fcrich \u2013 mit einem Besch\u00e4ftigungsanteil von \u00fcber 10% \u2013 eine starke Ausrichtung auf das Verm\u00f6gensverwaltungsgesch\u00e4ft auf und ist damit stark exportorientiert. Die Auswirkungen auf die restliche Wirtschaft d\u00fcrften deshalb vorwiegend \u00fcber indirekte Effekte \u2013 wie z.B. \u00fcber die Absorption von Humankapital \u2013 und weniger \u00fcber unwirksame Intermediationsleistungen zugunsten des Inlands erfolgen.&#13;<\/p>\n<h2>Wird die Wertsch\u00f6pfung des Finanz&shy;sektors richtig berechnet?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie erste Studie der <i>Konjunkturforschungsstelle Liechtenstein (KOFL)<\/i> geht einen Schritt weiter und fragt, ob die direkte Wertsch\u00f6pfung des Finanzsektors im Rahmen der\u00a0Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) nicht eigentlich zu hoch ausgewiesen wird. Das Grundproblem liegt hierbei darin, dass finanzielle Dienstleistungen der Einlagenverwaltung und Kreditgew\u00e4hrung von den Banken nicht explizit in Rechnung &shy;gestellt werden. Stattdessen wird von den Banken eine Zinsmarge als Verg\u00fctung einbehalten. Im Rahmen der VGR wird dies durch die <i>Financial Services Indirectly Measured (Fisim)<\/i> erfasst. Nur ein Teil dieses Verm\u00f6genseinkommens ist als Entgelt f\u00fcr erbrachte Dienstleistungen zu betrachten; der Rest ist Ausgleich f\u00fcr das \u00fcbernommene Ausfall&shy;risiko. Nach den Konventionen der VGR handelt es sich dabei aber nicht um Produktion, sondern um Verm\u00f6gensumverteilung. Analog wird beispielsweise bei den Versicherungen die Risikopr\u00e4mie nicht zur Wertsch\u00f6pfung gerechnet. Die KOFL berechnet in ihrer Studie eine Unterscheidung dieser beiden Komponenten innerhalb der Fisim; d.h. die Fisim werden um die darin enthaltenen &shy;Risikopr\u00e4mien korrigiert. Gem\u00e4ss den Berechnungen f\u00fcr die Jahre 2008\u2009\u2013\u20092010 reduziert sich die Bruttowertsch\u00f6pfung der Banken beim \u00dcbergang zu &shy;einem <i>Risk-adjusted Fisim<\/i> auf gut 60% des urspr\u00fcnglichen Wertes. Dem entspricht eine Reduktion des BIP um gut 1%. Die Bruttowertsch\u00f6pfung der Banken als Anteil am BIP vermindert sich dadurch um etwa 2,5 Prozentpunkte auf knapp 4% (2010) und liegt damit auch n\u00e4her am Anteil der Arbeitnehmerentgelte der Kreditinstitute am BIP.&#13;<\/p>\n<h2>Wie unterscheiden sich die Banken in der Finanzintermediation?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWill man verstehen, <i>wie<\/i> die Ersparnisse ihren Weg in Sachanlagen finden, muss man die Rolle der Banken in diesem Prozess analysieren. Die Studie der <i>Konjunkturforschungsstelle der ETH Z\u00fcrich (KOF)<\/i> zeigt &shy;jedoch, dass eine Analyse f\u00fcr den Bankensektor als Ganzes zu kurz greift. Die verschiedenen, in der Schweiz t\u00e4tigen Banken verfolgen ganz unterschiedliche Gesch\u00e4ftsmodelle, was auch unterschiedliche realwirtschaftliche Konsequenzen mit sich bringt.Am deutlichsten zeigt sich dies darin, dass die Regionalbanken und Sparkassen sowie \u2013 in etwas geringerem Umfang \u2013 auch die Kantonalbanken fast ausschliesslich im inl\u00e4ndischen Hypothekargesch\u00e4ft t\u00e4tig sind. Umgekehrt bedeutet dies, dass diese Banken in der Finanzierung von Unternehmensaktivit\u00e4ten, die nicht mit Immobilienverm\u00f6gen abgesichert werden k\u00f6nnen, wenig pr\u00e4sent sind. Trotz der reichlichen Versorgung des Hypothekarmarktes mit Anbietern finden die Autoren jedoch, dass die Banken nur in bestimmten Perioden und nur in begrenztem Umfang zu einer Preisentwicklung der Immobilien beigetragen haben, die nicht durch Fundamentalfaktoren der Nachfrage erkl\u00e4rt werden kann. Etwas differenzierter ist das Inlandgesch\u00e4ft der Grossbanken, welche sich in sp\u00fcrbar gr\u00f6sserem Umfang auch der Finanzierung von Umlaufverm\u00f6gen und Ausr\u00fcstungsg\u00fctern widmen, obschon auch hier das Hypothekargesch\u00e4ft den gr\u00f6ssten Anteil einnimmt. Die verst\u00e4rkte internationale Ausrichtung ab Mitte der 1990er-Jahre hat jedoch das nationale Gesch\u00e4ft im Vergleich zum Auslandgesch\u00e4ft deutlich langsamer expandieren lassen. Gem\u00e4ss der Studie wirken sich die bankspezifischen Gesch\u00e4ftsmodelle bei kurzfristigen Schocks \u2013 etwa im monet\u00e4ren Umfeld \u2013 nur wenig auf die Investitionen der Realwirtschaft in Ausr\u00fcstungsg\u00fcter aus. Dies d\u00fcrfte mit der Dominanz der Immobilienfinanzierung und mit dem hohen Eigenfinanzierungsgrad der Unternehmen zusammenh\u00e4ngen.&#13;<\/p>\n<h2>Ersparnis\u00fcberschuss wird im Ausland &shy;angelegt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie zweite Studie der <i>KOF Liechtenstein<\/i> analysiert in einer Gesamtschau die \u00dcberf\u00fchrung der Ersparnisse in Finanz- und Sachanlagen. Sie zeigt, dass nicht nur die Schweiz als Ganzes mehr spart als sie investiert, sondern dass mittlerweile alle institutionellen Sektoren (Unternehmen, Staat, Haushalte) Ersparnis\u00fcbersch\u00fcsse aufweisen. Mehr als die H\u00e4lfte der Bruttoersparnis kommt dabei von den nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften, welche ihre Investitionen etwa zur H\u00e4lfte im Ausland t\u00e4tigen.&#13;<br \/>\nBedeutsam ist auch die \u00abZwangsersparnis\u00bb der privaten Haushalte durch die Pensionskassen. Zu kl\u00e4ren bleibt hierbei allerdings die Rolle der von Tochterfirmen im Ausland erzielten Gewinne, welche der Schweiz gutgeschrieben, aber von hier aus wieder im Ausland in Sachkapital der T\u00f6chter investiert werden.Resultat der Spar\u00fcbersch\u00fcsse sind die sehr hohen Best\u00e4nde an Auslandverm\u00f6gen. F\u00fcr die Finanzstabilit\u00e4t wie auch f\u00fcr internationale \u00dcbertragungseffekte monet\u00e4rer und realer Krisen sind jedoch nicht die \u00fcblicherweise betrachteten Nettoverm\u00f6gen, sondern die Bruttopositionen \u2013 ohne Saldierung der Forderungen und Verbindlichkeiten \u2013 massgebend. Auf Basis der Berechnung einer integrierten Sach- und Verm\u00f6gensbilanz zeigt die Studie, dass die Bruttopositionen in den vergangenen Jahren deutlich st\u00e4rker ausgeweitet wurden, was zum \u00fcberwiegenden Teil auf die finanziellen Kapitalgesellschaften zur\u00fcckzuf\u00fchren war.Aufgrund der Ergebnisse der KOF Liechtenstein wie auch der KOF Z\u00fcrich k\u00f6nnte man zum Schluss kommen, dass die Schweiz f\u00fcr die hiesigen Ersparnisse \u2013 \u00fcber die Finanzierung von Immobilien hinaus \u2013 zu wenig Anlagem\u00f6glichkeiten bietet bzw. dass die Rendite auf Investitionen in Sachkapital in der Schweiz im Vergleich zum Ausland tiefer sei.&#13;<\/p>\n<h2>L\u00e4sst sich in der Schweiz nicht mehr &shy;rentabel investieren?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm diese Hypothese zu \u00fcberpr\u00fcfen sowie Spar- und Investitionsentscheide der Schweizer Haushalte und Unternehmen zu verstehen, hat das <i>Observatoire de la Finance<\/i> auf Basis der Erhebungen des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS) Zeitreihen zur Kapitalrendite von KMU, von gr\u00f6sseren, nicht-b\u00f6rsenkotierten Firmen sowie von b\u00f6rsenkotierten Firmen erstellt. Dabei zeigt sich, dass die Sachkapitalrentabilit\u00e4t der nicht-kotierten Firmen mit derjenigen der b\u00f6rsenkotierten durchaus vergleichbar ist. Die Sachkapitalrentabilit\u00e4t der nicht-kotierten grossen Firmen ist sogar besser als jene der kotierten Firmen. In der Schweiz, so scheint es, l\u00e4sst sich also nach wie vor profitabel investieren.Erstaunlicherweise geht die \u00e4hnlich hohe Kapitalrendite der verschiedenen Unternehmensgruppen mit einer unterschiedlichen Produktivit\u00e4t des Sachkapitals (gemessen als Anteil der Wertsch\u00f6pfung am Anlageverm\u00f6gen) einher. Entgegen der Erwartung scheint diese bei nicht-kotierten Unternehmen um einiges h\u00f6her zu liegen als bei kotierten Unternehmen. Dieses Resultat k\u00f6nnte allerdings massgeblich durch buchhalterische Unterschiede bei der Bewertung des Anlageverm\u00f6gens oder durch eine Konzentration der \u2028b\u00f6rsenkotierten Unternehmen in kapitalintensiven Branchen beeinflusst sein. Die gute Sachkapitalrentabilit\u00e4t der nicht-kotierten Unternehmen und die daraus gezogenen Folgerungen w\u00e4ren dann zu relativieren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schweizer Finanzsektor &shy;erwirtschaftet einen &shy;bedeutenden Teil des Bruttoinlandproduktes (BIP) und bietet Arbeitspl\u00e4tze mit hoher Wertsch\u00f6pfung. 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