{"id":118944,"date":"2013-05-01T12:00:00","date_gmt":"2013-05-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2013\/05\/marty-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:24:35","modified_gmt":"2023-08-23T21:24:35","slug":"marty","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2013\/05\/marty\/","title":{"rendered":"Gesundheitswirtschaft als wichtiges Standbein der Volkswirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweizer Gesundheitswirtschaft wird gerne untersch\u00e4tzt. Der 65-Milliardenmarkt ist doppelt so gross wie der Energiemarkt und um die H\u00e4lfte gr\u00f6sser als der Bildungsmarkt. Eine funktionierende Gesundheitswirtschaft ist deshalb essenziell f\u00fcr eine gesunde Volkswirtschaft. Aus sozial&shy;politischen Gr\u00fcnden haben Regierung, Parlament und Stimmvolk einen betr\u00e4chtlichen Einfluss auf diese Branchen. Es stehen grundlegende Richtungsentscheide f\u00fcr oder gegen eine Verstaatlichung des Gesundheitswesens an. Nur mit mehr Freir\u00e4umen f\u00fcr die &shy;Bev\u00f6lkerung und die Leistungs&shy;erbringer wird die Gesundheitswirtschaft auch in Zukunft auf &shy;soliden Beinen stehen k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHiesige Journalisten machen es sich zum Sport, negative Meldungen zum Schweizer Gesundheitswesen zu publizieren. Dabei erfreut sich die Schweizer Bev\u00f6lkerung bester Gesundheit. Die Lebenserwartung bei der Geburt wird nur in Japan \u00fcbertroffen, und bei den M\u00e4nnern im 65. Lebensjahr belegt die Schweiz sogar den Spitzenplatz mit 19 Jahren Restlebenszeit. Selbst das viel beklagte \u00dcbergewicht der Bev\u00f6lkerung h\u00e4lt sich gem\u00e4ss OECD-Statistik in engen Grenzen.&#13;<br \/>\nDie Schweiz gilt als die zweitschlankste Nation hinter Korea; vgl. OECD Health Data 2012, Value self-reported.Nat\u00fcrlich ist nicht das Gesundheitswesen alleine f\u00fcr die Volksgesundheit verantwortlich. Aber eine funktionierende Gesundheitswirtschaft ist ein wichtiges Standbein einer erfolgreichen Volkswirtschaft. Sie erwirtschaftet n\u00e4mlich \u00fcber 10% des Bruttoin&shy;landprodukts (BIP).&#13;<br \/>\nDas Forschungs- und Beratungsb\u00fcro Infras hat die Bruttowertsch\u00f6pfung im Jahr 2002 auf rund 10% des BIP gesch\u00e4tzt. Ber\u00fccksichtigt man die inl\u00e4ndischen Vorleistungen, so steigt der Anteil am BIP auf rund 14%. Infras (2006): Wertsch\u00f6pfung und Besch\u00e4ftigung im Gesundheitssektor; Studie im Auftrag der Vereinigung Pharmafirmen in der Schweiz (vips). Mit der Life-Science-Industrie ist ausserdem die wichtigste Exportbranche der Schweiz in der Gesundheitswirtschaft t\u00e4tig und bietet hochstehende Arbeitspl\u00e4tze an. 540\u2009000 Personen verdienen im Gesundheitswesen ihren Lebensunterhalt.&#13;<br \/>\n(BFS), 2008. Die schweizerische Gesundheitswirtschaft leistet gute Arbeit; dies zeigt sich auch an der Zufriedenheit der Bev\u00f6lkerung mit dem &shy;Gesundheitswesen.&#13;<br \/>\n76% der Stimmberechtigten finden das schweizerische Gesundheitswesen gut oder sehr gut. Quelle: gfs-Gesundheitsmonitor 2012.Die Bedeutung der Gesundheitswirtschaft wird weiter zunehmen, dies aus drei Gr\u00fcnden:&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li>Erstens ver\u00e4ndert sich mit dem Wohlstand die Bedeutung der Gesundheit. Sind die basalen Bed\u00fcrfnisse einmal befriedigt, so wird verst\u00e4rkt in die eigene Gesundheit investiert.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Zweitens stehen immer bessere und umfangreichere Behandlungsm\u00f6glichkeiten zur Verf\u00fcgung.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Und drittens verst\u00e4rkt der demografische Wandel der Schweiz die Nachfrage nach Gesundheitsg\u00fctern zus\u00e4tzlich. Der Anteil der Personen ab 65 Jahren an der Schweizer Gesamtbev\u00f6lkerung wird von 17% im Jahr 2010 auf \u00fcber 26% im Jahr 2035 steigen.&#13;<br \/>\nBFS: Medienmitteilung vom 29.3.2011. Gem\u00e4ss Risikoausgleichstatistik 2011 betr\u00e4gt der Anteil der Kosten der \u00fcber 65-j\u00e4hrigen Personen 44% der Gesamtkosten. Er liegt damit nahezu 2,7-mal h\u00f6her als der Durchschnitt. Folglich werden mehr Gesundheitsleistungen nachgefragt werden, wenn der Anteil an \u00e4lteren Personen steigt.<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<\/p>\n<h2>Drei Erfolgsfaktoren der Gesundheitswirtschaft<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAngesichts dieser Dynamik ist es ratsam, kluge Rahmenbedingungen f\u00fcr die Gesundheitswirtschaft festzulegen. Wichtige Pfeiler sind ein innovationsfreundliches Umfeld, Wahlfreiheit f\u00fcr alle Akteure und ad\u00e4quate Finanzierungsstrukturen.&#13;<\/p>\n<h2>Ohne Innovation kein Fortschritt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine gute Gesundheitsversorgung lebt von stetiger Erneuerung. Sie ist in allen Bereichen auf innovative K\u00f6pfe angewiesen, die neue Diagnose- und Therapiemethoden in die Praxis einf\u00fchren. Was vor 20 Jahren Standard war, gilt heute im besten Fall als veraltet, h\u00e4ufig als \u00fcberholt oder gar falsch. Die Rahmenbedingungen m\u00fcssen deshalb die Innovationskraft erhalten und wenn m\u00f6glich st\u00e4rken.Innovationen k\u00f6nnen nur in einem Umfeld entstehen, in dem verschiedene Ansichten in Konkurrenz zueinander stehen. Dieser Leistungswettbewerb soll den Versicherten und Patienten zugutekommen. Eine Konkurrenzsituation ist aber nur m\u00f6glich, wenn den Akteuren Wahlm\u00f6glichkeiten offen stehen. Die Versicherten profitieren von zahlreichen Versicherern, welche die Wirtschaftlichkeit der Leistungen pr\u00fcfen. Die Patienten ziehen einen Vorteil von diversen Leistungsanbietern, die optimale Therapien offerieren. Die Leistungserbringer sollen mit verschiedenen Versicherungen unterschiedliche Vertr\u00e4ge aushandeln k\u00f6nnen. Es braucht diese Vielfalt von Anbietern und Nachfragern. Die Einf\u00fchrung einer Einheitskasse w\u00fcrde diese Vielfalt fundamental torpedieren. Die Versicherten m\u00fcssten sich mit einer Kasse begn\u00fcgen, und die Leistungserbringer h\u00e4tten bei den Tarifverhandlungen nur noch einen einzigen Ansprechpartner. Mit der Abschaffung der Wahlfreiheit w\u00fcrde auch der Ideenwettbewerb verhindert. Dies h\u00e4tte l\u00e4ngerfristig fatale Auswirkungen auf die Innovationsf\u00e4higkeit des gesamten Gesundheitssystems.&#13;<\/p>\n<h2>Saubere Rollenverteilung zwischen Staat und Wirtschaft<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nOrdnungspolitisch einwandfreie Rahmenbedingungen sind f\u00fcr das Gesundheitswesen ebenfalls zentral: Die \u00f6ffentliche Hand soll nicht als Anbieter auftreten, sondern dies wo immer m\u00f6glich den Privaten \u00fcberlassen. Die Doppelrolle der Kantone als Schiedsrichter und Planer in der Spitalfinanzierung muss daher entflochten werden. Der direkte Einfluss der \u00f6ffentlichen Hand auf ihre Spit\u00e4ler f\u00fchrt zu Interessenskonflikten und zur Zementierung der vielerorts ineffizienten Spitalstrukturen. Auch der Pr\u00e4mienvergleichsdienst <i>Priminfo.ch<\/i> ist ein schlechtes Beispiel daf\u00fcr, wie der Staat in die Wirtschaft eingreifen will. Mit Steuergeldern soll ein Angebot geschaffen werden, das von privaten Anbietern qualitativ besser erbracht werden kann. Zudem hat der Bund die Aufsicht \u00fcber die Krankenversicherer und soll nicht selber als Marktteilnehmer auftreten.&#13;<br \/>\nDer Nationalrat hat den Ausbau des Vergleichsdienstes vorerst gestoppt, indem er die Motion Rossini mit 118:68 Stimmen abgelehnte. Der Bundesrat hatte die Annahme der Motion beantragt. Generell sollte sich der Einfluss der \u00f6ffentlichen Hand auf diejenigen Massnahmen beschr\u00e4nken, f\u00fcr welche private Akteure keine befriedigende L\u00f6sung finden. Beispiele daf\u00fcr sind das Patentrecht als Anreiz f\u00fcr langfristige Investitionen in die Forschung, die Festlegung und \u00dcberwachung von Sicherheitsstandards oder die Regelung der Leistungsfinanzierung im Krankheitsfall.&#13;<\/p>\n<h2>Finanzierungsdschungel entflechten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Reformwille im Gesundheitswesen ist hoch: In den letzten zehn Jahren haben sich die parlamentarischen Vorst\u00f6sse in der Gesundheitspolitik praktisch verdreifacht.&#13;<br \/>\nQuelle: Curia Vista, Gesch\u00e4ftsdatenbank des Parlaments. Seit 2002 wurden 714 Gesch\u00e4fte mit dem Wort \u00abKosten\u00bb lanciert, aber nur 283 Gesch\u00e4fte mit dem Wort \u00abFinanzierung\u00bb. Dabei m\u00fcsste sich die Politik in erster Linie mit der Finanzierung befassen. Die Kosten sollten immer im Zusammenhang mit der Qualit\u00e4t der Leistungen betrachtet werden.Der Grundgedanke einer staatlichen Finanzierungsregel im Gesundheitsbereich ist der Schutz vor Verarmung bei Krankheit. Die Politik muss sich diesem Prinzip wieder st\u00e4rker widmen. Heute werden auch Gesundheitsleistungen \u00fcber staatliche Kan\u00e4le finanziert, die nichts mehr damit zu tun haben. Dadurch schafft man Probleme, die wiederum durch staatliche Eingriffe behoben werden m\u00fcssen. Beispielweise ist durch die umfassende Grundversicherung (KVG) die Pr\u00e4mienlast generell sehr hoch. Die Einheitspr\u00e4mie, welche eine Umverteilung von j\u00fcngeren Personen zu \u00e4lteren Personen bewirkt, verursacht eine zus\u00e4tzliche Finanzlast auf junge Familien. Diese Familien m\u00fcssen dann durch die Pr\u00e4mienverbilligung wieder entlastet werden. Die Pr\u00e4mienverbilligungen haben sich seit Einf\u00fchrung des KVG von 1,5 auf 4 Mrd. Franken erh\u00f6ht.Heute wissen selbst Experten des Gesundheitswesens nicht mehr genau, welche Solidarit\u00e4ten im Finanzierungsdschungel wirken. Ganz bestimmt profitieren Personen von der umfassenden Grundversicherung, die der Gesetzgeber nie und nimmer beg\u00fcnstigen wollte. Die Finanzierung muss daher dringend entflochten und entschlackt werden. Das staatlich geregelte Finanzierungsvolumen hat sich seit den 1980er-Jahren von 50% auf 60% der Gesundheitsausgaben erh\u00f6ht.&#13;<br \/>\nBFS: Finanzierung des Gesundheitswesens nach Direktzahlern. Dadurch wird die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen mehrheitlich von staatlichen Regeln bestimmt und weniger vom effektiven Nutzen, den die Patienten aus den Leistungen beziehen. Eine Reduktion des staatlichen Finanzierungsvolumens ist wichtig. Denn die Impulse f\u00fcr die Investitionsentscheide der Gesundheitswirtschaft sollen von der Nachfrage und nicht von den politisch ausgehandelten Finanzierungsregeln.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Bedeutung des Gesundheitswesens als Arbeitgeber und Exportbranche nimmt zu. Die k\u00fcnftige volkswirtschaftliche Entwicklung der Schweiz h\u00e4ngt deshalb von einem gut organisierten Gesundheitswesen ab. F\u00fcr eine Branche, die traditionell in einem stark regulierten Umfeld t\u00e4tig ist, sind gute Rahmenbedingungen essenziell. Hierzu geh\u00f6rt eine saubere Rollenverteilung zwischen privaten Leistungserbringern und \u00f6ffentlicher Hand. Der entscheidende Faktor ist jedoch die private Initiative, die im System gest\u00e4rkt werden muss. Die Patienten tragen dann mehr Verantwortung f\u00fcr sich und die Solidargemeinschaft. Die Gesundheitsbranchen bleiben innovativ.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Richtungsentscheide: Mehr oder weniger Wahlfreiheit?&#13;<\/p>\n<h3>Richtungsentscheide: Mehr oder weniger Wahlfreiheit?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nSoll das Gesundheitswesen verstaatlicht werden? Oder sollen die Wahlm\u00f6glichkeiten von Bev\u00f6lkerung, Leistungserbringern und Versicherungen erweitert werden? Die Wirtschaft setzt sich f\u00fcr mehr Wahlfreiheit ein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Bundesrat tendiert momentan zu einer Einschr\u00e4nkung der Wahlfreiheit und zu mehr staatlichem Einfluss. In seinem Gegenvorschlag zur Einheitskasseninitiative fordert er die strikte institutionelle Trennung von Grund- und Zusatzversicherung. Er will damit diese Trennung staatlich verordnen, obwohl sie heute bereits von jedem Einzelnen durch seine freie Versicherungswahl gew\u00e4hrleistet ist. Heute herrscht Wahlfreiheit, weil jeder Versicherte die Grund- und Zusatzversicherung bei zwei verschiedenen Krankenversicherern abschliessen oder aber den gleichen Anbieter f\u00fcr beide Policen w\u00e4hlen kann. Der Bundesrat beabsichtigt, diese Wahlfreiheit aus dem System zu verbannen, in dem er die institutionelle Trennung zwingend vorschreibt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAnalog schl\u00e4gt der Bundesrat eine Zulassungsbeschr\u00e4nkung f\u00fcr junge \u00c4rzte vor. Stattdessen k\u00f6nnte man mit der Vertragsfreiheit oder mit differenzierten Tarifen ein allf\u00e4lliges \u00e4rztliches \u00dcberangebot beheben. Beides w\u00fcrde die Wahlm\u00f6glichkeiten von Patienten, \u00c4rzten und Versicherungen erh\u00f6hen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweizer Gesundheitswirtschaft wird gerne untersch\u00e4tzt. Der 65-Milliardenmarkt ist doppelt so gross wie der Energiemarkt und um die H\u00e4lfte gr\u00f6sser als der Bildungsmarkt. Eine funktionierende Gesundheitswirtschaft ist deshalb essenziell f\u00fcr eine gesunde Volkswirtschaft. Aus sozial&shy;politischen Gr\u00fcnden haben Regierung, Parlament und Stimmvolk einen betr\u00e4chtlichen Einfluss auf diese Branchen. 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