{"id":119044,"date":"2013-04-01T12:00:00","date_gmt":"2013-04-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2013\/04\/wehrlin-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:24:51","modified_gmt":"2023-08-23T21:24:51","slug":"wehrlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2013\/04\/wehrlin\/","title":{"rendered":"Lebensraum Schweiz heute \u2013 Ordnung und Chaos"},"content":{"rendered":"<p>Wir leben in einer neuen \u00abGr\u00fcnderzeit\u00bb. Die Anforderungen an den Lebensraum Schweiz haben sich ge\u00e4ndert. Es gilt ihn neu zu gestalten. Nachhaltige und vielf\u00e4ltige Lebensformen in Siedlungen mit hoher Lebensqualit\u00e4t sind gefragt, dies in Harmonie und im Austausch mit Natur und Landschaft. Das Raumkonzept Schweiz weist einen Weg aus dem heutigen Wildwuchs in eine gezielte Gestaltung unseres Lebensraums. Der folgende Artikel beleuchtet das Konzept aus st\u00e4dtebaulicher und raumplanerischer Perspektive. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201304_22_Wehrlin_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"197\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Vom sanften Wandel zum &shy;radikalen\u00a0&shy;Umbruch<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n\u00dcber Jahrhunderte eignete sich die Bev\u00f6lkerung Lebensraum an und gestaltete ihn f\u00fcr die sich im Laufe der Zeit \u00e4ndernden &shy;Bed\u00fcrfnisse. Die Industrialisierung brachte grosse Ver\u00e4nderungen. Jedoch wurden Eisenbahn, Infrastrukturen und Siedlungen so gebaut, dass sie landschaftlich, st\u00e4dtebaulich, ortsbaulich und architektonisch hohen Anspr\u00fcchen gen\u00fcgen. Die D\u00f6rfer und St\u00e4dte waren noch verh\u00e4ltnism\u00e4ssig kompakt und homogen.Nach dem 2.\u2009Weltkrieg erm\u00f6glichten Wirtschaftswachstum und technischer Fortschritt neue Formen und Dimensionen der Besiedlung. Der Bau des Nationalstrassennetzes und der fl\u00e4chige Ausbau des Strassennetzes ver\u00e4nderten die Standortbedingungen radikal. Sp\u00e4ter kamen die Netze des \u00f6ffentlichen Verkehrs hinzu mit Hauptachsen und S-Bahnnetzen. Der \u00fcberwiegende Teil der heutigen Bausubstanz entstand in den letzten 50 Jahren.Harmonische Landschafts-, Orts- und Stadtbilder werden \u00fcberlagert und zerschnitten durch den Ausbau des Verkehrsnetzes sowie \u00dcber- und Anlagerungen von Baustrukturen, die oft wenig mit dem Ort oder der spezifischen Landschaft zu tun haben. Die forcierte Baut\u00e4tigkeit f\u00fchrt zu heterogenen, oft gesichtslosen Orten. Anders als zum Beispiel in den Niederlanden oder in den skandinavischen L\u00e4ndern gelang es in der Schweiz nicht, das Nachkriegswachstum der Siedlungen zu lenken; vielmehr herrscht in weiten Teilen Wildwuchs. Lage, Zuordnung und Dichte stimmen nicht; die orts- und stadtgestalterischen Qualit\u00e4ten fehlen.&#13;<\/p>\n<h2>Vollzugsnotstand<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSeit Jahrzehnten gibt es in unserem Land Erkenntnisse, Visionen, Konzepte, Gesetze und Verordnungen. Bislang fehlte es einfach an einer fl\u00e4chendeckenden Umsetzung. Es besteht Vollzugsnotstand. Entsprechend gross ist denn auch die Spannweite von hervorragenden, nachhaltigen Planungen und Realisierungen einerseits sowie raumplanerisch fragw\u00fcrdigen Entwicklungen andererseits. Dabei ist oft ein Stadt-Land oder Zentrum-Peripherie-Gef\u00e4lle feststellbar. In einzelnen St\u00e4dten, Agglomerationen und Gemeinden haben die Verantwortlichen gehandelt. Die gestalterischen Bestrebungen sind nun sp\u00fcrbar und Resultate sichtbar in Form von aufgewerteten urbanen Lebensr\u00e4umen mit Bezug zu spezifisch entwickelten Landschaften.&#13;<\/p>\n<h2>Hoffnung auf Raumkonzept Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Raumkonzept Schweiz zeigt die unter den heutigen gesellschaftlichen und politischen Verh\u00e4ltnissen vorstellbaren Konturen einer solchen Entwicklung. Es ist das bisher konkreteste raumplanerische Konzept f\u00fcr die Schweiz. Qualitative Anforderungen werden definiert und Formen einer nachhaltig gestalteten, vernetzten Siedlungsstruktur skizziert. Diese werden auf die Handlungsr\u00e4ume der geografisch \u00e4usserst vielf\u00e4ltigen Schweiz heruntergebrochen. Letztlich umfasst das Raumkonzept Schweiz auch Empfehlungen f\u00fcr die Umsetzung auf den drei Staatsebenen Bund, Kanton und Gemeinden. Das Raumkonzept ist evolution\u00e4r und nicht revolu&shy;tion\u00e4r.&#13;<\/p>\n<h2>Gestaltungsanspruch auf allen Ebenen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Raumkonzept Schweiz muss auf verschiedenen Ebenen konkretisiert, pr\u00e4zisiert und auch hinterfragt werden: Kantone, Regionen, funktionale R\u00e4ume, Agglomerationen, St\u00e4dte, Gemeinden und Quartiere. Es braucht auf allen Ebenen Bilder und Konzepte zur Lenkung der r\u00e4umlichen Entwicklung. Ein wesentlicher Aspekt ist die Verbindung von Landschaft und Siedlung als eine symbiotische Beziehung. Auf jeder Ebene geht es darum, den aus den Spielregeln der Landschaft entwickelten \u00e4usseren Rahmen f\u00fcr die Siedlungsentwicklung zu definieren wie auch die Freiraumstrukturen, welche die Siedlung gliedern, nachhaltig zu sichern. Auf der Ebene von Agglomeration, Stadt, Dorf und Quartier kommen das Netz des \u00f6ffentlichen Raumes (Strassen, Pl\u00e4tze, Wege) und die st\u00e4dtebaulichen Spielregeln f\u00fcr die Bebauung dazu. Gesamthaft ergibt sich ein r\u00e4umliches Regelwerk, das den Rahmen f\u00fcr die bauliche Entwicklung umschreibt und in Bandbreiten auch Spielr\u00e4ume f\u00fcr die architektonische Interpretation \u00f6ffnet.&#13;<\/p>\n<h2>Verbindung von Tradition und Innovation<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVor dem Hintergrund der globalen und lokalen Herausforderungen bez\u00fcglich Klima, Ressourcen und Umwelt sowie eines sich versch\u00e4rfenden Wettbewerbes bez\u00fcglich Standortqualit\u00e4ten und Effizienz sind f\u00fcr die \u00fcberwiegend urbane Bev\u00f6lkerung der Schweiz kompakte Siedlungsstrukturen erforderlich. Die Erf\u00fcllung der technischen und funktionalen Anforderungen allein gen\u00fcgen nicht mehr, ebenso wenig wie allein die wirtschaftliche, technische und architektonische Optimierung. Die Siedlungserneuerung und das Wachstum nach innen m\u00fcssen vermehrt auf die sinnlichen und emotionalen Bed\u00fcrfnisse der Menschen abgestimmt werden; dabei sind Identit\u00e4t, Geschichte der Orte und der menschliche Massstab einzubeziehen. Der Raum ist und bleibt lokal und spezifisch \u2013 wie auch der Anspruch des Menschen, der in einem bestimmten Raum lebt.&#13;<\/p>\n<h2>\u00d6ffentliches Interesse gewinnt an &shy;Bedeutung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBauherrschaften sind nicht mehr vorwiegend Einzelpersonen oder Kleinunternehmer, sondern Firmen, die spezialisiert sind auf die Entwicklung von Arealen in komplexen Gegebenheiten. Der zunehmende Grad der Anonymisierung der Bautr\u00e4gerschaft, der Arealentwickler und der Investoren ruft nach neuen Formen von Entwicklungsprozessen. Private Selbstregulierung f\u00fchrt nicht zwingend zu Qualit\u00e4t. Heute sind die Bauherrschaften, Arealentwickler und Investoren eher abstrakte Gr\u00f6ssen und wechseln unter Umst\u00e4nden. Tendenziell wird daher eine Maximierung der Nutzungsanspr\u00fcche angestrebt, die im Widerspruch zu einer nachhaltigen Entwicklung und zum \u00f6ffentlichen Interesse stehen k\u00f6nnen. Den professionell und effizient auftretenden neuen Bauherrschaften, die sich oft die Leistungen namhafter Architekten einkaufen, muss in den Gesamtrahmen des Ganzen \u2013 vertreten durch die Gemeinden und Kantone \u2013 eingebettet werden.Gerade die Stadt Z\u00fcrich hat in den vergangenen Jahrzehnten kooperative und partizipative Verfahren entwickelt, um die In&shy;teressen von Bauwilligen mit jenen der betroffenen und interessierten Bev\u00f6lkerung in Einklang zu bringen und das \u00f6ffentliche Interesse in Form von Zielen, Konzepten und Planungen wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Die Synergien aus \u00f6ffentlichen und privaten Interessen werden jeweils zugunsten eines ausgewogenen Ganzen entwickelt.&#13;<\/p>\n<h2>Beispiele aus der eigenen Praxis<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEs ist ein besonderes Verdienst der Verfasser des Raumkonzeptes Schweiz, dass die Aussagen auch auf die einzelnen Handlungsr\u00e4ume umgelegt werden. Die Beispiele wurden so ausgew\u00e4hlt, dass verschiedene Ebenen in unterschiedlichen Handlungsr\u00e4umen beleuchtet werden k\u00f6nnen. Ein Beispiel f\u00fcr die Planungsebene des Stadtteils bzw. Quartiers ist Malley in Lausanne und Renens (siehe Eintrittsbild).Mit dem \u00abR\u00e4umlichen Entwicklungskonzept f\u00fcr die Region Bern \u2013 Mittelland\u00bb konnten griffige Aussagen zum Kernbereich der <i>Hauptstadtregion<\/i> formuliert werden (siehe <i>Grafik 1<\/i>). Sie dienten als Basis f\u00fcr das im Auftrag des Kantons Bern ausgearbeitete \u00abRegionale Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzept RGSK\u00bb. Ein eng vernetztes System von Zentren und Siedlungsr\u00e4umen ist auf zwei Entwicklungsachsen organisiert. Ein \u00abgr\u00fcnes Band\u00bb begrenzt die innere Agglomeration gegen aussen. Auch der verdichtete Siedlungsk\u00f6rper von Bern ist durch innere Gr\u00fcnstrukturen gegliedert.Das \u00abR\u00e4umliche Entwicklungskonzept f\u00fcr die Stadt Sursee\u00bb ist ein aktuelles Beispiel im\u00a0<i>klein- und mittelst\u00e4dtisch gepr\u00e4gten Handlungsraum Luzern<\/i> (siehe <i>Grafik 2<\/i>). Gr\u00fcnsystem und \u00f6ffentlicher Raum definieren den Rahmen f\u00fcr eine qualit\u00e4tsvolle, nach innen gelenkte Siedlungsentwicklung, dies bei einer beabsichtigten Zunahme der Einwohnerzahl um 20\u2009% bis zum Jahr 2030.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abRegionale Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzepte Bern-Mittelland\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abR\u00e4umliches Entwicklungskonzept f\u00fcr die Stadt Sursee\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir leben in einer neuen \u00abGr\u00fcnderzeit\u00bb. Die Anforderungen an den Lebensraum Schweiz haben sich ge\u00e4ndert. Es gilt ihn neu zu gestalten. Nachhaltige und vielf\u00e4ltige Lebensformen in Siedlungen mit hoher Lebensqualit\u00e4t sind gefragt, dies in Harmonie und im Austausch mit Natur und Landschaft. 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