{"id":119049,"date":"2013-03-01T12:00:00","date_gmt":"2013-03-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2013\/03\/balaster-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:25:08","modified_gmt":"2023-08-23T21:25:08","slug":"balaster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2013\/03\/balaster\/","title":{"rendered":"Wie teuer ist die Schweiz im internationalen Quervergleich?"},"content":{"rendered":"<p>Schweizer und Norweger haben ein relativ hohes Bruttoeinkommen. Vergleicht man hingegen ihre wirtschaftliche Situation mit jener der Einwohner anderer fortgeschrittener, kleiner Volkswirtschaften in Europa, l\u00e4sst das allgemeine Preisniveau den Vorsprung schmelzen. Um diese Situation zu \u00e4ndern, m\u00fcssten innere Reformen \u2013 und damit verbundene Produktivit\u00e4tsgewinne \u2013 in Sektoren wie dem Gesundheitswesen oder dem Bau die Voraussetzungen f\u00fcr eine gem\u00e4ssigte Preis- und Lohndynamik schaffen. Um diesen Prozess anzustossen und zu unterst\u00fctzen, sollte parallel dazu die zentrale Lage auf dem Kontinent besser genutzt werden, um in den Sektoren mit interna&shy;tional handelbaren Waren und Dienstleistungen zu einem g\u00fcnstigeren Preisniveau zu kommen. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201303_04_Balaster_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz als Ganzes gesehen spielt in der Liga der globalen Wirtschaftszentren. Ihre wirtschaftliche Attraktivit\u00e4t geht aber einher mit knappem Boden und hohen Mieten. Sie ist auch mit gesuchten Arbeitskr\u00e4ften und hohen L\u00f6hnen verbunden. L\u00f6hne und Kapitalertr\u00e4ge (wie Mieten) ergeben zusammen das Bruttoinlandprodukt (BIP). Es ist deshalb zu erwarten, dass die Schweiz sich auch gemessen am Preisniveau des BIP als teurer Produktionsstandort erweist, analog anderen globalen Zentren. Wie die Zahlen von Eurostat zeigen, liegt das Preisniveau der Schweiz mit 144,7 Indexpunkten (2011) denn auch deutlich \u00fcber dem Mittel der EU15. Es bewegt sich aber auch \u2013 wie <i>Grafik 1<\/i> zeigt \u2013 markant \u00fcber dem Mittelwert anderer fortgeschrittener, kleiner und offener Volkswirtschaften in Europa.In diesem Kontext stellen sich folgende Fragen:&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li>Liegt das hohe Preisniveau in der Schweiz wirklich ausschliesslich daran, dass es \u2028international nicht mobile Produktions&shy;faktoren gibt, die nicht durch Zuzug \u2028vermehrbar oder durch Importe substituierbar sind, und somit letztlich an ihrer hohen Standortattraktivit\u00e4t?<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Muss die hohe Attraktivit\u00e4t eines Standorts nicht auch in einer hohen Produktivit\u00e4t der am fraglichen Standort erzeugten wirtschaftlichen Leistungen gr\u00fcnden? Und damit verbunden die Frage: M\u00fcssen sich nicht aus hohen L\u00f6hnen dank hoher Produktivit\u00e4t Endverkaufspreise ergeben, die den Standort im internationalen Wettbewerb preislich wettbewerbsf\u00e4hig halten?<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<\/p>\n<h2>Preisniveau nach Produktkategorien<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie nachstehenden Betrachtungen sollen\u00a0veranschaulichen, dass die vielbeklagte \u00abHochpreisinsel Schweiz\u00bb nicht einfach nur auf die hohen Einkommen und den knappen Boden zur\u00fcckgef\u00fchrt werden kann, auch wenn diese beiden Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Es werden auch international gehandelte G\u00fcter in der Schweiz relativ teuer verkauft. Und in einigen der vor internationaler Konkurrenz gesch\u00fctzten Sektoren steht es um die Produktivit\u00e4t nicht zum Besten. Beides macht die Schweiz teuer. In <i>Grafik 2<\/i> ist dargestellt, f\u00fcr welche Produktgruppen auf Konsumstufe die Schweiz besonders teuer ist. Gemessen am langj\u00e4hrigen Mittel aufgrund von Grafik 1 enthalten sie in diesem Jahr eine durch die Frankenst\u00e4rke verursachte \u00dcberh\u00f6hung von gegen 15%. Hervorzuheben sind die beiden untersten Positionen. Bei <i>G\u00fctern<\/i> liegt der Indexwert bei 130 Punkten, w\u00e4hrend er bei <i>Dienstleistungen<\/i> bei 170 Punkten liegt. Bei den G\u00fctern, deren internationale Handelbarkeit weit besser ist als jene von Dienstleistungen, ist die Hochpreisinsel Schweiz also weniger ausgepr\u00e4gt. Deutlich wird auch der Einfluss der hohen Bodenpreise \u2013 und damit der Mieten \u2013 anhand der Position <i>Wohnungswesen<\/i>. Die Position <i>Erziehung und Unterricht<\/i> wird gem\u00e4ss statistischer Konvention weitgehend durch die L\u00f6hne bestimmt, die im Bildungsbereich bezahlt werden. Angesichts der nicht nur in diesem Sektor erreichten Einkommen hat \u2013 neben dem Aspekt der Bodenknappheit \u2013 somit auch der Aspekt der hohen L\u00f6hne einen klaren Einfluss auf das relativ hohe Preisniveau in der Schweiz. Daneben wird aber auch der Agrarprotektionismus manifest, und die hohen erfassten Preise f\u00fcr Bekleidung und Schuhe d\u00fcrften sich kaum allein mit den hohen Vertriebskosten in der Schweiz \u2013 also den L\u00f6hnen in den Kleider- und Schuhgesch\u00e4ften \u2013 erkl\u00e4ren. Denn bei dieser Position ist der Anteil der Kosten, die im Ausland anfallen, am Umsatz auf Konsumstufe einer der h\u00f6chsten. Verkehr und Nachrichten\u00fcbermittlung zeigen parallel dazu, dass auch Dienstleistungen, die in bedeutendem Mass im Inland f\u00fcr das Inland erzeugt werden, in der Schweiz zu international durchaus konkurrenzf\u00e4higen Preisen angeboten werden k\u00f6nnen. Insgesamt ist Grafik 2 ein Pl\u00e4doyer daf\u00fcr, durch Reformen im Innern die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Schweiz zu verbessern.Ausgehend von den Kategorien in Grafik 2 und gest\u00fctzt auf eine Auswertung der Input-Output-Tabelle f\u00fcr die Schweiz haben wir f\u00fcr die weiterf\u00fchrenden Analysen die Positionen Wohnungswesen, Gesundheitspflege, Erziehung und Unterricht sowie Kommunikation dem rein binnenorientierten Sektor zugeschlagen. Bei den restlichen Positionen beanspruchen die Zahlungen, die f\u00fcr Importe effektiv ans Ausland geleistet werden m\u00fcssen, nicht nur wenige Prozente, sondern meist rund 20% des Umsatzes auf Konsumstufe. Bei M\u00f6beln sowie Textilien und Bekleidung sind es gar noch mehr.&#13;<br \/>\nVgl. Seco-Bericht zur Weitergabe von Einkaufsvorteilen aufgrund der Frankenst\u00e4rke vom 8.11.2011, Abschnitt 4.1.2, <a href=\"http:\/\/www.seco.admin.ch\">http:\/\/www.seco.admin.ch<\/a>, Medienmitteilung vom 9.11.2011: Frankenst\u00e4rke: Weitergabe von Einkaufsvorteilen teilweise ungen\u00fcgend. Diese restlichen Sektoren bilden f\u00fcr uns den international exponierten Sektor. Wie vergleichen sich die Preisniveaus nun in diesen beiden Teilsektoren? <i>Grafik 3<\/i> zeigt f\u00fcr die Schweiz und die acht L\u00e4nder der Vergleichsgruppe eine relativ hohe Korrelation zwischen dem Bruttoeinkommen der Haushalte&#13;<br \/>\nVgl. Eurostat-Datenbank, \u00abBev\u00f6lkerung und soziale Bedingungen\u00bb, \u00abArbeitsmarkt\u00bb, \u00abVerdienste\u00bb, \u00abNettojahreseinkommen\u00bb unter <a href=\"http:\/\/epp.eurostat.ec.europa.eu\">http:\/\/epp.eurostat.ec.europa.eu<\/a>, Statistiken, Suche Datenbank. Wiedergegeben ist das Bruttojahreseinkommen eines Ehepaars mit zwei Einkommen, 100% und 67% des Lohns eines Durchschnittsarbeitnehmers betragend, und zwei Kindern, zu laufenden Wechselkursen gemessen am Mittel der EU15. und dem Preisniveau in den vier binnenorientierten Sektoren (linke Teilgrafik). Auffallend ist, dass in Irland das relative Einkommen das relative Niveau der Mieten noch nicht erreicht hat, und dass die Norweger \u2013 gemessen am Einkommen \u2013 \u2028wesentlich g\u00fcnstiger wohnen als die Schweizer und die D\u00e4nen. In der rechten Teilgrafik wird der Zusammenhang zwischen dem verf\u00fcgbaren Einkommen (sind diese binnenorientierten Leistungen einmal bezahlt, d.h. dem disponiblen Einkommen II), und dem Preisniveau im exponierten Sektor dargestellt. Deutlich wird, dass die grunds\u00e4tzlich vorhandene Handelbarkeit der meisten dieser Produkte und Dienstleistungen nicht zu einem einheitlichen Preisniveau quer durch Europa f\u00fchrt. Die hohen Nominaleinkommen Norwegens und der Schweiz (siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Einkommensvorsprung der Schweiz und Norwegens<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas etwas \u00fcberraschende Resultat hinsichtlich des Einkommensvorsprungs der Schweiz und Norwegens r\u00fchrt in hohem Mass daher, dass hier die Bruttoverdienste verwendet werden und nicht das BIP pro Kopf. Vergleicht man den Indexwert der Bruttoverdienste und den Indexwert des BIP pro Kopf (jeweils zum Mittel der EU15), so schiebt sich namentlich in Belgien, Finnland, \u00d6sterreich, den Niederlanden und Schweden nur ein vergleichsweise kleiner Keil zwischen das BIP pro Kopf und die Haushalteinkommen. In D\u00e4nemark, der Schweiz, Irland und vor allem Norwegen fallen dagegen erhebliche Teile des BIP pro Kopf nicht als Bruttoeinkommen bei den Haushalten an. In diesen L\u00e4ndern sind die Abschreibungen, die unverteilten Unternehmenseinkommen und\/oder das Einkommen des Staates (z.B. norwegische Staatsfonds f\u00fcr die Erd\u00f6leinnahmen) bedeutend. In die gleiche Richtung weist auch die Relation zwischen dem Inlandverbrauch und dem BIP. Die entsprechenden Werte liegen bei 0,72% in Finnland, 0,69% in D\u00e4nemark, 0,68% in Belgien, 0,67% in Schweden, 0,65% in \u00d6sterreich, 0,64% in der Schweiz, 0,62% in den Niederlanden, 0,61% in Irland und 0,55% in Norwegen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n) werden vom hohen Preisniveau auch im exponierten Sektor wettgemacht, so dass diese L\u00e4nder preisbereinigt bei den Konsumm\u00f6glichkeiten nur noch D\u00e4nemark und Irland hinter sich lassen, kaum mehr aber Belgien, die Niederlande, \u00d6sterreich, Finnland und Schweden.Der rechte Teil von Grafik 3 legt den Schluss nahe, dass in den skandinavischen L\u00e4ndern das Preisniveau h\u00f6her liegt, als es aufgrund der disponiblen Einkommen zu erwarten ist. In den Benelux-Staaten und \u00d6sterreich l\u00e4sst sich aufgrund eines am Einkommen gemessen relativ tiefen Preisniveaus dagegen vergleichsweise viel mit dem verbliebenen Einkommen einkaufen. Die zentrale Lage auf dem Kontinent spricht daf\u00fcr, dass auch in der Schweiz in den exponierten Sektoren noch ein etwas g\u00fcnstigeres Preisniveau m\u00f6glich w\u00e4re.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abRelative Preisniveauindizes, 2000\u20132011\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abRelatives Preisniveau 2011 nach Kategorien von G\u00fctern und Dienstleistungen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3: \u00abPro-Kopf-Einkommen und Preisniveau in der Schweiz und acht Vergleichsl\u00e4ndern\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Einkommensvorsprung der Schweiz und Norwegens&#13;<\/p>\n<h3>Einkommensvorsprung der Schweiz und Norwegens<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas etwas \u00fcberraschende Resultat hinsichtlich des Einkommensvorsprungs der Schweiz und Norwegens r\u00fchrt in hohem Mass daher, dass hier die Bruttoverdienste verwendet werden und nicht das BIP pro Kopf. Vergleicht man den Indexwert der Bruttoverdienste und den Indexwert des BIP pro Kopf (jeweils zum Mittel der EU15), so schiebt sich namentlich in Belgien, Finnland, \u00d6sterreich, den Niederlanden und Schweden nur ein vergleichsweise kleiner Keil zwischen das BIP pro Kopf und die Haushalteinkommen. In D\u00e4nemark, der Schweiz, Irland und vor allem Norwegen fallen dagegen erhebliche Teile des BIP pro Kopf nicht als Bruttoeinkommen bei den Haushalten an. In diesen L\u00e4ndern sind die Abschreibungen, die unverteilten Unternehmenseinkommen und\/oder das Einkommen des Staates (z.B. norwegische Staatsfonds f\u00fcr die Erd\u00f6leinnahmen) bedeutend. In die gleiche Richtung weist auch die Relation zwischen dem Inlandverbrauch und dem BIP. Die entsprechenden Werte liegen bei 0,72% in Finnland, 0,69% in D\u00e4nemark, 0,68% in Belgien, 0,67% in Schweden, 0,65% in \u00d6sterreich, 0,64% in der Schweiz, 0,62% in den Niederlanden, 0,61% in Irland und 0,55% in Norwegen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schweizer und Norweger haben ein relativ hohes Bruttoeinkommen. Vergleicht man hingegen ihre wirtschaftliche Situation mit jener der Einwohner anderer fortgeschrittener, kleiner Volkswirtschaften in Europa, l\u00e4sst das allgemeine Preisniveau den Vorsprung schmelzen. 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