{"id":119199,"date":"2012-12-01T12:00:00","date_gmt":"2012-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2012\/12\/anwander-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:25:45","modified_gmt":"2023-08-23T21:25:45","slug":"anwander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2012\/12\/anwander\/","title":{"rendered":"Business-Initiativen und freiwillige Standards"},"content":{"rendered":"<p>Freier Handel braucht Spielregeln, um Sozial- und Umweltdumping zu vermeiden. Die Wirtschaft ist bereit, Verantwortung zu \u00fcbernehmen und sich diese Spielregeln selber zu geben. Dies bedingt eine glaubw\u00fcrdige Umsetzung, eine transparente \u00dcberpr\u00fcfung sowie einen aktiven Politikdialog. Am Beispiel der Business Social Compliance Initiative (BSCI) soll gezeigt werden, wie 1000 Unternehmen zusammen an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Lieferketten arbeiten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGegen die billigen Importe aus China und anderen Fernostl\u00e4ndern setzte in den 1990er-Jahren vielseitiger Widerstand ein. Gewerkschaften sahen durch Sozialdumping ihre Errungenschaften bez\u00fcglich Lohn und Arbeitszeiten gef\u00e4hrdet; Unternehmen wollten sich vor dem unlauteren Wettbewerb aus Fernost sch\u00fctzen; und Nichtregierungsorganisationen wiesen auf ausbeuterische Arbeitsbedingungen hin und riefen zum Boykott auf. Ein obligatorisches \u00abMade in China\u00bb-Label sollte Arbeitnehmende und Konsumenten im Westen sch\u00fctzen.&#13;<\/p>\n<h2>Gr\u00fcndung der BSCI<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVer&shy;schiedene Unternehmen haben auf den &shy;wachsenden Druck reagiert und eigene Verhaltenskodizes verabschiedet. 2003 haben ein Dutzend europ\u00e4ischer Handelsunternehmen die BSCI unter dem Dach der <i>Foreign Trade Association (FTA)<\/i> gestartet, mit dem Ziel, gemeinsam mehr Effizienz und Glaubw\u00fcrdigkeit zu erzielen. Basis war ein gemeinsamer <i>Code of Conduct<\/i> \u2013 basierend auf den Kernkonventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) \u2013 sowie eine gemeinsame Datenbank. Mit der gegenseitigen Anerkennung von Auditberichten k\u00f6nnen Mehr&shy;fachaudits reduziert werden. Von Anfang an war <i>Continous Improvement<\/i> ein wichtiger Grundsatz: Produktionsbetriebe, die gegen die Kriterien verstossen, werden nicht fallengelassen, sondern m\u00fcssen einen Verbesserungsprozess durchlaufen. Sie werden mit Kursen und Beratungsangeboten unterst\u00fctzt. Heute z\u00e4hlt die BSCI rund 1000 Mitglieder \u2013 darunter auch viele kleine Unternehmen und Importeure \u2013 und ist eine der gr\u00f6ssten freiwilligen Initiativen. In der Datenbank stehen \u00fcber 20\u2009000 Auditberichte von Produktionsbetrieben in Risikol\u00e4ndern. Die BSCI kommt in allen Bereichen der Konsumg\u00fcterindustrie, in der Lebensmittelverarbeitung und in der Landwirtschaft zum Einsatz.&#13;<\/p>\n<h2>Glaubw\u00fcrdigkeit und Wirkung als \u2028Zielgr\u00f6ssen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas gr\u00f6sste Kapital der BSCI ist ihre Glaubw\u00fcrdigkeit. Diese ergibt sich erstens durch die Transparenz der Instrumente und die professionelle Durchf\u00fchrung der Audits. Nebst der externen Ausbildung und Akkreditierung der Auditoren hat die BSCI schon fr\u00fch mit Massnahmen zur Absicherung der Auditqualit\u00e4t begonnen \u2013 mit der Durchf\u00fchrung von begleiteten Audits und nachtr\u00e4glichen \u00dcberpr\u00fcfungsaudits, der stichprobem\u00e4ssigen \u00dcberpr\u00fcfung von Auditberichten sowie der \u00dcberpr\u00fcfung der Kontrollmechanismen der Zertifizierungsfirmen. Ein Integrity-Ausschuss legt Sanktionen gegen fehlbare Auditfirmen fest. Ab 2013 wird die BSCI bei einem Drittel der als \u00abgut\u00bb eingestuften Produktionsbetriebe unangemeldete Audits durchf\u00fchren. Die zweite Komponente der Glaubw\u00fcrdigkeit betrifft die tats\u00e4chliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Lieferl\u00e4ndern. Die teilnehmenden Firmen verpflichten sich, Transparenz in ihre Lieferketten zu bringen. Nach dreieinhalb Jahren muss ein Drittel der Lieferanten mit \u00abgut\u00bb oder \u00abVerbesserung notwendig\u00bb gewertet werden, nach f\u00fcnfeinhalb Jahren zwei Drittel. BSCI ist also kein Feigenblatt, sondern muss m\u00f6glichst die ganzen Handelsaktivit\u00e4ten abdecken. Wer das Committment nicht erf\u00fcllt, wird zuerst verwarnt und dann ausgeschlossen. Gr\u00f6sste Herausforderungen sind die Einhaltung der maximal zul\u00e4ssigen Arbeitszeiten sowie die Sicherstellung der korrekten Entl\u00f6hnung. In verschiedenen L\u00e4ndern stellt aus politischen Gr\u00fcnden auch das Recht, sich in freien Gewerkschaften zu organisieren, eine grosse Herausforderung dar. Bei Fragen wie Mindestl\u00f6hnen, H\u00f6chstarbeitszeiten, Familiennachzug, Schulpflicht oder Unfall- und Krankenversicherung f\u00fcr Arbeitnehmende braucht es den Dialog am Runden Tisch mit Vertretern der Arbeitgeber, der Politik, der Gewerkschaften und der Menschenrechtsbewegungen. Das gilt f\u00fcr die Arbeitgeber in den Produktionsl\u00e4ndern ebenso wie f\u00fcr die Handelsunternehmen in Europa. Es braucht das Zusammenspiel von Internationalen Organisationen, Politik und Wirtschaft. Mit einem Umsatz von inzwischen 417 Mrd. Euro hat die BSCI als Vertretung der Wirtschaft eine wichtige Stimme. Ihre Glaubw\u00fcrdigkeit und Verl\u00e4sslichkeit, die Anerkennung der Gesch\u00e4fts- und Marktrealit\u00e4ten, der Wille, Verantwortung auch von den nationalen Akteuren einzufordern, und nicht zuletzt die Bereitschaft, mit Trainings und Ausbildung aktiv zu Verbesserungen beizutragen, haben BSCI als klar positionierte Business-Initiative in vielen Produktionsl\u00e4ndern Respekt und offene T\u00fcren f\u00fcr einen konstruktiven und l\u00f6sungsorientierten Politikdialog gebracht.&#13;<\/p>\n<h2>Ver\u00e4nderte Machtverh\u00e4ltnisse bedingen partnerschaftliche Ans\u00e4tze<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nChina und andere asiatische Volkswirtschaften wachsen rasch. Zunehmend steht die Befriedigung der Konsumbed\u00fcrfnisse der wachsenden Mittelschichten im Zentrum. Dies hat einen Einfluss auf die Verhandlungsmacht der Eink\u00e4ufer aus dem Westen. Qualit\u00e4ts- und Nachhaltigkeitsanforderungen werden verst\u00e4rkt hinterfragt, wenn es nicht gelingt, diese auch im Interesse der Produktionsbetriebe darzustellen. Dazu tragen die Versch\u00e4rfung der nationalen Gesetzgebung, vermehrte staatliche Kontrollen und Sanktionen bei Verst\u00f6ssen ebenso wie wirtschaftliche Realit\u00e4ten bei. Eine hohe Fluktuation wegen unzufriedenen Arbeitnehmenden f\u00fchrt zu Produktivit\u00e4tseinbussen und verhindert die Weiterentwicklung in h\u00f6herwertige Produktgruppe. Mit ganzheitlichen Ans\u00e4tzen im Ausbildungs- und Beratungsbereich wird versucht, die Steigerung der Produktivit\u00e4t und der Lieferbereitschaft mit einer Verbesserung des Umgangs mit den Arbeitnehmenden sowie mit einer Reduktion des Ressourceneinsatzes zu verbinden. Erste Pilotprojekte \u2013 u.a. mit dem Programmen <i>Score<\/i> und <i>Better Work<\/i> der ILO \u2013 zeigen ermutigende Resultate und werden innerhalb der BSCI weiterverfolgt. Die vermehrte Investition in die Entwicklung und F\u00f6rderung von guten und strategisch wichtigen Lieferanten f\u00fchrt zu einer offensichtlichen Ver\u00e4nderung des Einkaufsverhaltens: Es werden weniger, daf\u00fcr vermehrt langfristige und partnerschaftliche Gesch\u00e4ftsbeziehungen gepflegt. Speziell bei Produkten mit tiefer Wertsch\u00f6pfung wird aus Kostengr\u00fcnden aber auch in neue Produktionsgebiete ausgewichen, wo der Dialog mit den Gewerkschaften, den Arbeitgebern und der Politik oft noch am Anfang steht und erst eine Sensibilisierung auf allen Ebenen erfolgen muss. In einigen dieser L\u00e4nder sind die Voraussetzungen f\u00fcr glaubw\u00fcrdige Audits nicht gegeben.&#13;<\/p>\n<h2>Ausblick auf neue Entwicklungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend sich die betriebswirtschaftlichen Vorteile einer korrekten Einhaltung der Arbeitsgesetze meist erst l\u00e4ngerfristig zeigen, sind die Vorteile bei der Verbesserung im Umweltbereich oft schneller zu realisieren. Je mehr sich die negativen Auswirkungen der industriellen Entwicklung zeigen, desto lauter wird die Forderung, die Einhaltung der nationalen Gesetze auch im Umweltbereich zu \u00fcberpr\u00fcfen und sicherzustellen. Unter dem Dach der FTA wird zur Zeit eine <i>Business Environmental Performance Initiative (BEPI)<\/i> entwickelt, die parallel zu BSCI wirken soll. Das Dach f\u00fcr die neue Initiative bildet das Umweltmodul des <i>Global Social Compliance Project (GSCP)<\/i>. Diese wurde von global t\u00e4tigen Unternehmen gegr\u00fcndet, welche heute teilweise mit Business-Initiativen wie BSCI arbeiten oder mit firmeninternen Programmen ihre Beschaffungsketten nachhaltiger machen. Sie alle sind mit der Forderung der Lieferanten konfrontiert, die Anforderungen zu harmonisieren und die Zahl der Audits weiter zu reduzieren. So wichtig der Wettbewerb zwischen verschiedenen Standards und Systemen ist, so richtig ist die Forderung, angesichts des steigenden Preisdrucks weitere Schritte in Richtung gegenseitiger Anerkennung zu machen. Dies bedingt einen transparenten Prozess, in dem nicht nur die Kriterienkataloge, sondern auch die Qualit\u00e4t und Glaubw\u00fcrdigkeit der Umsetzung verglichen werden. Denn am Schluss z\u00e4hlt nur, ob es gelingt, in den Produktionsst\u00e4tten weltweit die Situation der Arbeitnehmenden zu verbessern und die Umweltbelastung deutlich zu reduzieren. Daran m\u00fcssen sich freiwillige Standards messen lassen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1: \u00abKennziffern der BSCI\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: BSCI reagiert auf Gesundheits- und \u2028Sicherheitsstandards in Bangladesch&#13;<\/p>\n<h3>BSCI reagiert auf Gesundheits- und \u2028Sicherheitsstandards in Bangladesch<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nAm 24. November 2012 sind bei einem tragischen Feuer in der Fabrik Tazreen Fashion in Bangladesch hunderte Arbeitnehmende ums Leben gekommen. BSCI wurde informiert, dass am 26. und 28. November zwei weitere Feuer in anderen Fabriken in Bangladesh ausgebrochen sind. Die neue BSCI-Plattform, \u2028die im September 2012 online gegangen ist, &shy;bietet Transparenz bez\u00fcglich Audithistorie. So konnte BSCI feststellen, dass im Dezember 2011 ein Audit in der Tazreen Fashions Fabrik durch einen BSCI-Teilnehmer initiert wurde. Der Auditbericht zeigt, dass es erhebliche M\u00e4ngel im Bereich Gesundheit und Sicherheit in dieser Fabrik gegeben hat. Gem\u00e4ss BSCI-Regularien h\u00e4tten bis Dezember 2012 gefundene M\u00e4ngel behoben werden m\u00fcssen. Da allerdings gegenw\u00e4rtig kein BSCI-Teilnehmer mit dieser Fabrik Gesch\u00e4ftsbeziehungen pflegt, fehlt es an Hebelkraft und der Verantwortung, Massnahmen zur Verbesserung in der Fabrik herbeizuf\u00fchren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBSCI wird sich weiterhin daf\u00fcr einsetzen, Fabrikmanager und Eink\u00e4ufer im Bereich Gesundheit und Sicherheit zu schulen. Durch BSCI-Trainings konnten in der Vergangenheit mehr als 1000 Fachmitarbeitende in Bangladesch geschult werden. BSCI wird diesen Weg weiterhin verfolgen und die M\u00f6glichkeit der Einbindung von lokalen Ausbildungsprogrammen zum Brandschutz evaluieren. BSCI weist aber auch auf die Mitverantwortung der Regierung, Verb\u00e4nde, Gewerkschaften und lokalen NGO hin, auf deren Zusammenarbeit man bei diesem Thema zwingend angewiesen ist. BSCI wird auf den regelm\u00e4ssig stattfindenen <i>BSCI Stakeholder Round Tables<\/i> in Bangladesch noch verst\u00e4rkt das Thema Sicherheit und Gesundheit auf der politischen Ebene ansprechen. Da Bangladesch zunehmend zur \u00abN\u00e4hkammer\u00bb Asiens geworden ist, gen\u00fcgt das <i>Shaming and Blaming<\/i> von westlichen Modelabels nicht mehr. Die Regierung in Bangladesch muss unabh\u00e4ngig vom Bestimmungsmarkt der Produkte sicherstellen, dass die gesetzlichen Anforderungen im Bereich Sicherheit von Bauten und Anlagen sowie Arbeitnehmerschutz eingehalten und fehlbare Manager geb\u00fcsst werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freier Handel braucht Spielregeln, um Sozial- und Umweltdumping zu vermeiden. 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