{"id":119284,"date":"2012-12-01T12:00:00","date_gmt":"2012-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2012\/12\/wiener-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:25:47","modified_gmt":"2023-08-23T21:25:47","slug":"wiener","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2012\/12\/wiener\/","title":{"rendered":"Ungleichheit als makro\u00f6konomischer Risikofaktor in den USA: Lehren f\u00fcr die Schweiz?"},"content":{"rendered":"<p>Die \u00d6konomen des 19. Jahrhunderts ahnten bereits, dass \u00f6ko&shy;nomische Ungleichheit bedeutende makro\u00f6konomische Konsequenzen haben kann. Sie verstanden auch, dass institutionelle Faktoren die Einkommensverteilung entscheidend beeinflussen. Beide Einsichten wurden in den Jahren vor der j\u00fcngsten Weltwirtschaftskrise zu wenig beachtet. Die USA k\u00f6nnen als Fallbeispiel dienen, wie institutionelle Ver\u00e4nderungen zu Ungleichheit beitragen und welche wirtschaftlichen Konsequenzen dies haben kann. F\u00fcr die Schweiz ergeben sich daraus aufschlussreiche Lehren. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201212_21_Wiener_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEinkommensverteilung galt lange als Kernthema der politischen \u00d6konomie. F\u00fcr David Ricardo war es das Hauptproblem der politischen \u00d6konomie schlechthin. Die Mechanismen hinter der Verteilung des \u00abWohlstands der Nation\u00bb zwischen den sozialen Klassen wurde eingehend untersucht, ebenso wie die Auswirkungen dieser Verteilungsmuster auf die wirtschaftliche Entwicklung. Sp\u00e4testens in der Nachkriegszeit verloren aber viele \u00d6konomen das Interesse an Verteilungsfragen. Die Wissenschaft schien mit der Grenzproduktivit\u00e4tstheorie der Faktorpreise eine ausreichende Basis f\u00fcr die Erkl\u00e4rung von Verteilungsmustern gefunden zu haben \u2013 n\u00e4mlich, dass jeder Produktionsfaktor entsprechend dem Wert seines Grenzproduktes entl\u00f6hnt wird. Unter der Annahme perfekter Kreditm\u00e4rkte konnte im neoklassischen Modell ausserdem gezeigt werden, dass die Einkommensverteilung keine Auswirkungen auf die Wachstumsrate einer Wirtschaft hat. \u00d6konomische Forschung, so eine weitverbreitete Meinung in diesen Jahren, soll sich deshalb vornehmlich mit Wirtschaftswachstum und nicht mit Einkommensverteilung besch\u00e4ftigen. Der Nobelpreistr\u00e4ger Robert Lucas hielt den Fokus auf die Einkommensverteilung gar f\u00fcr die giftigste Tendenz in den Wirtschaftswissenschaften \u00fcberhaupt.&#13;<\/p>\n<h2>Trends in der Einkommensverteilung in den USA und der Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie j\u00fcngste Weltwirtschaftskrise hat Ungleichheiten in der Einkommens- und Verm\u00f6gensverteilung wieder ins Zentrum der Debatte ger\u00fcckt. Die Protestbewegung <i>Occupy Wall Street<\/i> speiste sich aus einem dumpfen Unbehagen in Teilen der amerikanischen Bev\u00f6lkerung angesichts reduzierter sozialer Mobilit\u00e4t, politischer Beg\u00fcnstigung von Wall Street gegen\u00fcber der <i>Main Street<\/i> (eine Kurzformel f\u00fcr die Realwirtschaft, aber auch f\u00fcr die Interessen der Mittelklasse) sowie einer Versch\u00e4rfung \u00f6konomischer Ungleichheiten. Die Fakten sind dabei auch in der Wissenschaft wenig kontrovers. Wie Zensusdaten f\u00fcr die USA zeigen, sind zwischen 1979 und 2009 die durchschnittlichen Realeinkommen der einkommensschw\u00e4chsten 20% aller Familien um 7,4% gefallen, w\u00e4hrend die obersten 20% im selben Zeitraum ein Wachstum von 49,0% erfuhren.&#13;<br \/>\nVgl. US Census Bureau. Diese Entwicklung zeichnet sich in allen untersuchten Indikatoren ab.Wie <i>Grafik 1<\/i> zeigt, stieg in den USA die Ungleichheit der Bruttoeinkommen in der oberen H\u00e4lfte der Einkommensverteilung seit 1980 beinahe kontinuierlich an, w\u00e4hrend in der unteren H\u00e4lfte die Zunahme der Ungleichheit bis Mitte der 1990er-Jahre andauerte. Die entsprechenden Zeitreihen f\u00fcr die Schweiz sind wesentlich k\u00fcrzer, zeigen aber insgesamt ein niedrigeres Niveau der Ungleichheit sowie gr\u00f6ssere Stabilit\u00e4t in der unteren H\u00e4lfte der Einkommensverteilung. Gem\u00e4ss diesem Indikator zogen aber auch in der Schweiz die hohen Einkommen den mittleren Einkommen davon. Diese zunehmende Ungleichheit \u2013 insbesondere am oberen Ende \u2013 schlug sich im Anteil der verschiedenen Einkommensklassen am US-amerikanischen Gesamteinkommen nieder. Das durch Occupy Wall Street ber\u00fchmt gewordene oberste Prozent der Steuerpflichtigen erhielt 1970 noch 7,8% des gesamten Bruttoeinkommens, w\u00e4hrend dieser Anteil im Jahr 2010 auf 17,4% angestiegen war.&#13;<br \/>\nVgl. Alveredo et al. (2012). In der Schweiz zeigt sich dagegen eine relativ stabile Verteilungsstruktur im Verlauf des 20. Jahrhunderts.&#13;<br \/>\nVgl. Dell et al. 2005, Schaltegger &amp;amp; Gorgas (2011).Ein \u00e4hnliches Bild ergibt sich aus der Analyse von Ungleichheitsindikatoren, in deren Berechnung die Gesamtheit der Verteilung und nicht nur die Randbereiche einfliessen. F\u00fcr die Schweiz zeigt sich ein leichter Anstieg der Ungleichheit zwischen 2001 und 2007. Seither haben die Ungleichheitsindikatoren wieder abgenommen.&#13;<br \/>\nVgl. BFS (2012). Im internationalen Vergleich ist die Einkommensverteilung in der Schweiz nicht nur relativ stabil, sondern auch egalit\u00e4r. Wie <i>Grafik 2<\/i> zeigt, sind die Kapital- und Arbeitseinkommen der Haushalte in der Schweiz weniger ungleich verteilt als im OECD-Durchschnitt. Allerdings ist die Reduktion der Ungleichheit durch Transfers und Steuern sowohl in der Schweiz als auch den USA weit weniger umfangreich als in anderen L\u00e4ndern. Entsprechend liegt die Schweiz bei den ver&shy;f\u00fcgbaren Einkommen nur auf Platz acht, w\u00e4hrend sie bei der Verteilung der Markteinkommen an erster Stelle (mit der geringsten Ungleichheit) steht.&#13;<\/p>\n<h2>Ursachen der zunehmenden Ungleichheit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDiese Entwicklungen haben auch in der Wirtschaftswissenschaft zu einem erneuten Interesse an den Ursachen und Folgen von ungleicher Einkommensverteilung gef\u00fchrt. Bei der Beantwortung der ersten Frage st\u00fctzen sich \u00d6konomen h\u00e4ufig auf Varianten des Lehrbuchmodells von Angebot und Nachfrage f\u00fcr unterschiedlich produktive Arbeitnehmende. Die Theorie des sogenannten quali&shy;fikationsverzerrten technischen Wandels erkl\u00e4rt dabei die zunehmende Ungleichheit der Arbeitseinkommen durch eine Verschiebung der Nachfrage zugunsten von besser ausgebildeten Arbeitern. Gem\u00e4ss dieser Theorie habe der technische Fortschritt \u2013 insbesondere die weitverbreitete Einf\u00fchrung von Computern \u2013 hochqualifizierte Arbeitnehmende komplementiert und dadurch ihre Produktivit\u00e4t \u00fcberproportional gesteigert. Wenig qualifizierte Arbeitnehmende, deren Arbeit Routinecharakter hat, w\u00fcrden dagegen durch den technischen Wandel ersetzbar. Dieses Lehrbuchmodell des qualifikationsverzerrten technischen Wandels ist in den letzten Jahren verschiedentlich in Kritik geraten.&#13;<br \/>\nVgl. Harjes 2007, Dell et al. (2005). So treffen Ungleichheitsdynamik und technischer Wandel weder zeitlich noch r\u00e4umlich zusammen. W\u00e4hrend sich Anforderungsprofile in vielen Industriel\u00e4ndern parallel ver\u00e4ndert haben, nahm die Ungleichheit in unterschiedlichem Masse zu.&#13;<br \/>\nVgl. Neckermann &amp;amp; Torche (2007). Alternative Erkl\u00e4rungsmodelle betonen, dass das Standardmodell durch eine genaue Analyse von institutionellen Ver\u00e4nderungen erg\u00e4nzt werden muss. Zu den in verschiedenen Studien als relevant genannten Faktoren z\u00e4hlen unter anderem der gewerkschaftliche &shy;Deckungsgrad, die Mindestlohnpolitik und das Steuerwesen.&#13;<br \/>\nSiehe zum Beispiel Fortin &amp;amp; Lemieux (1997), Saez (2004). Die Annahme ist dabei, dass Arbeitsmarktinstitutionen im weitesten Sinne die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmenden beeinflussen.&#13;<br \/>\nVgl. Levy &amp;amp; Temin (2007). Ein ausgebauter Sozialstaat, sch\u00fctzende Arbeitsnormen sowie einflussreiche Gewerkschaften st\u00e4rken tendenziell die Position der Arbeitnehmenden in Lohnverhandlungen und k\u00f6nnen damit potenziell eine gr\u00f6ssere Lohnspreizung verhindern. <i>Grafik 3<\/i> zeigt die Entwicklung zweier m\u00f6glicher institutioneller Faktoren seit 1970 f\u00fcr die USA, n\u00e4mlich das Verh\u00e4ltnis zwischen Mindestlohn und Medianlohn sowie der gewerkschaftliche Organisationsgrad. Die Abbildung liefert Hinweise darauf, dass institutionelle Faktoren bei der Zunahme der Ungleichheit in den USA eine Rolle gespielt haben k\u00f6nnten. In einer neueren empirischen Studie wurde der Einfluss der Globalisierung, des technologischen Fortschritts und von Ver\u00e4nderungen im Regulierungsrahmen auf die Lohnverteilung f\u00fcr 22 OECD Staaten seit Anfang der 1980er-Jahre untersucht.&#13;<br \/>\nVgl. OECD (2011). In dieser Zeitspanne wuchs das Lohnverh\u00e4ltnis des 9. zum 1. Dezil um j\u00e4hrlich durchschnittlich 0,47%. Gem\u00e4ss den Sch\u00e4tzungen der OECD f\u00fchrten Lockerungen in der Regulierung von Arbeits- und Produktm\u00e4rkten zu einer Erh\u00f6hung der Ungleichheit um 0,42% pro Jahr, w\u00e4hrend der technologische Fortschritt diese um 0,32% pro Jahr erh\u00f6hte. Ein deutlich d\u00e4mpfender Einfluss auf die Ungleichheit geht dagegen von Bildungsinvestitionen aus (\u20130,50% pro Jahr).&#13;<br \/>\nVerschiedene weitere Faktoren, welche einzeln nicht signifikant waren, f\u00fchrten zu einer Erh\u00f6hung der &shy;Ungleichheit um 0,29% pro Jahr.Schliesslich m\u00fcssen bei der Analyse auch die Einwirkungen der Deregulierung von Produkt- und Arbeitsm\u00e4rkten auf die Erwerbsbeteiligung bzw. die Arbeitslosigkeit ber\u00fccksichtigt werden. So wird manchen Deregulierungsbestrebungen eine Zunahme der Besch\u00e4ftigungsrate attestiert, was die Ungleichheit unter allen Erwerbspersonen reduziert. Der Gesamteffekt der Deregulierung ist deshalb weniger eindeutig.&#13;<br \/>\nVgl. OECD (2011).&#13;<\/p>\n<h2>Makro\u00f6konomische Folgen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNicht nur Ursachen, sondern auch Folgen der Einkommensungleichheit wurden in j\u00fcngster Zeit vermehrt untersucht. Im Zuge der Wirtschaftskrise seit 2007 haben \u00d6konomen mit den makro\u00f6konomischen Auswirkungen einer zunehmend ungleichen Einkommensverteilung auseinandergesetzt. Bekanntermassen lag der unmittelbare Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Krise, wenn sie sich auch aus unterschiedlichen Entwicklungen auf nationaler und internationaler Ebene speiste, im Platzen der Immobilienblase durch die geh\u00e4uften Zahlungsausf\u00e4lle bei den ber\u00fcchtigten Subprime-Krediten. Es stellt sich deshalb die Frage, ob zwischen zunehmender Ungleichheit und der immer prek\u00e4reren Bilanzsituation des Haushaltssektors ein Zusammenhang besteht.Angesichts fallender Investitionsquote und Nettoexporte trug die hohe Konsumquote der Haushalte erheblich zur Aufrechterhaltung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage in den USA bei. Die Kehrseite dieser hohen Konsumquote war die zunehmende Verschuldung der Privathaushalte, welche durch die scheinbar unbeirrbar ansteigenden Immobilienpreise besichert schien. So stieg das Verh\u00e4ltnis von Schulden zu verf\u00fcgbarem Einkommen f\u00fcr Haushalte von 72,1% in den 1980 auf 136,7% in 2006 also unmittelbar vor der Finanzkrise. Im selben Zeitraum fiel die Netto-Sparquote der US Haushalte massiv von etwa 10,1% auf 2,5% (OECD). Studien zeigen, dass insbesondere Haushalte am unteren Ende der amerikanischen Verm\u00f6gensverteilung ihre Verschuldung erh\u00f6ht haben, w\u00e4hrend der Schuldenstand der obersten 5% bei etwa 70% verharrte.&#13;<br \/>\nVgl. Barba &amp;amp; Pivetti (2009); Kumhof &amp;amp; Ranci\u00e8re (2010); Van Treeck &amp;amp; Sturn (2012).&#13;<\/p>\n<h2>Ungleichheit und Haushaltsverschuldung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Erkl\u00e4rungsversuche zum Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Haushaltsverschuldung fallen grob in eine angebots- und nachfrageseitige Gruppe. <i>Angebots-\u2028seitige Erkl\u00e4rungen<\/i> sehen \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur einen indirekten Zusammenhang. So k\u00f6nnte die gr\u00f6ssere Un&shy;gleichheit zu politischem Druck auf die Angebotsseite der Kreditm\u00e4rkte gef\u00fchrt haben, damit Finanzinstitute den stagnierenden Real&shy;einkommen in der unteren H\u00e4lfte der Einkommensverteilung mit leicht erh\u00e4ltlichen Krediten entgegentreten. <i>Rajan (2010)<\/i> glaubt, dass die wohlgemeinte Intervention verschiedener amerikanischer Regierungen zur F\u00f6rderung des Wohneigentums \u00e4rmerer Haushalte entscheidend zur Preisblase im Immobilienmarkt und der zusehends verschlechterten Kreditqualit\u00e4t beigetragen hat. Damit st\u00fcnden in erster Linie Politiker und nicht Finanzinstitutionen in der Verantwortung. Rajan\u2019s These wurde kritisiert, weil sie den Einfluss der Armen auf die Politik \u00fcber- und die &shy;Effekte der Deregulierung von Finanzm\u00e4rkten untersch\u00e4tze&#13;<br \/>\nVgl. Acemoglu (2011). sowie die \u00abtraditionellen\u00bb Erkl\u00e4rungen f\u00fcr Kreditbooms vernachl\u00e4ssige \u2013 insbesondere niedrige Zinsen und prozyklisches Verhalten \u00e0 la Minsky.&#13;<br \/>\nVgl. Bordo &amp;amp; Meissner (2012).Dieser rein angebotsseitigen Erkl\u00e4rung steht eine alternative <i>nachfrageseitige Hypothese<\/i> gegen\u00fcber. Bereits die klassischen politischen \u00d6konomen wussten, dass arme und reiche Haushalte ihre Einkommen zu unterschiedlichen Anteilen f\u00fcr den Konsum verwenden. Eine Verschiebung des Gesamteinkommens von \u00e4rmeren zu reicheren Haushalten kann deshalb die Sparquote eines Landes beeinflussen. Gleichzeitig kann sich aber auch die Sparneigung der verschiedenen Einkommensklassen ver\u00e4ndern. Die <i>Theorie der relativen Einkommen<\/i>&#13;<br \/>\nVgl. Duesenberry (1949). bietet einen m\u00f6glichen Erkl\u00e4rungsrahmen. In dieser Theorie versuchen \u00e4rmere Haushalte mit reicheren Haushalten in ihrer Vergleichsgruppe mitzuhalten sowie ihren Lebensstandard auch bei fallenden Einkommen aufrecht zu erhalten. Entsprechend h\u00e4tten Haushalte mit niedrigen Einkommen im Verh\u00e4ltnis zu ihrer Referenzpopulation oder zu ihrem vergangenen Einkommensniveau eine niedrigere Sparquote als Haushalte am oberen Ende der Einkommensverteilung. Konsumentscheidungen der reicheren Haushalte k\u00f6nnten dann zu sogenannten Ausgabenkaskaden bis in niedrigere Dezile der Einkommensverteilung hinein f\u00fchren. Die \u00e4rmeren Haushalte finanzieren diese Ausgaben durch gr\u00f6ssere Arbeitsmarktpartizipation, niedrigeres Sparen und\/oder st\u00e4rkere Verschuldung. Eine zweite nachfrageseitige Erkl\u00e4rung \u2028ist politisch-\u00f6konomischer Natur. Insbesondere seit der Amtszeit von Ronald Reagan wurde der amerikanische Sozialstaat sukzessive &shy;zur\u00fcckgebaut und Leistungen der Gesundheitsversorgung, Ausbildung und der Altersvorsorge von privaten Anbietern \u00fcbernommen. Angesichts stagnierender Einkommen wurde deshalb das <i>Plastic Social Safety Net<\/i> von Kreditkartenschulden und Kon&shy;sumkredit f\u00fcr Haushalte attraktiv. Diese &shy;verschuldeten sich nicht nur bei unvorhersehbaren Ereignissen wie Verlust des Arbeitsplatzes oder medizinischen Notf\u00e4llen, sondern auch f\u00fcr notwendige Alltagsausgaben. In einer Studie von Haushalten mit Kreditkartenschulden bejahten \u00fcber ein Drittel der befragten Haushalte, dass sie f\u00fcr Ausgaben wie Miete, Hypothekarzinsen und Lebensmittel auf diese Form von Kredit zur\u00fcckgegriffen haben.&#13;<br \/>\nVgl. Demos (2005).In der Schweiz m\u00fcsste eine genauere Analyse der Haushaltsverschuldung nach Einkommensklassen durchgef\u00fchrt werden. Aufgrund der vorsichtigeren Kreditvergabe, des grossz\u00fcgigeren Sozialstaats und der geringeren Ver\u00e4nderung in Ungleichheit spricht vieles daf\u00fcr, dass hierzulande das Problem weniger akut ist. So hat sich die Sparquote der Haushalte zwischen 1995 und 2007 kaum ver\u00e4ndert und liegt in beiden Jahren bei 12,7% des verf\u00fcgbaren Einkommens. In der Schweiz ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Haushaltsschulden und BIP vergleichsweise hoch, was aber unter anderem auf h\u00f6here Verm\u00f6genswerte zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Auch die tiefere Rate an Hauseigentum stellt einen wichtigen Unterschied zur Situation in den USA dar. Insgesamt ist der Zusammenhang zwischen der Ungleichheit und der Bilanzsituation der Haushalte noch nicht gen\u00fcgend gekl\u00e4rt. Es stellt sich die Frage, warum nicht in allen L\u00e4ndern mit steigender Ungleichheit eine vergleichbare Verschuldung der Privathaushalte stattgefunden hat. Eine bedeutende Rolle d\u00fcrften einmal mehr sozialstaatliche Institutionen spielen.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Entwicklung der Einkommensverteilung sollte \u2013 wie andere relevante makro\u00f6konomische Variablen auch \u2013 aufmerksam beobachtet werden. Eingegriffen werden kann gegebenenfalls insbesondere durch das Steuerwesen. Sowohl in der Schweiz als auch in den USA hat ein lebhafter Steuerwettbewerb zwischen verschiedenen Regionen in den vergangenen Jahrzehnten zu fallenden Steuerraten auf hohe Einkommen gef\u00fchrt. Spielraum f\u00fcr Umverteilung ist also durchaus vorhanden. Ein Wegbrechen der niedrigen L\u00f6hne, wie es in den USA zu beobachten war, gilt es zu vermeiden. Arbeitsmarktinstitutionen k\u00f6nnen dabei eine wichtige Rolle spielen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abDezilverh\u00e4ltnisse der Bruttoeinkommen f\u00fcr Vollzeitbesch\u00e4ftigte in abh\u00e4ngigem Arbeitsverh\u00e4ltnis, 1980\u20132010\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abGini-Koeffizient f\u00fcr die Verteilung von Markteinkommen und verf\u00fcgbarem Haushaltseinkommen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3: \u00abUSA: Mindestlohn, Gewerkschaftsbeteiligung und Gini-Koeffizient der Lohneinkommen f\u00fcr Vollzeitangestellte, 1970\u20132010\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Ungleichheitsmasse&#13;<\/p>\n<h3>Ungleichheitsmasse<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2212 <i>Gini-Koeffizient:<\/i> Dieses weitverbreitete Ungleichheitsmass kann theoretisch zwischen 0 (vollkommene Gleichverteilung) bis 1 &shy;(eine Person erh\u00e4lt das gesammte Einkommen) variieren. Einfach ausgedr\u00fcckt berechnet sich der Gini aus den Differenzen s\u00e4mtlicher Einkommen untereinander. &shy;Damit fliesst die gesamte Einkommensverteilung in die Berechnung ein. Der Gini \u2028ist besonders empfindlich auf Ver\u00e4nde&shy;rungen in der Mitte der Verteilung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 <i>Dezilverh\u00e4ltnisse:<\/i> Diese Indikatoren setzen die Einkommen an verschiedenen Positionen in der Einkommensverteilung in ein Verh\u00e4ltnis zueinander. Das P90\/P10-Mass zum Beispiel dividiert das Einkommen des Haushalts am neunten Dezil (\u00fcber dem \u202810% der Haushalte liegen) mit dem Einkommen des Haushalts am ersten Dezil (unter dem 10% der Haushalte liegen). Damit &shy;lassen sich leicht unterschiedliche Bereiche der Einkommensverteilung untersuchen. Allerdings ignoriert dieses Mass Ver\u00e4n&shy;derungen an anderen Orten der Verteilung, insbesondere bei den sehr hohen und &shy;niedrigen Einkommen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Literatur&#13;<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2212 Acemoglu, D. (2011): Thoughts on Inequality and the Financial Crisis, Pr\u00e4sentation vom \u20287. Januar 2011, Denver.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Alvaredo, F., A.B. Anthony, T. Piketty und E. Saez (2012): The World Top Incomes Database, <i>http:\/\/g-<a href=\"http:\/\/mond.parisschoolofeconomics.eu\/\">http:\/\/mond.parisschoolofeconomics.eu\/<\/a>&shy;topincomes<\/i>.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Barba, A. und M. Pivetti (2009): Rising Household Debt: Its Causes and Macroeconomic Implications \u2013 A Long-Period Analysis, \u2028in: Cambridge Journal of Economics (33), \u2028S. 113\u2013137.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Bordo, M. und C. Meissner (2012): Does &shy;Inequality Lead to a Financial Crisis?, NBER Working Paper 17896, National Bureau of &shy;Economic Research.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Bundesamt f\u00fcr Statistik (2012). Einkommens&shy;ungleichheit und staatliche Umverteilung. &shy;Zusammensetzung, Verteilung und Umverteilung der Einkommen der privaten Haushalte, Neuch\u00e2tel: BFS.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Dell, F., T. Piketty und E. Saez (2005): Income and Wealth Concentration in Switzerland over the 20th Century, CEPR Discussion Paper Nr. 5090.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Demos (2005): The Plastic Safety Net. How Households Are Coping in a Fragile Economy, New York.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Duesenberry, J. (1949). Income, Savings and the Theory of Consumer Behavior, Cambridge, MA: Harvard University Press.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Fortin, N.M. und T. Lemieux (1997): Institutional Changes and Rising Wage Inequality: \u2028Is there a Linkage?, in: The Journal of Eco&shy;nomic Perspectives (11:2), S. 75\u201396.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Harjes, T. (2007): Globalization and \u2028Income Inequality: A European Perspective, \u2028IMF Working Paper WP\/07\/169.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Kumhof, M. und R. Ranci\u00e8re (2010): Inequality, Leverage and Crises, IMF Working Paper WP\/10\/268.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Levy, F. und P. Temin (2007): Inequality and Institutions in 20th Century America, Working Paper 07\u201317, Cambridge MA: Massachusetts &shy;Institute of Technology.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Neckerman, K. und F. Torche (2007): &shy;Inequality: Causes and Consequences, in: &shy;Annual &shy;Review of Sociology (33), S. 335\u2013357.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 OECD (2011): Divided We Stand. Why Ine&shy;quality Keeps Rising, OECD Publishing.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Rajan, R. (2010): Fault Lines. How Hidden Fractures Still Threaten the World Economy, Princeton University Press.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Saez, E. (2004): Income and Wealth Con&shy;centration in a Historical and International &shy;Perspective, Working Paper.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Schaltegger, C.A. und C. Gorgas (2011): \u2028The Evolution of Top Incomes in Switzerland over the 20th century, CREMA Working Paper Nr. 2011\/06.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2212 Van Treeck, T. und S. Sturn (2012): Income &shy;Inequality as a Cause of the Great Recession? \u2028A Survey of Current Debates, Genf: ILO.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00d6konomen des 19. Jahrhunderts ahnten bereits, dass \u00f6ko&shy;nomische Ungleichheit bedeutende makro\u00f6konomische Konsequenzen haben kann. Sie verstanden auch, dass institutionelle Faktoren die Einkommensverteilung entscheidend beeinflussen. 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