{"id":119569,"date":"2012-09-01T12:00:00","date_gmt":"2012-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2012\/09\/schmid-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:27:28","modified_gmt":"2023-08-23T21:27:28","slug":"schmid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2012\/09\/schmid\/","title":{"rendered":"Die neuen Entdecker: Wie G\u00e4ste aus Asien dem Schweizer Tourismus neuen Schub verleihen"},"content":{"rendered":"<p>Die Asiaten kommen in Scharen. Sie entdecken das kleine Land im Herzen Europas \u2013 fast wie einst die Briten, die uns den Tourismus gebracht haben. Besonders zahlreich besuchen uns die Chinesen. Auch in Indien rangiert die Schweiz als Prestige-Destination zuoberst auf der Wunschliste. Wer sind diese G\u00e4ste aus dem fernen Osten? Was erwarten sie von ihren Gastgebern? Und werden sie dereinst unsere Stammg\u00e4ste aus Europa abl\u00f6sen? Schweiz Tourismus verfolgt klare Wachstumspl\u00e4ne in Asien, nicht zuletzt, um weltweite Schwankungen aufzufangen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nK\u00fcrzlich sagte mir ein hochrangiges chinesisches Delegationsmitglied, das bei uns zu Besuch war, v\u00f6llig \u00abunasiatisch\u00bb euphorisch: \u00abSwitzerland is the world\u2019s garden!\u00bb Es sind die Nat\u00fcrlichkeit, Echtheit, aber auch \u00dcberschaubarkeit der Schweiz, die wie ein Magnet auf G\u00e4ste aus China, Indien, Korea und S\u00fcdostasien wirken. Und sie staunen: In der Schweiz kann man Wasser aus dem See trinken; Robidogs und Wegweiser sind Standard auf unseren Wanderwegen; Recycling ist B\u00fcrgerpflicht, ja Ehrensache. In einer Stunde gelangen sie von lieblichen St\u00e4dten mit Top-Shoppingangebot hinauf in die Berge \u2013 wo sie ein Naturspektakel erwartet. Goldgr\u00e4berstimmung im Schweizer Tourismus also? Nicht ganz, denn realistischerweise muss gesagt sein, dass Asiaten bislang nur 7% aller \u00dcbernachtungen in der Schweizer Hotellerie ausmachen. Das entspricht einer Steigerung um 17% gegen\u00fcber dem Vorjahr. Unsere Branche lebt nach wie vor stark von den Stammg\u00e4sten aus dem Euro-Raum, der aktuell unter einer Baisse leidet. Umso willkommener sind die Newcomer aus Asien.&#13;<\/p>\n<h2>Asien ist nicht gleich Asien<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSchweiz Tourismus hat grosse Asienerfahrung. So waren wir unter den ersten Fremdenverkehrs\u00e4mtern, die in den 1970er-Jahren in Japan mit einem eigenen B\u00fcro aktiv wurden. Und bald schon kamen die Japaner \u2013 vornehmlich in Gruppen \u2013 und erkundeten Klassiker wie das Jungfraujoch, Luzern oder den Glacier-Express, immer in Premium-Hotels und mit einem Flair f\u00fcr Brands. Heute stagniert das Gesch\u00e4ft aus Japan (rund 275&nbsp;000 Ank\u00fcnfte im 2011). Dies h\u00e4ngt unter anderem mit der schwierigen Wirtschaftslage, aber auch mit den tragischen Vorf\u00e4llen in Fukushima zusammen. Ein erfreulicher Trend ist, dass Japanerinnen und Japaner die Schweiz vermehrt individuell bereisen \u2013 zumeist junge Frauen. Diese machen einen Anteil von 60% bei den Ank\u00fcnften aus Japan aus.Nicht so die G\u00e4ste aus China, dem aktuell am schnellsten wachsenden Markt. Chinesische G\u00e4ste reisen in Gruppen und besuchen die Schweiz auf Rundreisen durch ganz Europa. Entsprechend kurz ist (noch) ihr Aufenthalt vor Ort. Dass wir hier noch ganz am Anfang eines Reiseentwicklungszyklus stehen, zeigt auch das Beispiel Indonesien, wo die Absatzkan\u00e4le erst sehr rudiment\u00e4r ausgebaut sind: Die Schweiz ist dort als Reiseland wenig etabliert und in den Auslagen und Brosch\u00fcren der Tour Operators kaum existent. Aber die Wachstumsraten sind beeindruckend: Im Jahr 2011 hatten Ank\u00fcnfte aus Indonesien ein Plus von 46% zu verzeichnen, jene aus China ein Plus von 42%.&#13;<\/p>\n<h2>Alles blickt nach China<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer gr\u00f6sste Markt f\u00fcr Schweiz Tourismus ist seit 2011 nicht mehr Japan, sondern China. 700&nbsp;000 \u00dcbernachtungen verzeichnen wir aus dem Reich der Mitte; dies entspricht rund 350&nbsp;000 Reisenden. Im Jahr 2020 peilen wir die Grenze von 2 Mio. Hotel\u00fcbernachtungen an. Damit w\u00e4re China bedeutsamer als unser Nachbarmarkt Italien. Reiseweltmeister Deutschland wird auch k\u00fcnftig unangefochten die Rangliste anf\u00fchren. Chinesen sind <i>Big Spender:<\/i> Sie geben im Durchschnitt 350 Franken pro Tag aus (ohne Anreise). Das ist weit mehr als der Median aller M\u00e4rkte von 180 Franken pro Reisende\/r. Aber sie investieren ihr Budget vor allem in Shopping, und dort vor allem in Luxusg\u00fcter (Uhren). Die Hotellerie muss sich mit Zimmerpreisen zwischen 60 und 90 Franken pro Person im Doppelzimmer begn\u00fcgen, weil Chinesen prim\u00e4r \u00fcber Reiseveranstalter mit Volumenvertr\u00e4gen buchen. Meistens n\u00e4chtigen sie (anders als die Japaner) in 3-Stern-Hotels. Einmal mehr zeigt sich, dass der Tourismus eine Querschnittsbranche ist. Jeder zus\u00e4tzliche Gast ist ein Portemonnaie mehr im Land. Alle profitieren: Hotellerie, Gastronomie, Transport, Kultur, Konsumg\u00fctermarkt.&#13;<\/p>\n<h2>Schl\u00fcsselfragen: Visum und Flugl\u00f6sungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNoch bewegen sich die chinesischen G\u00e4ste auf wenigen Hauptrouten durch unser Land. Gefragt sind Spektakel und Toperlebnisse. Mittelfristig muss es uns gelingen, erg\u00e4nzende Routen und Angebote zu (er-)finden, so dass breitere Kreise des Tourismus am Wachstum partizipieren k\u00f6nnen. Ich denke hier an die zahlreichen Panorama-Expressz\u00fcge oder an andere spektakul\u00e4re Bergbahnen. Auch f\u00f6rdern wir ganz gezielt Individualreisen, weil wir Ertrag und Preisniveau steigern wollen. Entscheidend f\u00fcr das Gelingen dieser Strategie ist die Entwicklung der Schengen-Reisevisa Regelungen. Bislang gelten f\u00fcr chinesische Gruppen ab f\u00fcnf Personen vereinfachte Visabedingungen. Ein weiterer Schl\u00fcsselfaktor sind die Flugkapazit\u00e4ten: Direktfl\u00fcge nach Z\u00fcrich sind nur ab Hong Kong, Peking und Shanghai m\u00f6glich. Direktfl\u00fcge steigern unmittelbar die Attraktivit\u00e4t einer Destination.&#13;<\/p>\n<h2>Potenzial im Gesch\u00e4ftstourismus<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGr\u00f6ssere Volumina erhofft sich der Schweizer Tourismus auch im Mice-Segment&#13;<br \/>\nMice = Meetings, Incentives, Conventions, Events. Zu Deutsch etwa \u00abTagungstourismus\u00bb. \u2013 vor allem aus China und Indien. Besonders beliebt ist die Schweiz f\u00fcr Incentive-Reisen, mit denen Unternehmen ihre Mitarbeitenden oder Kunden f\u00fcr besondere Leistungen belohnen. Ein Ausflug in die Schweiz gilt als prestigetr\u00e4chtig und motivierend. So genossen beispielsweise k\u00fcrzlich 3500 Mitarbeitende einer indischen Grossfirma einen Lern- und Verw\u00f6hn-Aufenthalt in und um Z\u00fcrich. \u00c4hnliche Anfragen f\u00fcr Grossanl\u00e4sse und Kongresse verzeichnen wir auch aus anderen Wachstumsm\u00e4rkten wie Singapur, Indonesien und Malaysia. Die perfekte Erschliessung unseres Landes \u2013 mitten in Europa gelegen, mit einem der weltbesten Flugh\u00e4fen und einem einzigartigen \u00f6ffentlichen Verkehrsnetz \u2013 macht die Schweiz doppelt attraktiv.&#13;<\/p>\n<h2>Anpassungen beim Angebot erforderlich<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDoch ohne Fleiss kein Preis. Asiatische Besucher haben bestimmte Erwartungen an ihre Gastgeber. Damit es nicht zu einem \u00abKulturschock\u00bb kommt, sind Hoteliers, Gastronomen und Branchenverb\u00e4nde gefordert, optimale Rahmenbedingungen zu schaffen. Es sind die Details, die z\u00e4hlen. Koreaner etwa w\u00fcnschen sich warmes statt kaltes Wasser zum Essen. Chinesische und japanische G\u00e4ste wiederum bevorzugen warme Speisen auf dem Fr\u00fchst\u00fccksb\u00fcffet inklusive Nudeln, Reis oder Miso-Suppe. Gleiches gilt auch f\u00fcr die indischen Besucher, die Spezialit\u00e4tenrestaurants mit ihnen vertrauten Speisen \u2013 oft auch Halal und vegetarisch zubereitet \u2013 nachfragen. Nebst einem breiteren Food &amp; Beverage-Angebot geh\u00f6rt auch das systematische Training in interkultureller Kompetenz zum Pflichtenheft. In der Heimat von C\u00e4sar Ritz und Co. sind wir per se gut aufgestellt. Nach wie vor gelten unsere Hotelfachschulen als f\u00fchrend \u2013 und ziehen mehr und mehr Lernende aus Indien und Asien an. Im Know-how-Transfer orte ich erhebliches Potenzial. Dies belegt auch der k\u00fcrzlich angek\u00fcndigte Markteintritt der chinesischen Hotelkette \u00abJin Jiang\u00bb, die sich an Kundschaft aus dem Reich der Mitte richtet \u2013 basierend auf europ\u00e4ischer Gastgeber-Tradition (CEO der Gruppe ist ein Schweizer Hotelier).&#13;<\/p>\n<h2>Authentisch bleiben: Swissness sells<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nTrotz Asien-Euphorie und rasant wachsenden Volumina aus diesen Aufbaum\u00e4rkten d\u00fcrfen wir nicht in die \u00abMallorca-Falle\u00bb der 1970er-Jahre tappen. Wir m\u00fcssen unsere Produkte auf die neuen Zielgruppen ausrichten und mit spektakul\u00e4ren Zusatzelementen anreichern, ohne dabei unsere Authentizit\u00e4t und Identit\u00e4t zu verlieren. Ballermann und billiger Massentourismus haben bei uns nichts zu suchen. Vielmehr gilt es, auf Bew\u00e4hrtes, Traditionsreiches und Prestigetr\u00e4chtiges zu setzen. Gerade weil wir anders sind, sind wir interessant. Dieses klare Profil, wie wir es seitens Schweiz Tourismus auf allen Kan\u00e4len seit Jahrzehnten erfolgreich mitpr\u00e4gen, ist ein entscheidendes Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb um die Gunst der neuen <i>Worldwide Travellers.<\/i>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1: \u00abAnk\u00fcnfte in Schweizer Hotels und Kurbetrieben, 2010\u20132011\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 2: \u00abAnk\u00fcnfte in Schweizer Hotels und Kurbetrieben, 2011\u20132012\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Asiaten kommen in Scharen. Sie entdecken das kleine Land im Herzen Europas \u2013 fast wie einst die Briten, die uns den Tourismus gebracht haben. Besonders zahlreich besuchen uns die Chinesen. Auch in Indien rangiert die Schweiz als Prestige-Destination zuoberst auf der Wunschliste. Wer sind diese G\u00e4ste aus dem fernen Osten? 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