{"id":119584,"date":"2012-07-01T13:58:23","date_gmt":"2012-07-01T13:58:23","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2012\/07\/busch-10\/"},"modified":"2023-08-23T23:27:25","modified_gmt":"2023-08-23T21:27:25","slug":"busch-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2012\/07\/busch-9\/","title":{"rendered":"Braucht es einen hohen Industrieanteil an der Gesamtwirtschaft?"},"content":{"rendered":"<p>Oft wird die Bef\u00fcrchtung ge\u00e4ussert, eine schleichende Deindustrialisierung w\u00fcrde zu einer Aush\u00f6hlung unseres Wohlstandes f\u00fchren. Aus \u00f6konomischer Perspektive ist die Deindustrialisierung \u2013 wie auch deren Konsequenzen \u2013 weniger eindeutig. Zwar ging der Besch\u00e4ftigungsanteil der Industrie in den letzten Jahrzehnten best\u00e4ndig zur\u00fcck. Dies ist jedoch prim\u00e4r auf das \u00fcberdurchschnittlich hohe Wachstum der Arbeitsproduktivit\u00e4t in diesem Sektor zur\u00fcckzuf\u00fchren. Der reale Wertsch\u00f6pfungsanteil der Industrie am Bruttoinlandprodukt (BIP) hat sich dagegen in den vergangenen 20 Jahren in der Schweiz kaum ver\u00e4ndert. Zudem verschwindet die Grenze zwischen Industrie und Dienstleistungen auch bez\u00fcglich der ausgef\u00fchrten T\u00e4tigkeiten immer mehr, so dass eine strikte Trennung der Sektoren an Bedeutung verliert.&#13;<\/p>\n<h2>Schrumpfende Industriebesch\u00e4ftigung in allen fortgeschrittenen Volkswirtschaften<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie so genannten \u00abIndustriel\u00e4nder\u00bb weisen nur noch einen geringen Industrieanteil auf. Am sichtbarsten \u00e4ussert sich dies in den Anteilen der in der Industrie besch\u00e4ftigten Erwerbst\u00e4tigen. Zu Beginn der 1960er-Jahre arbeitete rund die H\u00e4lfte der Schweizer Erwerbst\u00e4tigen in der Industrie. Seitdem hat die Besch\u00e4ftigung um \u00fcber 400&nbsp;000 Personen abgenommen. Heute ist nur noch rund jeder f\u00fcnfte Arbeitnehmende in der Industrie t\u00e4tig. Der absolute Abbau der Besch\u00e4ftigung in der Industrie hat sich zwar seit Ende der 1990er-Jahre in der Schweiz nicht weiter fortgesetzt. Im Verlauf des letzten Jahrzehnts stieg die Besch\u00e4ftigung in diesem Sektor gar wieder an. Der Besch\u00e4ftigungsanteil hat sich in diesem Zeitraum allerdings angesichts einer wachsenden Erwerbsbev\u00f6lkerung weiter verringert (siehe <i>Grafik 1<\/i>). Trotz dieser immensen Umbr\u00fcche in den letzten Jahrzehnten ist in derselben Zeit sowohl die Besch\u00e4ftigung insgesamt als auch der Wohlstand nach g\u00e4ngigen Indikatoren deutlich gestiegen.&#13;<\/p>\n<h2>Hohe Produktivit\u00e4tszuw\u00e4chse in der Industrie als Hauptursache der Deindustrialisierung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDeindustrialisierung ist ein historisch in allen fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu beobachtender Prozess der Verschiebung von Produktions- und Besch\u00e4ftigungsanteilen vom Industrie- hin zum Dienstleistungssektor (zur Abgrenzung des Industriesektors siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Abgrenzung des Industriesektors<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<i>In Bezug auf die Deindustrialisierung wird oft der gesamte zweite oder sekund\u00e4re Sektor \u2013 in Abgrenzung von den Sektoren Landwirtschaft und Dienstleistungen \u2013 als Industrie (im weiteren Sinne) bezeichnet. Der zweite Sektor schliesst neben dem verarbeitenden Gewerbe auch den Bergbau, die Energieversorgung und das Baugewerbe mit ein. Als Industriesektor im engeren Sinne bezeichnet man ausschliesslich das Verarbeitende Gewerbe. Darunter fallen gem\u00e4ss Allgemeiner Systematik der Wirtschaftszweige (Noga) jene Einheiten, die sich der Herstellung von G\u00fctern wie Nahrungsmitteln, Textilien und Bekleidung, chemischen Produkten, Metallerzeugnissen, elektrischen und elektronischen G\u00fctern, Fahrzeugen, Maschinen oder Pr\u00e4zisionsinstrumenten widmen (Noga Klassen 15\u201337).<\/i>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n). Verschiedene Erkl\u00e4rungen werden f\u00fcr diese Verschiebungen in der sektoralen Wirtschaftsstruktur angef\u00fchrt, so unter anderem der technologische Wandel, die ver\u00e4nderten Lebensbedingungen mit dem zunehmenden Bedarf an Gesundheits- und Informations- und Kommunikationsdienstleistungen, Produktionsverlagerungen in L\u00e4nder, die n\u00e4her an den Absatzm\u00e4rkten sind oder die tiefere Lohnkosten aufweisen, oder betriebliche Anpassungen aufgrund von Ver\u00e4nderungen in der Verf\u00fcgbarkeit knapper Ressourcen.Im Allgemeinen wird heute jedoch eine scheinbar paradoxe Erkl\u00e4rung als die plausibelste betrachtet. Demnach ist der abnehmende Anteil der industriellen Besch\u00e4ftigung und Wertsch\u00f6pfung in erster Linie auf den intensiven technologischen Fortschritt und die starke Produktivit\u00e4tszunahme in der Industrie selbst zur\u00fcckzuf\u00fchren. Da der Dienstleistungssektor inh\u00e4rent arbeitsintensiv ist, kann dort die Arbeitsproduktivit\u00e4t nicht im gleichen Ausmass durch den Einsatz kapitalintensiver und arbeitssparender Technologien erh\u00f6ht werden wie im produzierenden Gewerbe. Dadurch sinken einerseits die relativen Preise der Industrieg\u00fcter; andererseits ben\u00f6tigt der Industriesektor zur Befriedigung der gleichen Nachfrage weniger Arbeitskr\u00e4fte.<i>Tabelle 1<\/i> illustriert dies f\u00fcr die Sektoren der Schweizer Wirtschaft der Jahre 1998 bis 2008. Bei vergleichbarer Zunahme der Bruttowertsch\u00f6pfung f\u00fchrte das h\u00f6here Produktivit\u00e4tswachstum der Industrie zu einer Zunahme der Besch\u00e4ftigung von nur 0,2%. Der Dienstleistungssektor erzielte den Zuwachs der Wertsch\u00f6pfung dagegen vor allem durch den Einsatz von mehr Besch\u00e4ftigung. In der Summe f\u00fchrte diese Entwicklung dazu, dass sich beim Anteil an der Gesamtbesch\u00e4ftigung 1,5 Prozentpunkte von der Industrie zu den Dienstleistungen verschoben haben.&#13;<\/p>\n<h2>Preisbereinigt kein R\u00fcckgang des Industrieanteils zu beobachten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Unterschied zur Besch\u00e4ftigung konnte die Wertsch\u00f6pfung in absoluten Betr\u00e4gen in der Industrie auch w\u00e4hrend der 1990er-Jahre expandieren (siehe <i>Grafik 2<\/i>). Im Zeitraum von 2005 bis 2008 konnte dieser Sektor dank dem g\u00fcnstigen Wechselkurs, der erleichterten Zuwanderung im Rahmen der Personenfreiz\u00fcgigkeit und dem kr\u00e4ftigen Wachstum der asiatischen Volkswirtschaften sogar \u00fcberproportional zulegen. Der R\u00fcckgang im Zuge der Rezession 2008\/2009 d\u00fcrfte daher zum Teil auch auf eine R\u00fcckkehr zum l\u00e4ngerfristigen Trendwachstum zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Ber\u00fccksichtigt man, dass die Industrieg\u00fcter relativ billiger geworden sind, so wird ersichtlich, dass sich die realen Sektoranteile \u2013 im Gegensatz zu den stark gesunkenen Anteilen der Besch\u00e4ftigung und der nominalen Wertsch\u00f6pfung \u2013 in den vergangenen Jahrzehnten nur sehr wenig verschoben haben. Der Wertsch\u00f6pfungsanteil der Industrie ist in dieser realen Betrachtung seit Beginn der 1990er-Jahre mehr oder weniger konstant geblieben. Auch dies best\u00e4tigt, dass in erster Linie das hohe Produktivit\u00e4tswachstum der Industrie f\u00fcr die relative Abnahme der nominellen Wertsch\u00f6pfung dieses Sektors verantwortlich ist.&#13;<\/p>\n<h2>Starker Franken als Gefahr f\u00fcr die Schweizer Industrie<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie l\u00e4ngerfristige Deindustrialisierung ist ein Ausdruck des normalen Strukturwandels und l\u00e4sst sich auf das erfolgreiche Wirtschaften der Industrie zur\u00fcckf\u00fchren. \u00dcber diese Form des Strukturwandels hinaus k\u00f6nnen allerdings auch extreme Ereignisse zu einer permanenten Beeintr\u00e4chtigung des Produktionspotenzials von Unternehmen f\u00fchren und dadurch den Verlust von Arbeitspl\u00e4tzen bewirken, die unter normalen Umst\u00e4nden erhalten geblieben w\u00e4ren.Ein solch extremes Ereignis stellte die in Ausmass und Geschwindigkeit aussergew\u00f6hnlich starke Aufwertung des Schweizer Frankens im Sommer 2011 dar. Auch wegen der konjunkturellen Anspannung im Ausland konnten viele Unternehmen die wechselkursbedingten Belastungen zusehends nicht mehr \u00fcber eine Reduktion der Margen oder \u00fcber eine Ausweitung der Absatzm\u00e4rkte kompensieren. Dies n\u00e4hrte Bef\u00fcrchtungen, die Frankenst\u00e4rke beschleunige den Prozess der Deindustrialisierung \u00fcber das gesunde Mass hinaus, was mit dem Abbau von Arbeitspl\u00e4tzen, Produktionsst\u00e4tten und Investitionen verbunden sei. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) ergriff die in einem solchen Fall einzig m\u00f6gliche Massnahme, indem sie eine Wechselkursuntergrenze zum Euro einf\u00fchrte und diese bis heute konsequent durchsetzt. Dank dem raschen Eingreifen der SNB konnte die Belastungsspitze f\u00fcr die Unternehmen gebrochen werden. Die Risiken einer solchen Politik sind jedoch nicht unerheblich. Und auch wenn sie kurzfristig f\u00fcr die betroffenen Unternehmen eine grosse Hilfe darstellt, wird der auf das Produktivit\u00e4tswachstum zur\u00fcckzuf\u00fchrende l\u00e4ngerfristige Strukturwandel dadurch nicht aufgehalten werden k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>Auf dem Weg zur White-Collar-Industrie<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Besch\u00e4ftigungszunahme im Dienstleistungssektor hat die Abnahme im Industriesektor insgesamt weit \u00fcberkompensiert. Dadurch wird das gesamtwirtschaftliche Produktivit\u00e4tswachstum zunehmend vom Dienstleistungssektor bestimmt, der in der Summe ein relativ langsameres Produktivit\u00e4tswachstum aufweist. Auch wenn die Deindustrialisierung in realer Betrachtung kaum dramatisch erscheint, hat die Unterscheidung zwischen Industrie- und Dienstleistungssektor aus verschiedenen Gr\u00fcnden an Relevanz verloren. Die beiden Sektoren sind mehr denn je miteinander verbunden, so dass die Zahlen in der volkswirtschaftlichen Statistik nur bedingt aussagekr\u00e4ftig sind. Das Grundproblem besteht darin, dass in der statistischen Zuteilung der Firmen auf wirtschaftliche Sektoren anhand der Hauptt\u00e4tigkeit von Unternehmen erfolgt. Ein im Marketing t\u00e4tiger Angestellter wird beispielsweise je nach Firma als Industrie- oder als Dienstleistungsangestellter gez\u00e4hlt.Im Industriesektor findet eine Art \u00abinnere Deindustrialisierung\u00bb statt, indem die T\u00e4tigkeiten der Industriefirmen zunehmend aus Dienstleistungen bestehen. Diese Dienstleistungst\u00e4tigkeiten sind f\u00fcr die Produktivit\u00e4t und Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Industrieunternehmen von grosser Bedeutung. Der Wandel von der Produktion hin zu Engineering in der Schweiz wie auch das zunehmende Serviceangebot der Industriefirmen f\u00fchrt dazu, dass der Industrieanteil deutlich \u00fcbersch\u00e4tzt wird. Doch auch der Dienstleistungssektor ist heute nicht mehr prim\u00e4r auf Konsum ausgerichtet. Den produktions- oder unternehmensbezogenen Dienstleistungen (Finanzdienstleistungen, technische Dienstleistungen) kommt ein zunehmendes Gewicht zu. Vor allem als Folge der Auslagerung von T\u00e4tigkeiten wird eine Zunahme der Dienstleistungsaktivit\u00e4ten registriert, obwohl sich T\u00e4tigkeiten und Produkte dabei nicht \u00e4ndern.&#13;<\/p>\n<h2>Grosse Produktivit\u00e4tsunterschiede innerhalb der Industrie- und Dienstleistungssektoren<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie strikte Trennung nach Sektoren hat auch deshalb an Bedeutung verloren, weil die Unterschiede in Wertsch\u00f6pfung und Produktivit\u00e4t sowie deren Ver\u00e4nderungsraten innerhalb der Sektoren teilweise erheblich gr\u00f6sser sind als die Unterschiede zwischen den Sektoren (siehe <i>Tabelle 2<\/i>). Gesamtwirtschaftliches Produktivit\u00e4tswachstum entsteht nicht nur durch Produktivit\u00e4tszuwachs innerhalb einer Branche, sondern auch durch ein Umsteigen von vergleichsweise produktivit\u00e4tsschwachen Branchen in solche mit hoher Produktivit\u00e4t. Zwar sind zahlreiche Dienstleistungen per se arbeitsintensiv, so etwa jene im Gesundheitssektor oder in der Gastronomie. Ein hohes Produktivit\u00e4tswachstum durch Kapitaleinsatz kann aber dort nicht im gleichen Umfang wie in der Industrie erzielt werden.&#13;<br \/>\nDie Produktivit\u00e4t in den Dienstleistungsbranchen ist allerdings ungleich schwieriger zu erfassen, etwa wenn eine Verl\u00e4ngerung der \u00d6ffnungszeiten im Detailhandel die Qualit\u00e4t der Dienstleistung f\u00fcr den Kunden erh\u00f6ht, aber zu einer Abnahme der gemessenen Produktivit\u00e4t f\u00fchrt. Die Schweiz verf\u00fcgt jedoch auch \u00fcber Dienstleistungsbranchen mit sehr hoher Wertsch\u00f6pfung je Arbeitsplatz und sehr starkem Wachstum der Produktivit\u00e4t, insbesondere im Kredit- und Versicherungsgewerbe. Umgekehrt gilt, dass im Industriesektor die Wachstumsraten der Hightech-Industrien&#13;<br \/>\nEtwa gem\u00e4ss <i>Technology Intensity Definition<\/i> der OECD, worunter die Branchen 23\u201325, 29\u201335 der Noga-Nomenklatur \u2013 beispielsweise die chemische Industrie \u2013 fallen. insgesamt h\u00f6her ausfallen als jene der traditionellen Industrien.&#13;<\/p>\n<h2>Ging die Deindustrialisierung in den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern zu weit?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Strukturwandel von der Industrie hin zu Dienstleistungen wird nach Ansicht der meisten \u00d6konomen weiter voranschreiten. H\u00e4ufig werden die USA und Grossbritannien als Negativbeispiele einer \u00fcbertriebenen Deindustrialisierung angef\u00fchrt, deren Industrieanteile an der Besch\u00e4ftigung und der gesamtwirtschaftlichen Wertsch\u00f6pfung am deutlichsten unter jenen vergleichbarer L\u00e4nder liegen (siehe <i>Grafik 1<\/i>). Auch f\u00fcr die USA und Grossbritannien gilt, dass die Unterschiede innerhalb der Industrie- und Dienstleistungsbranchen erheblich sind und dass trotz der stark abnehmenden Industrieanteile die gesamte reale Bruttowertsch\u00f6pfung in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen ist. Dennoch sind Probleme in diesen L\u00e4ndern offenkundig; pr\u00e4sent sind die Bilder ver\u00f6deter Innenst\u00e4dte, die vormals bl\u00fchende Industriezentren waren. Auch wenn diese Probleme mit dem Strukturwandel und den Umbr\u00fcchen in den grossen Industriezentren verbunden sind: Deren Ursachen sind um einiges vielschichtiger. Die angels\u00e4chsischen L\u00e4nder unterscheiden sich von den kontinentaleurop\u00e4ischen Volkswirtschaften in zahlreichen Aspekten. Dazu z\u00e4hlen etwa die mangelhafte \u00f6ffentliche Infrastruktur, der ungleiche Zugang zu Bildung, die schlecht funktionierenden sozialen Sicherungssysteme und der h\u00f6here Verschuldungsgrad der Haushalte. Es spricht einiges daf\u00fcr, dass die Probleme, mit denen die angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern konfrontiert sind, eher auf diese Faktoren zur\u00fcckzuf\u00fchren sind als auf die Abnahme der Industrieanteile. Naturgem\u00e4ss bestehen dabei jedoch zahlreiche R\u00fcckkoppelungen, etwa wenn ein tiefes Bildungsniveau den Aufbau neuer Arbeitspl\u00e4tze hemmt und dadurch den Wandel zu HightechIndustrien erschwert.Die Beispiele dieser L\u00e4nder zeigen, dass eine starke regionale Konzentration von Industrien zu schmerzhaften und lange andauernden Anpassungsprozessen im Zuge des Strukturwandels f\u00fchren kann. Zur Abfederung der Probleme, die mit solchen Anpassungsprozessen einhergehen, kann der Staat einiges beitragen. Den l\u00e4ngerfristigen Strukturwandel wird er aber nicht verhindern k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>Defizit\u00e4re Industriehandelsbilanz in den USA und Grossbritannien<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Unterschied zu den meisten anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften weisen die Industriesektoren der USA und Grossbritanniens eine stark defizit\u00e4re Handelsbilanz auf. Es wird oft die Bef\u00fcrchtung ge\u00e4ussert, ein solches Defizit f\u00fchre dazu, dass ein Land weniger verdient und dadurch der Wohlstand sinkt. Entscheidend ist jedoch, wie der Import\u00fcberschuss finanziert wird. In den USA geschieht dies vorwiegend durch Verschuldung im Ausland, auch wenn die verbleibenden Industrieunternehmen deutlich produktiver sind als jene Grossbritanniens. Dort konnten dagegen die zunehmenden Exporte wissensintensiver Dienstleistungen und Einkommen aus Investitionen im Ausland die wegfallenden Industrie\u00fcbersch\u00fcsse weitgehend kompensieren. Damit weist Grossbritannien insgesamt auch ein deutlich geringeres Defizit der Ertragsbilanz auf als die USA.Hinzu kommt, dass Export\u00fcbersch\u00fcsse nicht ein unbedingt erstrebenswertes Ziel sind, denn einem Export\u00fcberschuss steht immer auch ein Kapitalexport \u2013 und damit potenziell entgangene Investitionen im Inland \u2013 gegen\u00fcber. Entscheidender ist es, ob sich ein Land auf wertsch\u00f6pfungsstarke Branchen und T\u00e4tigkeiten spezialisieren kann. Letztlich geht es darum, was eine Gesellschaft sich leisten kann \u2013 und dies wird l\u00e4ngerfristig nicht durch einen m\u00f6glichst hohen Nettoexport, sondern durch Investitionen, Innovationen und technologischen Fortschritt bestimmt.&#13;<\/p>\n<h2>Handelsbilanzen liefern ein tr\u00fcgerisches Bild der globalen Wertsch\u00f6pfungsketten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGerade die USA zeigen, dass das Zusammenspiel zwischen Deindustrialisierung und internationalem Handel differenzierter betrachtet werden muss. Per se folgt aus einer Fokussierung auf Dienstleistungen und einem Aussenhandelsdefizit kein geringeres Wachstum der Produktivit\u00e4t und der Innovationskraft. Produkte der Firma Apple bieten hier ein interessantes Anschauungsbeispiel.W\u00e4hrend in der \u00f6ffentlichen Debatte die Sorge um die Auslagerung der Produktion nach Asien und das Defizit im Handel mit China dominiert, geht vergessen, dass der in China erbrachte Wertsch\u00f6pfungsanteil des iPods \u2013 d.h. die eigentliche Produktion \u2013 nur wenige Prozente betr\u00e4gt. Denn die Vorleistungsg\u00fcter stammen \u00fcberwiegend aus anderen L\u00e4ndern. Tats\u00e4chlich haben sich die USA auf die volkswirtschaftlich interessanten T\u00e4tigkeiten spezialisiert: Innovation, Design, Forschung&amp;Entwicklung und Produktion der Software. Damit d\u00fcrfte von der gesamten Wertsch\u00f6pfung (inkl. Detailhandel) ein Anteil von gegen 50% in den USA verbleiben. Die Chinesen produzieren und exportieren vielleicht das iPod, doch die h\u00f6chste Wertsch\u00f6pfung erzielen nach wie vor die Amerikaner. Und das ist am Ende das, was z\u00e4hlt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abBesch\u00e4ftigung in der Industrie\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abBruttowertsch\u00f6pfung der Schweizer Industrie\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1: \u00abHohes Produktivit\u00e4tswachstum in der Industrie bedingt geringere Besch\u00e4ftigungszuw\u00e4chse\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 2: \u00abArbeitsproduktivit\u00e4t nach Branchen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Abgrenzung des Industriesektors&#13;<\/p>\n<h3>Abgrenzung des Industriesektors<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIn Bezug auf die Deindustrialisierung wird oft der gesamte zweite oder sekund\u00e4re Sektor \u2013 in Abgrenzung von den Sektoren Landwirtschaft und Dienstleistungen \u2013 als Industrie (im weiteren Sinne) bezeichnet. Der zweite Sektor schliesst neben dem verarbeitenden Gewerbe auch den Bergbau, die Energieversorgung und das Baugewerbe mit ein. Als Industriesektor im engeren Sinne bezeichnet man ausschliesslich das Verarbeitende Gewerbe. Darunter fallen gem\u00e4ss Allgemeiner Systematik der Wirtschaftszweige (Noga) jene Einheiten, die sich der Herstellung von G\u00fctern wie Nahrungsmitteln, Textilien und Bekleidung, chemischen Produkten, Metallerzeugnissen, elektrischen und elektronischen G\u00fctern, Fahrzeugen, Maschinen oder Pr\u00e4zisionsinstrumenten widmen (Noga Klassen 15\u201337).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Literatur&#13;<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2212 Coutts Ken, Glyn Andrew und Rowthorn Bob (2007): Structural Change under New Labour, Cambridge Journal of Economics. Oxford University Press 31(6), S. 845\u2013861.\u2212 Jorgenson Dale W. und Timmer Marcel P. (2011): Structural Change in Advanced Nations: A New Set of Stylised Facts. In: The Scandinavian Journal of Economics 113(1), S. 1\u201329.\u2212 Linden Greg, Kraemer Kenneth L. und Dedrick Jason (2009): Who Captures Value in a Global Innovation Network? The Case of Apple\u2019s iPod. Communications of the ACM 52(3), S. 140\u2013144.\u2212 Linden Greg, Kraemer Kenneth L. und Dedrick Jason (2011): Who Captures Value in the Apple iPad?, mimeo.\u2212 Nickell Stephen John, Redding Stephen J. und Swaffield Joanna K. (2008): The Uneven Pace of Deindustrialisation in the OECD. World Economy 31(9), S. 1154\u20131184.\u2212 Rowthorn Robert und Coutts Ken (2004): De-Industrialization and the Balance of Payments in Advanced Economies. Cambridge Journal of Economics 28(5), S. 767\u2013790.\u2212 Rowthorn Robert und Ramaswamy Ramana (1997): Deindustrialization \u2013 Its Causes and Implications. IMF Economic Issues Nr. 10. \u2212 Rowthorn Robert und Ramaswamy Ramana (1999): Growth, Trade, and Deindustrialization. IMF Staff Papers, Vol. 46(1).\u2212 Schettkat Ronald und Yocarini Lara (2003): The Shift to Services: A Review of the Literature. IZA Discussion Paper Nr. 964.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oft wird die Bef\u00fcrchtung ge\u00e4ussert, eine schleichende Deindustrialisierung w\u00fcrde zu einer Aush\u00f6hlung unseres Wohlstandes f\u00fchren. Aus \u00f6konomischer Perspektive ist die Deindustrialisierung \u2013 wie auch deren Konsequenzen \u2013 weniger eindeutig. Zwar ging der Besch\u00e4ftigungsanteil der Industrie in den letzten Jahrzehnten best\u00e4ndig zur\u00fcck. 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