{"id":119594,"date":"2012-07-01T12:00:00","date_gmt":"2012-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2012\/07\/saure-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:27:25","modified_gmt":"2023-08-23T21:27:25","slug":"saure","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2012\/07\/saure\/","title":{"rendered":"Pharmawaren und die Handelsbilanz der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Exportst\u00e4rke, Importpreise oder globale Nachfrage \u2013 in der Schweiz hat das Interesse an Themen zugenommen, welche eng mit dem Aussenhandel und der Handelsbilanz verbunden sind. Der markante Anstieg der Exporte vor und nach der Jahrtausendwende wirft die Frage nach den Ursachen dieser Entwicklung auf. Ist sie Ausdruck eines generellen Trends, welcher s\u00e4mtliche Waren betrifft? Oder wurde der Anstieg durch das Wachstum einzelner Warenklassen verursacht? Es stellt sich heraus, dass letzteres der Fall ist: Der Strukturbruch der aggregierten Exporte geht auf das Wachstum der Exporte einer begrenzten Anzahl von sehr speziellen Waren \u2013 insbesondere aus dem Pharmabereich \u2013 zur\u00fcck.&#13;<\/p>\n<h2>Langfristige Trends<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts lag der Wert der schweizerischen Warenimporte meist deutlich \u00fcber dem Wert der schweizerischen Warenexporte. Dieses Verh\u00e4ltnis hat sich seit dem Ende des 20. Jahrhunderts umgekehrt. Dem Handelsbilanzdefizit von rund 4% des Bruttoinlandprodukts (BIP) im Jahre 1990 stand ein Handelsbilanz\u00fcberschuss von \u00fcber 3% des BIP im Jahre 2008 gegen\u00fcber (siehe <i>Grafik 1<\/i>, linke Seite). Diese Entwicklung stellt eine ebenso rasante wie ungew\u00f6hnliche Zunahme der Nettoexporte dar.Ebenfalls seit Mitte der 1990er-Jahre stieg das gesamte Handelsvolumen stark an. Besonders stark war das Wachstum der Exporte. So nahm der Wert der schweizerischen Warenexporte von rund 27% auf fast 40% des BIP zu. Der Anstieg der Warenimporte von 29% auf 36% des BIP fiel geringer aus (siehe <i>Grafik 1<\/i>, rechte Seite). Die Entwicklung des Saldos der Handelsbilanz in Richtung eines Handelsbilanz\u00fcberschusses scheint also zu einem wichtigen Teil auf den Anstieg der Warenexporte zur\u00fcckzuf\u00fchren zu sein.&#13;<\/p>\n<h2>Anstieg der Exporte \u2013 Spurensuche<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nTats\u00e4chlich l\u00e4sst sich ein signifikanter Unterschied im Anstieg der schweizerischen Exporte vor und nach der Jahrtausendwende identifizieren. Was in <i>Grafik 1<\/i> mit blossem Auge als eine Beschleunigung des Wachstums von Exportvolumen erscheint, wird im g\u00e4ngigen Jargon \u2013 und nach statistischer Analyse \u2013 als Strukturbruch bezeichnet.&#13;<br \/>\nTechnische Angaben und weitere Ausf\u00fchrungen finden sich in folgender SNB-Note, welche auf Anfrage erh\u00e4ltlich ist: Structural Breaks in the Swiss Trade Balance. W\u00e4hrend der Handelsbilanz\u00fcberschuss bis 2000 um durchschnittlich 0,32% des BIP pro Jahr zulegte, lag das entsprechende Wachstum seit 2000 bei etwa 1,11% des BIP.&#13;<\/p>\n<h2>Ein Blick in den Warenkorb<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer BIP-Anteil der Exporte innerhalb der Warenklasse <i>Antisera und Impfstoffe<\/i> stieg seit 2000 j\u00e4hrlich um rund 0,25 Prozentpunkte schneller als zuvor. Acht Jahre nach dem Bruch betrug der gesamte zus\u00e4tzliche Anstieg der Exporte somit 2% des BIP. Bei den Exporten der Warenklasse <i>Arzneiwaren<\/i> stellt sich die Lage sehr \u00e4hnlich dar: Die j\u00e4hrliche Zunahme des BIP-Anteils betrug ebenfalls etwa 0,25 Prozentpunkte. Diese Zunahme von insgesamt 4% des BIP, welche <i>zus\u00e4tzlich<\/i> zum allgemeinen Aufw\u00e4rtstrend zu rechnen ist, erscheint \u2013 auch im Vergleich mit den 40% BIP-Anteil aller Warenexporte 2008 \u2013 enorm.Bei Importen treten in einigen Warenklassen ebenfalls Strukturbr\u00fcche in den Wachstumsraten auf; diese Br\u00fcche sind aber deutlich seltener (sie sind bei weniger Warenklassen festzustellen) und im Vergleich mit jenen der Exporte eher klein. Auch hierf\u00fcr liefern die beiden Warenklassen Antisera und Impfstoffe sowie Arzneiwaren ein gutes Beispiel. Rechnet man die Strukturbr\u00fcche von Exporten und Importen gegeneinander auf, so zeigt sich, dass seit 2000 die BIP-Anteile der Nettoexporte der beiden Warenklassen zusammen pro Jahr um \u00fcber 0,3 Prozentpunkte des BIP zugenommen haben. Anders gesagt haben diese beiden Warenklassen zwischen 2000 und 2008 einen zus\u00e4tzlichen Handelsbilanz\u00fcberschuss von etwa 3 Prozentpunkten des BIP erzeugt. Die beiden Warenklassen Antisera und Impfstoffe sowie Arzneiwaren sind keinesfalls zuf\u00e4llig herausgegriffen, fallen doch Strukturbr\u00fcche s\u00e4mtlicher anderer Warenklassen sehr viel geringer aus. Dar\u00fcber hinaus sind beide Warenklassen wichtig im Vergleich mit anderen Waren: Sie dominieren sowohl die aggregierten Exporte als auch die gesamte Handelsbilanz der Schweiz. Wie bereits erw\u00e4hnt, erkl\u00e4ren die Strukturbr\u00fccke beider Warenklassen zusammen einen Handelsbilanz\u00fcberschuss von etwa 3% des BIP im Jahr 2008, was der Gr\u00f6ssenordnung des tats\u00e4chlichen Handelsbilanz\u00fcberschusses entspricht. Allgemein stellt sich die Entwicklung der Handelsbilanz also folgendermassen dar: Der langj\u00e4hrige Trend hin zu einer positiven Handelsbilanz hat sich seit Ende der 1990er-Jahre stark beschleunigt. Diese Entwicklung fiel zusammen mit einem besonderen Wachstumsschub der Schweizer Exporte, der wiederum haupts\u00e4chlich von der rasanten Zunahme der Exporte zweier Warenklassen erzeugt wurde, die man grob mit Pharmawaren bezeichnen kann.&#13;<\/p>\n<h2>Besonderheiten der Pharmaexporte<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm zu verstehen, welche Dynamik die Zunahme der Schweizer Pharmaexporte bestimmt hat, liegt es nahe, einen Blick auf deren weltweite Entwicklung zu werfen. Dieser macht deutlich, dass nicht nur der schweizerische, sondern auch der globale Aussenhandel in diesen Warenklassen enorm zugenommen hat (siehe <i>Grafik 2<\/i>). Die Entwicklung der schweizersichen und der weltweiten Pharmaexporte \u2013 also die Summe der Exporte von Arzneiwaren und von Antisera und Impfstoffen \u2013 weisen erstaunliche Parallelen auf, dies sowohl in Bezug auf den zeitlichen Verlauf wie auch auf den Umfang des Anstiegs. Diese Parallelen legen nahe, dass globale und nicht spezifisch schweizerische Faktoren den Anstieg der Exporte pharmazeutischer Produkte in den letzen beiden Jahrzehnten beeinflusst haben. Zu diesen globalen Faktoren geh\u00f6ren ohne Zweifel die weltweit zunehmenden Ausgaben f\u00fcr medizinische Waren. So sind in zehn der grossen OECD-Staaten die realen Gesundheitsausgaben in den Jahren 1970-2002 j\u00e4hrlich um fast 5% gestiegen.Beim Vergleich der weltweiten Exporte f\u00e4llt weiterhin auf, dass der BIP-Anteil der Pharmaexporte der Schweiz denjenigen aller anderer L\u00e4nder um einen Faktor von 10 \u2013 30 \u00fcbersteigt. Zum Teil widerspiegelt dies den Status der Schweiz als kleine offene Volkswirtschaft, denn kleinere L\u00e4nder haben einen \u00fcberproportional hohen Aussenhandelanteil. Vor allem aber zeigt sich darin der Wettbewerbsvorteil der Schweiz in der Pharmabranche. So haben Schweizer Pharmaunternehmen im erw\u00e4hnten Zeitraum eine Reihe von Medikamenten mit hoher Marktwirkung entwickelt und lizensiert.Die Verbindung zwischen stark gestiegener Nachfrage bei Pharmawaren einerseits und Schweizer Wettbewerbsvorteil in dieser Branche andererseits erzeugt eine aussergew\u00f6hnlich hohe Exportnachfrage und kann somit einen grossen Teil des Export\u00fcberschusses erkl\u00e4ren.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie langfristige Entwicklung des Aussenhandels der Schweiz zeigt, dass der Anstieg des Handelsbilanz\u00fcberschusses der Schweiz seit Ende der 1990er-Jahre zu einem Grossteil auf den rasanten Anstieg des Exportwachstums zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Zwei pharmazeutische Warenklassen \u2013 Arzneiwaren sowie Antisera und Impfstoffe \u2013 trugen massgeblich zu diesem Wachstum bei. Deren rapides Exportwachstum geht allerdings eher auf die weltweit gestiegene Nachfrage und weniger auf spezifisch schweizerischer Faktoren zur\u00fcck.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abAussenhandel der Schweiz\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abExporte zweier Pharmag\u00fcter\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exportst\u00e4rke, Importpreise oder globale Nachfrage \u2013 in der Schweiz hat das Interesse an Themen zugenommen, welche eng mit dem Aussenhandel und der Handelsbilanz verbunden sind. Der markante Anstieg der Exporte vor und nach der Jahrtausendwende wirft die Frage nach den Ursachen dieser Entwicklung auf. Ist sie Ausdruck eines generellen Trends, welcher s\u00e4mtliche Waren betrifft? 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