{"id":119599,"date":"2012-07-01T12:00:00","date_gmt":"2012-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2012\/07\/scheidegger-8\/"},"modified":"2023-08-23T23:27:32","modified_gmt":"2023-08-23T21:27:32","slug":"scheidegger-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2012\/07\/scheidegger-7\/","title":{"rendered":"Wachstums- statt Industriepolitik"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem die Schweiz die Finanz- und Wirtschaftskrise verh\u00e4ltnism\u00e4ssig erfolgreich zu \u00fcberwinden vermochte, hat die starke Aufwertung des Schweizerfrankens innert Jahresfrist die Bef\u00fcrchtung einer \u00fcberm\u00e4ssigen Deindustrialisierung aufkommen lassen. Die Sorge um die Perspektiven der industriellen Wertsch\u00f6pfung ist zwar legitim; der Schritt hin zu einer staatlich gepr\u00e4gten Industriepolitik w\u00e4re aber falsch. Die mittel- und langfristigen Herausforderungen der Schweizer Volkswirtschaft liegen vielmehr bei der bescheidenen Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivit\u00e4t \u2013 insbesondere in binnenorientierten Dienstleistungssektoren. Die sektorenneutrale Wachstumspolitik des Bundes ist deshalb einer staatlichen Bevorzugung einzelner Wirtschaftsbereiche vorzuziehen. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201207_04_Scheidegger_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz darf mit Genugtuung auf eine eine relativ gute Bew\u00e4ltigung der Finanz- und Wirtschaftskrise zur\u00fcckblicken. Zwar konnte sich das Land als stark aussenhandelsorientierte Volkswirtschaft der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise nicht entziehen und geriet ab Herbst 2008 in eine Rezession. Gleichwohl war der Einbruch der Wirtschaftsleistung in der Schweiz mit einer Schrumpfung des Bruttoinlandproduktes (BIP) um 1,9% deutlich weniger ausgepr\u00e4gt als in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Auch knapp vier Jahre nach Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise vermag die Schweizer Volkswirtschaft zu \u00fcberraschen. Trotz Frankenaufwertung und Euro-Schuldenkrise nahm die Wirtschaftsleistung im Winterhalbjahr 2011\/12 \u00fcberraschend stark zu.&#13;<\/p>\n<h2>Ist die Angst vor einer verst\u00e4rkten Deindustrialisierung begr\u00fcndet?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nTrotz scheinbar souver\u00e4ner Krisenbew\u00e4ltigung lasten Sorgen auf dem \u00abWerkplatz Schweiz\u00bb. Der starke reale Frankenkurs hat im vergangenen Jahr die Furcht um eine verst\u00e4rkte Deindustrialisierung aufkommen lassen. Auch wegen der Konjunkturflaute in wichtigen Auslandm\u00e4rkten gerieten die Margen vieler Exportunternehmen stark unter Druck. Es ist nachvollziehbar, dass sich in einem solchen Umfeld viele Firmen \u00fcberlegen m\u00fcssen, ihre wechselkursbedingt angeschlagene Wettbewerbsf\u00e4higkeit durch die Verlagerung einzelner oder ganzer Produktionsprozesse ins Ausland zu kompensieren. Wie andere Beitr\u00e4ge in dieser Ausgabe zeigen, d\u00fcrfen die Bef\u00fcrchtungen um eine m\u00f6gliche Deindustrialisierung des Wirtschaftsstandortes Schweiz nicht vergessen lassen, dass unsere Volkswirtschaft einem st\u00e4ndigen Strukturwandel ausgesetzt ist. Deindustrialisierung hat schon fr\u00fcher stattgefunden und findet auch in anderen L\u00e4ndern statt. Der r\u00fcckl\u00e4ufige Besch\u00e4ftigungsanteil der Industrie war bisher in erster Linie auf den technischen Fortschritt und die starke Produktivit\u00e4tszunahme in diesem Sektor zur\u00fcckzuf\u00fchren, was in vielen Dienstleistungsbranchen nicht in gleichem Umfang m\u00f6glich ist. Ob der starke Schweizerfranken \u00fcber diesen Prozess hinaus die Deindustrialisierung \u00fcber Geb\u00fchr beschleunigt, ist noch nicht absehbar. Auf jeden Fall versch\u00e4rft die Wechselkurssituation den ohnehin schon starken internationalen Wettbewerbsdruck. Wie sich das Wechselkursgef\u00fcge auch immer entwickelt: Falsch w\u00e4re es, aufgrund der bef\u00fcrchteten Deindustrialisierung nach einer staatlichen Industriepolitik zu rufen (siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Was ist unter Industriepolitik zu verstehen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<i>Industriepolitik ist die gezielte F\u00f6rderung bestimmter Wirtschaftssektoren im Rahmen der Wirtschaftspolitik. Entgegen dem Wortlaut bezieht sich der Begriff nicht auf die Industrie im engeren Sinne (d.h. auf das Verarbeitende Gewerbe), sondern umfasst alle Massnahmen, die auf die selektive Entwicklung eines Wirtschaftszweiges einwirken. Die aktive F\u00f6rderung eines Wirtschaftszweigs \u2013 wie z.B. der Finanz- oder der Informationsbranchen \u2013 kann deshalb sogar zu einer Abnahme der eigentlichen Industrie f\u00fchren. Die mit der Industriepolitik verfolgten Ziele umfassen die Erhaltung inl\u00e4ndischer Produktion, eine Abfederung struktureller Anpassungsprozesse oder die St\u00e4rkung von Branchen, die als \u00abzukunftstr\u00e4chtig\u00bb angesehen werden.<\/i>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n). Auch wenn die wirtschaftswissenschaftliche Forschung durchaus Gr\u00fcnde f\u00fcr industriepolitische Massnahmen \u2013 etwa im Rahmen der Entwicklung von Exportindustrien in Entwicklungsl\u00e4ndern \u2013 herausgearbeitet hat, ist eine solche Praxis in der Realit\u00e4t mit etlichen Problemen behaftet. Problematisch sind etwa Verteilungsfragen, da mit Industriepolitik immer auch Benachteiligungen und Diskriminierungen verbunden sind. \u00dcberdies machen versteckte, aber der Allgemeinheit auferlegte Kosten aus der Industriepolitik eine teure wirtschaftspolitische Massnahme. Schwer wiegt auch, dass der Staat in der Regel nicht dazu in der Lage ist, ex ante die \u00abrichtigen\u00bb Industrien auszuw\u00e4hlen. Politisches Lobbying erschwert nicht nur die Analyse und Bezeichnung \u00abzukunftstr\u00e4chtiger Branchen\u00bb, sondern auch den Ausstieg aus industriepolitischen Massnahmen, auch wenn diese hinf\u00e4llig geworden oder nicht erfolgreich sind. Die Kosten des aufgeschobenen Strukturwandels fallen dann im Nachhinein oft h\u00f6her aus als vermutet.&#13;<\/p>\n<h2>Verwischte Grenzen zwischen Industrie und Dienstleistungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Entwicklung muss vielmehr mit Besonnenheit beurteilt werden und auf einer realistischen Einsch\u00e4tzung der dynamischen Entwicklung der Schweizer Volkswirtschaft beruhen. Dazu m\u00fcssen wir wohl auch unser traditionelles Bild der Industrie \u00fcberdenken. Macht es heute noch Sinn, unsere Politik an einer starren Unterscheidung zwischen Industrie und Dienstleistungen auszurichten, wenn die Industrieunternehmen auch zunehmend Dienstleistungsarbeitspl\u00e4tze anbieten und in innovativer Weise industrielle Prozesse mit Dienstleistungen verbinden? Sowohl im Dienstleistungssektor als auch in der Industrie finden sich hochproduktive Branchen und Firmen, die auf dem Weltmarkt Erfolge erzielen und hochwertige Arbeitspl\u00e4tze auf allen Qualifikationsstufen bieten. Unbestritten bleibt, dass die Wirtschaftspolitik die Rahmenbedingungen so setzen muss, dass Unternehmen aller Branchen ihr produktives Potenzial entfalten k\u00f6nnen. Wenn der Grund f\u00fcr den kleiner werdenden Anteil produktiver Branchen vor allem darin liegt, dass die \u00fcbrigen Branchen ihr Potenzial durch fehlgeleitete Regulierungen zu wenig nutzen, dann m\u00fcssen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen dahingehend \u00fcberpr\u00fcft werden, dass gerade auch diese Branchen ihre Produktivit\u00e4t erh\u00f6hen (m\u00fcssen). Dies, und nicht das F\u00f6rdern \u00abnationaler Champions\u00bb, ist der Grundgedanke der Wachstumspolitik des Bundes.&#13;<\/p>\n<h2>Binnenorientiere Dienstleistungen mit Potenzial<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Wachstumspolitik des Bundes geht folglich einen anderen Weg als eine Industriepolitik.&#13;<br \/>\nVgl. Die Volkswirtschaft 5-2012, S. 3\u201341. Die Wachstumspolitik ist sektoren- und branchenneutral und geht der einfachen Frage nach, welche treibenden Kr\u00e4fte des wirtschaftlichen Wachstums gest\u00e4rkt werden m\u00fcssen. Dabei gilt f\u00fcr die Schweiz nach wie vor: Unser Land scheint wettbewerbsf\u00e4hig und reich, weil die hohe Erwerbsbeteiligung internationale Spitzenwerte erreicht. Demgegen\u00fcber ist die Schweiz beim Niveau und der Zuwachsrate der Arbeitsproduktivit\u00e4t als zweiter Quelle des Wachstums im Vergleich zu den fortgeschrittenen Industrienationen nur Durchschnitt. Deshalb setzt die Wachstumspolitik in den kommenden Jahren an der verh\u00e4ltnism\u00e4ssig schwachen Dynamik der Entwicklung der Arbeitsproduktivit\u00e4t an. Der Zuwachs der Arbeitsproduktivit\u00e4t ist nicht nur der Schl\u00fcssel zum Wirtschaftswachstum der Volkswirtschaft, sondern als Treiber der Reallohnentwicklung auch des individuellen Wohlergehens. Wie der Wachstumsbericht 2012-2015 des Bundesrates weiter zeigt, liegen die Herausforderungen vor allem bei den binnenorientierten (Dienstleistungs-)Sektoren. Der Industriesektor blieb bisher in der Schweiz zwar relativ bedeutend. Schon von den Besch\u00e4ftigtenanteilen her wird aber der binnenorientierte Dienstleistungssektor einen immer h\u00f6heren Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Produktivit\u00e4tsentwicklung aus\u00fcben. Ohne weitere Reformen droht sich die Dualisierung der Volkswirtschaft mit international wettbewerbsf\u00e4higen Exportzweigen einerseits und wenig produktiven Binnensektoren anderseits zu versch\u00e4rfen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Was ist unter Industriepolitik zu verstehen?&#13;<\/p>\n<h3>Was ist unter Industriepolitik zu verstehen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIndustriepolitik ist die gezielte F\u00f6rderung bestimmter Wirtschaftssektoren im Rahmen der Wirtschaftspolitik. Entgegen dem Wortlaut bezieht sich der Begriff nicht auf die Industrie im engeren Sinne (d.h. auf das Verarbeitende Gewerbe), sondern umfasst alle Massnahmen, die auf die selektive Entwicklung eines Wirtschaftszweiges einwirken. Die aktive F\u00f6rderung eines Wirtschaftszweigs \u2013 wie z.B. der Finanz- oder der Informationsbranchen \u2013 kann deshalb sogar zu einer Abnahme der eigentlichen Industrie f\u00fchren. Die mit der Industriepolitik verfolgten Ziele umfassen die Erhaltung inl\u00e4ndischer Produktion, eine Abfederung struktureller Anpassungsprozesse oder die St\u00e4rkung von Branchen, die als \u00abzukunftstr\u00e4chtig\u00bb angesehen werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem die Schweiz die Finanz- und Wirtschaftskrise verh\u00e4ltnism\u00e4ssig erfolgreich zu \u00fcberwinden vermochte, hat die starke Aufwertung des Schweizerfrankens innert Jahresfrist die Bef\u00fcrchtung einer \u00fcberm\u00e4ssigen Deindustrialisierung aufkommen lassen. 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