{"id":119634,"date":"2012-07-01T12:00:00","date_gmt":"2012-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2012\/07\/borner-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:27:20","modified_gmt":"2023-08-23T21:27:20","slug":"borner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2012\/07\/borner\/","title":{"rendered":"Deindustrialisierung \u2013 eine politische Tretmine"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt f\u00fcr den wissenschaftlichen \u00d6konomen wirtschaftspolitische Begriffe, die deshalb problematisch sind, weil sie vieldeutig und somit letztlich nichtssagend daher kommen. Dazu z\u00e4hle ich etwa den Service Public, die gleich langen Spiesse, die Nachhaltigkeit oder alle Bindestrich-Gerechtigkeiten. Leider muss ich auch die Deindustrialisierung dieser Kategorie zuteilen. Sie scheint wie das Bauernsterben gef\u00fchlsm\u00e4ssig negativ besetzt zu sein und daher nach staatlichen Eingriffen zu verlangen. F\u00fcr Politiker, Gewerkschafter und Interessengruppen sind theoretisch unscharfe, aber emotional attraktive Problemetikettierungen begehrt, weil die Eingriffsphantasie gross ist und das Eingriffsinstrumentarium fast alles zul\u00e4sst. Wettbewerbsbeschr\u00e4nkende Praktiken im Inland und protektionistische Massnahmen gegen\u00fcber dem Ausland stehen dabei im Vordergrund, um den \u2013 aus Interessensicht oder ideologischer Perspektive \u2013 unerw\u00fcnschten Strukturwandel zu bremsen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie sektorspezifische Politikorientierung dominiert bekanntlich im Prim\u00e4rsektor, wo die herrschende Planwirtschaft den volkswirtschaftlichen Schaden nur deshalb in Grenzen h\u00e4lt, weil die Landwirtschaft schon fast zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft ist. Im Zeitalter der Globalisierung und nachindustriellen Revolution in Robotik, Informatik, Kommunikation sind die Grenzen zwischen Industrie und Dienstleistungen nur noch willk\u00fcrlich zu ziehen. Fabrikhallen, Montagestrassen oder Grosswerkst\u00e4tten voller <i>Blue Collar Workers<\/i> sind in der Schweiz fast vollst\u00e4ndig verschwunden. Der industriell-gewerbliche Sekund\u00e4rsektor ist weitgehend tertiarisiert, extrem spezialisiert und internationalisiert worden. Hinzu kommt die die globale Bedeutung schweizerischer Multis im Pharma-, Chemie- und Maschinenbereich. Der dritte Sektor der Dienstleistungen ist gegen\u00fcber den ersten beiden Sektoren heterogener und nimmt eine dualistische Zwischenstellung ein: Auf der einen Seite haben wir die international ausgerichteten und wettbewerbsf\u00e4higen Finanzdienstleister wie Banken und Versicherungen und auf der anderen Seite die national operierenden und wenig kompetitiven Detailh\u00e4ndler. Ebenso unscharf ist schliesslich die Unterscheidung zwischen privatem und \u00f6ffentlichem Sektor mit einem rasch wachsenden Graubereich \u2013 insbesondere im Gesundheits- oder Sozialwesen \u2013 geworden.Die \u00fcberkommene Dreisektoren-Betrachtung der Volkswirtschaft macht deshalb sowohl theoretisch wie empirisch keinen Sinn mehr. Statt sektor- oder gar branchenspezifisch m\u00fcsste die Politik ordnungspolitisch konsequent auf gute allgemeine Rahmenbedingungen ausgerichtet werden. Industriepolitik ist so betrachtet a priori falsch \u2013 sicher wenn sie strukturerhaltend wirkt, aber leider auch dann, wenn sie strukturgestaltend sein will, wie beispielsweise im Falle der Cleantech- oder Alternativenergie-F\u00f6rderung. Picking Winners muss den Finanz- und Absatzm\u00e4rkten vorbehalten sein und darf daher keine Aufgabe von B\u00fcrokraten oder Interessenvertretern werden. Die wahre Triebkraft des produktivit\u00e4tssteigernden Strukturwandels innerhalb und zwischen Unternehmen ist der Druck des internationalen Wettbewerbs, der durch die Aufwertungstendenz des Frankens noch verst\u00e4rkt wird. Leider scheint sich mit der grossspurig angek\u00fcndigten Energiewende eine Trendumkehr bei der staatlichen Innovationsf\u00f6rderung abzuzeichnen, die es zu bek\u00e4mpfen gilt. Der technologische Innovationsprozess wird weiter laufen und sich eher noch beschleunigen. Doch in welche Richtungen und welchen Formen entzieht sich unserem Wissen. Was nicht voraussehbar ist, sollte auch nicht im Voraus verplant oder gar reguliert oder normiert werden. Der Markt ist und bleibt \u2013 trotz m\u00f6glicher M\u00e4ngel \u2013 nicht nur das beste, sondern auch das einzige Entdeckungsverfahren f\u00fcr erfolgreiche Innovationen. Die steuerlichen Rahmenbedingungen sind f\u00fcr den Unternehmensstandort Schweiz nach wie vor gut bis sehr gut. Sorge bereitet hingegen die Regulierungsflut oder -wut in funktional vitalen Bereichen wie Kommunikation, Verkehr, Energie oder Finanzen. Neben der \u00f6konomisch ohnehin unseligen Preis\u00fcberwachung bewegen sich unter dem Deckmantel der Unabh\u00e4ngigkeit immer mehr Regulatoren in Richtung bereichsspezifischer Diktatoren. Sie greifen h\u00e4ufig in einer Art und Weise in die private Vertragsautonomie, in Marktverh\u00e4ltnisse und Preisstrukturen ein, die weit st\u00e4rker verzerrt als Steuern. Wenn die Schweiz in den letzten Jahren wieder an Wachstumsdynamik gewonnen hat, so d\u00fcrfen wir uns dar\u00fcber freuen. Wir m\u00fcssen nur aufpassen, dass Politiker und Regulierungsbeh\u00f6rden dieses gute Resultat nicht ihren Taten zuschreiben und noch bestehende echte und vermeintliche Probleme als Marktversagen deklarieren, um ihren Einflussbereich auszudehnen. Wir sind so gut gefahren, weil wir so wenig gemacht haben!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt f\u00fcr den wissenschaftlichen \u00d6konomen wirtschaftspolitische Begriffe, die deshalb problematisch sind, weil sie vieldeutig und somit letztlich nichtssagend daher kommen. Dazu z\u00e4hle ich etwa den Service Public, die gleich langen Spiesse, die Nachhaltigkeit oder alle Bindestrich-Gerechtigkeiten. Leider muss ich auch die Deindustrialisierung dieser Kategorie zuteilen. 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