{"id":119754,"date":"2012-05-01T12:00:00","date_gmt":"2012-05-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2012\/05\/binswanger-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:27:49","modified_gmt":"2023-08-23T21:27:49","slug":"binswanger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2012\/05\/binswanger\/","title":{"rendered":"Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit: Ein Widerspruch?"},"content":{"rendered":"<p>Das Verst\u00e4ndnis einer Gr\u00fcnen Wirtschaft beschr\u00e4nkt sich in den meisten F\u00e4llen darauf, dass man mit umweltfreundlicheren Technologien produziert (Cleantech). Wenn es sehr weit geht, wird damit auch noch eine nachhaltigere Lebensweise verbunden. Solche \u00dcberlegungen greifen aber zu kurz, weil die Dynamik moderner Wirtschaften dabei vernachl\u00e4ssigt wird. Es geht darum zu verstehen, warum unsere Wirtschaften auf ein stetiges Wachstum ausgerichtet sind und weshalb technischer Fortschritt oft zu bedeutend weniger Reduktion des Ressourcenverbrauchs f\u00fchrt, als dies m\u00f6glich w\u00e4re.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201205_08_Binswanger_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Warum die heutige Wirtschaft Wachstum braucht<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBetrachten wir den Wirtschaftsprozess zun\u00e4chst einmal aus der Perspektive des wirtschaftlichen Kreislaufs: <i>Ohne Wachstum<\/i> w\u00e4re eine Wirtschaft, was das Einkommen betrifft, <i>ein \u00e4usserst unangenehmes Nullsummenspiel<\/i> mit entsprechenden Verteilungsk\u00e4mpfen. Doch dank des Wachstums kann man der Tyrannei des Nullsummenspiels entgehen, bei dem jeder Gewinn einen Verlust (bzw. eine Gewinnminderung) bei anderen Wirtschaftsakteuren bedingt und etwa Lohnerh\u00f6hungen automatisch eine Reduktion der Gewinne erfordern. Mit Wachstum k\u00f6nnen hingegen andere Menschen bzw. Unternehmen reich werden, ohne dass man selbst etwas hergeben muss. Aus einer l\u00e4ngerfristigen zeitlichen Perspektive ergibt sich ein weiterer Grund, weshalb moderne Wirtschaften ohne Wachstum l\u00e4ngerfristig Probleme bekommen.&#13;<br \/>\nVgl. Binswanger, M. (2006). Die Tretm\u00fchlen des Gl\u00fccks \u2013 Wir haben immer mehr und werden nicht gl\u00fccklicher. Was k\u00f6nnen wir tun? Herder Verlag, Freiburg; Binswanger, M. (2009). Is there a Growth Imperative in Capitalist Economies? A Circular Flow Perspective. Journal of Post Keynesian Economics 31, No. 4: S. 709\u2013730. Zusammengefasst l\u00e4sst sich der <i>Wachstumsprozess in einer modernen Kreditgeldwirtschaft<\/i> folgendermassen beschreiben: Das Wachstum wird durch neue Investitionsprojekte in Gang gebracht, welche in Zukunft eine Zunahme der Produktion von G\u00fctern und Dienstleistungen erm\u00f6glichen. Die Investitionsausgaben k\u00f6nnen dabei in modernen Kreditgeldwirtschaften durch Bankkredite finanziert werden, ohne dass bereits entsprechende Ersparnisse vorhanden sind. Durch diese Kredite entsteht zus\u00e4tzliches Geld, und es wird zus\u00e4tzliche Kaufkraft geschaffen, die unmittelbar zu mehr Einkommen und damit auch zu mehr K\u00e4ufen von G\u00fctern und Dienstleistungen f\u00fchren. Dadurch steigen die Gewinne bei den Unternehmen, aus welchen diese dann die Zahlungen der Zinsen und Risikopr\u00e4mien f\u00fcr das Fremdkapital sowie der Dividenden f\u00fcr das Eigenkapital bezahlen k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>Was geschieht, wenn kein Wachstum generiert wird?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nKommt dieser Wachstumsprozess hingegen ins Stocken, rentieren sich die Investitionen nicht mehr, da kein zus\u00e4tzliches Einkommen mehr mit ihnen erzielt wird. Die Unternehmen sind dann nicht mehr in der Lage, l\u00e4ngerfristig Zinsen und Risikopr\u00e4mien zu bezahlen. Ein Teil der Unternehmen geht Konkurs, und die ganze Wirtschaft ger\u00e4t in eine schwere Krise. Nur Wachstum kann das verhindern. Es ist der fundamentale Zusammenhang zwischen Investitionen, Kreditgeldsch\u00f6pfung und Gewinnen, der dem Wachstum in einer modernen Wirtschaft einen so hohen Stellenwert einr\u00e4umt. Aus diesem Grund ist es verst\u00e4ndlich, weshalb man auf Wachstum selbst angesichts der heutigen Umweltprobleme nicht verzichten m\u00f6chte. Dieses soll also auch in Zukunft weitergehen \u2013 aber mit gr\u00fcneren Technologien.&#13;<\/p>\n<h2>Effizienzerh\u00f6hungen allein bewirken noch keine Nachhaltigkeit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Einsatz Gr\u00fcner Technologien f\u00fchrt gem\u00e4ss einer weit verbreiteten optimistischen Vorstellung zu einer zunehmenden Entkoppelung des Wirtschaftswachstums von Natur- und Ressourcenverbrauch, so dass auch die mit Wachstum verbundenen Umweltsch\u00e4den immer mehr zur\u00fcckgehen. Von einem rein technischen Gesichtspunkt aus betrachtet gibt es da tats\u00e4chlich gewaltige Potenziale \u2013 etwa zur Steigerung der Energieeffizienz, wenn wir an die Bereiche Verkehr (1,5l-Auto) oder Wohnen (Superfenster) denken. Doch leider f\u00fchren in der Realit\u00e4t Effizienzerh\u00f6hungen nicht automatisch auch zur einer entsprechenden Reduktion des Verbrauchs. Schuld daran ist der sogenannte <i>Rebound-Effekt<\/i>, der dadurch zustande kommt, dass Menschen im allgemeinen auf Effizienzerh\u00f6hungen mit einer Zunahme des Verbrauchs reagieren, was den Anbietern wiederum neue Wachstumsm\u00f6glichkeiten beschert. So konnte die Treibstoffeffizienz vieler Fahrzeuge betr\u00e4chtlich gesteigert werden, und gleichzeitig wurde der Verkehr immer schneller. Die Effizienzerh\u00f6hung bewirkte jedoch auch eine Verbilligung des Fahrens und schuf neue Wachstumspotenziale. Dies hatte zur Folge, dass die Menschen h\u00e4ufiger fuhren, weitere Distanzen zur\u00fccklegten und vermehrt auf schwerere und luxuri\u00f6sere Fahrzeuge umstiegen, da sie sich Fahrten mit diesen jetzt leisten konnten.&#13;<br \/>\nVgl. Binswanger, M. (2001). Technological Progress and Sustainable Development: What about the Rebound Effect?, Ecological Economics 36: S. 119\u2013132.Ein anderer bedeutender Rebound-Effekt betrifft das Wohnen. Effizientere Heizungen und Massnahmen bei der W\u00e4rmed\u00e4mmung haben den Raumw\u00e4rmebedarf pro Quadratmeter Wohnfl\u00e4che erheblich gesenkt. Gleichzeitig ist aber die Wohnfl\u00e4che pro Kopf so stark angestiegen, dass sich keine Reduktion beim Raumw\u00e4rmebedarf pro Kopf ergab.&#13;<br \/>\nVgl. BMWI (2011). Forschung f\u00fcr eine umweltschonende, zuverl\u00e4ssige und bezahlbare Energieversorgung. Das 6. Energieforschungsprogramm der Bundesregierung.&#13;<\/p>\n<h2>Rebound-Effekte<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Rebound-Effekt im Verkehr zeigt deutlich, dass eine Entkopplung nicht allein durch eine Erh\u00f6hung der \u00abtechnischen Effizienz\u00bb erreicht werden kann. Technologiegetriebene Entkopplungsvisionen \u2013 wie Faktor 4, 5 oder 10 \u2013 tendieren dazu, die tats\u00e4chlich eintretenden Entkopplungseffekte zu \u00fcbersch\u00e4tzen. Die Rebound-Effekte m\u00fcssen bei der Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien von Anfang an mitber\u00fccksichtigt werden. Wichtig ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Rebound-Effekte m\u00f6glichst klein ausfallen. Im Nahverkehrsbereich bedeutet das beispielsweise, dass das Heil nicht im stetigen Ausbau des \u00f6ffentlichen Verkehrs zu suchen ist. Die dadurch verursachte Beschleunigung des Transports f\u00fchrt vor allem dazu, dass die Distanz zwischen Wohnort und Arbeitsort immer gr\u00f6sser wird. Hier muss ganzheitlicher gedacht werden. Beispielsweise sollte man sich \u00fcberlegen, ob es im Computerzeitalter nach wie vor notwendig ist, dass sich die Mehrheit der Menschen jeden Morgen um die gleiche Zeit in Bewegung setzt, um sich dann in st\u00e4dtischen Ballungsgebieten w\u00e4hrend 8 bis 9 Stunden in bestimmten R\u00e4umen aufzuhalten und abends gleichzeitig wieder an den entfernten Wohnort zur\u00fcckzukehren.&#13;<br \/>\nVgl. Binswanger (2006, S. 173\u2013179).An dieser aus dem Industriezeitalter stammenden, wenig nachhaltigen und verkehrsintensiven Arbeitsweise wird nach wie vor stur festgehalten, obwohl das in vielen Berufen keine Notwendigkeit mehr darstellt. Hier bieten die M\u00f6glichkeiten der mobilen Kommunikation und Informationsverarbeitung eine echte Chance zu mehr Nachhaltigkeit. Diese wird bis heute allerdings zu wenig genutzt. Weder Home Office Days (Arbeit von zu Hause aus) noch der mobile Arbeitsplatz (die Angestellten sind unterwegs und arbeiten an verschiedenen Orten) haben sich allgemein durchgesetzt. In diesem Fall sind auch \u00c4nderungen der Arbeitsorganisation und unserer Lebensweise n\u00f6tig, die einen nachhaltigeren Lebensstil erm\u00f6glichen. Es war leicht, den Computer am Arbeitsplatz einzuf\u00fchren; die Organisation der Arbeit dieser technologischen Revolution anzupassen, ist bedeutend schwieriger. Solange Menschen nicht f\u00fcr das bezahlt werden, was sie am Arbeitsplatz leisten, sondern f\u00fcr die Zeit, die sie am Arbeitsplatz anwesend sind, wird sich an den morgendlichen und abendlichen Pendlerkarawanen nur wenig \u00e4ndern.&#13;<\/p>\n<h2>Wie k\u00f6nnen Rebound-Effekte verhindert werden?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZun\u00e4chst spielen die Preise eine Rolle. Wenn Energie und Treibstoffe relativ billig sind, werden Erh\u00f6hungen der Energieeffizienz stets auch zu einer Erh\u00f6hung der Nachfrage f\u00fchren. Dieser Zunahme kann man mit entsprechenden \u00f6kologisch motivierten Steuern entgegenwirken, indem parallel zur Erh\u00f6hung der Effizienz auch die Steuers\u00e4tze mit der Zeit immer mehr angehoben werden. Popul\u00e4r ist ein solche Steuer jedoch nicht und deshalb nur schwierig durchsetzbar. Noch wirksamer, aber noch viel unpopul\u00e4rer ist das Setzen von absoluten Grenzen, so etwa bei der Wohnfl\u00e4che pro Person. Das wohl gr\u00f6sste Potenzial zur Verhinderung von Rebound-Effekten liegt darin, deren negative Effekte auf die Lebensqualit\u00e4t aufzuzeigen. So sind lange Pendlerwege nicht nur un\u00f6kologisch, sondern schaden auch der Lebenszufriedenheit.&#13;<br \/>\nVgl. Binswanger (2006, S. 110). Eine r\u00e4umlich und zeitlich flexiblere Arbeitsweise f\u00fchrt somit sowohl zu mehr Nachhaltigkeit als auch zu mehr Zufriedenheit. Solche Zusammenh\u00e4nge m\u00fcssen vermehrt in das Bewusstsein der Menschen gelangen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Verst\u00e4ndnis einer Gr\u00fcnen Wirtschaft beschr\u00e4nkt sich in den meisten F\u00e4llen darauf, dass man mit umweltfreundlicheren Technologien produziert (Cleantech). Wenn es sehr weit geht, wird damit auch noch eine nachhaltigere Lebensweise verbunden. Solche \u00dcberlegungen greifen aber zu kurz, weil die Dynamik moderner Wirtschaften dabei vernachl\u00e4ssigt wird. 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