{"id":119759,"date":"2012-05-01T12:00:00","date_gmt":"2012-05-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2012\/05\/bonanomi-feuz-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:28:08","modified_gmt":"2023-08-23T21:28:08","slug":"feuz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2012\/05\/feuz\/","title":{"rendered":"Die Stabilisierungspolitik des Bundes 2008\u20132010: Warum die Schweiz die Krise rasch bew\u00e4ltigt hat"},"content":{"rendered":"<p>Im November 2008 befand sich die Schweiz nach Ausbruch der US- Immobilien- und Finanzkrise noch in einer vergleichsweise guten Wirtschafts- und Besch\u00e4ftigungslage. Die Schweiz wurde aber als stark aussenhandelsorientierte Volkswirtschaft mit einem grossen Finanzsektor rasch in den Strudel der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise hineingezogen. Die Exportwirtschaft erlebte einen scharfen Einbruch der Nachfrage. Das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz schrumpfte zwischen dem 3. Quartal 2008 und dem 2. Quartal 2009. Die Bek\u00e4mpfung der Krise erforderte Massnahmen auf verschiedenen Ebenen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201205_18_Feuz_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"241\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie seit Anfang 2007 schwelende amerikanische Immobilien- und Finanzkrise f\u00fchrte zu einem Stakkato krisenartiger Ereignisse: Im Herbst 2007 fand der Run auf Northern Rock Bank statt; im September 2008 folgte der Kulminationspunkt mit der Insolvenz von Lehman Brothers sowie dem faktischen Kollaps von AIG. Diese Ereignisse f\u00fchrten zu einem panikartigen Einbruch der B\u00f6rsen und zum zeitweisen Erliegen des Interbankmarktes. Zwischen September und November 2008 beschleunigte sich der weltwirtschaftliche Konjunkturabschwung rasant und erfasste auch die Schweiz.Im folgenden Artikel wird die vom Bund getroffene Stabilisierungspolitik n\u00e4her untersucht und der Frage nachgegangen, warum die Schweiz die Krise gut bew\u00e4ltigt hat.&#13;<\/p>\n<h2>Geldpolitik und Stabilisierung der Finanzm\u00e4rkte<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) trug grundlegend dazu bei, das Zinsniveau auf breiter Front zu senken. Sie hat damit die volkswirtschaftliche Gesamtnachfrage gest\u00fctzt. Dabei sanken nicht nur die Zinss\u00e4tze auf risikolosen Anlagen, sondern auch die in der Finanzkrise 2008\/2009 stark gestiegenen Risikopr\u00e4mien. Von den tiefen Zinss\u00e4tzen profitierten die Unternehmen ebenso wie die Haushalte. Die von vielen Beobachtern bef\u00fcrchtete Kreditklemme blieb aus. Das Kreditwachstum hielt sogar besser stand als in fr\u00fcheren Rezessionen.Die internationalen Aspekte der Finanzkrise verlangten ebenfalls eine enge Zusammenarbeit der Zentralbanken. Auf die Versch\u00e4rfung der Krise nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers reagierten die Zentralbanken Anfang Oktober 2008 mit einer koordinierten Senkung der Zinss\u00e4tze und stellten einander Liquidit\u00e4t zur Verf\u00fcgung. Mit diesen Massnahmen gelang es, Anspannungen an den internationalen Geldm\u00e4rkten zu begrenzen.&#13;<\/p>\n<h2>Schuldenbremse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit der Schuldenbremse steht der Schweiz ein starkes Instrument der Regelbindung zur Verf\u00fcgung. Es setzt finanzpolitischen Ad-hoc-Massnahmen klare Schranken. Die Schuldenbremse verlangt, dass die Bundesausgaben bei der Budgetierung an die erwarteten Einnahmen gekn\u00fcpft werden. Ausgaben d\u00fcrfen grunds\u00e4tzlich nur dann erh\u00f6ht werden, wenn ihre Finanzierung durch zus\u00e4tzliche Einnahmen oder entsprechende Ausgabenverzichte gesichert ist. Das System der Schuldenbremse ist verbindlich. Es l\u00e4sst aber genug Spielraum, um auf \u00e4ussere Entwicklungen angemessen reagieren zu k\u00f6nnen. Bei ausserordentlichem Zahlungsbedarf kann das Parlament mit qualifiziertem Mehr den H\u00f6chstbetrag der Ausgaben gem\u00e4ss Schuldenbremse erh\u00f6hen.&#13;<\/p>\n<h2>Diskretion\u00e4re Konjunkturpolitik des Bundes<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Unsicherheit \u00fcber Verlauf und Dauer der Krise war ungew\u00f6hnlich hoch. Es handelte sich nicht um einen \u00abnormalen\u00bb Konjunkturabschwung nach einer wirtschaftlichen Boomphase, sondern um einen weltwirtschaftlichen Einbruch, der durch das Platzen einer aussergew\u00f6hnlichen Kredit- und Immobilienblase ausgel\u00f6st wurde. Damit wurde der Konjunkturabschwung \u00fcberlagert durch einen Entschuldungsbedarf im Finanzsektor, dem sogenannten \u00abDeleveraging\u00bb. Wie rasch und wie schmerzhaft dieser strukturelle Anpassungsprozess verlaufen w\u00fcrde, war kaum abzusch\u00e4tzen. Aufgrund der ausserordentlichen Krisenlage w\u00e4hlte der Bundesrat zu Beginn des Konjunkturabschwungs ein stufenweises Vorgehen, wobei je nach Entwicklung der Krise zus\u00e4tzliche Massnahmen ergriffen werden konnten.&#13;<\/p>\n<h2>Stufe 1<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie damalige Konjunkturlage und die vorhandenen Prognosen rechtfertigten kein \u00dcberschreiten des Ausgabenplafonds gem\u00e4ss der Schuldenbremse. Der finanzpolitische Spielraum sollte aber genutzt werden. Dieser betrug f\u00fcr das Jahr 2009 rund 1 Mrd. Franken. Am 12. November 2008 schlug der Bundesrat eine erste Stufe von Massnahmen im Umfang von 432 Mio. Franken vor. In der Finanzpolitik wurden die Aufhebung der Kreditsperre sowie Massnahmen im Umwelt- und energetischen Bereich sowie in der Exportf\u00f6rderung empfohlen. Die steuerbeg\u00fcnstigten Arbeitsbeschaffungsreserven sollten letztmalig freigegeben werden. Weiter sollte durch die Massnahmen der Aussenwirtschaftspolitik das Umfeld f\u00fcr die Unternehmen m\u00f6glichst rasch verbessert werden. Zudem k\u00fcndigte der Bundesrat die beschleunigte Behandlung von Vorlagen zur St\u00e4rkung der Binnenwirtschaft an.&#13;<\/p>\n<h2>Stufe 2<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Bundesrat beschloss am 11. Februar 2009 eine zweite Stufe von Massnahmen. Damit wurde der f\u00fcr 2009 verbleibende finanzpolitische Spielraum von rund 700 Mio. Franken genutzt. Auch hier lag die Stossrichtung in einem Vorziehen bereits beabsichtigter Ausgaben. Es wurden Ausgaben pr\u00e4feriert, welche besonders der Industrie und dem Tourismus zu Gute kamen. Die Massnahmen betrafen unter anderem die Bereiche der Strassen- und Schieneninfrastruktur, Forschung, energetische und umwelttechnische Sanierungen und des Tourismus. Diese Ausgabenerh\u00f6hungen wurden durch Massnahmen erg\u00e4nzt, welche direkt den betroffenen Branchen zukommen sollten, namentlich die befristete Anpassung der Schweizerischen Exportrisikoversicherung (Serv) und der Bestimmungen bez\u00fcglich Kurzarbeitsentsch\u00e4digung. Weiter wurde mit einer vorgeschlagenen \u00c4nderung des Wohnbau- und Eigentumsf\u00f6rderungsgesetzes (WEG) ein vorzeitiger Erlass von Grundverbilligungsvorsch\u00fcssen erm\u00f6glicht.&#13;<\/p>\n<h2>Stufe 3<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMitte 2009 drohte eine Verschlechterung der Situation auf dem Arbeitsmarkt. Damit stieg auch die Gefahr eines \u00dcbergreifens der Krise auf die Binnenwirtschaft. Das Parlament beschloss am 25. September 2009 eine dritte Stufe von Massnahmen im Umfang von 944 Mio. Franken. Das Instrumentarium der Arbeitslosenversicherung wurde mit gezielten, zeitlich befristeten Massnahmen f\u00fcr besonders betroffene Zielgruppen erg\u00e4nzt. F\u00fcr die Aufschwungsphase nach der Krise wurden Massnahmen zur St\u00e4rkung der Wirtschaft ergriffen. Es handelte sich um eine Weiterbildungsoffensive im Energiebereich, die F\u00f6rderung von Informations- und Kommunikationstechnologien sowie die F\u00f6rderung von Exportplattformen f\u00fcr die Schweizer Wirtschaft. Durch die vorgezogene R\u00fcckverteilung der CO<i>2<\/i>-Abgaben, den Aufschub der Mehrwertsteuererh\u00f6hung und die vorgezogene Einf\u00fchrung der Mehrwertsteuerreform wurde den Unternehmen und Haushalten zus\u00e4tzliche Liquidit\u00e4t zugef\u00fchrt bzw. nicht entnommen (siehe <i>Tabelle 1<\/i>).&#13;<\/p>\n<h2>Kantone und Gemeinden<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEinen erheblichen Anteil an der raschen \u00dcberwindung der Rezession hatten auch die Kantone. Sie waren auf der Basis gesunder Finanzen in der Lage, ihre Ausgaben zu verstetigen oder gar der Nachfrage einen Impuls zu vermitteln. Insgesamt haben Kantone und Gemeinden Mehrausgaben und Mindereinnahmen im Umfang von 5,3 Mrd. Franken beschlossen. In fr\u00fcheren Rezessionen musste hingegen h\u00e4ufig in Zeiten des Abschwungs eine Sanierung der \u00f6ffentlichen Haushalte vorgenommen werden. Die Kantone haben w\u00e4hrend dieser Krise konjunkturpolitisch verantwortungsvoll reagiert und substanziell zur \u00dcberwindung der Krise beigetragen.&#13;<\/p>\n<h2>Absch\u00e4tzung der Impulse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm die Wirkungen der diskretion\u00e4ren Massnahmen abzusch\u00e4tzen, m\u00fcssen auch die Ausgaben der Kantone und Gemeinden ber\u00fccksichtigt werden (siehe <i>Tabelle 2<\/i>). Zur Berechnung der Effekte dieser Ausgaben wurden die von der OECD verwendeten Erfahrungswerte f\u00fcr Multiplikatoren beigezogen. Unter Ber\u00fccksichtigung der hohen Importneigung und Sparquote in der Schweiz kann davon ausgegangen werden, dass in den Jahren 2009 und 2010 die diskretion\u00e4ren Massnahmen das Bruttoinlandprodukt um etwa 0,6% erh\u00f6ht haben. Obwohl das Stabilisierungsprogramm der Schweiz im Vergleich zu ausl\u00e4ndischen Programmen bescheiden war, kann sich die Wirkung sehen lassen: Die aus den relativ stabilen Importen resultierenden Impulse haben zur Stabilisierung der Nachbarl\u00e4nder beigetragen. Die Schweiz hat haupts\u00e4chlich von der nach wie vor robusten Nachfrage aus den Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern profitiert. Obwohl die Exporte in die meisten Nachbarl\u00e4nder und die USA (und weitere) stark zur\u00fcckgegangen sind, haben die ausl\u00e4ndischen Konjunkturprogramme den Nachfrageeinbruch dieser L\u00e4nder gemildert, was letztlich auch den schweizerischen Exporten zugute gekommen ist.&#13;<\/p>\n<h2>Was beim Schn\u00fcren eines Stabilisierungsprogramms zu beachten ist<\/h2>\n<p>&#13;<\/p>\n<h2>Prognoserisiken<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Prognoserisiken, welche gerade in Krisensituationen besonders gross sind, pr\u00e4gen ein Programm. Die rasche und kr\u00e4ftige Erholung, welche 2010 einsetzte, wurde zwar von vereinzelten Prognostikern vorausgesagt, entsprach aber nicht der Konsensprognose. Mit dieser Verunsicherung h\u00e4tte man zu Beginn der Krise vermutlich ein zu grosses Programm in die Wege geleitet, wie dies viele L\u00e4nder getan haben. Aus diesem Grunde hat sich das stufenweise Vorgehen bew\u00e4hrt: Dieses erlaubte es, den Prognoserisiken Rechnung zu tragen. Je nach konjunktureller Entwicklung wurden schrittweise Massnahmen beschlossen. Dadurch konnte sichergestellt werden, dass im Bedarfsfall Spielraum f\u00fcr zus\u00e4tzliche Massnahmen bestand. Spiegelbildlich wurden zu grosse Programme vermieden, was insofern sinnvoll war, als in einigen der gef\u00f6rderten Bereiche \u2013 besonders im Bau \u2013 die Auslastung gut war und ein zu grosses Programm eine \u00dcberhitzung h\u00e4tte ausl\u00f6sen k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>\u00abOpting-in\u00bb-Klausel<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nFerner k\u00f6nnen \u00abOpting-in\u00bb-Klauseln \u2013 d.h. die Festlegung eines Schwellenwertes, bei welchem eine Massnahme ausgel\u00f6st wird \u2013 hilfreich sein. Sie reduzieren die negativen Konsequenzen von Prognosefehlern erheblich. So wurde im Herbst 2009 f\u00fcr 2010 eine jahresdurchschnittliche Arbeitslosenquote von \u00fcber 5% prognostiziert. Entsprechend waren viele Mittel f\u00fcr Massnahmen im Bereich des Arbeitsmarktes vorgesehen. Tats\u00e4chlich wurde lediglich eine Arbeitslosenquote von 3,9% erreicht. Somit erwies sich die Eintrittsschwelle, welche das Parlament eingesetzt hatte (eine Arbeitslosenquote von 5%), als sehr sachdienlich. Die Massnahme, welche der Eintrittsschwelle unterstellt war, wurde nicht ausgel\u00f6st. Auch die anderen Massnahmen wurden wegen der niedrigen Arbeitslosigkeit kaum beansprucht.&#13;<\/p>\n<h2>Diskretion\u00e4re Massnahmen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZur Auswahl der Massnahmen hat sich der Bundesrat auf die drei T-Kriterien (siehe <i>Kasten 2<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Die drei T-Kriterien<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2013 Targeted: Wirkt die Massnahme zielgerichtet? Hier spielt vor allem das Profil der Rezession eine Rolle. Es m\u00fcssen die betroffenen Nachfragekomponenten (z.B. Konsum oder Investitionen) oder Branchen (z.B. Exportindustrie) unterst\u00fctzt werden.\u2013 <i>Timely:<\/i> Wirkt die Massnahme rechtzeitig? Bei vielen potenziellen Stabilisierungsmassnahmen besteht die Gefahr, dass sie aufgrund einer langen Planungsdauer, Einsprachen oder anderen zeitlichen Verz\u00f6gerungen zu sp\u00e4t wirken.\u2013 <i>Temporary:<\/i> Ist die Massnahme vor\u00fcbergehender Art? Es sollte plausibel sein, dass die Massnahme nach der Krise zur\u00fcckgefahren werden kann und der Bund zum fr\u00fcheren Zustand zur\u00fcckkehrt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n) gest\u00fctzt: Die Massnahmen m\u00fcssen zielgerichtet sein (<i>t<\/i>argeted), zur richtigen Zeit wirken (<i>t<\/i>imely) und vor\u00fcbergehender Art sein (<i>t<\/i>emporary). <i>Targeted:<\/i> Es ist schwierig, gezielte und wirksame Konjunkturmassnahmen zu finden. Dies war auch 2009 nicht anders: Den Ausfall der Auslandnachfrage f\u00fcr Unternehmen direkt auszugleichen, war unm\u00f6glich. Deshalb musste das Ziel anvisiert werden, ein \u00dcbergreifen der Krise auf die Binnenkonjunktur zu vermeiden.<i>Timely:<\/i> Programme m\u00fcssen rasch realisierbar sein. Diese Anforderung wird nur von wenigen Vorhaben der \u00f6ffentlichen Hand erf\u00fcllt. Zum Beispiel k\u00f6nnen Projekte oft nicht zeitgerecht umgesetzt werden, wenn zuerst noch Bewilligungen eingeholt werden m\u00fcssen. Dies war bei einigen Baumassnahmen der zweiten Stufe der Fall. <i>Temporary:<\/i> Die Einhaltung der zeitlichen Befristung von Massnahmen stellte sich als problematisch heraus. Bei gewissen Massnahmen ist diese Eigenschaft der Grund f\u00fcr ihren Erfolg (z.B. Arbeitsbeschaffungsreserven). Allerdings konnten gewisse Massnahmen nicht wie urspr\u00fcnglich vorgesehen zur\u00fcckgefahren werden. Dies best\u00e4tigt fr\u00fchere Erfahrungen, wonach diskretion\u00e4re Massnahmen schwierig zu begrenzen sind. Bei einigen Massnahmen innerhalb der ersten und zweiten Stufe der Stabilisierungsmassnahmen handelte es sich um vorgezogene Vorhaben. Darunter fallen zum Beispiel die Aufstockungen im Hochwasserschutz oder die fr\u00fchzeitige Einf\u00fchrung der Mehrwertsteuerreform. Da die Vorhaben ohnehin geplant waren, handelt es sich lediglich um die vorzeitige Entfaltung der Wirkung. Die Wirkung ist hier per Definition tempor\u00e4rer Natur. Allerdings gilt es auch bei vorgezogenen Massnahmen, die Zielgenauigkeit zu respektieren. Die demokratisch festgelegten Ausgabenpriorit\u00e4ten d\u00fcrfen nicht gef\u00e4hrdet werden, und der konjunkturellen Wirkung muss auch hier Rechnung getragen werden. Bei der Umsetzbarkeit m\u00fcssen etwa die n\u00f6tigen Anpassungen bei einzelnen Wirtschaftsakteuren und die Geringhaltung der administrativen Belastungen ber\u00fccksichtigt werden. Insgesamt bestehen aber bei solchen Vorhaben weniger Risiken als bei rein diskretion\u00e4ren Massnahmen.Heute ist man sich der Grenzen der Stabilisierungspolitik bewusst. Aus diesen Gr\u00fcnden hat in den letzten Jahren der R\u00fcckgriff auf automatische Stabilisatoren an Gewicht gewonnen. Automatische Stabilisatoren enthalten keine Ad-hoc-Massnahmen, sondern wirtschaftlich bew\u00e4hrte und politisch legitimierte Ausgaben. Sie haben ihre Tauglichkeit bewiesen und f\u00fchren zu keinen Verzerrungen in der Volkswirtschaft. Zudem entfalten sie ihre Wirkung dann, wenn sie tats\u00e4chlich gebraucht wird.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz hat die Krise 2008\/2009 rasch \u00fcberwunden. Die Stabilisierungsmassnahmen haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. Mindestens gleich wichtig ist aber die finanzpolitische und wirtschaftliche Ausgangslage. Grundlage f\u00fcr ein erfolgreiches Gegensteuern ist eine finanzpolitische Handlungsf\u00e4higkeit des Staates. Mit der Schuldenbremse und den kantonalen Ausgabenregeln war in der vergangenen Rezession ein entsprechender Spielraum vorhanden. Eine weitere Voraussetzung f\u00fcr eine Resistenz der Wirtschaft gegen Krisensituationen ist die F\u00e4higkeit, ihre Struktur an neue Gegebenheiten anzupassen. Jede Krise bringt in einem gewissen Grad auch einen Strukturbruch mit sich. Strukturelle Verbesserungen werden durch die Wachstumspolitik angestrebt. Gerade weil sie langfristige Ziele anvisiert, ist es oft schwer, politisches Geh\u00f6r f\u00fcr ihre Belange zu erhalten. Die vergangene Krise und die Erfahrungen in Europa haben aber ihre Bedeutung mit grosser Klarheit dokumentiert. Die finanz- und wirtschaftspolitische Situation w\u00e4hrend und nach der Krise sowie die \u00fcberraschend rasche weltwirtschaftliche Erholung waren ideale Bedingungen f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung der Krise. Der starke und breit gestreute Wiederaufschwung der Weltwirtschaft f\u00fchrte zu einer raschen Aufhellung der Erwartungen in der Wirtschaft. Verst\u00e4rkt wurde dieser positive Effekt durch die gute Wirtschaftslage in Deutschland, dem wichtigsten Handelspartner der Schweiz. In allf\u00e4lligen zuk\u00fcnftigen Krisen d\u00fcrfen nicht die gleichen Erwartungen geweckt werden, denn eine dermassen g\u00fcnstige Konstellation der Bedingungen kann nicht in jeder Krise erwartet werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1: \u00abMassnahmen im \u00dcberblick\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 2: \u00abImpulse durch die Massnahmen von Bund, Kantonen und Gemeinden\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Automatische Stabilisatoren&#13;<\/p>\n<h3>Automatische Stabilisatoren<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Bereich der Finanzpolitik st\u00fctzt sich der Bund auf automatische Stabilisatoren. Es handelt sich dabei um Einnahmen- und Ausgabenstr\u00f6me, die sich der konjunkturellen Lage anpassen, ohne dass explizite politische Entscheide gef\u00e4llt werden m\u00fcssen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Sie beinhalten bew\u00e4hrte und politisch legitimierte Ausgaben, welche zu keinen bleibenden Verzerrungen in der Wirtschaft f\u00fchren. Sie entfalten ihre Wirkung dann, wenn sie tats\u00e4chlich gebraucht werden; ein Prognoserisiko ist kaum vorhanden. Die Arbeitslosenversicherung (ALV) ist explizit als automatischer Stabilisator ausgestaltet. Bei einer Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit werden durch die ausbezahlten Taggelder die Einkommen der Stellensuchenden rasch und wirksam gest\u00fctzt. Dabei bleibt der Beitragssatz in der Regel unver\u00e4ndert, so dass den Haushalten und Unternehmen in der gleichen Periode keine Mittel entzogen werden. Mit einer zunehmenden Anzahl von Stellensuchenden werden automatisch mehr Mittel gesprochen. Entsprechend gehen bei sinkender Arbeitslosigkeit auch die Taggeldbezahlungen zur\u00fcck. Zur Bek\u00e4mpfung eines kr\u00e4ftigen und zeitlich eng begrenzten Einbruchs der Wirtschaftst\u00e4tigkeit steht mit der Kurzarbeitsentsch\u00e4digung innerhalb der Arbeitslosenversicherung ein weiteres ideales Instrument zur Verf\u00fcgung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Die drei T-Kriterien&#13;<\/p>\n<h3>Die drei T-Kriterien<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2013 <i>Targeted:<\/i> Wirkt die Massnahme zielgerichtet? Hier spielt vor allem das Profil der Rezession eine Rolle. Es m\u00fcssen die betroffenen Nachfragekomponenten (z.B. Konsum oder Investitionen) oder Branchen (z.B. Exportindustrie) unterst\u00fctzt werden.\u2013 <i>Timely:<\/i> Wirkt die Massnahme rechtzeitig? Bei vielen potenziellen Stabilisierungsmassnahmen besteht die Gefahr, dass sie aufgrund einer langen Planungsdauer, Einsprachen oder anderen zeitlichen Verz\u00f6gerungen zu sp\u00e4t wirken.\u2013 <i>Temporary:<\/i> Ist die Massnahme vor\u00fcbergehender Art? Es sollte plausibel sein, dass die Massnahme nach der Krise zur\u00fcckgefahren werden kann und der Bund zum fr\u00fcheren Zustand zur\u00fcckkehrt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im November 2008 befand sich die Schweiz nach Ausbruch der US- Immobilien- und Finanzkrise noch in einer vergleichsweise guten Wirtschafts- und Besch\u00e4ftigungslage. Die Schweiz wurde aber als stark aussenhandelsorientierte Volkswirtschaft mit einem grossen Finanzsektor rasch in den Strudel der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise hineingezogen. Die Exportwirtschaft erlebte einen scharfen Einbruch der Nachfrage. 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