{"id":120079,"date":"2012-01-01T12:00:00","date_gmt":"2012-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2012\/01\/lampart-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:28:59","modified_gmt":"2023-08-23T21:28:59","slug":"lampart-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2012\/01\/lampart-3\/","title":{"rendered":"Viel zu restriktive Geldpolitik gef\u00e4hrdet Arbeitspl\u00e4tze und Wohlstand"},"content":{"rendered":"<p>Eine eigene W\u00e4hrung \u2013 der Schweizer Franken \u2013 muss der Schweiz n\u00fctzen. Bei der sehr starken \u00dcberbewertung des Frankens ist das Gegenteil der Fall. Trotz der Untergrenze von 1,20 Franken pro Euro ist der Franken nach wie vor stark \u00fcberbewertet. Die Geldpolitik ist viel zu restriktiv. Grosse Teile des Werkplatzes und des Tourismus sind ernsthaft unter Druck. In einer kleinen, offenen Volkswirtschaft wie der Schweiz schadet das dem Wohlstand. Denn l\u00e4ngerfristig h\u00e4ngen auch die L\u00f6hne und Arbeitspl\u00e4tze des Malers in Chur oder der Lehrerin im Toggenburg vom Gang der Exportwirtschaft ab. Damit der gr\u00f6sste Druck auf die L\u00f6hne und Arbeitspl\u00e4tze wegf\u00e4llt, muss die SNB handeln. Sie muss die Wechselkursuntergrenze auf mindestens 1,40 anheben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Auswirkungen der \u00dcberbewertung sind deutlich sichtbar. Die Exporte und die Logiern\u00e4chtezahlen sinken. Gem\u00e4ss einer Umfrage der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vom Dezember 2011 leiden 85% der Industriefirmen unter der \u00dcberbewertung. Sogar im Detailhandel sind es mittlerweile ebenfalls hohe 63%. Modellsch\u00e4tzungen f\u00fcr die Schweizer Wirtschaft zeigen die Gr\u00f6ssenordnung des Problems: Wertet sich der Franken um 10% auf, kostet das innert 3 bis 5 Jahren rund 100&nbsp;000 Arbeitspl\u00e4tze. Mit dem \u00fcberbewerteten Franken hat sich der Druck auf die L\u00f6hne und Arbeitspl\u00e4tze verst\u00e4rkt. Wegen der Personenfreiz\u00fcgigkeit ist das besonders sensibel. Ausl\u00e4ndische Firmen, die wegen der Freiz\u00fcgigkeit in der Schweiz t\u00e4tig sein d\u00fcrfen, k\u00f6nnen beispielsweise billiger offerieren als die Schweizer Konkurrenten. Und bei Neueinstellungen von ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4ften ist die Gefahr gross, dass Schweizer Arbeitgeber versuchen, tiefere L\u00f6hne zu bezahlen.&#13;<\/p>\n<h2>Fairer Franken-Euro-Kurs bei 1,45 bis 1,50<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm zu messen, wie stark eine W\u00e4hrung \u00fcberbewertet ist, gibt es verschiedene Methoden. Die robusteste Methode ist ein internationaler Preisvergleich (Kaufkraftparit\u00e4t), sofern nur handelbare G\u00fcter ber\u00fccksichtigt werden. Gem\u00e4ss den Preisstatistiken des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS) ergibt sich daraus eine Bandbreite von 1,40 bis 1,65 Franken\/Euro als \u00abfairer\u00bb Kurs.&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss BFS (2011): Kaufkraftparit\u00e4ten \u2013 Ergebnisse 2011. Beispiele sind Foto- und IT-Apparate (1,42 Franken gegen\u00fcber 1 Euro); M\u00f6bel (1,41:1), Investitionsg\u00fcter im Bereich Elektrotechnik, Feinmechanik, Optik (1,64:1) oder Fahrzeugbau (1,52:1). Diese Bandbreite l\u00e4sst sich mit einem l\u00e4ngerfristigen Vergleich Schweiz\/Deutschland noch etwas eingrenzen. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Schweiz und das bedeutendste Herkunftsland von Touristen; ein grosser Teil der internationalen Konkurrenten der Schweizer Exportindustrie befindet sich in Deutschland. Nach Ber\u00fccksichtigung der unterschiedlichen Teuerung schwankte der (reale) Wechselkurs Schweiz\/Deutschland bis Ende 2009 um einen relativ konstanten Wert. Ende 2009 lag der so ermittelte, durchschnittliche Franken-Euro-Kurs bei 1,50. Seither war die Teuerung in Deutschland etwas st\u00e4rker als in der Schweiz, so dass der \u00abfaire\u00bb Kurs etwas darunter liegen d\u00fcrfte. Der Franken hat sich gegen\u00fcber fast allen W\u00e4hrungen aufgewertet. Diese alleinige Aufwertung widerlegt die Behauptung, dass der Franken st\u00e4rker geworden sei, weil die Schweizer Wirtschaft und die Staatsfinanzen besser aufgestellt seien als diejenige der Euro-Zone. W\u00fcrde das zutreffen, h\u00e4tte sich auch die norwegische Krone aufwerten m\u00fcssen, zumal Norwegen punkto Staatsfinanzen und Stabilit\u00e4t noch besser dasteht als die Schweiz. Doch die Krone hat sich gegen\u00fcber dem Euro nicht wesentlich ver\u00e4ndert. Der \u00fcberbewertete Franken ist somit nicht die Folge von Problemen in der Euro-Zone. Die Ursache ist die spezifische Spekulation und die Flucht in den Franken. Deshalb kann die Schweiz die Frankenst\u00e4rke auch alleine und erfolgreich bek\u00e4mpfen.&#13;<\/p>\n<h2>Orientierungslosigkeit ohne sichtbare Hand der Geldpolitik<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAn der \u00dcberbewertung des Frankens ist die Geldpolitik der SNB mitverantwortlich.&#13;<br \/>\nBernegger, M. (2011): Starker Franken \u2013 was kann und sollte getan werden? Seit 1978 hat sie immer wieder interveniert, wenn der Frankenkurs bestimmte Grenzen zu \u00fcberschreiten drohte. Damit hat sie den Marktteilnehmern ganz klar signalisiert, wo die Grenzen liegen. Entsprechende Wechselkursuntergrenzen waren im Markt deshalb sehr gut verankert (z. B. 80 Rp.\/DM, sp\u00e4ter 1,50 bzw. 1,45 Fr.\/Euro). Doch nach einem zuvor sehr erfolgreichen Krisenmanagement hat sich die SNB Ende 2009 von diesem geldpolitischen Kurs abgewendet. Am 12. Dezember 2009 gab sie bekannt, dass sie nur noch eine \u00ab\u00fcberm\u00e4ssige\u00bb Aufwertung des Frankens bek\u00e4mpfen w\u00fcrde, nachdem zuvor klar gesagt wurde, dass sie die Aufwertung selber bek\u00e4mpft. Gleichzeitig signalisierte sie, dass sie die \u00abexpansive\u00bb Geldpolitik \u00abnicht endlos\u00bb weiterf\u00fchren w\u00fcrde. Am 18. M\u00e4rz 2010 wurde gesagt, dass die Wechselkurse \u00abzu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft [&#8230;] wieder von den Marktkr\u00e4ften bestimmt\u00bb w\u00fcrden. Kurz nach diesen Verlautbarungen wurden die gut etablierten Wechselkursgrenzen durchstossen. Diese Aufwertungsbewegung wurde durch Derivate, die nicht der Spekulation, sondern zur Absicherung von Wechselkursrisiken dienten, verst\u00e4rkt. Beispielsweise mussten Banken, die Euro-Franken-Put-Optionen hatten, pl\u00f6tzlich Euro verkaufen und Franken kaufen, damit sie keine Devisen-Nettoexpositionen hatten. Mit der Aufgabe der Wechselkursgrenzen durch die SNB ist der Frankenkurs ausser Kontrolle geraten. Der Devisenmarkt ist auf die sichtbare, f\u00fchrende Hand der SNB angewiesen. Mit einer Untergrenze erfolgt der Devisenhandel kontrolliert.Die SNB hat die Untergrenze von 1,20 bisher sehr erfolgreich durchsetzen k\u00f6nnen. Sie d\u00fcrfte kaum Devisenk\u00e4ufe zur Verteidigung der Untergrenze get\u00e4tigt haben, wie die Zahlen zu den Devisenbest\u00e4nden der SNB zeigen. Das \u00fcberrascht nicht. \u2212 Die SNB ist die Herrin \u00fcber den Franken und kann theoretisch unendlich viele Franken auf den Markt werfen. Kein W\u00e4hrungsspekulant kann es mit ihr aufnehmen. Das wirkt abschreckend. \u2212 Zweitens helfen ihr Arbitragem\u00f6glichkeiten der Marktteilnehmer, die den Franken schw\u00e4chen. Wegen der Untergrenze ist es beispielsweise m\u00f6glich, mit sehr geringem Wechselkursrisiko einen Kredit in Franken aufzunehmen und ihn in Euro anzulegen, um von den Zinsdifferenzen zu profitieren (Carry-Trade). Die Zinsdifferenz zwischen dem Franken und dem Euro betr\u00e4gt rund 1,5% (auf ein Jahr). Solange die Untergrenze glaubw\u00fcrdig ist, d\u00fcrfte der Franken-Euro-Kurs deshalb \u00fcber der Grenze liegen.&#13;<\/p>\n<h2>Schutz der L\u00f6hne und Arbeitspl\u00e4tze<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie SNB hat in Artikel 5 des Nationalbankgesetzes einen klaren Auftrag. Sie muss Preisstabilit\u00e4t gew\u00e4hrleisten und dabei die konjunkturelle Entwicklung ber\u00fccksichtigen. Am 6. September 2011 hat die SNB zwar erfolgreich die Untergrenze von 1,20 eingef\u00fchrt. Doch seither blieb sie passiv, obwohl die Konsumentenpreise weiterhin sinken und die Arbeitslosigkeit steigt. In der Schweiz herrscht weder Preisstabilit\u00e4t, noch entwickelt sich die Konjunktur gut. Im Gegenteil: Es herrscht Rezessionsgefahr und ein Deflationsrisiko. Wegen dem sehr stark \u00fcberbewerteten Franken ist die Geldpolitik restriktiv ausgerichtet. Das zeigt beispielsweise der Monetary Conditions Index, der zurzeit auf dem Niveau von Mitte der 1990er-Jahre liegt, als die Geldpolitik zur langen Stagnation der Schweizer Wirtschaft beigetragen hat (siehe <i>Grafik 1<\/i>).&#13;<\/p>\n<h2>Kein Inflationsrisiko<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie SNB prognostiziert f\u00fcr 2012 einen R\u00fcckgang der Konsumentenpreise um 0,3%. Selbst wenn die Geldmenge aufgrund von Interventionen steigen sollte, w\u00fcrde das noch lange nicht zu Inflation f\u00fchren. Inflation heisst, dass die Firmen die Preise erh\u00f6hen k\u00f6nnen. Der Detailh\u00e4ndler in Basel oder der Hotelier in Davos k\u00f6nnen nur h\u00f6here Preise verlangen, wenn die Kunden mehr zu zahlen bereit sind. Das ist aber wegen der Frankenst\u00e4rke gerade nicht der Fall. Der Vergleich mit der Intervention Ende der 1970er-Jahre hinkt stark. Damals hat die SNB gegen\u00fcber der D-Mark eine Untergrenze von 80 Rappen festgelegt. In den Jahren 1979 bis 1981 stieg aber die Teuerung auf der ganzen Welt, nicht nur in der Schweiz. Wegen dem Golfkrieg stieg der Preis pro Fass von rund 15 US-Dollar auf fast 40 US-Dollar. Dazu kam, dass sich die Gem\u00fcsepreise wegen wetterbedingt schlechten Ernten in Europa zwischen 1978 und 1981 teilweise verdreifachten.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nKommt es in der Eurozone zu extremen Entwicklungen, k\u00f6nnten starke Safe-Haven-Zufl\u00fcsse in den Franken entstehen. In dieser Situation k\u00f6nnen Kapitalverkehrskontrollen oder andere administrative Massahmen zur Verteidigung der Untergrenze hilfreich sein. Dass beim Bund eine Arbeitsgruppe solche Massnahmen ausarbeitet, ist deshalb wichtig. Mit dem \u00fcberbewerteten Franken hat sich der Druck auf die L\u00f6hne und Arbeitspl\u00e4tze nochmals verst\u00e4rkt. In der Schweiz m\u00fcssen Schweizer L\u00f6hne bezahlt werden; das verlangen die flankierenden Massnahmen. Bund und Kantone m\u00fcssen diesen Grundsatz kompromisslos durchsetzen. Die besonders sensiblen Neueinstellungen haben sie genau zu \u00fcberwachen. Stellen sie Lohndumping fest, m\u00fcssen sie die L\u00f6hne durch Mindestl\u00f6hne sch\u00fctzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abGeldpolitischer Restriktionsgrad, 1990\u20132011\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine eigene W\u00e4hrung \u2013 der Schweizer Franken \u2013 muss der Schweiz n\u00fctzen. Bei der sehr starken \u00dcberbewertung des Frankens ist das Gegenteil der Fall. Trotz der Untergrenze von 1,20 Franken pro Euro ist der Franken nach wie vor stark \u00fcberbewertet. Die Geldpolitik ist viel zu restriktiv. 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