{"id":120124,"date":"2011-12-01T12:00:00","date_gmt":"2011-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/12\/braun-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:29:12","modified_gmt":"2023-08-23T21:29:12","slug":"braun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/12\/braun\/","title":{"rendered":"Fachkr\u00e4ftemangel und Migration"},"content":{"rendered":"<p>Der Nutzen der Personenfreiz\u00fcgigkeit wird in der aktuellen Diskussion h\u00e4ufig prim\u00e4r darin gesehen, dass hoch qualifiziertes Personal im ganzen EU Raum gesucht werden kann, insbesondere wenn in der Schweiz die entsprechenden Fachleute nicht verf\u00fcgbar sind. Im vorliegenden Artikel fragen wir, inwieweit Migrantinnen und Migranten tats\u00e4chlich in Berufen arbeiten, in denen hierzulande ein Fachkr\u00e4ftemangel herrscht. Die Analyse st\u00fctzt sich dabei auf Ergebnisse des Indikatorensystems Fachkr\u00e4ftemangel, das im Auftrag des Bundesamtes f\u00fcr Berufsbildung und Technologie (BBT) und des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) entwickelt wurde.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZwei miteinander verwobene Themen sind in den vergangenen Jahren zunehmend Gegenstand des \u00f6ffentlichen Diskurses geworden: \u2212 Erstens berichten verschiedene Branchen von einem <i>gravierenden Fachkr\u00e4ftemangel.<\/i> Viele Firmen suchen Ingenieure und Informatiker; in Spit\u00e4lern fehlen \u00c4rzte und Krankenschwestern \u2013 die Liste k\u00f6nnte noch erweitert werden. \u2212 Zweitens ist ein <i>neuer Typus des Migranten bzw. der Migrantin<\/i> ins Licht der \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt: W\u00e4hrend vor nicht allzu langer Zeit beim Einwanderer an den Arbeiter aus S\u00fcdeuropa gedacht wurde, steht heute der hoch qualifizierte Expatriot im Fokus, etwa die in der Basler Pharmabranche arbeitende Chemieingenieurin aus England oder der deutsche ETH-Professor. Die Frage stellt sich, ob ein grosser Teil der Migranten tats\u00e4chlich Berufe aus\u00fcbt, in denen hierzulande ein Mangel herrscht, und ob diesbez\u00fcglich in den vergangenen Jahren eine Verschiebung stattgefunden hat.&#13;<\/p>\n<h2>Was ist Fachkr\u00e4ftemangel?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWann kann \u00fcberhaupt von einem Fachkr\u00e4ftemangel gesprochen werden? Aus Sicht einer Firma scheint es schnell einmal an einer geeigneten Fachperson zu fehlen. Mancher Chef sucht h\u00e4nderingend nach Personal mit einer optimalen Kombination von F\u00e4higkeiten. Aber vielleicht m\u00fcsste er ja auch einfach ein attraktiveres Lohnangebot machen? Auch gibt es immer offene Stellen. Doch wie lange sind die ausgeschriebenen\/offenen Stellen wirklich nicht besetzt? Wie hoch ist die nat\u00fcrliche Vakanzrate? Und werden alle offenen Stellen gemeldet? Diese Fragen verdeutlichen: Fachkr\u00e4ftemangel per se ist kein klar definierter Begriff. Es lassen sich aber bestimmte Indikatoren identifizieren, die darauf hinweisen, dass f\u00fcr einen Beruf tats\u00e4chlich relativ wenig entsprechend qualifizierte Arbeitnehmer \u2013 im Vergleich zum Durchschnitt aller Berufe \u2013 zur Verf\u00fcgung stehen.Im <i>Indikatorensystem Fachkr\u00e4ftemangel<\/i>&#13;<br \/>\nB,S,S. und Sheldon (2009). hat B,S,S. in Zusammenarbeit mit der Universit\u00e4t Basel u.a. vier Knappheitsindikatoren entwickelt (siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Indikatorensystem Fachkr\u00e4ftem\u00e4ngel<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Indikatorensystem zum Fachkr\u00e4ftemangel wurde in einer Zusammenarbeit von B,S,S. und Prof. George Sheldon, Universit\u00e4t Basel, zuhanden von BBT und Seco erarbeitet. B,S,S. hat das System seither laufend aktualisiert und weiterentwickelt. Auf Basis zentraler Erkenntnisse der Arbeitsmarkt\u00f6konomie und offizieller Statistiken werden zahlreiche Kennzahlen berechnet. Die Auswertungen stellen Informationen f\u00fcr einzelne Berufe, Berufsgruppen und Branchen bereit. Vier spezifisch ausgew\u00e4hlte bzw. entwickelte Indikatoren geben essenzielle Hinweise zum Fachkr\u00e4ftemangel:\u2212 Der <i>Deckungsgrad<\/i> misst, ob es \u00fcberhaupt gen\u00fcgend Fachkr\u00e4fte gibt, um alle Stellen zu besetzen.\u2212 Das <i>Zug\u00e4nger-Abg\u00e4nger-Verh\u00e4ltnis<\/i> legt dar, wie viele Fachleute den erlernten Beruf verlassen, um in einem anderen Beruf zu arbeiten (und vice versa). \u2212 Das <i>Verh\u00e4ltnis zwischen offenen Stellen und Arbeitslosen<\/i> zeigt die Knappheit der Stellen im entsprechenden Beruf auf. \u2212 Eine \u00fcberdurchschnittliche <i>Migrationsquote<\/i> wird als Hinweis auf einen Fachkr\u00e4ftemangel gewertet.Weitere vielf\u00e4ltige Auswertungen \u2013 auch regionale \u2013 sind m\u00f6glich. Interessant sind z.B. Indikatoren der Arbeitsmarktflexibilit\u00e4t: Flexibilit\u00e4tsmasse zeigen, inwieweit bei einem Fachkr\u00e4ftemangel in einem bestimmten Beruf auch Personen mit einem anderen Ausbildungshintergrund eingestellt werden. Dadurch wird deutlich, aus welchen Berufen m\u00f6gliche Quereinsteiger rekrutiert werden k\u00f6nnen. Analog lassen sich aus Sicht der Fachkr\u00e4fte Aussagen zur Breite des Berufswahlspektrums machen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n): 1. der Deckungsgrad;2. das Zug\u00e4nger-Abg\u00e4nger-Verh\u00e4ltnis;3. das Verh\u00e4ltnis zwischen offenen Stellen und Arbeitslosen (UV-Verh\u00e4ltnis);4. die Migrationsentwicklung. Als einen dieser zentralen Indikatoren zum Fachkr\u00e4ftemangel sehen wir also eine hohe <i>Migration.<\/i> Die zugrundeliegende These ist, dass Migration in die Schweiz weitgehend nachfragegetrieben ist&#13;<br \/>\nVgl. Sheldon (2007). und Firmen vor allem dann Personal aus dem Ausland anstellen, wenn sich keine qualifizierten inl\u00e4ndischen Bewerber finden lassen. Als \u00abMigranten\u00bb definieren wir Personen, die in den vergangenen f\u00fcnf Jahren in die Schweiz eingewandert sind, unabh\u00e4ngig von ihrer Staatsangeh\u00f6rigkeit. Die schon seit 20 Jahren in der Schweiz lebende Franz\u00f6sin gilt demnach nicht als Migrantin, der von einem l\u00e4ngeren USA-Aufenthalt zur\u00fcckgekehrte Schweizer hingegen schon. Diese Definition ist f\u00fcr den Arbeitsmarkt sinnvoll, z\u00e4hlt doch in der vorliegenden Betrachtung weniger die Nationalit\u00e4t, sondern die Frage, ob im Ausland wohnende Personen f\u00fcr den Schweizer Arbeitsmarkt gewonnen werden.Die vier oben genannten Indikatoren sind kein Beweis f\u00fcr einen Fachkr\u00e4ftemangel; sie liefern vielmehr Hinweise darauf. Wenn das Thema des Fachkr\u00e4ftemangels f\u00fcr einen bestimmten Beruf konkret analysiert werden soll, dann muss der Kontext im Detail angeschaut werden. So zeigt sich z.B. in Sozialberufen ein tiefer Deckungsgrad. Dies l\u00e4sst sich zum Teil damit erkl\u00e4ren, dass in diesem Segment \u2013 h\u00e4ufig erg\u00e4nzend zu den Fachleuten \u2013 Praktikanten und Ungelernte eingesetzt werden.&#13;<br \/>\nVgl. B,S,S. (2011). Bei Biologen sehen wir hingegen einen sehr hohen Deckungsgrad. Allerdings ist die Bandbreite der Fachrichtungen in diesem Beruf hoch: Manche Spezialisierung ist stark gesucht; andere Fachrichtungen sind es weit weniger.Die St\u00e4rke des Indikatorensystems besteht darin, dass rasch und auf Basis der aktuellsten offiziellen Statistiken eine erste \u00dcbersichtsanalyse der vielen verschiedenen Berufe erstellt werden kann. Diese St\u00e4rke nutzen wir f\u00fcr die in diesem Artikel zu diskutierenden generellen Fragen. Konkret \u00fcberpr\u00fcfen wir, ob die ersten drei Indikatoren in die gleiche Richtung zeigen wie der Indikator Migration \u2013 ob also in den Berufen, in denen \u00fcberdurchschnittlich viele Migranten t\u00e4tig sind, auch gem\u00e4ss den anderen Indikatoren ein Fachkr\u00e4ftemangel besteht.&#13;<\/p>\n<h2>Hohes Bildungsniveau der Migranten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZun\u00e4chst werfen wir einen Blick auf den generellen Ausbildungshintergrund der Migrantinnen und Migranten. Tats\u00e4chlich hat sich das Ausbildungsniveau der Einwanderer seit 1970 markant erh\u00f6ht (siehe <i>Grafik 1<\/i>). Im Jahr 1970 hatten 60&nbsp;% der eingewanderten Personen keine Berufsausbildung, heute trifft dies nur noch auf rund 15% der Migranten zu. Einen terti\u00e4ren Bildungsabschluss hatten 1970 nur 10% der der neu eingewanderten Personen, im Jahr 2010 waren es 55%. Diese Entwicklung h\u00e4ngt stark mit der Neuausrichtung der Ausl\u00e4nderpolitik seit den 1990er-Jahren zusammen (Drei-Kreise-Modell, Personenfreiz\u00fcgigkeit). Ein h\u00f6heres Bildungsniveau der Migranten heisst jedoch nicht automatisch, dass diese Personen einen Beruf erlernt haben, in dem in der Schweiz ein Fachkr\u00e4ftemangel herrscht. Einer der Indikatoren, der f\u00fcr die Bestimmung des Fachkr\u00e4ftemangels herangezogen wird, ist der Deckungsgrad. Dieser liegt bei 100%, wenn die Anzahl der Stellen im entsprechenden Beruf gleich gross ist wie die Anzahl der Personen, die den Beruf erlernt haben: Alle Stellen k\u00f6nnten theoretisch durch Fachkr\u00e4fte besetzt werden. Ein Deckungsgrad von deutlich unter 100% ist ein starkes Indiz f\u00fcr einen Fachkr\u00e4ftemangel. Anzumerken ist, dass der Deckungsgrad im Durchschnitt \u00fcber alle Berufe bei 105% liegt, da auch Erwerbslose als Arbeitskr\u00e4ftepotenzial erfasst wurden. Wir analysieren nun, ob Migranten heute in der Schweiz Berufe aus\u00fcben, in denen ein Deckungsgrad von unter 105% besteht. <i>Grafik 2<\/i> zeigt das Ergebnis: Auf der x-Achse ist der Deckungsgrad abgetragen, auf der y-Achse die kumulative H\u00e4ufigkeitsverteilung der gesamten Schweizer Erwerbsbev\u00f6lkerung einerseits und der Migranten andererseits. In Berufen mit einem Deckungsgrad von unter 70% arbeiten \u00fcberproportional viele Migranten; Berufe dar\u00fcber ziehen unterdurchschnittlich viele Migranten an. Dies deutet darauf hin, dass Migranten tats\u00e4chlich eher in Berufen t\u00e4tig sind, in denen ein relativer Fachkr\u00e4ftemangel herrscht.&#13;<\/p>\n<h2>Situation in einzelnen Berufen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Folgenden wird etwas genauer auf die Fachkr\u00e4ftesituation und die Migrationsentwicklung einzelner Berufe eingegangen. <i>Grafik 3<\/i> zeigt auf der x-Achse den Deckungsgrad und auf der y-Achse den Migrationsanteil des entsprechenden Berufs f\u00fcr verschiedene Berufsgruppen. Es sind total 39 Berufsgruppen dargestellt, da die anderen Berufe in der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake) mit einer zu kleinen Stichprobe vertreten sind, um im Kontext der Frage des Migrationsanteils zuverl\u00e4ssige Angaben zu erm\u00f6glichen. Die Grafik wird mit zwei Linien in vier Quadranten eingeteilt: dem Deckungsgrad von 105% (Durchschnitt Schweiz) und der Migration von 7% (Anteil der w\u00e4hrend der letzten f\u00fcnf Jahre in die Schweiz eingewanderten Erwerbsbev\u00f6lkerung). Im Quadranten 1 (rechts oben) sind demnach die Berufe zu finden, in denen der Deckungsgrad und Migrationsanteil hoch sind. Im Quadranten 2 (rechts unten) sind es Berufe mit hohem Deckungsgrad und tiefem Migrationsanteil usw. Intuitiv w\u00fcrde man erwarten, dass ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte der Berufe einen unterdurchschnittlichen und die andere H\u00e4lfte einen \u00fcberdurchschnittlichen Migrationsanteil haben. Etwas \u00fcberraschend liegen aber die meisten Berufe unterhalb der 7%-Linie beim Migrationsanteil. Der Grund hierf\u00fcr ist, dass in einigen wenigen Berufen sehr viele Migranten t\u00e4tig sind, wodurch der Durchschnittswert der Migration nach oben gezogen wird. Weiter beobachten wir, dass in einigen Berufen der Deckungsgrad tief ist, gleichzeitig aber auch wenige Personen mit diesem beruflichen Hintergrund in die Schweiz einreisen (Quadrant 3). Dies kann einerseits daran liegen, dass f\u00fcr diese Berufe nicht genau die entsprechende Qualifikation ben\u00f6tigt wird, sondern dass daf\u00fcr auch Schweizer Personal mit einem anderen Ausbildungshintergrund rekrutiert werden kann. Dies k\u00f6nnte z.B. bei den Landwirten, die sich in diesem Quadranten befinden, der Fall sein. Auch ist es bei Berufen in diesem Quadranten m\u00f6glich, dass trotz Fachkr\u00e4ftemangel der Zuzug von ausl\u00e4ndischen Fachleuten an H\u00fcrden \u2013 wie der Anerkennung von Diplomen oder der Bedeutung von Sprachkompetenz und Kontextwissen im entsprechenden Beruf \u2013 scheitert. Erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig sind ferner die Berufe im Quadranten 1 (hoher Deckungsgrad und hohe Migration), von denen es allerdings nur wenige gibt. Ein Beispiel sind Ingenieure: Obschon insgesamt mehr ausgebildete Ingenieure vorhanden sind als Ingenieursstellen, ist die Migrationsrate in diesem Beruf weit \u00fcberdurchschnittlich. Ein Grund f\u00fcr den hohen Deckungsgrad ist, dass ein hoher Anteil der Ingenieure ausserhalb ihres eigentlichen Berufes arbeitet und Ingenieurfirmen entsprechend Personen aus dem Ausland rekrutieren. Schliesslich gibt es tats\u00e4chlich eine ganze Reihe von Berufen, in denen der Deckungsgrad tief und die Migration hoch ist. Hier profitieren also Arbeitgeber, die auf dem Schweizer Arbeitsmarkt nur schwer qualifiziertes Personal finden, von der Migration (zum Beispiel in den Berufen der Informatik). Manche \u00fcberraschende Beobachtung bei <i>Grafik 3<\/i> relativiert sich jedoch, wenn statt des Deckungsgrades als Indikator das UV-Verh\u00e4ltnis herangezogen wird (siehe <i>Grafik 4<\/i>). Hier schl\u00e4gt der Knappheitsindikator f\u00fcr Ingenieure aus; d.h. pro gemeldeten Arbeitslosen sind relativ viele offene Stellen vorhanden. Dies spricht daf\u00fcr, dass trotz des hohen Deckungsgrades in diesen Berufen die hohe Migration mit einem Fachkr\u00e4ftemangel in der Schweiz korrespondiert. Da die Analyse mit dem Knappheitsindikator 2 (Zug\u00e4nger-Abg\u00e4nger-Verh\u00e4ltnis) ein \u00e4hnliches Bild ergibt wie diejenige mit dem Knappheitsindikator 1, wird diese nicht gesondert dargestellt.&#13;<\/p>\n<h2>Entwicklungen \u00fcber die Zeit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der gleichen Systematik \u2013 jetzt wieder mit dem Deckungsgrad \u2013 wird nun die Entwicklung einzelner Berufe \u00fcber die Zeit betrachtet. Hierf\u00fcr haben wir in die gleiche Punktwolke, welche die 39 gr\u00f6ssten Berufe im Jahr 2010 verortet, f\u00fcr ausgew\u00e4hlte Berufe zus\u00e4tzlich den Verlauf f\u00fcr die Jahre 1970, 1980, 1990 und 2000 eingetragen (siehe <i>Grafik 5<\/i>). Bei Textilfachleuten gab es im Jahr 1970 einen hohen Bedarf (tiefer Deckungsgrad) und eine hohe Migrationsrate. Bis 1980 halbierte sich die Anzahl der Arbeitsstellen in der Textilindustrie. W\u00e4hrend dieser Zeit nahm zun\u00e4chst das Migrationsniveau markant ab. Danach setzte sich der Trend der Stellenreduktion fort. Dadurch erh\u00f6hte sich der Deckungsgrad (d.h. es standen pro Textilfachperson immer weniger Stellen zu Verf\u00fcgung), und der Migrationsanteil blieb insgesamt tief. Eine ungef\u00e4hr entgegengesetzte Bewegung ist bei den Ingenieuren zu beobachten: Mit zunehmender Knappheit hat zwischen 1980 und 2010 die Migrationsrate deutlich zugenommen. Bei den IKT-Fachleuten schliesslich ist auch seit der Einf\u00fchrung der entsprechenden Berufsausbildung (Hochschulausbildung ab 1984, Berufslehre ab 1994) nie ein hoher Deckungsgrad erreicht worden; seit 1980 steigt die Migrationsrate in diesem Beruf. In Anbetracht der prognostizierten Entwicklung der Besch\u00e4ftigung und der nach wie vor relativ geringen Zahl von Personen, die derzeit Ausbildungen im Bereich Informatik absolvieren, l\u00e4sst sich schon heute sagen, dass die Schweiz auch in den kommenden Jahren auf ausl\u00e4ndische Fachleute in diesem Bereich angewiesen sein wird.&#13;<br \/>\nVgl. B,S,S. (2010). Dies ist in der Tat eine problematische Perspektive, da \u00fcberdurchschnittliche Migration kaum eine Dauerl\u00f6sung bei Fachkr\u00e4ftemangel sein kann, sondern im Idealfall eher eine kurzfristige Pufferfunktion einnehmen sollte.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm eine umfassende Diskussion der hier diskutierten Problematik durchzuf\u00fchren, m\u00fcssten die einzelnen Berufe detaillierter untersucht werden, um deren Eigenheiten Rechnung tragen zu k\u00f6nnen. Aufgrund unserer groben Analyse l\u00e4sst sich aber sagen, dass tats\u00e4chlich relativ viele der j\u00fcngst eingewanderten Personen in Berufen t\u00e4tig sind, in denen Anzeichen f\u00fcr einen Fachkr\u00e4ftemangel bestehen. Weiter l\u00e4sst sich an einzelnen Berufen gut nachzeichnen, dass Fachkr\u00e4ftemangel auch \u00fcber die Zeit betrachtet Migration ausl\u00f6st und ein reduzierter Bedarf an Fachleuten zu einer tieferen Migration f\u00fchrt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abBildungsstand der ausl\u00e4ndischen Wohnbev\u00f6lkerung, 1970\u20132010\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abKumulierte Verteilung der Migranten und Erwerbst\u00e4tigen, 2010\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3: \u00abAnteil der zwischen 2005 und 2010 eingewanderten Erwerbst\u00e4tigen im Vergleich zum Deckungsgrad der jeweiligen Berufsgruppe\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 4: \u00abAnteil der zwischen 2005 und 2010 eingewanderten Erwerbst\u00e4tigen im Vergleich zum UV-Verh\u00e4ltnis der jeweiligen Berufsgruppe\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 5: \u00abEntwicklung des Vergleichs zwischen Deckungsgrad und binnen f\u00fcnf Jahren zugewanderten Erwerbst\u00e4tigen, 1970\u20132010\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Indikatorensystem Fachkr\u00e4ftem\u00e4ngel&#13;<\/p>\n<h3>Indikatorensystem Fachkr\u00e4ftem\u00e4ngel<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Indikatorensystem zum Fachkr\u00e4ftemangel wurde in einer Zusammenarbeit von B,S,S. und Prof. George Sheldon, Universit\u00e4t Basel, zuhanden von BBT und Seco erarbeitet. B,S,S. hat das System seither laufend aktualisiert und weiterentwickelt. Auf Basis zentraler Erkenntnisse der Arbeitsmarkt\u00f6konomie und offizieller Statistiken werden zahlreiche Kennzahlen berechnet. Die Auswertungen stellen Informationen f\u00fcr einzelne Berufe, Berufsgruppen und Branchen bereit. Vier spezifisch ausgew\u00e4hlte bzw. entwickelte Indikatoren geben essenzielle Hinweise zum Fachkr\u00e4ftemangel:\u2212 Der <i>Deckungsgrad<\/i> misst, ob es \u00fcberhaupt gen\u00fcgend Fachkr\u00e4fte gibt, um alle Stellen zu besetzen.\u2212 Das <i>Zug\u00e4nger-Abg\u00e4nger-Verh\u00e4ltnis<\/i> legt dar, wie viele Fachleute den erlernten Beruf verlassen, um in einem anderen Beruf zu arbeiten (und vice versa). \u2212 Das <i>Verh\u00e4ltnis zwischen offenen Stellen und Arbeitslosen<\/i> zeigt die Knappheit der Stellen im entsprechenden Beruf auf. \u2212 Eine \u00fcberdurchschnittliche <i>Migrationsquote<\/i> wird als Hinweis auf einen Fachkr\u00e4ftemangel gewertet.Weitere vielf\u00e4ltige Auswertungen \u2013 auch regionale \u2013 sind m\u00f6glich. Interessant sind z.B. Indikatoren der Arbeitsmarktflexibilit\u00e4t: Flexibilit\u00e4tsmasse zeigen, inwieweit bei einem Fachkr\u00e4ftemangel in einem bestimmten Beruf auch Personen mit einem anderen Ausbildungshintergrund eingestellt werden. Dadurch wird deutlich, aus welchen Berufen m\u00f6gliche Quereinsteiger rekrutiert werden k\u00f6nnen. Analog lassen sich aus Sicht der Fachkr\u00e4fte Aussagen zur Breite des Berufswahlspektrums machen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Literatur&#13;<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2212 B,S,S. und Sheldon, G. (2009): Indikatorensystem Fachkr\u00e4ftemangel. Bundesamt f\u00fcr Berufsbildung und Technologie: Bern.\u2212 B,S,S. (2010): Quantitativer Bildungsbedarf. ICT-Berufsbildung Schweiz: Bern.\u2212 B,S,S. (2011): Fachkr\u00e4ftesituation im Sozialbereich. SAVOIRSOCIAL: unver\u00f6ffentlicht.\u2212 Sheldon, G. (2007): Migration, Integration und Wachstum: Die Performance und wirtschaftliche Auswirkung der Ausl\u00e4nder in der Schweiz. Eidgen\u00f6ssischen Ausl\u00e4nderkommission: Bern.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Nutzen der Personenfreiz\u00fcgigkeit wird in der aktuellen Diskussion h\u00e4ufig prim\u00e4r darin gesehen, dass hoch qualifiziertes Personal im ganzen EU Raum gesucht werden kann, insbesondere wenn in der Schweiz die entsprechenden Fachleute nicht verf\u00fcgbar sind. Im vorliegenden Artikel fragen wir, inwieweit Migrantinnen und Migranten tats\u00e4chlich in Berufen arbeiten, in denen hierzulande ein Fachkr\u00e4ftemangel herrscht. 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