{"id":120144,"date":"2011-12-01T12:00:00","date_gmt":"2011-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/12\/daum-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:29:33","modified_gmt":"2023-08-23T21:29:33","slug":"daum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/12\/daum\/","title":{"rendered":"Die neue Zuwanderung \u2013 ein Gewinn f\u00fcr die Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Die schweizerische Wirtschaft ist schon lange auf ausl\u00e4ndische Mitarbeitende angewiesen, deren Anteil an den Erwerbst\u00e4tigen 27% ausmacht. Ohne sie w\u00fcrde unser Gesundheitswesen nicht mehr funktionieren; wir m\u00fcssten auf weite Teile der Gastronomie- und Hotellerieleistungen verzichten, und auch die bauliche Infrastruktur der Schweiz l\u00e4ge im Argen. Dennoch ist in den letzten Jahren die Zuwanderung zum politischen Problemthema geworden, wobei die Diskussion vor allem anhand der Personenfreiz\u00fcgigkeit zwischen der Schweiz und der EU gef\u00fchrt wird. Kritiker dieser Arbeitsmarkt\u00f6ffnung benennen gerne ihre Nachteile bzw. Kosten, ohne ihre entscheidende Bedeutung f\u00fcr die Entwicklung der schweizerischen Wirtschaft anzuerkennen. Dabei \u00fcbersehen sie, dass mit der stufenweisen Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit eine \u00abneue Zuwanderung\u00bb eingesetzt hat, welche sich deutlich von jener in fr\u00fcheren Jahrzehnten unterscheidet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Bedeutung der neuen Zuwanderung l\u00e4sst sich zun\u00e4chst an der konjunkturellen Entwicklung ablesen. Die Schweiz litt in den 1990er-Jahren unter einer hartn\u00e4ckigen Wachstumsschw\u00e4che, welche zu einem dramatischen Anstieg der Arbeitslosigkeit f\u00fchrte. Nach einem kurzen Aufschwung zur Jahrhundertwende folgte nochmals eine Baisse, bis dann ab 2004 \u00abdie Post abging\u00bb. Die Wachstumsraten erreichten lange nicht mehr gesehene Traumwerte, bevor auch die Schweiz von der Finanzkrise und der nachfolgenden Rezession erfasst wurde. Ohne die Personenfreiz\u00fcgigkeit, d.h. ohne die ab 2002 erleichterte und ab 2007 freie Rekrutierungsm\u00f6glichkeit der Unternehmungen in den EU-17\/Efta-Staaten, w\u00e4re dieser Aufschwung mit einer Zunahme von ca. 350&nbsp;000 Besch\u00e4ftigten nicht m\u00f6glich gewesen. In der Rezession wurden dann die vielen qualifizierten, gut verdienenden Zuwanderer mit ihrer Nachfrage nach Wohnraum und Konsumg\u00fctern zur St\u00fctze f\u00fcr die Binnenwirtschaft. Der Einbruch blieb weniger heftig als bef\u00fcrchtet, und schon nach einem Jahr kehrte die Schweiz zu soliden Wachstumsraten zur\u00fcck.&#13;<\/p>\n<h2>St\u00e4rkung des Standorts Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEs w\u00e4re aber falsch, die Zuwanderung nur im Lichte der Konjunkturzyklen zu beurteilen. Sie muss vielmehr als strukturelle St\u00e4rkung des Standorts Schweiz gesehen werden. Die gute Verf\u00fcgbarkeit von qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften ist f\u00fcr unser Land und seine hochentwickelte Volkswirtschaft von entscheidender Bedeutung. Sie kann aber allein aus dem relativ kleinen schweizerischen Arbeitsmarkt nicht gew\u00e4hrleistet werden. Auch wenn wir das Potenzial der einheimischen erwerbsf\u00e4higen Bev\u00f6lkerung mit Ausbildungs- und anderen Massnahmen bestm\u00f6glich aussch\u00f6pfen, fehlen uns gen\u00fcgend Fachkr\u00e4fte, Forscher und Kader f\u00fcr unseren Denk-, Werk- und Finanzplatz. Wir brauchen also die erg\u00e4nzende Rekrutierung im europ\u00e4ischen und \u2013 selektiv \u2013 im globalen Arbeitsmarkt. Die neue Zuwanderung entspricht diesem Bed\u00fcrfnis in qualitativer Hinsicht, weil mit ihr auch gut und sehr gut ausgebildete Arbeitskr\u00e4fte in die Schweiz kommen: Verf\u00fcgten unter den zwischen 1986 und 1995 Zugewanderten 56% mindestens \u00fcber einen Abschluss auf Sekundarstufe II, so lag der entsprechende Anteil von 2002 bis 2009 bei 83%. Die Quote der Abschl\u00fcsse auf Terti\u00e4rstufe nahm zwischen den beiden Immigrationsperioden von 20% auf 51% zu. Das Arbeitskr\u00e4fteangebot erf\u00e4hrt so eine deutliche Aufwertung, was den Standort Schweiz attraktiver macht und sich positiv auf das langfristige Wachstum auswirken wird.&#13;<\/p>\n<h2>Strukturelle Notwendigkeit der Zuwanderung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie strukturelle Notwendigkeit der Zuwanderung wird noch augenf\u00e4lliger, wenn man sich die demografische Entwicklung in Erinnerung ruft. Bereits im n\u00e4chsten Jahrzehnt ist mit einem R\u00fcckgang der einheimischen Bev\u00f6lkerung im Erwerbsalter zu rechnen, und der bereits heute bestehende Mangel an Fachkr\u00e4ften wird sich weiter sp\u00fcrbar versch\u00e4rfen. Ohne Zuwanderung w\u00fcrde der Arbeitsmarkt bald einmal kollabieren; die Wirtschaft verl\u00f6re ihre Leistungsf\u00e4higkeit, und die Sozialwerke w\u00e4ren nicht mehr finanzierbar. Die Erhaltung unseres Wohlstands liegt also buchst\u00e4blich in ausl\u00e4ndischen H\u00e4nden. Wir sind deshalb gut beraten, die Zuwanderer nicht als \u00abgeduldete G\u00e4ste\u00bb, sondern als Bereicherung unserer Wirtschaft und Gesellschaft zu behandeln.Selbstverst\u00e4ndlich d\u00fcrfen die Begleiterscheinungen der Zuwanderung in der politischen Diskussion nicht unterschlagen werden. Wir m\u00fcssen uns also ernsthaft mit der Wirksamkeit der flankierenden Massnahmen zur Personenfreiz\u00fcgigkeit, mit der zunehmenden Belastung des Immobilienmarkts und der Infrastrukturen sowie mit der Integration der Zuwanderer in unsere Gesellschaft auseinandersetzen. Geschieht dies auf der Basis von Fakten und mit dem Willen zu konstruktiven L\u00f6sungen, dann k\u00f6nnen die Begleiterscheinungen so abgefedert werden, dass die Gesamtbilanz der Zuwanderung deutlich positiv ausf\u00e4llt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die schweizerische Wirtschaft ist schon lange auf ausl\u00e4ndische Mitarbeitende angewiesen, deren Anteil an den Erwerbst\u00e4tigen 27% ausmacht. Ohne sie w\u00fcrde unser Gesundheitswesen nicht mehr funktionieren; wir m\u00fcssten auf weite Teile der Gastronomie- und Hotellerieleistungen verzichten, und auch die bauliche Infrastruktur der Schweiz l\u00e4ge im Argen. 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