{"id":120154,"date":"2011-12-01T12:00:00","date_gmt":"2011-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/12\/fiala-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:29:20","modified_gmt":"2023-08-23T21:29:20","slug":"fiala","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/12\/fiala\/","title":{"rendered":"Die Schweiz braucht eine umfassende Migrationsstrategie"},"content":{"rendered":"<p>In der Migrationspolitik vermischen sich Fakten mit \u00c4ngsten und Stimmungsmache. Freier Personenverkehr wird (bewusst) verwechselt mit Fl\u00fcchtlingswesen, illegaler Immigration, den Vertr\u00e4gen rund um Schengen-Dublin, Drittstaaten-Kontingenten und Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t. Eine eigentliche Migrationsstrategie, die diesen Namen effektiv verdienen w\u00fcrde, hat die Schweiz bis heute nicht formuliert. In einem Land, welches von unten nach oben regiert wird, hat es der n\u00f6tige top-down Strategie-Ansatz schwer. Die direkte Demokratie birgt zudem die Gefahr, dass s\u00e4mtliche Konzepte permanent hinterfragt und umgekrempelt werden. Der vernetzte Ansatz und das Verst\u00e4ndnis, dass Aussenpolitik, Sicherheitspolitik und Wirtschaftspolitik eng zusammen spielen m\u00fcssen, ist schwer vermittelbar. Gerade die Migrationspolitik leidet unter dieser Tatsache.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nS\u00e4mtliche aktuellen Risiken, welche die Schweiz bedrohen, sind heute global: Pandemien, Terrorismus, organisiertes Verbrechen, Menschenhandel, Klimawandel, Migrationsstr\u00f6me und Fl\u00fcchtlingswesen. Nur mehr internationale Kooperation kann deshalb der Weg sein, den aktuellen Gefahren zu begegnen, keinesfalls weniger. Denn kein Land ist heute eine Insel \u2013 auch die Schweiz nicht.&#13;<\/p>\n<h2>Dringend auf Einwanderung angewiesen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMigrationsthemen pr\u00e4gen heute weltweit die politische Agenda. Noch nie in der Geschichte waren derart viele Menschen permanent am \u00abWandern\u00bb wie heute. Sch\u00e4tzungen gehen von 300 Mio. Menschen aus, die ausserhalb ihrer Heimat ihr Gl\u00fcck suchen. Populisten, nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa, stellen sich den aus dieser Tatsache resultierenden Globalisierungs\u00e4ngsten immer h\u00e4ufiger mit Abscheu und Einigelungsmentalit\u00e4t. Die Chancen der Zuwanderung werden \u00fcber weite Strecken ausgeblendet, und vor allem Risiken pr\u00e4gen den teilweise geh\u00e4ssigen Diskurs. Wer sich allerdings vergegenw\u00e4rtigt, dass unser Land mit rund 23% einen h\u00f6heren Prozentsatz an Ausl\u00e4ndern beherbergt als klassische Einwanderungsl\u00e4nder wie etwa die USA oder Kanada, wird sich der Dringlichkeit von Integrationsbem\u00fchungen und einer breit angelegten Aufkl\u00e4rungsarbeit sowie einer effektiven Migrationsstrategie bewusst. Dabei ist gerade die Schweiz dringend auf ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte angewiesen: Industrie, Tourismus, Gesundheitswesen, Bauwirtschaft und Wissenschaft brauchen Fachkr\u00e4fte, die unser Land nicht in gen\u00fcgender Anzahl auszubilden und zur Verf\u00fcgung zu stellen vermag. Auch die gr\u00f6sste Bildungs- und Ausbildungsoffensive w\u00fcrde der Herausforderung bei weitem nicht gerecht werden, wollen wir unsere Wirtschaftskraft und unseren Wohlstand sichern. Das Problem einer alternden Gesellschaft \u2013 nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa \u2013 d\u00fcrfte die Herausforderungen in Zukunft noch versch\u00e4rfen. Die Personenfreiz\u00fcgigkeit wird auf Dauer nicht einzige Antwort auf den Fachkr\u00e4ftemangel darstellen k\u00f6nnen. Eine flexiblere und umsichtige Haltung gegen\u00fcber unserer Drittstaatenpolitik scheint daher auf Dauer unausweichlich.&#13;<\/p>\n<h2>Fl\u00fcchtlingswesen umfassend verstehen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVon 40 Subsahara-Afrika Staaten stehen zur Zeit rund 25 in einem offenen, bewaffneten Konflikt. Korruption, \u00dcberbev\u00f6lkerung, massiver Bildungsr\u00fcckstand, wirtschaftliche Not, Klimakatastrophen und fehlende Zivilgesellschaften bewirken, dass permanent 3 Mio. Menschen auf der Flucht sind und Richtung Europa dr\u00e4ngen. Die Zukunft Nordafrikas ist nach hoffnungsvollen Aufst\u00e4nden nach wie vor mit gr\u00f6ssten Unsicherheiten behaftet. Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me werden daher aller Voraussicht nach zunehmen. Die Schengen Aussengrenze ist vollends \u00fcberfordert. Allein in Griechenland, das eigene wirtschaftliche Missst\u00e4nde nicht zu verkraften und Probleme nicht zu l\u00f6sen im Stande ist, stranden pro Monat gegen 30&nbsp;000 Fl\u00fcchtlinge.Sollte die Schweiz lediglich auf den Vertr\u00e4gen Schengen-Dublin beharren, ohne Zusatzhilfe zu leisten, was durchaus seine Berechtigung hat, wird unser Land mit allergr\u00f6ssten Sorgen in diesem Bereich konfrontiert werden. Nur mehr Kooperation in der Migrations- und Fl\u00fcchtlingsproblematik und intensivere Hilfe vor Ort er\u00f6ffnen die Chance, Antworten zu finden. Entwicklungszusammenarbeit ist somit nicht einfach als ein \u00abGeschenk an die Armen\u00bb zu verstehen, sondern als eigenn\u00fctzige Dringlichkeit, wollen wir potenzielle Fl\u00fcchtlinge dazu motivieren, in ihrem eigenen Land zu bleiben und nicht vor unseren Pforten auf Hilfe zu warten. Die humanit\u00e4re Hilfe der Schweiz hat nicht nur Tradition, sondern geniesst weltweit Respekt. Migrationspartnerschaften zeigen neue und Erfolg versprechende Wege auf. Es wird zu akzeptieren sein, dass unsere Entwicklungshilfegelder auch an Fl\u00fcchtlings-R\u00fcck\u00fcbernahmeforderungen gekn\u00fcpft werden. Eine romantische Sicht der Dinge wird in der Schweiz von unserer Bev\u00f6lkerung nicht akzeptiert. Auch darauf gilt es, ob es uns passt oder nicht, R\u00fccksicht zu nehmen. Falsch verstandener Altruismus n\u00fctzt niemandem.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Migrationspolitik vermischen sich Fakten mit \u00c4ngsten und Stimmungsmache. Freier Personenverkehr wird (bewusst) verwechselt mit Fl\u00fcchtlingswesen, illegaler Immigration, den Vertr\u00e4gen rund um Schengen-Dublin, Drittstaaten-Kontingenten und Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t. Eine eigentliche Migrationsstrategie, die diesen Namen effektiv verdienen w\u00fcrde, hat die Schweiz bis heute nicht formuliert. 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