{"id":120414,"date":"2011-09-01T12:00:00","date_gmt":"2011-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/09\/fueglistaller-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:30:09","modified_gmt":"2023-08-23T21:30:09","slug":"fueglistaller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/09\/fueglistaller\/","title":{"rendered":"Administrative H\u00fcrden f\u00fcr Unternehmen \u2013 eine ordnungspolitische Betrachtung"},"content":{"rendered":"<p>Der \u00abPapierkram\u00bb ist keine Erfindung der Beh\u00f6rden, sondern eine Folge der Abmachungen einer Demokratie. F\u00fcr kleine und mittlere Unternehmen (KMU) haben die administrativen H\u00fcrden mehr Gewicht als f\u00fcr Grossunternehmen. Gerade im Bereich der Verwaltung sind es oft die kleinen Einheiten, welche die effizientesten L\u00f6sungen erzielen. F\u00f6deralismus ist ein Weg, auch in gr\u00f6sseren Gebilden die Kleinheit der Institutionen zu gew\u00e4hrleisten. Auch wenn die administrativen Belastungen die Unternehmen nicht erfreuen: Nur wenige sind davon existenziell bedroht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201109_09_Fueglistaller_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"275\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz ist \u2013 wie alle anderen L\u00e4nder der Welt \u2013 kein Laissez-Faire-Staat, auch wenn es wirtschaftspolitische Laien vielleicht so sehen wollen. Viele Bereiche unseres Lebens sind \u2013 demokratisch gewollt \u2013 reguliert und\/oder eingeschr\u00e4nkt. Ein Teil dieser Regulierungen sind die administrativen H\u00fcrden, neutraler die \u00abadministrativen Belastungen\u00bb. Sie bestehen \u2013 vereinfacht dargestellt \u2013 einerseits aus den administrativen Kosten (dem \u00abPapierkram\u00bb, im englischsprachigen Raum spricht man von <i>Red Tape<\/i>) und den f\u00fcr die Einhaltung der Vorschriften im Unternehmen entstehenden Kosten und andererseits aus den entgangenen Gewinnen durch die Einhaltung der Vorschriften.&#13;<br \/>\nVgl. den Artikel von Aymo Brunetti und Eric Scheidegger in \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb 1\/2-2006, S. 5 ff.Wenn wir unser Leben aber explizit reguliert haben wollen, dann m\u00fcssen wir uns auch damit abfinden, dass es jemanden gibt, der uns selbstgew\u00e4hlt reguliert. Es geht bei der Frage nach den administrativen H\u00fcrden also um beides: um das <i>ob<\/i> (das jederzeit diskutabel sein darf und Gegenstand der politischen Willensbildung ist), und um das <i>wie<\/i>, also die Frage, wie geschickt die Ziele der Regulierung erreicht werden k\u00f6nnen. Wir stehen damit vor einem Optimierungsproblem: Auf der einen Seite wollen wir bestimmte Aufgaben (durch den Staat) erledigt wissen; auf der anderen Seite (zum Beispiel aus der Sicht der Unternehmen) sollen diese Aufgaben m\u00f6glichst effizient erledigt werden, sprich: ohne viel Arbeitsaufwand und Kosten auszul\u00f6sen.&#13;<br \/>\nEbenfalls m\u00fcssen wir uns im dar\u00fcber Klaren sein, dass nicht nur die Beh\u00f6rden administrative Belastungen ausl\u00f6sen, sondern dass auch innerhalb von Unternehmen (z.B. wegen der HR- oder Finanz-Abteilung) sowie ausserhalb der Firmen (z.B. aufgrund schriftlicher Umfragen von Universit\u00e4ten, Verbandsstatistiken) administrativer (Mehr-)Aufwand entsteht. Das kann von der Verwaltung in Zusammenarbeit mit Verb\u00e4nden und KMU unb\u00fcrokratisch gel\u00f6st werden und steht deshalb hier im Zentrum.&#13;<\/p>\n<h2>F\u00fcr KMU bedeutender als f\u00fcr Grossunternehmen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nLesern des Magazins \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb ist die quantitative Bedeutung der KMU bekannt: Sie stellen die gr\u00f6sste Gruppe der Unternehmen dar (nur drei von tausend Unternehmen sind Grossunternehmen) und sind der wichtigste Arbeitgeber der Schweiz (zwei Drittel aller Arbeitnehmer werden von KMU besch\u00e4ftigt). Nur schon deshalb ist es wichtig und richtig, sich mit den administrativen Belastungen der KMU besonders auseinanderzusetzen. Hinzu kommt aber noch ein schnell einsichtiges Ph\u00e4nomen: Durch den Fixkostencharakter bestimmter administrativer Belastungen fallen diese bei KMU mehr ins Gewicht: Es ist vielleicht noch schwierig, einen ersten Lohnausweis auszuf\u00fcllen. Mit jedem weiteren geht es aber einfacher, und bei mehreren hundert Lohnausweisen ist die Sache gut automatisierbar. Daraus abgeleitet gilt also: Das Thema ist doppelt bedeutend \u2013 wegen der schieren Anzahl der KMU und wegen dem \u00fcberproportionalen Gewicht, das eine administrative Belastung hat.Die administrative Belastung ist aus KMU-Sicht generell ein Thema; sie ist f\u00fcr KMU bedeutender als f\u00fcr Grossunternehmen. Allerdings ist ihre Bedeutung im Umfeld der anderen Herausforderungen zu sehen, denen sich die KMU stellen m\u00fcssen.&#13;<br \/>\nIn diesem Zusammenhang auch noch bemerkenswert: Ein Grossteil der KMU in der Schweiz sind Familienunternehmen. Unseres Wissens wurde bisher noch nie untersucht, ob diese weniger oder mehr von administrativen Belastungen betroffen sind.&#13;<\/p>\n<h2>Kleinheit bringt\u2019s<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Artikel von Wolfram K\u00e4gi und Harald Meier in dieser Ausgabe&#13;<br \/>\nVgl. den Artikel von K\u00e4gi und Meier auf S. 9 ff. bringt es bereits an den Tag. Die Schweiz steht im internationalen Ranking relativ gut da, und das hat auch mit der Gr\u00f6sse zu tun. Zuerst als Phantast abgetan, war Leopold Kohr (sein Slogan: \u00abSmall is beautiful\u00bb) ein grosser Verfechter der kleinen Einheiten. Seine These war, dass grosse Einheiten auf die L\u00e4nge dem Untergang geweiht sind. Er forderte den R\u00fcckgang zum menschlichen Format, zu \u00fcberschaubaren Einheiten. So erstaunt es auch nicht, dass es eben oft die kleinen Einheiten sind, die effiziente L\u00f6sungen bringen \u2013 und das gilt auch bei den administrativen Belastungen. Mythisch sind die Erz\u00e4hlungen beispielsweise des italienischen oder indischen Verwaltungsapparates. Wenn nun aber ein Apparat von Natur aus gar nicht erst gross werden kann, dann ist das auch ein Garant daf\u00fcr, dass er nicht \u00fcberborden und kompliziert werden kann. Dieser Gefahr der zu grossen Gr\u00f6sse wirkt die Schweiz seit jeher mit dem F\u00f6deralismus entgegen. Um die administrativen Lasten m\u00f6glich klein zu halten, m\u00fcsste die These also heissen, dass der F\u00f6deralismus auch in Zukunft zu pflegen und nur in wirklich begr\u00fcndeten F\u00e4llen davon abzuweichen sei. Ein Blick \u00fcber unsere Landesgrenze zeigt \u00fcbrigens ein anderes Beispiel vern\u00fcnftiger administrativer Belastung. Vor einiger Zeit haben wir an unserem Institut die Lage der administrativen Belastung unseres Nachbarlandes Liechtenstein untersuchen d\u00fcrfen, und zwar im europ\u00e4ischen Vergleich. Dieser Vergleich zeigte, dass Liechtenstein (damals) in formaler Sicht zwar nicht zu den Gewinnern geh\u00f6rte, was die reinen Vergleichskennzahlen anging, also etwa die Anzahl Verfahren, die f\u00fcr eine Gr\u00fcndung oder einen anderen Gesch\u00e4ftsgang notwendig waren (es ging damals unter anderem auch um die sogenannten \u00abOne-Stop-Shops\u00bb). In der subjektiven Sicht der Betroffenen war die Anzahl weit weniger bedeutend als man h\u00e4tte annehmen k\u00f6nnen. Durch die Kleinheit des Landes waren jedoch Argumente wie \u00abliegt eh alles am gleichen Ort\u00bb und \u00abman kennt sich\u00bb ebenso wichtig wie die reinen Kennzahlen.&#13;<\/p>\n<h2>Branchenprobleme werden untersch\u00e4tzt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Rauchverbot in den Gastwirtschaften zeigt es exemplarisch: Nicht jede Branche ist von gesetzlichen Regelungen gleich betroffen wie die andere. Was f\u00fcr die einen zur \u00dcberlebensfrage werden kann, ist f\u00fcr andere nur ein kleines Problem. An dieser Stelle m\u00f6chten wir eine Lanze f\u00fcr jene brechen, die von einer administrativen Vorschrift ganz besonders betroffen sind und deswegen mitunter sogar bel\u00e4chelt werden ob ihrer (scheinbaren!) Engstirnigkeit. Deshalb gilt es, die Sorgen der Betroffenen wirklich ernst zu nehmen; sie machen das nicht aus \u00abSpass an der Freude\u00bb, sondern es steht ein echtes Problem an, das es zu beurteilen gilt: Sind es die Ziele der Regelung tats\u00e4chlich wert, das \u00dcberleben von Betrieben zu gef\u00e4hrden, oder gibt es andere Wege, um diese Ziele zu erreichen? Hier kommt der KMU-Vertr\u00e4glichkeitstest ins Spiel, der auf Bundesebene Auswirkungen von Gesetzen und Verordnungen auf ausgew\u00e4hlte KMU \u00fcberpr\u00fcft (neben der Regulierungsfolgenabsch\u00e4tzung, die mehr einen generellen volkswirtschaftlichen Blick auf die Auswirkungen von Regulierungen wirft). Der KMU-Vertr\u00e4glichkeitstest ist aus der Sicht der KMU sicher begr\u00fcssenswert. Es ist aber eine Illusion zu glauben, ein derartiger Test decke die KMU-Vertr\u00e4glichkeit rundum ab (was wohl auch nicht die Idee dahinter war). Dazu ist die KMU-Welt zu heterogen \u2013 abgesehen davon, dass der Test selbst genau genommen eine administrative Belastung ist. Mittlerweile haben \u00fcbrigens einige Kantone erste Ans\u00e4tze mit Vertr\u00e4glichkeitstests gemacht; Aussagen dar\u00fcber sind aber momentan noch schwierig. Die Auswirkungen der administrativen Belastungen auf alle KMU umfassend und auf <i>allen<\/i> staatlichen Ebenen (Bund, Kanton, Gemeinde) realiter zu messen, ist praktisch ein Ding der Unm\u00f6glichkeit. Umso wichtiger sind die Besonnenheit, der gesunde Menschenverstand und nota bene Unternehmenskenntnisse bei der Vorbereitung und beim Erlass von staatlichen Vorschriften. Die erw\u00e4hnten Verfahren sind dabei immerhin ein ad\u00e4quates Mittel, um den Sp\u00fcrsinn f\u00fcr die Besonderheiten in den KMU zu wecken.&#13;<\/p>\n<h2>Kein Untergang der KMU<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes, Hans-Ulrich Bigler, setzt sich stark f\u00fcr die Sache der KMU ein und prangert die immer mehr und umfangreicheren B\u00fcrden an. Das ist auch richtig so. Wie wir oben gesehen haben, sind staatliche Regulierungen ein Optimierungsproblem: Auf der einen Seite steht der Auftrag des Staates, die demokratisch gesetzten Vorgaben zu erf\u00fcllen; auf der anderen Seite stehen die Unternehmen, die mit Argumenten und Lobbying versuchen, die Erf\u00fcllung dieses Auftrags ohne allzu grossen \u00abLandschaden\u00bb abgehen zu lassen. So ist es denn auch verst\u00e4ndlich, dass die diesbez\u00fcglichen Argumente scharf gew\u00e4hlt sind, wenn auch immer mit der schweizerischen Zur\u00fcckhaltung. Wie immer aber die Optimierungsprobleme am Schluss ausgehen werden: In Summe sind die administrativen Belastungen f\u00fcr die KMU in aller Regel kein \u00fcberlebensbedeutendes Thema \u2013 mit den zuvor erw\u00e4hnten, ernst zu nehmenden Ausnahmen. F\u00fcr die meisten KMU (und auch f\u00fcr die meisten Grossunternehmen) sind die wirklich dr\u00e4ngenden Fragen ganz andere: Was wollen meine Kunden? Was macht meine Konkurrenz? Welche Gesch\u00e4ftsfelder und Technologien sind f\u00fcr mich in Zukunft bedeutend, welche nicht? Wie \u00fcberleben wir die Frankenhausse? Wie k\u00f6nnen wir uns finanzieren?Auf der anderen Seite scheint es uns ebenfalls wichtig, dass die Unternehmen die Sicht der Beh\u00f6rden zu verstehen versuchen. Da glauben wir an die gutschweizerischen Absichten seitens des Bundes und seiner Verwaltung, der kantonalen Beh\u00f6rden und der Gemeinden: Sie erfinden (so hoffen wir zumindest auch f\u00fcr die Zukunft!) keine Regelungen, die den Unternehmen das Leben unn\u00f6tig schwer machen. Und wenn es dann doch einmal so w\u00e4re, dann bestimmt nicht mit Absicht, sondern eher aus mangelnder Umsicht, schlimmstenfalls aus Gedankenlosigkeit.Der Blick in das Inhaltsverzeichnis dieses Hefts zeigt, dass das Thema \u00abadministrative Belastungen\u00bb seitens des Bundes und der Unternehmen ein wichtiges Anliegen ist. Mittlerweile ist dies wohl von den meisten politischen und staatlichen Akteuren auf allen Ebenen als solches erkannt worden. Ebenso klar ist, dass die staatlichen Akteure \u2013 insbesondere auf Bundesebene \u2013 die Dinge in die richtigen Bahnen lenken, was die Wirtschaft auch anerkennen sollte. Nun sind die Kantone und Gemeinden gefragt, sich in die gleiche Richtung zu bewegen. Bei aller Aufregung ob des Themas geben wir nochmals einschr\u00e4nkend zu Protokoll, dass die administrative Belastung <i>eines von vielen Themen<\/i> ist, mit denen sich die KMU zu besch\u00e4ftigen haben. Sie ist nicht im Kern f\u00fcr den Gesch\u00e4ftserfolg verantwortlich. Man erkennt daran aber die Art und Weise, wie der Staat mit einer seinen wirtschaftlichen St\u00fctzen \u2013 n\u00e4mlich den KMU \u2013 umgeht. Die Schweiz ist in dieser Beziehung als direktdemokratischer Staat hierarchischen oder gar korrupten L\u00e4ndern deutlich \u00fcberlegen. Dieser Vorteil muss jedoch immer wieder von Neuem erarbeitet werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Regulierungen und Gewerbe&#13;<\/p>\n<h3>Regulierungen und Gewerbe<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nPolitisch wird das Thema Regulierung und administrative Belastungen vor allem in KMU-Kreisen diskutiert; bei Grossunternehmen ist es weniger dominant. Historisch gesehen hat sich das Gewerbe \u2013 bei historischen Erl\u00e4uterungen greifen wir gerne auch auf diesen Begriff zur\u00fcck \u2013 nicht immer grunds\u00e4tzlich gegen Regulierungen gewehrt; eher ist das Gegenteil der Fall. Wenn beim Z\u00fcrcher Sechsel\u00e4uten die Z\u00fcnfte zusammenkommen, dann ist das jedes Jahr eine Erinnerung daran, dass das Gewerbe zu den ersten und vordersten derer geh\u00f6rte, die sich selbst und ihrer damaligen Gesellschaft wirtschaftspolitische Fesseln auferlegten \u2013 es sei dahingestellt, ob nur zum Eigennutzen, zum Schutz vor gewerbetreibenden Querulanten oder zum Nutzen der Allgemeinheit. Grobschl\u00e4chtig formuliert k\u00f6nnte man das Gewerbe also als Miterfinder \u2013 oder wenigstens geistigen Vorfahren \u2013 der administrativen Belastungen auffassen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00abPapierkram\u00bb ist keine Erfindung der Beh\u00f6rden, sondern eine Folge der Abmachungen einer Demokratie. 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