{"id":120434,"date":"2011-09-01T12:00:00","date_gmt":"2011-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/09\/gurria-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:30:29","modified_gmt":"2023-08-23T21:30:29","slug":"gurria","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/09\/gurria\/","title":{"rendered":"Krise kann ein produktiver Zustand sein"},"content":{"rendered":"<p>Seit 50 Jahren liefert die Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit ihren Studien und Berichten die analytische Basis f\u00fcr politische Entscheide. Unter dem Eindruck der j\u00fcngsten Wirtschaftskrise m\u00f6chte der OECDGeneralsekret\u00e4r, Angel Gurr\u00eda, den 50. Geburtstag der Organisation auch dazu nutzen, die Modelle und Grundannahmen der Vergangenheit kritisch zu hinterfragen und auf ihre Zukunftstauglichkeit hin zu pr\u00fcfen. Zudem zeigt er im folgenenden Artikel auf, welchen konkreten Nutzen ein Land wie die Schweiz aus der OECD-Mitgliedschaft ziehen kann. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201109_18_Gurria_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"172\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAusgerechnet der Schweizer Schriftsteller Max Frisch, der in diesem Mai 100 Jahre alt geworden w\u00e4re, wird seit Beginn der Wirtschafts-und Finanzkrise oft zitiert: \u00abKrise ist ein produktiver Zustand\u00bb, bemerkte er einmal lakonisch. \u00abMan muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.\u00bb Blickt man auf die j\u00fcngste wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz, dann scheint Frischs Rezept durchaus aufzugehen: Das Bruttoinlandprodukt (BIP) zieht seit 2010 kr\u00e4ftig an; die Arbeitslosigkeit \u2013 im OECD-Vergleich ohnehin niedrig \u2013 sinkt weiter, und die Exporte \u2013 durch den st\u00e4rker werdenden Schweizer Franken unter Druck \u2013 stagnieren zwar, sind aber bisher noch nicht eingebrochen. So glimpflich wie die Schweiz sind freilich nicht alle L\u00e4nder der OECD durch die Krise gekommen.&#13;<\/p>\n<h2>Marschhalt nach 50 Jahren wirtschaftspolitischer Beratung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWir in der OECD wollen unseren 50. Geburtstag in diesem Jahr dazu nutzen, nicht nur unsere Erfolge zu feiern. Dazu z\u00e4hlen etwa jene in der internationalen Standardsetzung \u2013 z.B. die Anti-Bribery-Konvention, die internationale Anwendung des Verursacherprinzips und das Globale Forum f\u00fcr Transparenz und Informationsaustausch in Steuerfragen \u2013 oder unsere Pfadfinder-Rolle in der evidenzbasierten Politikberatung durch international vergleichende Studien (wie z.B. Pisa). Zu den Aktivit\u00e4ten im Jubil\u00e4umsjahr geh\u00f6rt auch, unsere Modelle und Grundannahmen kritisch zu hinterfragen und f\u00fcr die n\u00e4chsten 50 Jahre zukunftsfest zu machen.Wenn wir die finanziellen und wirtschaftlichen Turbulenzen produktiv nutzen und \u2013 noch wichtiger \u2013 einen neuen Crash vermeiden wollen, sollten wir uns eine Reihe von Fragen stellen: Warum konnten wir die Krise nicht abwenden? Sind unsere \u00f6konomischen Theorien, unsere Modelle und Grundannahmen noch zeitgem\u00e4ss? An welchen Stellschrauben m\u00fcssen wir drehen, um unser Mandat \u2013 \u00abbessere Politik f\u00fcr bessere Leben\u00bb \u2013 zu erf\u00fcllen? Klar ist nur eines: Wirtschaftswachstum allein ist nicht die Antwort. Wir m\u00fcssen die Entwicklung unserer Gesellschaften ganzheitlich beurteilen. Eine umfassende Betrachtung aber erfordert, die Perspektive zu erweitern und gegebenenfalls zu wechseln. Sie macht es n\u00f6tig, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und manchmal auch liebgewonnene \u00dcberzeugungen \u00fcber Bord zu werfen.Die Herausforderungen sind komplex, und viele von ihnen lassen sich in der Gemeinschaft und im freundschaftlichen Vergleich besser schultern als allein: Klimawandel, Jugendarbeitslosigkeit, wachsende gesellschaftliche Ungleichheit und leere Staatskassen verlangen nach innovativen L\u00f6sungen. Das Wachstumsmodell der Zukunft muss verantwortungsvoll mit unseren nat\u00fcrlichen Ressourcen umgehen. Es muss daf\u00fcr sorgen, dass der zus\u00e4tzliche Reichtum nicht nur bei Wenigen ankommt. Und wir w\u00e4ren gut beraten, auch die menschlichen Ressourcen kl\u00fcger zu nutzen und einen Ausgleich der Geschlechter und Generationen zu f\u00f6rdern.&#13;<\/p>\n<h2>Neue Quellen des Wachstums als Wege aus der Krise<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn Zeiten hoher Budgetdefizite und hoher Arbeitslosigkeit bei gleichzeitig moderatem bis schwachen Wachstum in den meisten L\u00e4ndern Europas empfiehlt die OECD einen Policy-Mix, der sich auf neue Quellen des Wachstums konzentriert: Innovation, Green Growth und verst\u00e4rkte Anstrengungen zur Verbesserung von Bildung und Qualifikation. Wir haben daher konkrete Politikempfehlungen in einer <i>Innovationsstrategie<\/i> und einer <i>Green-Growth-Strategie<\/i> zusammengefasst. Als dritte S\u00e4ule werden wir im n\u00e4chsten Jahr eine <i>Skills-Strategie<\/i> vorlegen, die untersuchen wird, welche F\u00e4higkeiten in Wirtschaft und Gesellschaft hoch entwickelter Volkswirtschaften erforderlich sind und dazu Politikempfehlungen abgeben. Sie wird auch notwendige Rahmenbedingungen und Politiken f\u00fcr lebenslanges Lernen und lebenslange Qualifizierung beleuchten. Erg\u00e4nzt wird dies durch unser Flaggschiff-Projekt zur Chancen- und Partizipationsgleichheit von Frauen und M\u00e4nnern: <i>Women Economic Empowerment \u2013 Employment, Entrepreneurship, Education.<\/i> Um diese neuen Quellen des Wachstums zu erschliessen, sind in vielen L\u00e4ndern konkrete Strukturreformen notwendig <i>(Going structural).<\/i> Mindestens ebenso viel Augenmerk muss aber auf soziale Ver\u00e4nderungen gelegt werden, etwa durch eine gezielte F\u00f6rderung f\u00fcr die schw\u00e4chsten Mitglieder der Gesellschaft <i>(Going social).<\/i> Die OECD liefert mit ihren Studien und Berichten die analytische Basis f\u00fcr politische Entscheidungen. Publikationen wie die <i>Pisa-Studie, Gesellschaft auf einen Blick,<\/i> der <i>Besch\u00e4ftigungsausblick<\/i> oder <i>Babies and Bosses<\/i> haben unsere Organisation zu einem wichtigen Verb\u00fcndeten f\u00fcr all jene werden lassen, denen an Chancengleichheit, Sozialpolitik und der Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen gelegen ist.&#13;<\/p>\n<h2>Grosser Nutzen f\u00fcr die Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz profitiert von diesen Bestrebungen auf vielerlei Weise. So ver\u00f6ffentlicht die OECD gemeinsam mit der WHO demn\u00e4chst eine detaillierte Studie, wie die Kosten des Gesundheitswesens ged\u00e4mpft werden k\u00f6nnen, ohne dessen Qualit\u00e4t zu gef\u00e4hrden. Unser letzter Wirtschaftsbericht zur Schweiz zeigt auf, was zur D\u00e4mpfung der vergleichsweise hohen Wohnkosten getan werden kann. Im internationalen Vergleich wird deutlich, dass hier noch grosses Verbesserungspotenzial vorhanden ist. Im Jahr 2010 haben wir uns damit auseinandergesetzt, wie die Schweiz ihre aktive Unterst\u00fctzung der Arbeitslosen optimieren kann \u2013 auch in diesem Bereich gilt es, den erheblichen Ressourceneinsatz effizient zu gestalten. Die vergleichende Perspektive und die Bereitstellung der daf\u00fcr notwendigen Daten schaffen M\u00f6glichkeiten, Verbesserungspotenziale zu finden.Andere Empfehlungen betreffen die wirtschaftliche Handlungsf\u00e4higkeit und Stabilit\u00e4t des Landes. Hatte die Schweiz in den 1990er-Jahren eine anhaltende Wachstumsschw\u00e4che durchschritten, konnte in der Folge das Wachstumspotenzial der Schweiz mit Strukturreformen gest\u00e4rkt werden. Die OECD hat hierf\u00fcr zum Beispiel detaillierte Empfehlungen gemacht, wie der Wettbewerb in den am heimischen Markt orientierten Branchen gest\u00e4rkt werden kann, die nicht im globalen Wettbewerb stehen. Die Empfehlungen betrafen etwa die Regulierung der Netzindustrien wie Energie und Telekommunikation, die Verbesserung des Wettbewerbsrechts und den Strukturwandel in der Landwirtschaft. Zudem haben wir bereits 2009 darauf hingewiesen, dass im Schweizer Bankensektor \u2013 insbesondere bei den Grossbanken \u2013 finanzielle Risiken bestehen. Bei der Umsetzung dieser Empfehlungen steht die OECD der Schweiz zur Seite.Unsere Studien belegen, wie Reformen das Wachstum st\u00e4rken k\u00f6nnen. In vielen dieser Bereiche ist die Schweiz den Empfehlungen zumindest teilweise gefolgt. Diesem wichtigen Reformprozess d\u00fcrfte auch zu verdanken sein, dass der zunehmende R\u00fcckstand der Schweiz im Produktivit\u00e4tsfortschritt gegen\u00fcber den leistungsf\u00e4higsten Volkswirtschaften der OECD in den letzten Jahren gestoppt scheint. Doch die Schweiz k\u00f6nnte hier noch weiter aufholen. Wir werden weiter darauf hinweisen, in welchen Bereichen zus\u00e4tzliche Reformen n\u00fctzlich sein d\u00fcrften.&#13;<\/p>\n<h2>Eine Br\u00fccke zwischen den OECD- und den G20-L\u00e4ndern<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuch die wichtigsten Handelspartner der Schweiz sind OECD-Mitglieder. Die Organisation schafft mit ihren Foren die M\u00f6glichkeit f\u00fcr die Schweiz, sich mit den Partnerl\u00e4ndern \u00fcber wirtschaftliche und wirtschaftspolitische Entwicklungen auszutauschen. Die grossen Schwellenl\u00e4nder sind zunehmend wichtiger geworden: Unsere Arbeiten zur Aussenhandelsverflechtung zeigen, dass die Schweiz nach China und Finnland das Land mit dem gr\u00f6ssten Anteil von Exporten ist. Die verst\u00e4rkte Zusammenarbeit der OECD mit den Schwellenl\u00e4ndern bringt der Schweiz einen ganz konkreten Nutzen: Wirtschaftpolitischer Austausch und Dialog zwischen der OECD und China in immer mehr Politikbereichen kann den dynamischen Aussenhandel der Schweiz mit diesen Staaten weiter f\u00f6rdern.Nicht zu untersch\u00e4tzen ist auch die Mittlerrolle der OECD zwischen der Schweiz und anderen Mitgliedern zu den L\u00e4ndern der G20. Die OECD sitzt als Internationale Organisation bei der G20 mit am Tisch und spielt eine aktive Rolle in der Vorbereitung, wenn die G20 \u00fcber Rahmenbedingungen f\u00fcr starkes, nachhaltiges und balanciertes Wachstum, \u00fcber Handel und Investitionen, Arbeitsmarkt, Kapitalfl\u00fcsse und Steuern oder \u00fcber die Abschaffung der Zusch\u00fcsse f\u00fcr fossile Brennstoffe diskutieren. Die OECD ist ein wichtiger Kanal f\u00fcr die Schweiz, um die Entwicklungen und Diskussion auf Ebene der G20 mitzuverfolgen und die globale Agenda mitzubestimmen.Und diese Verbindung wird immer bedeutender: Der wirtschaftliche Schwerpunkt verlagert sich mehr und mehr in die aufstrebenden Volkswirtschaften, allen voran nach Brasilien, Indien und China. Diese L\u00e4nder sind es, die heute das globale Wachstum antreiben. \u00dcber Jahrzehnte machten OECD-Mitglieder ungef\u00e4hr 70% des weltweiten BIP aus; inzwischen ist ihr Anteil auf 60% geschrumpft \u2013 Tendenz fallend. Die modernen Industrienationen tun also gut daran, sich mit den Positionen der Schwellenl\u00e4nder auseinanderzusetzen und sie verst\u00e4rkt in ihre eigene Zusammenarbeit einzubinden. Die OECD wird dieser Zusammenarbeit bei der Fortentwicklung der vom OECD Ministerrat indossierten <i>Development-Strategie<\/i> besonderes Augenmerk widmen. Von diesem Prozess profitieren beide Seiten: Unsere Standards und Erfahrungen k\u00f6nnen die Entwicklung der aufstrebenden Volkswirtschaften befruchten; wir wiederum k\u00f6nnen uns von anderen Entwicklungspfaden, Erfahrungen und Sichtweisen inspirieren lassen.&#13;<\/p>\n<h2>Wachstum, Wohlstand und Gemeinwohl gehen Hand in Hand<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der Schweiz hat die OECD einen Partner, der sich f\u00fcr faire und offene M\u00e4rkte, f\u00fcr Wettbewerb und Innovationen einsetzt. Einen Partner, der weiss, dass die klassischen Voraussetzungen f\u00fcr erfolgreiches Wachstum immer noch relevant sind, dass sie aber kein Selbstzweck sind. Mit ihrer Hilfe m\u00fcssen wir das schaffen, was die Menschen am dringendsten brauchen: Arbeit, Bildung, Gesundheit und eine lebenswerte Umwelt. Diese Dinge bestimmen den Fortschritt in einem Land mindestens ebenso wie wirtschaftliches Wachstum. Daher ist die OECD seit \u00fcber einer Dekade Pfadfinder f\u00fcr Modelle der Messung gesellschaftlichen Fortschritts, die \u00fcber die reine Betrachtung des BIP-Wachstum hinausgehen. Unser im Mai er\u00f6ffnetes Webportal <i>Your Better Life Index<\/i> zeugt davon. Es bietet den Menschen die M\u00f6glichkeit, ihre Lebensbedingungen mit jenen in 34 OECD-L\u00e4ndern zu vergleichen und ihre pers\u00f6nlichen Priorit\u00e4ten in den Vergleich einzubringen. Indem wir nicht nur Wirtschaftsindikatoren auswerten, sondern auch fragen, was dem Durchschnittsb\u00fcrger wichtig ist, \u00e4ndern wir die Art, wie gesellschaftlicher Fortschritt gemessen und wie Politik gemacht wird. Und das ist es, was am Ende z\u00e4hlt: dem Wohlergehen der Menschen zu dienen \u2013 nicht an ihnen vorbei, sondern mit ihnen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 50 Jahren liefert die Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit ihren Studien und Berichten die analytische Basis f\u00fcr politische Entscheide. Unter dem Eindruck der j\u00fcngsten Wirtschaftskrise m\u00f6chte der OECDGeneralsekret\u00e4r, Angel Gurr\u00eda, den 50. 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