{"id":120479,"date":"2011-07-01T12:00:00","date_gmt":"2011-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/07\/berset-bircher-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:30:53","modified_gmt":"2023-08-23T21:30:53","slug":"berset-bircher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/07\/berset-bircher\/","title":{"rendered":"Bedeutung der internationalen Arbeitsnormen f\u00fcr die nachhaltige Entwicklung"},"content":{"rendered":"<p>In den verschiedenen Direktionen des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) sind mehrere Kompetenzbereiche vertreten. So arbeiten der Leistungsbereich Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie die Direktion f\u00fcr Arbeit seit \u00fcber zehn Jahren eng zusammen, um Synergien zwischen institutionellem Know-how und technischen Kompetenzen im Sozialbereich zu nutzen und um Projekte zu realisieren, die zur Unterst\u00fctzung von nachhaltigen Unternehmen in den Schwerpunktl\u00e4ndern der wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit dienen.&#13;<br \/>\nKolumbien, S\u00fcdafrika, Ghana, Vietnam, Indonesien, China und Indien. Die F\u00f6rderung der internationalen Arbeitsnormen erfolgt in diesen L\u00e4ndern im Rahmen von zwei speziellen Programmen: Better Work und Score.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie internationalen Arbeitsnormen richten sich an Staaten; doch diese haben teilweise weder die erforderlichen Kapazit\u00e4ten noch den politischen Willen, um deren Umsetzung zu gew\u00e4hrleisten. Dank der vom Seco unterst\u00fctzten und von der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) realisierten Projekte sind die internationalen Arbeitsnormen heute in den Unternehmen etabliert. Dies gilt sowohl f\u00fcr Sozialpartner als auch f\u00fcr institutionelle Akteure. In diesem Zusammenhang hielt die damalige Bundespr\u00e4sidentin Doris Leuthard 2010 in Jakarta fest. Das Engagement aller Beteiligten \u2013 d. h. der Sozialpartner, der nationalen Beh\u00f6rden, des Seco und der IAO \u2013 weise darauf hin, dass die Normen der IAO konkrete Folgen h\u00e4tten n\u00e4mlich direkte und positive Auswirkungen auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen durch die Sozialpartnerschaft.&#13;<\/p>\n<h2>Internationale Arbeitsnormen und besseren Marktzugang f\u00f6rdern<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn den Entwicklungsl\u00e4ndern (EL) sind Unternehmen mit einer <i>zweifachen Herausforderung<\/i> konfrontiert: Sie m\u00fcssen nicht nur eine wettbewerbsf\u00e4hige Produktion aufrechterhalten, sondern auch die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beachten, die im jeweiligen innerstaatlichen Recht und in den fundamentalen \u00dcbereinkommen der IAO&#13;<br \/>\nDie acht fundamentalen \u00dcbereinkommen der IAO: \u00dcbereinkommen Nr. 87 \u00fcber die Vereinigungsfreiheit und den Schutz des Vereinigungsrechtes, 1948; \u00dcbereinkommen Nr. 98 \u00fcber das Vereinigungsrecht und Kollektivverhandlungen, 1949; \u00dcbereinkommen Nr. 29 gegen die Zwangsarbeit, 1930; \u00dcbereinkommen Nr. 105 \u00fcber die Aufhebung von Zwangsarbeit, 1957; \u00dcbereinkommen Nr. 138 \u00fcber das Mindestalter in der Besch\u00e4ftigung, 1973; \u00dcbereinkommen Nr. 182 \u00fcber die schlimmsten Formen der Kinderarbeit, 1999; \u00dcbereinkommen Nr. 100 \u00fcber die Gleichheit des Entgelts, 1951; \u00dcbereinkommen Nr. 111 gegen die Diskriminierung (Besch\u00e4ftigung und Beruf), 1958. festgehalten sind. Die von der IAO gef\u00f6rderten internationalen Normen werden h\u00e4ufig in freiwillige und private Standards sowie in Verhaltenskodizes \u00fcbernommen. Ihre Einhaltung ist somit gewissermassen eine Voraussetzung f\u00fcr den Zugang zu den internationalen M\u00e4rkten. Dieser Umstand bildet die Grundlage der Partnerschaft zwischen der IAO \u2013 einer internationalen Organisation, die aufgrund ihrer tripartiten Zusammensetzung grosse Legitimit\u00e4t geniesst \u2013 und dem Seco, das mit der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklung der Schweiz beauftragt ist. Konkret besteht diese Partnerschaft aus zwei Projekten f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung: <i>Better Work<\/i> und <i>Score,<\/i>&#13;<br \/>\nSiehe <a href=\"http:\/\/www.betterwork.org\">http:\/\/www.betterwork.org<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.ilo.org\/score\">http:\/\/www.ilo.org\/score<\/a>. mit dem Ziel, nachhaltige, wettbewerbsf\u00e4hige und verantwortungsbewusste Unternehmen zu f\u00f6rdern.&#13;<\/p>\n<h2>Das Programm Better Work<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Programm <i>Better Work<\/i> entstand aus einer Partnerschaft zwischen der IAO und der International Finance Corporation. Better Work ist haupts\u00e4chlich auf die Textilbranche in den EL ausgerichtet, in der die Arbeitsstandards nachhaltig verbessert werden sollen. Die Programmstrategie beruht auf Marktanreizen. Mit der Internationalisierung der Versorgungsketten ist die soziale Verantwortung der Unternehmen zu einem bedeutenden Marketingkriterium gegen\u00fcber den Konsumentinnen und Konsumenten geworden, die f\u00fcr diese Fragen immer st\u00e4rker sensibilisiert sind. Die privaten Unternehmen haben einen gr\u00f6sseren Einfluss auf die Arbeits- und Produktionsbedingungen ihrer ausl\u00e4ndischen Zulieferer \u2013 insbesondere in den EL \u2013 und damit auch eine gr\u00f6ssere Verantwortung. Sie legen neue Verhaltenskodizes fest und f\u00fchren eine Vielzahl von Audits durch, wobei die Ergebnisse nicht immer \u00fcberzeugend sind. Das Programm Better Work erm\u00f6glicht diesbez\u00fcgliche Einsparungen beim zeitlichen und finanziellen Aufwand, indem ein umfassendes System f\u00fcr die Steuerung der Arbeitsnormen eingef\u00fchrt wird. Better Work unterst\u00fctzt die Regierungen bei ihren Anstrengungen, Standards der IAO in lokalen Unternehmen anzuwenden. Damit wird einerseits das Interesse der internationalen Abnehmer an diesen Unternehmen und andererseits die Schaffung von angemessenen, akzeptablen Arbeitspl\u00e4tzen gef\u00f6rdert.Das Programm hat zwei Stossrichtungen: Zum einen die F\u00f6rderung des sozialen Dialogs zwischen Regierungen, Gewerkschaften, Arbeitgebern und internationalen Abnehmern \u2013 haupts\u00e4chlich durch die Schaffung einer tripartiten Konsultativkommission und eines Abnehmerforums, die regelm\u00e4ssig zusammentreten. Zum anderen die Einf\u00fchrung von praktischen Mess- und Beratungsinstrumenten im Zusammenhang mit der Anwendung der internationalen Arbeitsnormen in den Unternehmen. Konkret umfassen diese Instrumente folgende Elemente:\u2212 ein umfassendes System f\u00fcr die Online-Verwaltung der Informationen \u2013 <i>Supply Chain Tracking of Assessments and Remediation, Star<\/i> \u2013, welches Daten zu Arbeitsstandards, zur Wettbewerbsf\u00e4higkeit und zu Auswirkungen der verschiedenen Massnahmen in den Unternehmen erfasst, die am Programm teilnehmen;\u2212 eine Standardevaluation, mit der die Einhaltung der Arbeitsnormen im Verh\u00e4ltnis zu den fundamentalen \u00dcbereinkommen der IAO und den innerstaatlichen Rechtsvorschriften beurteilt werden kann;\u2212 Vorlagen von politischen Handlungskonzepten und von empfehlenswerten Vorgehensweisen f\u00fcr Unternehmen;\u2212 auf lokaler Ebene Ausbildungs- und Beratungsdienste in Unternehmen;\u2212 innovative Kommunikationsmittel, welche die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer \u00fcber ihre Rechte und Pflichten informieren.Auf diese Weise gibt Better Work den lokalen Unternehmen die M\u00f6glichkeit, den Abnehmern klare Informationen \u00fcber ihre Anstrengungen zur Einhaltung der Arbeitsnormen zu liefern. Damit sichert ihnen das Programm nachhaltig Zugang zu den internationalen M\u00e4rkten.&#13;<\/p>\n<h2>Score<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit grunds\u00e4tzlich demselben Ansatz wie Better Work fokussiert das Programm <i>Score<\/i> spezifisch auf kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie auf Zulieferer. Dieses Programm wird von der Schweiz und Norwegen unterst\u00fctzt und operiert in den Bereichen industrielle Fertigung und Dienstleistungen (Textilindustrie, Automobilindustrie und Tourismus). \u00dcber Branchenverb\u00e4nde und Arbeitgebervereinigungen erm\u00f6glicht Score die Einf\u00fchrung von optimalen Vorgehensweisen, mit denen Arbeitsnormen in die KMU integriert werden. Konkret wird eine integrierte Methodik angewandt, die <i>f\u00fcnf Module<\/i> umfasst:\u2212 Zusammenarbeit am Arbeitsort;\u2212 Management der Produktivit\u00e4t und der Qualit\u00e4t;\u2212 Gestaltung eines ges\u00fcnderen und sichereren Arbeitsumfelds;\u2212 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter;\u2212 Steuerung der umweltbezogenen Auswirkungen der Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit von Unternehmen; dieser Punkt ist Gegenstand einer bestehenden Partnerschaft zwischen der IAO und der <i>Organisation der Vereinten Nationen f\u00fcr industrielle Entwicklung (UNIDO).<\/i>Indem Experten der guten Arbeitspraktiken ausgebildet werden, schafft das Programm ein Kompetenzzentrum im Bereich der sozialen Verantwortung von Unternehmen. Kennzeichnend f\u00fcr Score ist somit ein innovativer und integrierter Ansatz, der innerhalb von Unternehmen in Entwicklungsl\u00e4ndern soziale, wirtschaftliche und \u00f6kologische Verbesserungen erm\u00f6glicht.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWettbewerbsf\u00e4higkeit und Produktivit\u00e4t sind nicht zwangsl\u00e4ufig mit einem geringeren sozialen Engagement verbunden, ganz im Gegenteil: Optimale Verfahren im Bereich der Arbeitswelt und eine Organisation, die auch den menschlichen Werten Rechnung tr\u00e4gt, sind gleichbedeutend mit besserer Effizienz und h\u00f6heren Gewinnen der Unternehmen.Die Steigerung der Produktivit\u00e4t eines Unternehmens h\u00e4ngt nicht nur von neuen Technologien oder revolution\u00e4ren Produktionsmethoden, sondern auch von einer uneingeschr\u00e4nkten Mitwirkung und vom Engagement aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab. Bei der Gestaltung des Warenaustausches mit dem Ausland legt die Schweiz auch grossen Wert auf ein soziales und solidarisches Engagement, wobei sie sowohl auf der Ebene der privaten Unternehmen als auch auf der Ebene der Institutionen entsprechende Massnahmen realisiert. Denn nachhaltiges Wirtschaften erfordert nicht nur einen Ausbau der wirtschaftlichen Kapazit\u00e4t, sondern auch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, indem langfristig soziale und \u00f6kologische Beeintr\u00e4chtigungen innerhalb der Unternehmen beseitigt und die Staaten bei der Umsetzung der internationalen Arbeitsnormen unterst\u00fctzt werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Durch nachhaltige Institutionen regulierter Arbeitsmarkt&#13;<\/p>\n<h3>Durch nachhaltige Institutionen regulierter Arbeitsmarkt<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Ausbau der Kapazit\u00e4ten der Unternehmen geh\u00f6rt zu den Priorit\u00e4ten einer nachhaltigen Entwicklung. Trotzdem sind weitere Massnahmen und g\u00fcnstige Rahmenbedingungen erforderlich. Daher hat das Seco vor kurzem beschlossen, die institutionellen Kapazit\u00e4ten derjenigen L\u00e4nder zu unterst\u00fctzen, auf welche die wirtschaftliche Entwicklungszusammenarbeit ausgerichtet ist. Dies soll ihnen erm\u00f6glichen, sich an Schwankungen des Arbeitsmarktes anzupassen und Instrumente f\u00fcr die Begrenzung der Risiken zu entwickeln. In diesem Zusammenhang unterst\u00fctzt das Seco ein Projekt, das von der Weltbanka und der IAO gemeinsam realisiert wird: <i>Labor markets, Job creation &amp; Economic growth.<\/i> Die politischen Entscheidungstr\u00e4ger der betreffenden L\u00e4nder haben einen zunehmenden Bedarf nach neuen Strategien f\u00fcr ihren jeweiligen Arbeitsmarkt. Ein nachhaltiges Wachstum erfolgt \u00fcber wirtschaftliche Regeln, in deren Rahmen die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen Priorit\u00e4t hat. Die finanzielle Stabilit\u00e4t muss folglich mit sozialer Stabilit\u00e4t einhergehen. Die Wettbewerbsf\u00e4higkeit zu erhalten ist unzureichend; um ein Wirtschaftswachstum zu erm\u00f6glichen, m\u00fcssen auch Institutionen zur Verf\u00fcgung stehen, die einen sozialen Dialog und Kollektivverhandlungen gew\u00e4hrleisten. Diese Art von Programm ist nicht nur von Bedeutung, um Arbeitslosigkeit zu verhindern, sondern auch um Anpassungen an Marktschwankungen zu erleichtern. Vor diesem Hintergrund ist eine ausgewogene Entwicklung der Arbeitsm\u00e4rkte und der Besch\u00e4ftigung eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr eine nachhaltige globale Wirtschaft.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\na Siehe <a href=\"http:\/\/go.worldbank.org\/1GNNDFIY50\">http:\/\/go.worldbank.org\/1GNNDFIY50<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den verschiedenen Direktionen des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) sind mehrere Kompetenzbereiche vertreten. 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