{"id":120504,"date":"2011-07-01T12:00:00","date_gmt":"2011-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/07\/eisenegger-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:30:36","modified_gmt":"2023-08-23T21:30:36","slug":"eisenegger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/07\/eisenegger\/","title":{"rendered":"Von der sozialen zur volkswirtschaftlichen Verantwortung: Wie die Finanzmarktkrise die Reputationsdynamik ver\u00e4ndert"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Finanzmarktkrise von 2008, die globale Wirtschaftskrise und die Schuldenkrise danach haben den Terminus der <i>Reputation<\/i> zu einem zentralen Begriff der \u00f6ffentlichen Debatte erhoben. Seit dem Reputationsgau von \u00abWallstreet-Banken\u00bb, einzelnen Versicherungsunternehmen, Ratingagenturen, Aufsichtsbeh\u00f6rden und ganzer Volkswirtschaften ist ein regelrechter Boom um den Begriff festzustellen \u2013 medial, im wissenschaftlichen Fachdiskurs, aber auch in der Beratungspraxis.Tats\u00e4chlich erf\u00fcllt Reputation f\u00fcr die Wirtschaft und Gesellschaft fundamentale Funktionen. Von zentraler Bedeutung ist insbesondere, dass Reputation das Ausmass der gesellschaftlichen Kontrolle bestimmt: Je angeschlagener die Reputation von gesellschaftlich relevanten Institutionen, Organisationen und Personen ist, desto mehr m\u00fcssen rechtlich einklagbare, formalisierte Regulationen dieses Reputationsvakuum ausgleichen, und desto mehr m\u00fcssen staatliche Organe \u00dcberwachungsfunktionen \u00fcbernehmen. Es erstaunt deshalb nicht, dass s\u00e4mtliche grossen Regulationssch\u00fcbe der neueren Wirtschaftsgeschichte durch einschneidende Reputationskrisen verursacht wurden. So sind beispielsweise der <i>Sarbanes-Oxley Act<\/i> und die Regulationsflut auf den Linien der Corporate Governance ohne die grossen Bilanzf\u00e4lschungsskandale und die Managementexzesse um die Jahrtausendwende nicht zu erkl\u00e4ren. In erster Linie hat die Finanzmarktkrise eine F\u00fclle neuer Regulationsaktivit\u00e4ten ausgel\u00f6st. Reputation wirkt aber nicht nur gesellschaftlich; sie \u00fcbernimmt auch unmittelbar betriebswirtschaftliche Funktionen. Eine positive Reputation dient etwa als Markteintrittsbarriere f\u00fcr neue Wettbewerber; sie erleichtert die Kundenbindung und die Rekrutierung f\u00e4higer Mitarbeiter; sie erh\u00f6ht aber auch die Zufriedenheit und Motivation der Angestellten und erleichtert den Zugang zum Kapitalmarkt.Trotz ihrer zentralen Bedeutung ist bei vielen \u00f6ffentlichen Akteuren ein nur mangelhaftes Verst\u00e4ndnis von Reputation festzustellen. So etwa dar\u00fcber, wo und \u00fcber welche zentralen Dimensionen Reputation entsteht und zerf\u00e4llt (vgl. <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Reputationsdimensionen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nReputation setzt sich stets aus drei Komponenten zusammen, egal aus welcher Sph\u00e4re \u2013 Politik, Wirtschaft, Wissenschaft etc. \u2013 der Reputationstr\u00e4ger stammt: Die <i>funktionale Reputation<\/i> misst, wie gut eine Organisation dem Zweck dient, f\u00fcr den sie geschaffen wurde. Reputation ist in dieser Dimension ein Indikator f\u00fcr Erfolg, Fachkompetenz und plausibles Handeln entlang dem Organisationszweck. Die <i>soziale Reputation<\/i> unterliegt gesamtgesellschaftlichen Bewertungsmassst\u00e4ben. Reputation wird in dieser Dimension zum Indikator f\u00fcr rechtlich und moralisch korrektes Verhalten.Bei der <i>expressiven Reputation<\/i> interessiert, wie \u00fcberzeugend, attraktiv und authentisch das spezifische Profil eines Akteurs erscheint.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n). Beim Reputationsmanagement der Unternehmen, Beh\u00f6rden und anderer Akteure des \u00f6ffentlichen Lebens wird immer noch zu stark auf das Bauchgef\u00fchl abgestellt. Insbesondere fehlen Instrumente, um langfristige Reputationsdynamiken valide zu erfassen, auf die das Reputationsmanagement zum Vorteil der Organisation abgestellt werden kann. Auf diesen Schwachpunkt reagiert dieser Beitrag mit einem Reputationsansatz, der die langfristig gewachsenen Reputationsdynamiken ins Zentrum stellt. Das verwendete Verfahren zeigt, dass die Finanzmarktkrise und die krisenhaften Beben danach die Reputationsdynamik fundamental ver\u00e4ndert haben.&#13;<\/p>\n<h2>Das Wo, Wie und Was des Reputationsmanagements<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n1. Das <i>Wo:<\/i> Reputation ist unmittelbar mit der \u00f6ffentlichen Kommunikation verbunden. Reputation entsteht und zerf\u00e4llt \u00fcberall dort, wo Informationen \u00fcber die Vertrauensw\u00fcrdigkeit eines Akteurs in Arenen \u00f6ffentlicher Kommunikation zirkulieren, sei dies in traditionellen Massenmedien oder den neuen Medien im Internet. Messinstrumente zur Erfassung relevanter Reputationsdynamiken m\u00fcssen deshalb priorit\u00e4r auf die Untersuchung der \u00f6ffentlichen Kommunikation abstellen. Die medial hergestellte \u00d6ffentlichkeit ist auch der Ort, wo mit geeigneten Massnahmen agiert werden muss, bevor sich allenfalls sch\u00e4dliche \u00f6ffentliche Meinungsdynamiken fest in den K\u00f6pfen relevanter Bezugsgruppen abgelagert haben.2. Das <i>Was:<\/i> Reputationsmanagement ist kein Beauty-Contest. Vielmehr geht es darum, die Glaubw\u00fcrdigkeit des eigenen Organisationsprofils zu erhalten und alles zu unterlassen, was die Authentizit\u00e4t des eigenen Profils unterminiert. Vorbildliches Reputationsmanagement kann deshalb bedeuten, \u00f6ffentliche Kritik dann bewusst in Kauf zu nehmen, wenn die \u00f6ffentlichen Erwartungshaltungen und Trends in Widerspruch zum inneren Wesenskern und zum Werdegang der Organisation stehen.3. Das <i>Wie:<\/i> Reputationspflege erfordert eine langfristige Perspektive. Nichts schadet der Reputation eines Akteurs mehr, als in inflation\u00e4rer Weise rasch wechselnden, kurzlebigen Trends nachzueilen. Reputationsmanagement bedeutet, die wirklich entscheidenden, <i>langfristig<\/i> gewachsenen Reputationsdynamiken valide zu erfassen und diese in authentischer Weise mit dem eigenen Organisationsprofil in Einklang zu bringen. Fehlen geeignete Instrumente, um den langfristigen Wandel relevanter Reputationsdynamiken zu modellieren, l\u00e4uft das Steuern der Reputation Gefahr, zentrale Trends zu \u00fcbersehen oder falsch zu gewichten.An diesem Punkt setzt ein neuartiges Verfahren zur Erfassung langfristiger, sogenannt <i>sedimentierter Reputationsdynamiken<\/i> an (vgl. <i>Kasten 2<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>MRRI \/ Sedimentierte Reputation<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Memorizing Resonance-ReputationIndex (MRRI) dient der Modellierung der historisch gewachsenen, im \u00f6ffentlichen Ged\u00e4chtnis verankerten Reputation. Das von der Firma commsLAB in Zusammenarbeit mit dem f\u00f6g \/ Universit\u00e4t Z\u00fcrich entwickelte Verfahren erlaubt die Darstellung von langfristigen, sedimentierten Reputationsentwicklungen.Der MRRI tr\u00e4gt dem Umstand Rechnung, dass langfristig vor allem resonanzstarke Schl\u00fcsselereignisse (wie die Finanzmarktkrise) die Reputationsdynamik bestimmen. Er basiert auf der Verrechnung der relevanten Medienresonanz mit den sich daraus ergebenden Bewertungseffekten. Die MRRI-Verrechnung erfolgt \u00fcber die Zeit und ber\u00fccksichtigt \u2013 auf Tages- oder Wochenbasis \u2013 die Werte der Vorperioden jeweils unter Einschluss einer Vergessensrate. Der MRRI ist eingepasst in eine Skala von +100 (ausschliesslich positive Resonanz) bis \u2013100 (ausschliesslich negative Resonanz).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n). Das Verfahren dient der Modellierung der historisch gewachsenen, im \u00f6ffentlichen Ged\u00e4chtnis verankerten Wahrnehmung eines Unternehmens oder anderer, in der \u00d6ffentlichkeit stehender Akteure. Die angewandte Methodik folgt der Einsicht, dass die Reputation eines Akteurs nicht nur durch aktuelle Ereignisse definiert wird, sondern immer auch zu einem gewissen Grad und f\u00fcr eine bestimmte Zeit durch vergangene Ereignisse, die f\u00fcr \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit gesorgt haben.Um genau solche, resonanzstarke Schl\u00fcsselereignisse handelt es sich bei der Finanzmarktkrise und den Folgekrisen. Deren Langzeit-Reputationseffekte werden auf der Basis des skizzierten Messverfahrens im Folgenden vorgestellt und diskutiert. Untersucht wurde die reputationsrelevante Berichterstattung aller SMI-Unternehmen seit 2008 in zentralen Schweizer Leitmedien. Dabei zeigt sich <i>erstens,<\/i> dass die dem <i>Finanzsektor<\/i> zugeordneten SMI-Unternehmen (vgl. <i>Grafik 1<\/i>) \u2013 entgegen ihrer effektiven B\u00f6rsenkapitalisierung \u2013 die Reputationsdynamik bis heute massgeblich beeinflussen. <i>Zweitens<\/i> l\u00e4sst sich erkennen, dass die soziale Reputationsdimension \u00fcber das Deutungsmuster der \u00abvolkswirtschaftlichen Verantwortung\u00bb massiv an Bedeutung gewonnen hat.&#13;<\/p>\n<h2>\u00dcberformung der Reputationsdynamik durch die Finanzwirtschaft<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n<i>Grafik 2<\/i> vergleicht die sedimentierte Reputationsentwicklung der SMI-Unternehmen der Realwirtschaft (blaue Kurve) mit derjenigen der Finanzwirtschaft (orange Kurve). Gleichzeitig wird die jeweils zuordenbare mediale Resonanz anteilm\u00e4ssig nach Realwirtschaft (blaue Fl\u00e4che) und Finanzwirtschaft (orange Fl\u00e4che) aufgeteilt. Integriert ist ausserdem der B\u00f6rsenverlauf des SMI, also des bedeutendsten Aktienindexes der Schweiz (gr\u00fcne Kurve).Die Finanzmarktkrise \u2013 Schl\u00fcsselereignisse sind Bear Stearns, Lehman Brothers, UBS-Krise \u2013 ver\u00e4ndert die Reputationsdynamik im Schweizer Meinungsmarkt fundamental. Die Finanzdienstleistungsbranche wird f\u00fcr die Krisendynamik verantwortlich gemacht. Skandalisiert werden kurzfristiges Shareholder Value-Denken, kurzfristige Gesch\u00e4ftsmodelle, unverantwortliche Risikopolitiken sowie die Dominanz von derivativen Finanzprodukten, an deren \u00f6konomische Potenz man im sprichw\u00f6rtlichen Sinne \u00abglauben\u00bb musste. Insgesamt \u00f6ffnet die Finanzmarktkrise die Reputationsschere zwischen Real- und Finanzwirtschaft respektive zwischen Werk- und Finanzplatz. Eine Schere, die sich bis heute nicht geschlossen hat. Die Reputation der SMI-Unternehmen im Bereich Finanzwirtschaft erreicht am 26. Februar 2009 ihren Tiefstwert von rund \u201340; rund zwei Wochen fr\u00fcher als der SMI (Tiefststand am 9. M\u00e4rz 2009 mit 4307,70 Punkten). Zum genannten Zeitpunkt betr\u00e4gt die sedimentierte Medienresonanz zur Finanzwirtschaft 74% gegen\u00fcber nur 26% im Bereich Realwirtschaft. Diese massive \u00dcberformung der kollektiven Wahrnehmung durch die Finanzbranche h\u00e4lt bis heute \u2013 also auch nach weitgehenden \u00dcberwindung der Krise \u2013 an. Dies bleibt nicht ohne Auswirkungen: Die Finanzwirtschaft bestimmt seit Ausbruch der Finanzmarktkrise massgeblich die grunds\u00e4tzlichen Erwartungen der \u00d6ffentlichkeit sowie von Analysten und Investoren gegen\u00fcber der k\u00fcnftigen gesamtwirtschaftlichen Prosperit\u00e4t. Entgegen ihrer effektiven B\u00f6rsenkapitalisierung bildet die Reputationsentwicklung der Finanzbranche denn auch einen wesentlichen Indikator f\u00fcr die Performance des hier abgebildeten SMI. Es zeigt sich, dass die Reputationsdynamik der Finanzbranche in hoch signifikanter Weise mit dem B\u00f6rsenkurs der SMI-Unternehmen korreliert. Wie zu zeigen sein wird, beschr\u00e4nkt sich diese Bedeutung nicht nur auf \u00f6konomische (funktionale) Aspekte, sondern greift zunehmend auch in gesellschaftlichen (sozialen) Kontexten (vgl. <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Reputationsdimensionen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nReputation setzt sich stets aus drei Komponenten zusammen, egal aus welcher Sph\u00e4re \u2013 Politik, Wirtschaft, Wissenschaft etc. \u2013 der Reputationstr\u00e4ger stammt: Die <i>funktionale Reputation<\/i> misst, wie gut eine Organisation dem Zweck dient, f\u00fcr den sie geschaffen wurde. Reputation ist in dieser Dimension ein Indikator f\u00fcr Erfolg, Fachkompetenz und plausibles Handeln entlang dem Organisationszweck. Die <i>soziale Reputation<\/i> unterliegt gesamtgesellschaftlichen Bewertungsmassst\u00e4ben. Reputation wird in dieser Dimension zum Indikator f\u00fcr rechtlich und moralisch korrektes Verhalten.Bei der <i>expressiven Reputation<\/i> interessiert, wie \u00fcberzeugend, attraktiv und authentisch das spezifische Profil eines Akteurs erscheint.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n).&#13;<\/p>\n<h2>Von der sozialen zur volkswirtschaftlichen Verantwortung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n<i>Grafik 3<\/i> vergleicht die soziale Reputationsentwicklung der SMI-Unternehmen (orange Kurve) mit der funktionalen (blaue Kurve). Gleichzeitig wird die jeweils zuordbare mediale Berichterstattung anteilm\u00e4ssig nach sozialer (orange Fl\u00e4che) und funktionaler Resonanz (blaue Fl\u00e4che) aufgeteilt. Abgebildet ist wiederum der B\u00f6rsenverlauf des SMI (gr\u00fcne Kurve).Am 14. Juni 2010 erreicht die soziale Reputation der im SMI zusammengefassten Unternehmen mit einem Wert von -66 ihren absoluten Tiefststand. Im gleichen Zeitraum klettert das soziale Aufmerksamkeitsvolumen auf den Rekordwert von 37% der gesamten erfassten Beitragsmenge (=Resonanz). Dies entspricht einer Berichterstattungszunahme von \u00fcber 260% gegen\u00fcber dem Tiefstwert im Mai 2008. Dass diese Zunahme massgeblich auf die SMI-Unternehmen der Finanzbranche zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, zeigt <i>Grafik 4<\/i>: So betr\u00e4gt am Ende des Untersuchungszeitraums (30. April 2011) der soziale Berichterstattungsanteil f\u00fcr SMI-Unternehmen der Finanzbranche satte 41%, w\u00e4hrend er f\u00fcr die Unternehmen der Realwirtschaft mit 19% deutlich geringer ausf\u00e4llt.Es zeigt sich somit, dass der soziale Resonanzanteil \u2013 also jene Berichterstattung, in der die Unternehmen in gesellschaftlichen, moralischen oder politisch-regulatorischen Zusammenh\u00e4ngen thematisiert werden \u2013 ab Mitte 2008 sukzessive und ab 2010 markant an Bedeutung gewinnt.Die soziale Reputationsdimension legt aber nicht nur quantitativ zu, sie wird auch inhaltlich einem fundamentalen Bedeutungswandel ausgesetzt. Vor dem Hintergrund der Perspektive, dass die Finanzmarktkrise die nationalen Volkswirtschaften an den Rand des Ruins gef\u00fchrt hat \u2013 etwa Island und Irland \u2013, steigt der Erwartungsdruck nicht nur an die Banken, sondern an die Unternehmen generell, <i>volkswirtschaftliche Verantwortung<\/i> zu \u00fcbernehmen. Die soziale Verantwortung wird also in eine Richtung rekodiert, wonach die erste soziale Verantwortung der Unternehmen darin besteht, ihren jeweiligen Wirtschaftsstandorten zu dienen respektive diese vor Schaden zu bewahren. Diese Erwartungshaltung l\u00e4sst sich auch daran ablesen, dass Indikatoren wie Steuerleistung, Dividendenzahlungen oder Aktienpreisentwicklungen \u2212 also Leistungsindikatoren, von denen die jeweiligen Wirtschaftsstandorte, aber auch gesamtgesellschaftliche Einrichtungen wie Vorsorgeeinrichtungen profitieren \u2212 als Reputationstreiber markant an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig wird mit dem Begriff der <i>volkswirtschaftlichen Verantwortung<\/i> die soziale Verantwortung in eine Richtung umgedeutet, wonach diese zwingend mit der \u00f6konomischen Kompetenz verbunden sein muss, um glaubw\u00fcrdig zu erscheinen. Es geht nicht darum, <i>irgendwie<\/i> karitativ oder gemeinn\u00fctzig zu wirken, sondern die eigene \u00f6konomische Leitungsf\u00e4higkeit und Kompetenz zum Wohl priorit\u00e4r der nationalen Volkswirtschaft, aber auch jener L\u00e4nder einzusetzen, die dem Unternehmen Gastrecht gew\u00e4hren. Dass die soziale Reputationsdimension \u2013 verstanden als volkswirtschaftliche Verantwortung \u2013 nicht nur <i>nice-to-have<\/i> ist, sondern auch die \u00f6konomischen Zukunftserwartungen sehr direkt beeinflusst, wird daran deutlich, dass die SMI-Entwicklung von der positiven funktionalen Reputationsdynamik ab Mitte 2010 kaum profitieren kann. Grund ist die soziale Reputationsentwicklung, die deshalb im stark negativen Bereich verl\u00e4uft, weil volkswirtschaftliche Erwartungen namentlich durch die Bankenbranche in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung zu wenig bedient werden und durch regulatorische Diskurse \u00fcberformt sind.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas diesem Beitrag zugrundeliegende Instrument zur Erfassung langfristiger Kommunikationsdynamiken zeigt, dass die Finanzmarktkrise von 2008 und die krisenhaften Folgebeben danach die Reputationsdynamik grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndert haben. Die f\u00fcr Unternehmen zentrale, an \u00f6konomischen Leistungskriterien orientierte funktionale Reputation verliert als Folge der Finanzmarktkrise sukzessive an Gewicht \u2013 und zwar zugunsten von umfassenderen, gesellschaftlichen Erwartungen. Gesamtgesellschaftliche Erwartungshaltungen werden in s\u00e4mtlichen Wirtschaftszweigen zum zentralen Reputationstreiber. Allerdings unterliegen sie derzeit noch einer wesentlich fremdbestimmten Wahrnehmung. Im sozialen Kontext bestimmen vor allem politische und regulatorische Akteure die Reputationsdynamik. Kaum einem Unternehmen gelingt es bislang, hier zu punkten und vom <i>volkwirtschaftlichen Revival<\/i> zu profitieren. Eine Ausnahme bildet die Schweizer Uhrenindustrie, der es nach der schweren Krise der 1970er- und 1980er-Jahre gelungen ist, ihre internationale Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit nachhaltig mit nationalen und volkswirtschaftlichen Interessen zu verbinden. Die meisten anderen Wirtschaftszweige bleiben dagegen in ihrer sozial-volkswirtschaftlichen Reputationsentwicklung limitiert. Erforderlich sind somit seitens der Unternehmen eine deutliche Verst\u00e4rkung gesamtgesellschaftlicher Aktivit\u00e4ten und eine selbstbestimmtere Beeinflussung der sozialen Reputationsdimension. Diese aktive Beeinflussung und damit die Wiedererlangung einer gr\u00f6sseren Handlungsfreiheit kann wirkungsvoll durch eine Handlungspraxis erreicht werden, die sich an den Grunds\u00e4tzen der <i>volkswirtschaftlichen Verantwortung<\/i> orientiert. Ziel ist es, die eigene \u00f6konomische Kompetenz zum Vorteil der jeweiligen Wirtschaftsstandorte einzubringen. Dieses Vorhaben macht nicht nur aus Reputationsgesichtspunkten Sinn, sondern verspricht auch handfeste \u00f6konomische Vorteile. Wie gezeigt wurde, \u00f6ffnet sich in der Reputationsentwicklung der SMI-Unternehmen seit 2010 eine Schere zwischen funktionaler Reputation und tats\u00e4chlicher Kursentwicklung. Kurshemmend wirkt sich jene soziale Thematisierung aus, die von den betroffenen Unternehmen bislang kaum aktiv adressiert wird. Eine verst\u00e4rkte \u00dcbernahme volkswirtschaftlicher Verantwortung kann darum einen wirkungsvollen Weg darstellen, um nicht nur das eigene Reputationsprofil nachhaltig zu befestigen, sondern auch um die genannte Schere wieder zu schliessen und damit zus\u00e4tzliches \u00f6konomisches Potenzial zu erschliessen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abSMI-Unternehmen: B\u00f6rsenkapitalisierung versus sedimentierte Resonanz\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abReputationsentwicklung SMI-Unternehmen Real- versus Finanzwirtschaft\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3: \u00abSedimentierte Reputationsentwicklung SMI-Unternehmen: Funktional\/Sozial\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 4: \u00abSedimentierte Resonanzverteilung Real- und Finanzwirtschaft, per 30.04.2011\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Reputationsdimensionen&#13;<\/p>\n<h3>Reputationsdimensionen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nReputation setzt sich stets aus <i>drei Komponenten<\/i> zusammen, egal aus welcher Sph\u00e4re \u2013 Politik, Wirtschaft, Wissenschaft etc. \u2013 der Reputationstr\u00e4ger stammt: Die <i>funktionale Reputation<\/i> misst, wie gut eine Organisation dem Zweck dient, f\u00fcr den sie geschaffen wurde. Reputation ist in dieser Dimension ein Indikator f\u00fcr Erfolg, Fachkompetenz und plausibles Handeln entlang dem Organisationszweck. Die <i>soziale Reputation<\/i> unterliegt gesamtgesellschaftlichen Bewertungsmassst\u00e4ben. Reputation wird in dieser Dimension zum Indikator f\u00fcr rechtlich und moralisch korrektes Verhalten.Bei der <i>expressiven Reputation<\/i> interessiert, wie \u00fcberzeugend, attraktiv und authentisch das spezifische Profil eines Akteurs erscheint.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: MRRI \/ Sedimentierte Reputation&#13;<\/p>\n<h3>MRRI \/ Sedimentierte Reputation<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer <i>Memorizing Resonance-ReputationIndex (MRRI)<\/i> dient der Modellierung der historisch gewachsenen, im \u00f6ffentlichen Ged\u00e4chtnis verankerten Reputation. Das von der Firma commsLAB in Zusammenarbeit mit dem f\u00f6g \/ Universit\u00e4t Z\u00fcrich entwickelte Verfahren erlaubt die Darstellung von langfristigen, sedimentierten Reputationsentwicklungen.Der MRRI tr\u00e4gt dem Umstand Rechnung, dass langfristig vor allem resonanzstarke Schl\u00fcsselereignisse (wie die Finanzmarktkrise) die Reputationsdynamik bestimmen. Er basiert auf der Verrechnung der relevanten Medienresonanz mit den sich daraus ergebenden Bewertungseffekten. Die MRRI-Verrechnung erfolgt \u00fcber die Zeit und ber\u00fccksichtigt \u2013 auf Tages- oder Wochenbasis \u2013 die Werte der Vorperioden jeweils unter Einschluss einer Vergessensrate. Der MRRI ist eingepasst in eine Skala von +100 (ausschliesslich positive Resonanz) bis \u2013100 (ausschliesslich negative Resonanz).<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13; &#13; Die Finanzmarktkrise von 2008, die globale Wirtschaftskrise und die Schuldenkrise danach haben den Terminus der Reputation zu einem zentralen Begriff der \u00f6ffentlichen Debatte erhoben. 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Dies zeigen Befunde eines Messinstruments zur Erfassung langfristiger Reputationsentwicklungen: Zum einen haben die Ereignisse die Reputationsschere zwischen Real- und Finanzwirtschaft ge\u00f6ffnet. Zum anderen verschaffen sie dem Deutungsmuster der \u00abvolkswirtschaftlichen Verantwortung\u00bb massiven Auftrieb. 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