{"id":120515,"date":"2011-07-01T12:00:00","date_gmt":"2011-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/07\/hartl-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:30:39","modified_gmt":"2023-08-23T21:30:39","slug":"hartl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/07\/hartl\/","title":{"rendered":"Sicherheit der Energieversorgung \u2013 eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWas die Schweiz betrifft: Erd\u00f6l und Erdgas decken zusammen rund 55% des Prim\u00e4renergieverbrauchs der Schweiz ab. Zusammen mit Uran, das in den f\u00fcnf Schweizer Kernkraftwerken eingesetzt wird, hat dieser Mix zur Folge, dass unsere Energieversorgung zu vier F\u00fcnftel auf Importen nicht-erneuerbarer Energietr\u00e4ger beruht.&#13;<\/p>\n<h2>Historisch funktionst\u00fcchtige Energieversorgung der Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Auslandabh\u00e4ngigkeit der Schweiz wird in den energiepolitisch bewegten Zeiten, die wir jetzt einmal mehr erleben, von Politikern und Lobbys zum Anlass genommen, Energie-Autarkie einzufordern, somit eine Landesversorgung, die weitgehend auf einheimischen (= erneuerbaren) Energietr\u00e4gern basieren soll. Abgesehen davon, dass ein neuer Energiemix keinesfalls \u00absubito\u00bb zu haben ist, blenden diese Forderungen die Tatsache aus, dass die Energieversorgung \u2013 bis heute jedenfalls \u2013 das Pr\u00e4dikat \u00absicher\u00bb uneingeschr\u00e4nkt verdient, immer im Bewusstsein, dass es in keinen Lebensbereichen je eine 100%ige Sicherheit geben kann. Physische, lang dauernde und mit schweren Nachteilen f\u00fcr unser Land verbundene Versorgungsunterbr\u00fcche gab es \u2013 abgesehen von der Zeit des Zweiten Weltkrieges \u2212 nicht. Selbst in der ersten Erd\u00f6lkrise (1973\/74) war die physische Versorgung der Schweiz mit Erd\u00f6l stets gew\u00e4hrleistet, allerdings zu f\u00fcr die damalige Zeit hohen Preisen. Zu diesem Erfolg trugen drei Faktoren bei: die fundamentalen Interessen der Energielieferanten, die Struktur unserer Energieversorgung und die flankierenden Massnahmen der \u00f6ffentlichen Hand im Bereich der Versorgungssicherheit.&#13;<\/p>\n<h2>Lieferstreik der \u00d6l- und Gasproduzenten \u2212 ein Schreckgespenst<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMehrere Jahrzehnte funktionierende \u00d6l- und Gasversorgung zeigen, dass die \u00ab\u00d6l- und Gaswaffe\u00bb der Produzenten ein ziemlich stumpfes Ding ist, das bestenfalls geeignet ist, f\u00fcr kurze Zeit Angst und Schrecken bei den westlichen Konsumenten zu verbreiten. Richtig ist zwar, dass diverse Produzenten in der Vergangenheit die Keule des Lieferboykotts immer wieder mal geschwungen haben. Solche Ank\u00fcndigungen waren indes meistens innert Stunden \u2212 und h\u00f6chstens innert Tagen \u2212 Schnee von gestern, weil es um andere Ziele ging, als uns im Westen den \u00abHahn abzudrehen\u00bb. Trotz zeitweise heftiger \u2013 auch anti-westlicher \u2013 Rhetorik gab es <i>in der Vergangenheit keine Warteschlangen<\/i> an den Tankstellen, und auch unsere Stuben blieben immer warm. <i>Woran liegt das?<\/i><i>Erstens<\/i> herrscht auch auf der Lieferantenseite Wettbewerb: Der Lieferausfall des einen ist immer die Chance des anderen \u2212 sei es um kurzfristig fehlendes \u00d6l zu ersetzen (so in der Schweiz erlebt, als das in der diplomatischen Krise zwischen der Schweiz und Libyen wegfallende libysche Roh\u00f6l durch Lieferungen aus Zentralasien ersetzt wurde), sei es langfristig durch den Wechsel auf andere Energietr\u00e4ger. Nur ein Monopolist kann sich v\u00f6llig nach eigenem Gusto geb\u00e4rden. Nicht einmal die im Westen oft argw\u00f6hnisch beobachtete Opec verf\u00fcgt \u00fcber wirkliche Kartellmacht, ihre Mitglieder missachten chronisch die getroffenen Abmachungen.<i>Zweitens<\/i> ticken die Produzenten von \u00d6l, Gas und Uran gleich wie die Hersteller von Schuhen, Flugzeugen oder Mineralwasser: Sie wollen den maximalen Preis f\u00fcr ihr Produkt erzielen \u2013 zu m\u00f6glichst minimalen Kosten. Die Rohstoffe unter dem Boden zu behalten, ist f\u00fcr sie angesichts der anhaltenden, ja steigenden Energienachfrage eine unattraktive Option. Erst mit F\u00f6rderung und Verkauf auf den Weltm\u00e4rkten erhalten \u00d6l und Gas einen konkreten Wert. Kommt hinzu, dass die meisten der \u00d6l- und Gasproduzentenl\u00e4nder \u2212 insbesondere die Opec-Staaten, Russland sowie einige der zentralasiatischen L\u00e4nder \u2212 in typischerweise sehr hohem Ausmass auf die Eink\u00fcnfte aus den \u00d6l- und Gasverk\u00e4ufen angewiesen sind. Nicht f\u00fcr uns, sondern vielmehr f\u00fcr sie ist das fossile Gesch\u00e4ft ein Klumpenrisiko, das innenpolitische Unw\u00e4gbarkeiten relativ grossen Ausmasses in sich birgt. So wird in einigen Staaten ein grosser Teil der \u00d6l- und Gaserl\u00f6se mittels Subventionen direkt oder indirekt an das Volk verteilt, wovon sich die herrschende politische Elite Stabilit\u00e4t verspricht. Weshalb sollten also die rohstoffreichen L\u00e4nder \u2212 vor allem in Zeiten hoher Rohstoffpreise \u2212 ohne Not darauf verzichten, uns Konsumenten zu beliefern?&#13;<\/p>\n<h2>Der Mittlere Osten im Fokus der \u00d6l- und Gasversorgung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAm grunds\u00e4tzlichen Willen der rohstoffreichen L\u00e4nder zum <i>Business as usual<\/i> mit uns Konsumenten ist somit nicht zu zweifeln, egal welches politische System \u2212 ob demokratisch oder autokratisch \u2212 oder welche Personen am Ruder sind. F\u00fcr sie alle gilt die oben beschriebene grunds\u00e4tzliche Interessenlage. Doch gibt es auch hier eine Art <i>force majeure,<\/i> dann n\u00e4mlich, wenn aus innen- oder regionalpolitischen Gr\u00fcnden, die nichts mit uns Konsumenten zu tun haben, die Rohstoffproduktion beeintr\u00e4chtigt wird. In diesem regionalen Kontext \u2013 und dies im Gegensatz zum oben beschriebenen internationalen Kontext \u2013 ist die Herrschaft \u00fcber die \u00d6l- und Gasproduktion sehr wohl ein unter Umst\u00e4nden entscheidender Machtfaktor, wie die Invasion Kuwaits durch den Irak im Jahre 1990 eindr\u00fccklich aufgezeigt hat. Ein \u00d6l- und Gaslieferausfall ist ferner dieses Jahr in Libyen wegen des B\u00fcrgerkriegs eingetreten: Die von dort fehlenden rund 1,6 Mio. Fass\/Tag konnten andere Produzenten zwar ersetzen, doch hat dieser Vorgang seine Spuren im \u00d6lpreis hinterlassen. Vorstellbar und \u2013 je nach Sichtweise mehr oder weniger wahrscheinlich \u2013 sind ferner politische Verwerfungen auf der arabischen Halbinsel bzw. rund um den Persischen Golf. Kurzfristig erhebliche St\u00f6rungen in der \u00d6l- und Gasf\u00f6rderung sowie entlang der Transportwege w\u00e4ren im Falle ernsteren Krisen-Szenarien plausibel: Der Mittlere Osten deckt rund einen Drittel der globalen \u00d6lnachfrage, mit Saudi-Arabien als Nummer 1; und durch die Strasse von Hormuz passiert t\u00e4glich ein F\u00fcnftel des weltweiten \u00d6lbedarfs. Tats\u00e4chliche Lieferst\u00f6rungen h\u00e4tten deshalb rasch Auswirkungen auf die physische Versorgung der ganzen Welt \u2212 egal f\u00fcr wen das fehlende \u00d6l urspr\u00fcnglich bestimmt war, und ganz abgesehen von dem in einer solchen Situation zu erwartenden massiven Preisanstieg.&#13;<\/p>\n<h2>Diversifikation der Energieversorgung \u2013 immer noch aktuell<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn diesem System kommunizierender R\u00f6hren, das der globalen \u00d6lversorgung eigen ist, spielt die Schweiz mit einem Verbrauchsanteil von 0,2% eine bescheidene Rolle. Trotzdem sind wir gut beraten, bei der Energieversorgung nicht alle Eier in denselben Korb zu legen und unser Versorgungssystem flexibel zu betreiben. F\u00fcr die \u00d6lversorgung der Schweiz bedeutet dies konkret, dass wir\u2013 sowohl Fertigprodukte als auch Roh\u00f6l importieren, das wir im Inland verarbeiten;\u2013 auf eine breite Basis von Anbietern zur\u00fcckgreifen, wie das heute der Fall ist; \u2013 aus allen Himmelsrichtungen mit allen zur Verf\u00fcgung stehenden Transportmitteln das \u00d6l in die Schweiz bringen;- gen\u00fcgende Lagerkapazit\u00e4ten im Inland vorhalten;\u2013 und last but not least eine gen\u00fcgende und einexerzierte Pflichtlagerorganisation betreiben, die heute einen Bedarf von viereinhalb Monaten f\u00fcr Heiz\u00f6l, Diesel\u00f6l und Benzin sowie von drei Monaten f\u00fcr Flugpetrol garantiert.&#13;<\/p>\n<h2>Keine voreiligen energiepolitischen Schl\u00fcsse ziehen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz hat trotz ihrer Rohstoffarmut bisher keine Engp\u00e4sse in der Energieversorgung, insbesondere mit Erd\u00f6l, erlebt. Die Marktmechanismen, verst\u00e4rkt durch die staatlich vorgegebene Pflichtlagerhaltung, haben auch in Krisenzeiten gut funktioniert. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden Versorgungsst\u00f6rungen kurzfristiger Natur bleiben. An der langfristigen Lieferbereitschaft der Opec-Staaten ist nicht zu zweifeln. Es gibt derzeit keinen Anlass, wegen der aktuellen Situation im arabischen Raum unser Versorgungsdispositiv fundamental zu \u00e4ndern.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;&#13; &#13; Was die Schweiz betrifft: Erd\u00f6l und Erdgas decken zusammen rund 55% des Prim\u00e4renergieverbrauchs der Schweiz ab. 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Die Wasserkraft folgt auf Platz 4, die Kernkraft auf Platz 5. Sehr klein ist hingegen der Anteil der neuen erneuerbaren Energietr\u00e4ger (Sonne, Wind, Gezeiten, kommerziell genutzte Biomasse, Geothermie etc.) am Prim\u00e4renergietr\u00e4ger-Mix. Er steht in diametralem Gegensatz zur Aufmerksamkeit, die ihnen in der politischen Diskussion \u2013 auch hierzulande \u2013 zukommt. Man muss kein Prophet sein, um festzustellen, dass angesichts dieser Ausgangslage viel Zeit ins Land gehen wird, bis der globale Energiemix sich sp\u00fcrbar ver\u00e4ndert haben wird.","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":120518,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"7581","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/559b8cc074317"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/120515"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2768"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=120515"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/120515\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":127564,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/120515\/revisions\/127564"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2768"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=120515"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=120515"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=120515"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=120515"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=120515"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=120515"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}