{"id":120530,"date":"2011-07-01T12:00:00","date_gmt":"2011-07-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/07\/meuwly-monteleone-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:30:42","modified_gmt":"2023-08-23T21:30:42","slug":"meuwly-monteleone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/07\/meuwly-monteleone\/","title":{"rendered":"Globale Gouvernanz: UNO und G20 als Erg\u00e4nzung oder Konkurrenz?"},"content":{"rendered":"<p>Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008\/2009, die von den USA rasch auf die ganze Welt \u00fcbergriff, r\u00fcckte die globale Gouvernanz ins Zentrum der internationalen Agenda. Die G20 \u00fcberzeugte in dieser Situation mit einer effizienten Krisenbew\u00e4ltigung. Wird sie sich deshalb definitiv als wichtigstes Forum in der globalen Gouvernanz etablieren? Und welche Rolle kommt in diesem Zusammenhang der UNO \u2013 und namentlich der Generalversammlung \u2013 zu?&#13;<br \/>\nDie Ansichten im vorliegenden Artikel geben ausschliesslich die Meinung der Autorin wieder.<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201107_13_Meuwly-Monteleone_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Globale Gouvernanz zur Bew\u00e4ltigung der neuen Realit\u00e4t<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWir befinden uns in einer Phase, in der die globalen Herausforderungen immer zahlreicher werden. Genau wie die Finanz- und Wirtschaftskrise machen Risiken wie Armut, Klimaerw\u00e4rmung, Verlust an Biodiversit\u00e4t, Migration, Pandemien oder der internationale Terrorismus an den Grenzen nicht Halt; die einzelnen L\u00e4nder k\u00f6nnen das Geschehen im Ausland nicht mehr ausblenden.Entsprechend sind L\u00f6sungen h\u00e4ufig nur m\u00f6glich, wenn die internationale Gemeinschaft koordiniert entscheidet und vorgeht. Dazu ist eine globale Gouvernanz unabdingbar. Diese umfasst alle Gesetze, Normen, Strategien und Institutionen, welche die Beziehungen zwischen Privatpersonen, Gesellschaft, M\u00e4rkten und Staat auf internationaler Ebene regeln, also alle gemeinsamen Vereinbarungen, die Berechenbarkeit, Stabilit\u00e4t und Ordnung in die grenz\u00fcberschreitenden Herausforderungen bringen.&#13;<br \/>\nSiehe Weiss (2010), Einleitung. \u00dcbersetzt aus dem englischen Originaltext.Gleichzeitig verschieben sich die demografischen, politischen und wirtschaftlichen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse. Die Weltbev\u00f6lkerung wird von derzeit 6,4 Mrd. bis 2050 auf \u00fcber 9 Mrd. anwachsen, wobei der gr\u00f6sste Teil der Zunahme auf die Entwicklungsl\u00e4nder entf\u00e4llt. Es werden neue M\u00e4rkte entstehen, wie in China, das die Finanz- und Wirtschaftskrise besser \u00fcberstanden hat als die fortgeschritteneren Volkswirtschaften der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). 2011 d\u00fcrfte das kr\u00e4ftige Wachstum der Binnennachfrage in den Entwicklungsl\u00e4ndern die Weltwirtschaft befl\u00fcgeln. Die international t\u00e4tigen Konzerne in den BRICS-L\u00e4ndern (Brasilien, Russland, Indien, China und S\u00fcdafrika) werden immer h\u00e4ufiger zu Konkurrenten der Unternehmen aus den traditionellen Industriel\u00e4ndern und kaufen diese teilweise sogar auf. Der S\u00fcd-S\u00fcd-Austausch expandiert kr\u00e4ftig \u2013 sowohl im Handels- und Finanzverkehr als auch im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit.&#13;<br \/>\nVgl. Unctad (2010) und Unctad (2011). Die globale Gouvernanz muss diesen Ver\u00e4nderungen Rechnung tragen.Doch die traditionell f\u00fcr die Gouvernanz zust\u00e4ndigen multilateralen Institutionen wie UNO, Internationaler W\u00e4hrungsfonds (IWF) oder Weltbank stehen in der Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, wirkungslos und f\u00fcr die heutige Welt nicht mehr repr\u00e4sentativ zu sein. Die traditionelle Architektur der globalen Gouvernanz wird fragmentierter und komplexer. Adhoc-Initiativen und informelle Gruppen gewinnen an Bedeutung.&#13;<br \/>\nWie G8, G22, G77+ China (die 131 Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder umfasst), G3 (Singapur, die Schweiz und 26 weitere Nicht-G20-Mitglieder f\u00fcr einen Dialog mit der G20), G5 (BRICS-L\u00e4nder), um nur einige Beispiele f\u00fcr Gruppen zu nennen, die mit dem Buchstaben G beginnen.Bei der Bew\u00e4ltigung der Finanz- und Wirtschaftskrise hat die G20 die Berechtigung solcher Gruppen unter Beweis gestellt: Es ist ihr tats\u00e4chlich gelungen, koordiniert und rasch zu reagieren und zu verhindern, dass die Weltwirtschaft in die tiefste Rezession seit der Grossen Depression f\u00e4llt. W\u00e4hrend die Wirksamkeit der G20 somit erwiesen ist, wird die Legitimit\u00e4t und Repr\u00e4sentativit\u00e4t der UNO zunehmend in Frage gestellt. Aber ist es vertretbar, dass 20 L\u00e4nder Entscheidungen treffen, die Auswirkungen f\u00fcr die ganze internationale Gemeinschaft haben? Denn das globale gouvernementale System muss repr\u00e4sentativ, wirksam und offen zugleich sein. Angesichts der vielen Akteure mit eigenen komparativen Vorteilen ist die bestm\u00f6gliche, koh\u00e4rente Kombination aus Fachwissen, Leadership und Legitimit\u00e4t gefragt.&#13;<\/p>\n<h2>Der komparative Vorteil der UNO<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie UNO kann f\u00fcr sich mehrere exklusive komparative Vorteile in Anspruch nehmen: Die Organisation hat trotz aller Kritik seit ihrer Gr\u00fcndung wertvolle Dienste geleistet. Sie hat unbestreitbar dazu beigetragen, dass die Welt friedlicher, sicherer und wohlhabender geworden ist, insbesondere durch Eins\u00e4tze zur Friedenssicherung und zahlreiche lokale Programme und Aktivit\u00e4ten. Ausserdem hat sie die Verbreitung und F\u00f6rderung von Ideen unterst\u00fctzt, die f\u00fcr das Gemeinwohl zentral sind. Im Bereich der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung hat die UNO wesentlich dazu beigetragen, die Menschenrechte sowie die Rechte der Frauen und die Gleichstellung der Geschlechter voranzutreiben. Sie war an der Erarbeitung und Bekanntmachung des UNDP-Indexes zur menschlichen Entwicklung beteiligt, der ausdr\u00fccklich anerkennt, dass Armut mehrere Dimensionen umfasst. Die Lancierung der Millenniums-Entwicklungsziele (MDG), welche die internationale Gemeinschaft namentlich dazu aufrufen, die extreme Armut bis 2015 zu beseitigen, ist ein weiteres Beispiel f\u00fcr die fundamentale Rolle der UNO (siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Armutsbek\u00e4mpfung und Entwicklung in der Agenda der 65. Session der UNO-Generalversammlung<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nArmutsbek\u00e4mpfung und Entwicklungsfragen geh\u00f6ren zu den drei thematischen Schwerpunkten, die der Pr\u00e4sident der 65. Session der UNO-Generalversammlung vorgab. Die Wahl des Themas wurde weitgehend durch die internationale Agenda diktiert. Die Session wurde im September 2010 in New York mit einem hochrangigen Treffen zu den Millenniums-Entwicklungszielen (MDG) er\u00f6ffnet. Es ging darum, f\u00fcnf Jahre vor dem Zieljahr 2015 Bilanz zu ziehen und festzulegen, in welchen L\u00e4ndern und Sektoren es zus\u00e4tzliche Anstrengungen braucht. Die Staats- und Regierungschefs erschienen zahlreich und bekr\u00e4ftigten, dass sie das Versprechen der Initiative aus dem Jahr 2000 einl\u00f6sen und die dazu notwendigen Anstrengungen intensivieren wollen. Sie haben die Generalversammlung aufgerufen, 2013 eine Sondersession zur weiteren Entwicklung in diesem Bereich abzuhalten.Das Thema Entwicklung geh\u00f6rte w\u00e4hrend der gesamten 65. Session zu den Schwerpunktthemen. Am 9. Februar 2011 debattierte die Versammlung zum Beispiel \u00fcber die Reduktion der Risiken von Naturkatastrophen, welche f\u00fcr die armen L\u00e4nder eine besonders grosse Gefahr darstellen. Am 11. M\u00e4rz 2011 wurde den ganzen Tag \u00fcber Finanzierungen und Investitionen f\u00fcr Produktionskapazit\u00e4ten in den am wenigsten fortgeschrittenen L\u00e4ndern diskutiert. Damit wurde betont, wie wichtig es ist, die Entwicklung des Privatsektors zu f\u00f6rdern um die bisher erreichten Ergebnisse in der Armutsbek\u00e4mpfung zu konsolidieren. Am 4. UNO-Gipfel f\u00fcr die am wenigsten fortgeschrittenen L\u00e4nder \u2013 der vom 9. bis zum 13. Mai 2011 in Istanbul stattfand \u2013 wurde die Botschaft der Generalversammlung erneut betont, wie wichtig g\u00fcnstige Bedingungen f\u00fcr den Privatsektor, f\u00fcr Investitionen und f\u00fcr die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen sind, um diesen L\u00e4ndern ein nachhaltiges Wachstum zu erm\u00f6glichen. Am 14. Juni 2010 widmete sich die Generalversammlung ebenfalls dem Thema Entwicklung. Die Diskussion drehte sich um die erzielten Fortschritte bei den MDG 4 und 5 und insbesondere um die globale Strategie zur F\u00f6rderung der Gesundheit von Frauen und Kindern, die der UNO-Generalsekret\u00e4r im April 2010 lanciert hatte. Der Dialog besch\u00e4ftigte sich auch mit der Zeit nach 2015.a&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\na Auf der Agenda der Generalversammlung stehen noch viele weitere Themen zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Ein Beispiel daf\u00fcr war das hochrangige Treffen \u00fcber Aids vom 8. bis zum 10. Juni in New York, siehe: <a href=\"http:\/\/www.un.org\/en\/ga\/president\/65\">http:\/\/www.un.org\/en\/ga\/president\/65<\/a>.).Im Gegensatz zu einer informellen Gruppe \u2013 wie etwa die G20 \u2013 verf\u00fcgt die UNO \u00fcber eine Charta, in der sie Ziele und Grunds\u00e4tze verankert hat. Auch Mitglieder, Gremien und das Budget sind offiziell festgelegt. Die Generalversammlung kann das gesamte Spektrum an Themen er\u00f6rtern, welches durch die Charta abgedeckt wird. Die UNO bietet ihren Mitgliedern damit einen stabilen institutionellen Rahmen. Hingegen dazu praktiziert die G20 eine <i>Gipfel- und Problemdiplomatie,<\/i>&#13;<br \/>\nSiehe Jones (2010), S. 2. und ihre Zusammensetzung ist mehr oder weniger willk\u00fcrlich. Welche Kriterien entscheiden beispielsweise dar\u00fcber, ob ein Drittland von der Pr\u00e4sidentschaft zu einem Treffen eingeladen wird? Ein Beispiel daf\u00fcr ist das von <i>Mark Malloch Brown<\/i> erw\u00e4hnte <i>Dilemma,<\/i>&#13;<br \/>\nSiehe Mark Malloch Brown (2011). in dem sich die britische Pr\u00e4sidentschaft bei der Wahl eines afrikanischen Staatschefs f\u00fcr eine Einladung zum G20-Treffen in London befand.Ausserdem ist die UNO-Generalversammlung als eines der wichtigsten Gremien der UNO mit ihren 192 Mitgliedsstaaten nahezu universell und widerspiegelt die unterschiedlichen Situationen und Interessen der Mitglieder. Mit ihrem System, das jedem Land eine Stimme zuerkennt, verschafft sie auch den Kleinsten Geh\u00f6r. Afrika wiederum ist mit seinen 53 Stimmen in der Generalversammlung ein Partner, an dem kein Weg vorbeif\u00fchrt.Schliesslich sorgt die UNO \u2013 namentlich \u00fcber ihr Entwicklungsprogramm (UNDP), das gemeinsame Programm f\u00fcr HIV\/Aids (UNAIDS) oder die Organisation f\u00fcr industrielle Entwicklung (Unido) \u2013 f\u00fcr ein Know-how und eine Pr\u00e4senz in diesen Bereichen, die f\u00fcr die wirtschaftliche und soziale Entwicklung zentral sind.Gleichwohl besteht f\u00fcr die UNO ein konkretes Risiko, an den Rand gedr\u00e4ngt zu werden. Als sich die Staats- und Regierungschefs der G20 am 24. und 25. September 2009 in Pittsburgh trafen, um \u00fcber notwendige Massnahmen zur Ankurbelung der Weltwirtschaft zu entscheiden, lief die Generaldebatte der UNO in New York noch. Dies zeigt, dass es der Generalversammlung damals nicht gelang, sich als wichtiger Akteur bei der L\u00f6sung der Krise zu positionieren \u2013 obwohl die Kommission Stiglitz die Krise und ihre Folgen f\u00fcr die Entwicklung als Schwerpunktthema der Generaldebatte vorschlug. Die Kommission war bei der 63. Session der Generalversammlung gebildet und damit beauftragt worden, \u00fcber die Krise zu beraten, Empfehlungen zur St\u00e4rkung der Rolle der UNO in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen abzugeben und die Bem\u00fchungen zwischen G20 und UNO abzustimmen.&#13;<br \/>\nVgl. Kommission Stiglitz (2009), S.xxv. Die G20 bezeichnete sich in Pittsburg gleichzeitig als \u00abwichtigstes Forum f\u00fcr die globale Gouvernanz\u00bb. Dem Wirtschafts- und Sozialrat der UNO (Ecosoc), dessen Adhoc-Arbeitsgruppe im Sommer 2010 ihren Bericht vorlegte, ist es ebenfalls nicht gelungen, Einfluss auf die Bew\u00e4ltigung der Krise zu nehmen.&#13;<br \/>\nSiehe Generalversammlung (2010).&#13;<\/p>\n<h2>Die Zukunft der G20<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie G20 besitzt zweifellos einen komparativen Vorteil: Die Treffen finden auf Ebene der Staats- und Regierungschefs statt, was erm\u00f6glicht, allf\u00e4llige Kompetenzstreitigkeiten unter den Spezialorganisationen auszuschalten. Ihr horizontaler Blickwinkel schafft ausserdem die Voraussetzung daf\u00fcr, die Wurzel der Probleme zu erkennen und eine koh\u00e4rente Politik sicherzustellen.Noch nicht sicher ist hingegen, dass es der G20 wirklich gelingt, sich als globales gouvernementales F\u00fchrungsgremium zu etablieren und so \u00fcber eine reine Bew\u00e4ltigung der Finanz- und Wirtschaftskrise hinaus zu gehen. Die Ergebnisse des Gipfels in Seoul entt\u00e4uschten; im Bereich Entwicklung wurden beispielsweise keine konkreten Massnahmen beschlossen. Bisher haben die Treffen der Finanzminister der G20 in Paris und Washington unter franz\u00f6sischer Pr\u00e4sidentschaft keine nennenswerten Fortschritte erzielt, was Aspekte wie makro\u00f6konomische Ungleichgewichte, Rohstoffpreise oder innovative Finanzierungen angeht. Die von der franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidentschaft zur Sprache gebrachten Themen sind zwar zentral, aber in der G20 aufgrund der heterogenen Mitgliedsl\u00e4nder auch umstritten. Dies verdeutlicht, dass Konsensl\u00f6sungen schwieriger zu finden sind, sobald die Risiken nicht als akut wahrgenommen werden, selbst in einer relativ kleinen Gruppe von zwanzig Mitgliedsl\u00e4ndern.Dagegen best\u00e4tigten der Biodiversit\u00e4tsgipfel in Nagoya und der Klimagipfel in Cancun, dass die multilaterale Diplomatie mit 192 Beteiligten nach wie vor erfolgreich sein kann. Es zeigt auch, dass die Art, wie die Beratungen und Verhandlungen w\u00e4hrend der einzelnen Etappen des Prozesses gef\u00fchrt werden, ebenfalls einen Einfluss auf den Erfolg haben. Die einstimmige Verabschiedung einer Resolution zur Suspendierung des libyschen Sitzes im Menschenrechtsrat durch die UNO-Generalversammlung ist ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, was mit politischem Willen in der zuweilen als tr\u00e4ge und veraltet empfundenen UNO-Maschinerie m\u00f6glich ist.&#13;<\/p>\n<h2>Ein Rahmen f\u00fcr eine erg\u00e4nzende T\u00e4tigkeit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Frage der Legitimit\u00e4t d\u00fcrfte die UNO somit f\u00fcr sich entscheiden, w\u00e4hrend die G20 in Sachen Leadership im Vorteil ist. Wenn sich die beiden Instanzen erg\u00e4nzen sollen, m\u00fcssen einerseits die wirtschaftlichen Kompetenzen der UNO gest\u00e4rkt und andererseits in der G20 verbindliche Beratungs-, Informations- und Kommunikationsmechanismen geschaffen werden.Die St\u00e4rkung der wirtschaftlichen Rolle der UNO f\u00fchrt \u00fcber den Ecosoc, das intergouvernementale Gremium, welches priorit\u00e4r f\u00fcr wirtschaftliche und soziale Fragen zust\u00e4ndig ist. Eine Resolution in dieser Richtung verabschiedete die Generalversammlung bei ihrer 61. Session.&#13;<br \/>\nVgl. Generalversammlung (2007). Die laufende Reform ist jedoch nicht sehr ambiti\u00f6s. Es m\u00fcsste darum gehen, die Priorit\u00e4ten neu festzulegen und das Mandat des Ecosoc wieder auf wirtschaftliche Fragen zu konzentrieren, da der Zust\u00e4ndigkeitsbereich dieses Rates von der Kultur- und Bildungszusammenarbeit bis zu den Menschenrechten reicht und damit zu breit ist. Zudem ist es sowohl f\u00fcr die Generalversammlung als auch f\u00fcr den Ecosoc wichtig, dass sich die multilaterale Diplomatie nicht auf die Aussenministerien beschr\u00e4nkt, sondern dass Experten der Fachministerien, die letztlich die Hauptbetroffenen sind, systematisch einbezogen werden. Dies verspricht mehr Pragmatismus und einen Abbau der ideologischen Nord-S\u00fcd-Blockaden, die Fortschritten im Weg stehen. Wichtig ist auch mehr Koh\u00e4renz und eine Konsolidierung der UNO-Organisationen und -Programme, deren Arbeiten der Ecosoc \u00fcberwacht und koordiniert. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Schaffung der Einheit der Vereinten Nationen f\u00fcr Gleichstellung und Erm\u00e4chtigung der Frauen (UN-Frauen). Schliesslich m\u00fcsste der Ecosoc vermehrt mit den \u00fcbrigen wichtigen Akteuren im Bereich Wirtschaft kommunizieren, etwa mit den Bretton-Woods-Institutionen. Die j\u00e4hrlichen Treffen mit diesen Institutionen sind ein Instrument, dessen Potenzial noch besser ausgesch\u00f6pft werden muss. Denkbar w\u00e4re es, die Beziehung zur G20 zu st\u00e4rken, indem die Pr\u00e4sidentschaft der G20 zu diesen j\u00e4hrlichen Treffen und zur Arbeitstagung des Ecosoc eingeladen wird.Diese Verbesserungen sind jedoch nur sinnvoll, wenn es gelingt, den institutionellen Rahmen zu formalisieren, der die Generalversammlung, den Ecosoc, die G20 und die \u00fcbrigen ordnungspolitischen Akteure einbindet. Den UNO-Generalsekret\u00e4r an die G20-Treffen einzuladen, ist grunds\u00e4tzlich eine gute Idee; es reicht aber nicht. Denn er kann die vielf\u00e4ltigen Mitgliedsstaaten nicht repr\u00e4sentieren. Es ist jedoch wichtig, dass der Generalsekret\u00e4r von der G20 auf dem Laufenden gehalten wird und er die UNO-Mitgliedsl\u00e4nder \u00fcber die G20-Agenda informieren kann.In der laufenden Session kam es zu einer ersten Ann\u00e4herungsgeste zwischen G20 und UNO: Im Rahmen der Generalversammlung organisierte der Pr\u00e4sident vor und nach dem G20-Treffen in Seoul informelle Diskussionen, die allen Mitgliedsstaaten Gelegenheit boten, zur Agenda der G20 Stellung zu nehmen, ob sie zum Gipfel eingeladen waren oder nicht. Die franz\u00f6sische Pr\u00e4sidentschaft f\u00fchrt diese Bem\u00fchungen weiter: Die Agrar- und Arbeitsminister haben die UNO-Generalversammlung besucht und diese \u00fcber die Priorit\u00e4ten der G20 im Bereich Nahrungssicherheit und volatile Landwirtschaftspreise sowie im Bereich sozialer Schutz informiert.Damit die G20 an Legitimit\u00e4t gewinnt und mit ihren Entscheidungen mehr Verantwortung \u00fcbernimmt, ist es wichtig, dass die Generalversammlung nach dem Gipfel in Cannes zusammenkommt und \u00fcber die Entwicklungen nach Seoul diskutiert.&#13;<\/p>\n<h2>Unbekannte im globalen Gouvernanz-System<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas globale Gouvernanz-System ist erst am Entstehen, was unter anderem auch WTO-Generaldirektor Pascal Lamy betont.&#13;<br \/>\nPascal Lamy spricht von <i>l&#8217;\u00e9tat gazeux<\/i> des Gouvernanzsystems, siehe Vittori (2010), S.46. Die Einheiten der einzelnen Pole \u2013 Fachwissen, Leadership und Legitimit\u00e4t \u2013 und die Beziehung zwischen diesen Polen m\u00fcssen weitgehend noch definiert werden; auch wenn die UNO und die Generalversammlung in Sachen Legitimit\u00e4t zweifellos im Vorteil ist.Muss die Schaffung einer neuen Struktur f\u00fcr die wirtschaftliche Koordination ins Auge gefasst werden? Eine solche Idee wurde im <i>Bericht der Kommission Stiglitz<\/i>&#13;<br \/>\nVgl. Generalversammlung (2009b), S. 12. erw\u00e4hnt, aber nicht konkret aufgenommen, weder von der Generalversammlung noch vom Ecosoc. Gewisse europ\u00e4ische Entscheidungstr\u00e4ger haben auch dazu aufgerufen, einen Rat f\u00fcr Wirtschaftssicherheit nach dem Vorbild des UNO-Sicherheitsrates zu schaffen. Da die internationale Gemeinschaft jedoch darin einig geht, dass die Struktur des Sicherheitsrats den neuen globalen Realit\u00e4ten nicht gerecht wird, scheint es unrealistisch, sich f\u00fcr ein ordnungspolitisches Modell daran zu orientieren. Sollte die G20 deshalb konsolidiert werden, indem sie keine neue Struktur erh\u00e4lt, sondern ein st\u00e4ndiges Sekretariat? Welche Form m\u00fcsste dieses haben? Diese und viele weiter Fragen sind noch offen.Wichtig ist zudem eine effiziente Gouvernanz hinsichtlich Know-how und Sonderorganisationen wie Weltbank, IWF, Internationale Arbeitsorganisation (IAO), Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (Unctad) oder UNDP, welche wirtschaftliche und sozialen Funktionen wahrnehmen: Es gilt Doppelspurigkeiten zu vermeiden, die zu Kompetenzkonflikten f\u00fchren, und L\u00fccken bei den abgedeckten Themen und Sektoren zu schliessen, indem grosse Herausforderungen fr\u00fch identifiziert werden.All diese Fragen lassen sich weder sofort noch definitiv l\u00f6sen. Es sind \u00dcberlegungen im Gange; es braucht aber weiterhin eine gewisse Flexibilit\u00e4t, damit dieses mit dem Umfeld Schritt zu halten vermag.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Armutsbek\u00e4mpfung und Entwicklung in der Agenda der 65. Session der UNO-Generalversammlung&#13;<\/p>\n<h3>Armutsbek\u00e4mpfung und Entwicklung in der Agenda der 65. Session der UNO-Generalversammlung<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nArmutsbek\u00e4mpfung und Entwicklungsfragen geh\u00f6ren zu den drei thematischen Schwerpunkten, die der Pr\u00e4sident der 65. Session der UNO-Generalversammlung vorgab. Die Wahl des Themas wurde weitgehend durch die internationale Agenda diktiert. Die Session wurde im September 2010 in New York mit einem hochrangigen Treffen zu den Millenniums-Entwicklungszielen (MDG) er\u00f6ffnet. Es ging darum, f\u00fcnf Jahre vor dem Zieljahr 2015 Bilanz zu ziehen und festzulegen, in welchen L\u00e4ndern und Sektoren es zus\u00e4tzliche Anstrengungen braucht. Die Staats- und Regierungschefs erschienen zahlreich und bekr\u00e4ftigten, dass sie das Versprechen der Initiative aus dem Jahr 2000 einl\u00f6sen und die dazu notwendigen Anstrengungen intensivieren wollen. Sie haben die Generalversammlung aufgerufen, 2013 eine Sondersession zur weiteren Entwicklung in diesem Bereich abzuhalten.Das Thema Entwicklung geh\u00f6rte w\u00e4hrend der gesamten 65. Session zu den Schwerpunktthemen. Am 9. Februar 2011 debattierte die Versammlung zum Beispiel \u00fcber die Reduktion der Risiken von Naturkatastrophen, welche f\u00fcr die armen L\u00e4nder eine besonders grosse Gefahr darstellen. Am 11. M\u00e4rz 2011 wurde den ganzen Tag \u00fcber Finanzierungen und Investitionen f\u00fcr Produktionskapazit\u00e4ten in den am wenigsten fortgeschrittenen L\u00e4ndern diskutiert. Damit wurde betont, wie wichtig es ist, die Entwicklung des Privatsektors zu f\u00f6rdern um die bisher erreichten Ergebnisse in der Armutsbek\u00e4mpfung zu konsolidieren. Am 4. UNO-Gipfel f\u00fcr die am wenigsten fortgeschrittenen L\u00e4nder \u2013 der vom 9. bis zum 13. Mai 2011 in Istanbul stattfand \u2013 wurde die Botschaft der Generalversammlung erneut betont, wie wichtig g\u00fcnstige Bedingungen f\u00fcr den Privatsektor, f\u00fcr Investitionen und f\u00fcr die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen sind, um diesen L\u00e4ndern ein nachhaltiges Wachstum zu erm\u00f6glichen. Am 14. Juni 2010 widmete sich die Generalversammlung ebenfalls dem Thema Entwicklung. Die Diskussion drehte sich um die erzielten Fortschritte bei den MDG 4 und 5 und insbesondere um die globale Strategie zur F\u00f6rderung der Gesundheit von Frauen und Kindern, die der UNO-Generalsekret\u00e4r im April 2010 lanciert hatte. Der Dialog besch\u00e4ftigte sich auch mit der Zeit nach 2015.a&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\na Auf der Agenda der Generalversammlung stehen noch viele weitere Themen zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Ein Beispiel daf\u00fcr war das hochrangige Treffen \u00fcber Aids vom 8. bis zum 10. Juni in New York, siehe: <a href=\"http:\/\/www.un.org\/en\/ga\/president\/65\">http:\/\/www.un.org\/en\/ga\/president\/65<\/a>.&#13;<br \/>\nKasten 2: Literatur&#13;<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2212 Generalversammlung (2007), A\/RES\/61\/16, R\u00e9solution adopt\u00e9e par l\u2019Assembl\u00e9e g\u00e9n\u00e9rale. Renforcement du Conseil \u00e9conomique et social, Vereinte Nationen, New York.\u2212 Generalversammlung (2009a), A\/RES\/63\/ 303, R\u00e9solution adopt\u00e9e par l\u2019Assembl\u00e9e g\u00e9n\u00e9rale, Punkt 48 der Tagesordnung, Vereinte Nationen, New York.\u2212 Generalversammlung (2009b), A\/63\/838, Recommandations de la Commission d\u2019experts du Pr\u00e9sident de l\u2019Assembl\u00e9e g\u00e9n\u00e9rale sur la r\u00e9forme du syst\u00e8me mon\u00e9taire et financier international, Vereinte Nationen, New York.\u2212 Generalversammlung (2010), A\/64\/884, Rapport d\u2019activit\u00e9 du Groupe de travail sp\u00e9cial \u00e0 composition non limit\u00e9e de l\u2019Assembl\u00e9e g\u00e9n\u00e9rale charg\u00e9 d\u2019assurer le suivi des questions figurant dans le Document final de la Conf\u00e9rence sur la crise financi\u00e8re et \u00e9conomique mondiale et son incidence sur le d\u00e9veloppement, Vereinte Nationen, New York. \u2212 UNCTAD (2010), Rapport sur l&#8217;investissement dans le monde. Vue d&#8217;ensemble. Investir dans une \u00e9conomie \u00e0 faible intensit\u00e9 de carbone, New York und Genf.\u2212 UNCTAD (17. Januar 2011), Global Investment Trends Monitor, Global and Regional FDI Trends in 2010, New York und Genf.\u2212 Jones B. (2010), Making Multilateralism Work, How the G20 can help the United Nations? Policy Analysis Brief, The Stanley Foundation.\u2212 Malloch Brown M.(2011), The Unfinished Global Revolution, The Penguin Press, New York.\u2212 Stiglitz Commission (2009), Report of the Commission of Experts of the President of the UN GA on Reforms of the International Monetary and Financial System, New York.\u2212 Vittori J-M.(2010), Pour une gouvernance mondiale, Autrement, Paris.\u2212 Weiss Th. und Thakur R.(2010), The Probl\u00e9matique of Global Governance, Global Governance and the UN, An Unfinished Journey, Indiana University Press.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008\/2009, die von den USA rasch auf die ganze Welt \u00fcbergriff, r\u00fcckte die globale Gouvernanz ins Zentrum der internationalen Agenda. Die G20 \u00fcberzeugte in dieser Situation mit einer effizienten Krisenbew\u00e4ltigung. Wird sie sich deshalb definitiv als wichtigstes Forum in der globalen Gouvernanz etablieren? 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