{"id":120555,"date":"2011-06-01T12:00:00","date_gmt":"2011-06-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/06\/adler-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:31:07","modified_gmt":"2023-08-23T21:31:07","slug":"adler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/06\/adler\/","title":{"rendered":"Staatsschulden und Wirtschaftswachstum \u2013 Theorie und Empirie"},"content":{"rendered":"<p>Sp\u00e4testens seit Ausbruch der europ\u00e4ischen Schuldenkrise im Fr\u00fchjahr 2010 als die griechische Regierung ihre europ\u00e4ischen Partner um Rettung vor der drohenden Insolvenz angehen musste, ist das Problem exzessiver Staatsschulden voll ins Bewusstsein der \u00d6ffentlichkeit gedrungen. Die europ\u00e4ische Schuldenkrise geht mit tiefen Rezessionen in den hoch verschuldeten L\u00e4ndern einher und hat die Diskussion um den m\u00f6glichen Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Wirtschaftswachstum neu entfacht. Im folgenden Beitrag gehen wir den theoretischen und empirischen Zusammenh\u00e4ngen dieser Frage nach. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201106_09_Adler_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"236\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSeit Ausbruch der europ\u00e4ischen Schuldenkrise haben \u2212 neben Griechenland \u2212 zwei weitere Regierungen der Eurozone Hilfe beanspruchen m\u00fcssen. Da in allen drei L\u00e4ndern eine mehr oder minder tiefe Rezession herrscht, liegt der Schluss nahe, dass ein negativer Zusammenhang zwischen hohen Schulden und volkswirtschaftlichem Wachstum bestehen k\u00f6nnte. Fundierter belegt eine breit angelegte und viel zitierte Studie diesen Zusammenhang; die Studie wurde von den \u00d6konomen <i>Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff<\/i>&#13;<br \/>\nReinhart Carmen &amp; Rogoff Kenneth (2010): Growth in a Time of Debt. im Januar 2010 vorgelegt. Darin werden Daten f\u00fcr das Wachstum, die Inflation und die Schuldenquote von 20 Industrie- sowie 24 Entwicklungl\u00e4ndern \u00fcber sehr lange Zeitr\u00e4ume untersucht.&#13;<br \/>\nF\u00fcr die Industriel\u00e4nder gehen die Datenreihen in vielen F\u00e4llen bis ins 19. Jahrhundert zur\u00fcck, im Fall der USA sogar bis 1790, bei den Entwicklungsl\u00e4ndern normalerweise bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Das zentrale Resultat lautet: Bei Schuldenquoten von \u00fcber 90% des Bruttoinlandprodukts (BIP) liegt der einfache Durchschnitt sowie der Median des Wirtschaftswachstums in den Industriel\u00e4ndern bei nur etwa der H\u00e4lfte, in den Entwicklungsl\u00e4ndern gar nur bei einem Viertel des Niveaus der \u00fcbrigen Stichprobe (vgl. <i>Grafik 1<\/i>). Allerdings liefern die Autoren ganz bewusst keine Theorie f\u00fcr allf\u00e4llige kausale Zusammenh\u00e4nge dieser zwei Gr\u00f6ssen. Im Folgenden gehen wir der Frage nach, wo die Zusammenh\u00e4nge liegen k\u00f6nnten.&#13;<\/p>\n<h2>Keynesianisches Crowding Out und ricardianische \u00c4quivalenz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der traditionellen <i>keynesianischen Theorie der Nachfrage-bestimmten Konjunkturentwicklung<\/i> wird die Wirkung von Defiziten \u2013 d.h. einer Erh\u00f6hung der Staatsschulden \u2013 auf das Wachstum grunds\u00e4tzlich als positiv erachtet. Im Fall von Unterbesch\u00e4ftigung f\u00fchrt ein vollkommen durch Steuern finanzierter \u2212 also implizit die Staatsschulden <i>nicht<\/i> ver\u00e4ndernder Ausgabenimpuls \u2212 zu einer \u00e4quivalenten Erh\u00f6hung des BIPs (<i>Balanced Budget Multiplier<\/i>). Ein am Kapitalmarkt finanzierter und die Schulden erh\u00f6hender Ausgabenimpuls kann demnach eine st\u00e4rkere Wachstumswirkung entfalten, da die d\u00e4mpfenden Effekte der Steuerbelastung auf die Nachfrage wegfallen. In anderen Worten: In diesem Fall sind Staatsschulden und Wachstum klar <i>positiv<\/i> korreliert. Die stark positiven Impulse der Defizit- und Schuldenfinanzierung k\u00f6nnen durch mindestens <i>zwei Kan\u00e4le<\/i> eingeschr\u00e4nkt werden: Erstens erh\u00f6ht besonders in einer <i>geschlossenen<\/i> Volkswirtschaft, die keinen Zugang zu einem grossen Weltkapitalmarkt hat, die Aufnahme der Schulden durch den Staat die Realzinsen am heimischen Kapitalmarkt und reduziert dadurch die Nachfrage nach privaten Investitionen und m\u00f6glicherweise auch die Konsumnachfrage \u2013 ein sogenanntes <i>Crowding Out<\/i>. In einer <i>offenen<\/i> Volkswirtschaft mit flexiblen Wechselkursen (<i>Mundell-Fleming Modell<\/i>) f\u00fchrt dieser Zinseffekt zus\u00e4tzlich zu einer Aufwertung der W\u00e4hrung und dadurch zu einer Verdr\u00e4ngung der Exporte und einer Verschlechterung der Aussenbilanz, wodurch die Wirkung der h\u00f6heren staatlichen Nachfrage reduziert wird. Allerdings sollten im Fall von Unterbesch\u00e4ftigung unter normalen Umst\u00e4nden immer positive Wachstumseffekte h\u00f6herer Staatsausgaben auftreten, auch (oder gerade) wenn diese durch Schulden finanziert sind. Einen Sonderfall stellt die von <i>Robert Barro<\/i> postulierte sogenannte <i>ricardianische \u00c4quivalenz<\/i> dar. Hier f\u00fchren mittels Defiziten finanzierte h\u00f6here Staatsausgaben zur Erwartung, dass in Zukunft die Steuern erh\u00f6ht werden m\u00fcssen, um die Schulden zu bedienen oder abzubauen. Angesichts dieser Erwartung reagieren Konsumenten oder Unternehmen mit einer Erh\u00f6hung ihrer Sparquote, um Mittel zur Begleichung der zuk\u00fcnftigen Steuerlast zu akkumulieren. Eine derartige Wirkung k\u00f6nnte auch auftreten, wenn die Steuerlast auf zuk\u00fcnftige Generationen f\u00e4llt, deren Interesse aber in der Nutzenfunktion der heutigen Generation reflektiert ist (<i>\u00fcberlappende Generationen<\/i>).&#13;<br \/>\nBarro Robert (1974): Are Government Bonds Net Wealth, in: Journal of Political Economy. Die Neutralit\u00e4t, oder Wirkungslosigkeit von Schulden-finanzierten Staatsausgaben wird oft mit \u00abricardianischer \u00c4quivalenz\u00bb bezeichnet. Dieser Begriff bezieht sich auf eine Analyse des englischen \u00d6konomen David Ricardo. In seinem Aufsatz \u00abEssay on the Funding System\u00bb aus dem Jahr 1820 bespricht Ricardo die Frage, ob ein durch Steuern oder durch eine Obligation mit gleichem Barwert finanzierter Krieg unterschiedliche wirtschaftliche Wirkungen zeitigen w\u00fcrde. Er selbst kommt zum Schluss, dass eine Erhebung von Steuern den Konsum st\u00e4rker belasten w\u00fcrde als die Defizit-Finanzierung, weil Steuerzahler nicht absolut vorausschauend handeln. Jedenfalls verpufft in diesen F\u00e4llen die expansive Wirkung der staatlichen Ausgaben. Negative Wachstumswirkungen der h\u00f6heren Schuldenquote sollten allerdings hier normalerweise nicht auftreten.&#13;<\/p>\n<h2>Staatsschulden in Wachstumsmodellen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie oben beschriebenen keynesianischen Modelle befassen sich grunds\u00e4tzlich nicht mit Bestimmungsfaktoren des langfristigen Wachstums, sondern mit kurz- und mittelfristigen Schwankungen um einen l\u00e4ngerfristigen <i>Wachstumspfad<\/i>. Soll also der Zusammenhang zwischen staatlichen Schulden und langfristigem Wachstumspfad selbst analysiert werden, sind Modelle heranzuziehen, die sich mit den Bestimmungsfaktoren dieses langfristigen Wachstums besch\u00e4ftigen. Das in dieser Hinsicht <i>klassische Modell<\/i> ist jenes von <i>Robert Solow<\/i>&#13;<br \/>\nSolow Robert M. (1956): A Contribution to the Theory of Economic Growth, in: Quarterly Journal of Economics.: In diesem Modell wird Einkommen durch den Einsatz von Arbeit und Kapital generiert, und der Kapitalstock wird durch die Ersparnisse der Arbeiter finanziert, welche in den Kapitalstock investiert werden. Je h\u00f6her die <i>Sparquote (=Investitionsquote)<\/i>, desto h\u00f6her auch das Einkommen pro Kopf. In diesem Modell steigert in einer \u00dcbergangsphase eine erh\u00f6hte Sparquote die Investitionen und das Wachstum; dabei nimmt der Grenzertrag des zus\u00e4tzlichen Kapitals ab. In der langen Frist wird das BIP-Wachstum vom Wachstum der arbeitenden Bev\u00f6lkerung und vom exogenen technischen Fortschritt getrieben.Obwohl staatliche Eingriffe ebenfalls per Definition keinen Einfluss auf das sehr langfristige, technologisch und demografisch bestimmte Wachstum haben, k\u00f6nnen sie die <i>Wohlfahrt<\/i> einer Volkswirtschaft \u2013 gemessen am langfristig maximal nachhaltigen Konsum \u2013 auf lange Frist beeinflussen. Im <i>Solow-Modell<\/i> ist die Sparquote der Haushalte durch deren Zeitpr\u00e4ferenz bestimmt. Ist diese gering, so sparen sie viel, und umgekehrt. Relativ zum sozialen Optimum kann hier zu viel oder zu wenig gespart werden. Haben Haushalte beispielsweise eine sehr geringe Konsumneigung, und es wird viel gespart \u2013 wie im Falle von Japan \u2013, so wird tendenziell \u00fcberinvestiert, wodurch der Grenzertrag des (zu hohen) Kapitalstocks sinkt. Ist dies der Fall, so ist es optimal, wenn der Staat sich am Kapitalmarkt verschuldet und selbst die Konsumausgaben t\u00e4tigt. Diese Art von Verschuldung f\u00fchrt dazu, dass die Zinsen steigen und die Kapitalintensit\u00e4t der Wirtschaft abnimmt. Die Wirtschaft wird dadurch der sogenannten <i>Goldenen Regel der Akkumulation<\/i> n\u00e4hergebracht. Umgekehrt k\u00f6nnte der Staat im Fall einer zu geringen privaten Sparquote mittels Steuererhebungen diese Ersparnisse generieren, den Unternehmen die Mittel zur Verf\u00fcgung stellen und damit den Kapitalstock sowie das pro Kopf Einkommen steigern. Diese Mechanismen sind in einem fr\u00fchen wissenschaftlichen Artikel des Nobelpreistr\u00e4gers und Kandidaten f\u00fcr den Offenmarktausschuss der Federal Reserve <i>Peter A. Diamond<\/i> beschrieben.&#13;<br \/>\nDiamond Peter A. (1965): National Debt in a Neoclassical Growth Model, in: The American Economic Review. In diesem Modell ist auch denkbar, dass der Staat nicht die optimale Politik verfolgt. Ist die staatliche Schuldenquote zu hoch, wird die Gesamtwirtschaft auf lange Frist zu viel konsumieren und zu wenig investieren; das pro Kopf Einkommen w\u00e4re folglich geringer als es die technologischen M\u00f6glichkeiten erlauben w\u00fcrden. In diesem Fall kommt es \u2013 wie im zyklischen keynesianischen Modell \u2013 zu einem <i>Crowding Out Effekt<\/i>.In neueren Wachstumsmodellen, in denen der technologische Fortschritt als <i>endogen<\/i> erachtet wird \u2013 statt wie im Solow-Modell <i>exogen<\/i> \u2013 helfen Variationen der Staatsschulden nicht bei der Erreichung einer optimalen Spar- und Investitionsquote. Hier sind stattdessen direkte Subventionen oder Steuern auf Investitionen gefragt.&#13;<br \/>\nSaint-Paul Gilles (1992): Fiscal Policy in an Endogneous Growth Model, in: Quarterly Journal of Economics. Umgekehrt bedeutet dies, dass negative steuerliche Anreize das Wachstum sch\u00e4digen k\u00f6nnen. Falls es die Finanzierung von hohen Staatsschulden ist, die zur Einf\u00fchrung von derartigen Anreiz verzerrenden Steuern f\u00fchrt, w\u00e4re ein indirekter Zusammenhang zwischen Wachstum und staatlicher Verschuldung gegeben. Allerdings sind wachstumsunfreundliche Steuern und andere Regulierungen keineswegs nur in L\u00e4ndern mit hohen Schulden vorzufinden.&#13;<\/p>\n<h2>Risikopr\u00e4mien und Wachstumseffekte<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSowohl im keynesianischen wie im klassischen Wachstumsmodell kommen allf\u00e4llige negative Effekte der Staatsschulden auf die Konjunktur \u2013 respektive auf das Niveau des Konsums \u2013 durch eine Erh\u00f6hung des realen Zinsniveaus zustande. Dadurch wird die Investitionst\u00e4tigkeit geschw\u00e4cht. Negative Wirkungen staatlicher Verschuldung auf die Wirtschaftsleistung sind auch \u00fcber einen weiteren Kanal denkbar: Hohe und steigende Schulden k\u00f6nnen bei Anlegern zu \u00c4ngsten vor einem Zahlungsausfall f\u00fchren. Dieser k\u00f6nnte allenfalls auch indirekt via eine <i>Inflationierung<\/i> der Schulden erfolgen. Schliesslich gehen Schuldenkrisen oft mit W\u00e4hrungskrisen einher. In jedem Fall w\u00e4re mit einem Anstieg der Risikopr\u00e4mien auf Staatsanleihen zu rechnen. Dieser Anstieg k\u00f6nnte die Finanzierungskosten sowohl f\u00fcr den Privat- wie auch den Staatssektor erh\u00f6hen und die Wirtschaft sch\u00e4digen, da die Zinsen auf Staatsanleihen in der Regel als Basis f\u00fcr das gesamtwirtschaftliche Zinsniveau fungieren. Die Wirkung kann auch indirekt via die Sch\u00e4digung des Konsumenten- oder Unternehmervertrauens zustande kommen respektive dadurch, dass Anreize f\u00fcr die Erbringung von Wirtschaftsleistungen stark geschm\u00e4lert werden, wenn ein sehr hoher Schuldendienst den Gl\u00e4ubigern zuf\u00e4llt, statt dem verschuldeten Land. Diese Wirkungsweisen sind in den vergangenen Jahrzehnten oft im Zusammenhang mit der Schuldenproblematik (<i>Schulden\u00fcberhang<\/i>) und Schuldenkrisen in Entwicklungsl\u00e4ndern analysiert worden.&#13;<br \/>\nSiehe Krugman Paul (1988): Financing versus Forgiving a Debt Overhang, NBER Working Paper Nr. 2486 oder Jeffrey Sachs (1989): The Debt Overhang of the Developing Countries. Wenn in einer derartigen Situation ein Schuldenausfall oder ein anders zustande kommender markanter Schuldenabbau diese negativen Wirkungen ausser Kraft setzt, kann umgekehrt die Wirtschaftsleistung erh\u00f6ht werden.&#13;<\/p>\n<h2>Staatlicher Konsum versus staatliche Investitionen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAllen besprochenen Modellen eigen ist, dass Staatsausgaben als eine Form von Konsum und nicht als Investitionen definiert werden. Fiskaldefizite und Schuldenaufbau werden als das Resultat h\u00f6heren Konsums angesehen. So wird im Fall von <i>Crowding Out<\/i> angenommen, dass sie typischerweise private Investitionen ersetzen. In der Realit\u00e4t bestehen staatliche Leistungen keineswegs nur aus Konsum. Viele \u00f6ffentliche G\u00fcter und Dienstleistungen \u2212 seien es Infrastrukturprojekte oder Dienstleistungen des Erziehungssystems \u2212 sind eine Form von Investitionst\u00e4tigkeit. Sofern sie der Privatsektor nicht oder nicht effizienter bereitstellt, sollten sie grunds\u00e4tzlich wachstumsf\u00f6rdernd und damit selbstfinanzierend sein. Allerdings gibt es wenige Hinweise, dass L\u00e4nder mit h\u00f6heren Staatsquoten auch h\u00f6here staatliche Investitionen t\u00e4tigen (siehe <i>Grafik 2<\/i>). Regierungen mit h\u00f6heren Schulden t\u00e4tigen tendenziell sogar weniger Investitionen als Regierungen mit tiefen Staatsschulden.&#13;<\/p>\n<h2>Empirische Resultate<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend wir bisher verschiedene m\u00f6gliche positive wie auch negative Wirkungsweisen staatlicher Schulden auf die Leistung einer Volkswirtschaft aufgezeigt haben, stellen die empirischen Tests dieser Kausalketten die \u00d6konomen vor einige Herausforderungen. Zun\u00e4chst stellt sich die <i>Kausalit\u00e4tsfrage<\/i>: Ist das Wachstum schwach, weil die Schulden hoch sind, oder sind die Schulden hoch, weil das Wachstum schwach ist? Um diesem Endogenit\u00e4tsproblem zu entgehen, gibt es verschiedene Ans\u00e4tze: <i>Kumar &amp; Woo<\/i>&#13;<br \/>\nKumar &amp; Woo (2010): Public Debt and Growth, IMF Working Paper 10\/174. untersuchen etwa den Zusammenhang zwischen der anf\u00e4nglichen Schuldenquote und dem Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens in den darauffolgenden f\u00fcnf Jahren in 38 Industrie- und Schwellenl\u00e4ndern. Es ist nicht auszuschliessen, dass beide Variablen durch dritte Faktoren getrieben werden. Eine weitere M\u00f6glichkeit besteht darin, mit Hilfe <i>statistischer<\/i> Methoden&#13;<br \/>\nDem sogenannten System \u00abGeneralized Method of Moments\u00bb. das Endogenit\u00e4tsproblem in den Griff zu bekommen. Kumar &amp; Woo kommen zum Ergebnis (siehe <i>Tabelle 1<\/i>), dass \u2013 weitgehend unabh\u00e4ngig vom verwendeten \u00f6konometrischen Ansatz \u2013 h\u00f6here Staatschulden tats\u00e4chlich zu tieferem Wachstum f\u00fchren, insbesondere aufgrund eines geringeren Wachstums des Kapitalstocks. Dieses Ergebnis ist konsistent mit der obengenannten \u00abCrowding-out\u00bb-Hypothese im keynesianischen wie auch im neoklassischen Wachstumsmodell.Wir haben eine Reihe von eigenen Sch\u00e4tzungen durchgef\u00fchrt. Diese deuten darauf hin, dass h\u00f6here Staatsschulden nur in Schwellenl\u00e4ndern (vgl. <i>Tabelle 2<\/i>) einen eindeutig negativen Einfluss auf das Pro-Kopf-Wachstum haben, nicht jedoch in Industriel\u00e4ndern (siehe <i>Tabelle 3<\/i>). Dies k\u00f6nnte damit zusammenh\u00e4ngen, dass staatliche Zahlungsausf\u00e4lle in den letzten Jahrzehnten ausschliesslich in Schwellenl\u00e4ndern aufgetreten sind, so dass steigende Schulden dort zu einem st\u00e4rkeren Anstieg der Risikopr\u00e4mien gef\u00fchrt haben d\u00fcrften. In diesem Fall m\u00fcsste eigentlich ein Zahlungsausfall, der mit einem deutlichen R\u00fcckgang der Staatsschulden einhergeht, zu einer Beschleunigung des Wachstums f\u00fchren. Wir finden daf\u00fcr jedoch keine statistisch signifikanten Belege. Dies kann daran liegen, dass sich ein Zahlungsausfall oft \u00fcber Jahre hinzieht, bis eine L\u00f6sung mit den Gl\u00e4ubigern gefunden wurde. Es ist a priori nicht klar, ob bereits die Einstellung der Zahlungen auf die Schulden oder erst die schlussendliche Einigung mit den Gl\u00e4ubigern den oftmals n\u00f6tigen Befreiungsschlag darstellen.&#13;<\/p>\n<h2>Kosten von Schuldenkrisen als zentrales Problem<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSowohl Theorie wie auch Empirie belegen keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen staatlicher Verschuldung und Wachstumsaussichten eines Landes. Die oben pr\u00e4sentierten Resultate weisen aber darauf hin, dass sehr hohe Schuldenst\u00e4nde oft sch\u00e4dlich sind. Inbesondere erscheint die Anf\u00e4lligkeit von Entwicklungsl\u00e4ndern auf hohe Schulden eher h\u00f6her. Unserer Meinung nach hat dies prim\u00e4r damit zu tun, dass bei Entwicklungsl\u00e4ndern \u2013 zumindest in der Vergangenheit \u2013 ein starker Schuldenanstieg die Wahrscheinlichkeit von Krisen erh\u00f6ht hat. In Boomphasen haben sie sich stark im Ausland verschuldet und die Binnennachfrage angeheizt. Daraus resultierten typischerweise eine ausgepr\u00e4gte Verschlechterung der Aussenbilanz in Kombination mit einer \u00fcberbewerteten W\u00e4hrung. Der Verlust an Wettbewerbsf\u00e4higkeit und nicht der Schuldenstand selber erh\u00f6hte dann die Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Krisen.Derselbe Mechanismus scheint im Fall der drei <i>peripheren<\/i> europ\u00e4ischen Krisenl\u00e4nder gewirkt zu haben. Mit Ausnahme von Griechenland war die Schuldenquote zu Beginn der Rezession nicht \u00fcberm\u00e4ssig hoch, im Fall von Irland sogar ausgesprochen tief. Aber starke Lohnsteigerungen hatten die Wettbewerbsf\u00e4higkeit verschlechtert und zu einer realen Aufwertung gef\u00fchrt. Dazu kam im Fall von Irland ein \u00fcberhitzter Immobiliensektor und ein massiv \u00abgeleveragder\u00bb Bankensektor, welche die Anf\u00e4lligkeit des Landes erh\u00f6hten. Nach dem Ausbruch der Schuldenkrise waren die negativen wirtschaftlichen Effekte sehr stark. Abgesehen von Irland h\u00e4tten eine vorsichtigere Haushaltspolitik und tiefere Schuldenst\u00e4nde das Krisenrisiko eindeutig reduziert. Das gilt grunds\u00e4tzlich nicht nur f\u00fcr Entwicklungsl\u00e4nder und kleine Mitglieder der Eurozone, sondern auch f\u00fcr grosse aussereurop\u00e4ische L\u00e4nder.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abStaatsverschuldung und Wachstum\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abStaatsquote und staatliche Investitionen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3: \u00abStaatliche Schulden und langfristiges Wachstum, Vergleich USA-Japan, 1955\u20132005\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1: \u00abErgebnisse von Kumar &amp; Woo\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 2: \u00abAbh\u00e4ngige Variable: Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens, Schwellenl\u00e4nder\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 3: \u00abAbh\u00e4ngige Variable: Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens, Industriel\u00e4nder\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: \u00dcberlegungen zu Japan und den USA&#13;<\/p>\n<h3>\u00dcberlegungen zu Japan und den USA<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNeben den derzeitigen europ\u00e4ischen Krisenl\u00e4nder werden oft auch die USA und insbesondere Japan als L\u00e4nder erw\u00e4hnt, in denen der hohe und steigende Schuldenstand stark negative Wachstumseffekte bewirken k\u00f6nnte und im Fall Japans bereits verursacht haben soll. Allerdings ist auch hier die Evidenz f\u00fcr diesen Zusammenhang keineswegs eindeutig. In beiden F\u00e4llen ist ein betr\u00e4chtlicher Teil des Schuldenanstiegs <i>endogen<\/i>. In Japan sind die Defizite als Folge des Einbruchs der Immobilienblase Ende der 1980er-Jahre massiv gestiegen. Im Fall der USA sind als Folge der Finanzkrise und darauf folgenden Rezession die Defizite und Schulden ebenfalls stark angestiegen. Der Staat hat zu einem grossen Teil den privaten Konsum ersetzt, der als Folge der Krisen einbrach. Nat\u00fcrlich sind in beiden F\u00e4llen auch die strukturellen Fiskaldefizite aufgrund von Ausgabenerh\u00f6hungen oder Steuersenkungen angestiegen, ob es aber starke R\u00fcckkoppelungseffekte von den Defiziten und Schulden zum Wachstum gab, ist schwer zu belegen. In Japan fand bereits Mitte der 1970er-Jahre ein \u00dcbergang von exzessivem, durch \u00dcberinvestitionen gef\u00f6rderten Wachstums zu einem tieferem Trendwachstum statt \u2013 lange vor dem starken Schuldenanstieg (siehe <i>Grafik 3<\/i>).Auch im Fall der USA besteht rein optisch kaum ein Zusammenhang zwischen Staatsschulden und Wirtschaftswachstum. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs ist der Schuldenstand aufgrund der Kriegsfinanzierung massiv gestiegen und das Wachstum lag aus demselben Grund auf sehr hohem Niveau. Bis in die 1970er-Jahre sind die Schulden weitgehend abgebaut worden, aber das Wachstum hat sich eher leicht abgeschw\u00e4cht. Dass der j\u00fcngste Schuldenanstieg zu einer nachhaltigen Reduktion des US-Wachstums f\u00fchren wird, ist unserer Ansicht nach noch keineswegs erwiesen. Zumindest sind seitens der Zinsen noch keine Anzeichen zu erkennen, dass in Japan oder den USA ein Crowding Effekt eingetreten ist. Die Realzinsen liegen in beiden L\u00e4ndern weiterhin auf \u00e4usserst tiefem Niveau.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sp\u00e4testens seit Ausbruch der europ\u00e4ischen Schuldenkrise im Fr\u00fchjahr 2010 als die griechische Regierung ihre europ\u00e4ischen Partner um Rettung vor der drohenden Insolvenz angehen musste, ist das Problem exzessiver Staatsschulden voll ins Bewusstsein der \u00d6ffentlichkeit gedrungen. 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