{"id":120575,"date":"2011-06-01T12:00:00","date_gmt":"2011-06-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/06\/colombier-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:30:59","modified_gmt":"2023-08-23T21:30:59","slug":"colombier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/06\/colombier\/","title":{"rendered":"Fiskaleinnahmen, Konjunktur und Potenzial-BIP"},"content":{"rendered":"<p>Kurzfristige Nachfrageschwankungen und monet\u00e4re Impulse \u00fcben gem\u00e4ss der vorherrschenden makro\u00f6konomischen Lehre keine langfristigen Effekte auf Produktion und Besch\u00e4ftigung aus. Es gibt jedoch theoretische und empirische Argumente, welche diese Annahme zumindest teilweise in Frage stellen. F\u00fcr die finanzpolitische Planung ist die Frage nach dem Verlauf des Bruttoinlandprodukts (BIP) \u00fcber den Zeithorizont der Konjunkturprognosen hinaus aber von grosser Bedeutung. Insbesondere damit Kurs\u00e4nderungen fr\u00fchzeitig erkannt und die Vorgaben der Schuldenbremse ohne Stop-and-Go-Politik eingehalten werden k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>Potenzialwachstum und Finanzplanung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Frage der Beziehung zwischen der kurzen und der langen Frist beziehungsweise zwischen Konjunktur und mittel- bis langfristigem Wachstum ist f\u00fcr die wirtschaftspolitische Planung \u2013 sowohl im Rahmen der Geld- als auch der Finanzpolitik \u2013 von zentraler Bedeutung. Eine nachhaltige Finanzpolitik richtet sich notwendigerweise an der Entwicklung der Einnahmen aus und somit ebenfalls nach deren wichtigstem Bestimmungsgrund, dem Bruttoinlandprodukt (BIP). Dies wird im Rahmen der Schuldenbremse, also der Fiskalregel auf Bundesebene, durch die Bestimmung eines Konjunkturfaktors bezweckt. Die Einnahmen schwanken aber mit den Konjunkturzyklen, so dass sich immer die Frage stellt, welches das Trend-Niveau der Einnahmen ist, nach denen sich die Ausgaben richten sollen. Die derzeitigen Unsicherheiten im Gefolge der Finanz- und Wirtschaftskrise bez\u00fcglich der weiteren Entwicklung des BIP und der Einnahmen geben dieser Frage eine erh\u00f6hte Bedeutung (vgl. <i>Grafik 1<\/i>).Auch hat die derzeitige Krise gewisse Schw\u00e4chen der g\u00e4ngigen \u00f6konomischen Theorie an den Tag gelegt. In der Regel wird in der Theorie ein allgemeines Gleichgewicht angenommen, zu welchem das BIP nach einem konjunkturell oder anderweitig bedingten kurzfristigen Schock zur\u00fcckfindet. Der Frage, ob diese Annahme gerechtfertigt ist, wurde in einer <i>Analyse der theoretischen Grundlagen<\/i>&#13;<br \/>\nColombier, 2011. und einer <i>empirische Untersuchung<\/i>&#13;<br \/>\nGeier, 2011. nachgegangen. Die Ergebnisse dieser Studien werden im Folgenden zusammenfassend dargestellt.&#13;<\/p>\n<h2>Die theoretische Ausgangslage<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer gegenw\u00e4rtig dominierende Erkl\u00e4rungsansatz der Makro\u00f6konomik ist die sogenannte <i>Neue Neoklassische Synthese (NNS)<\/i>. Diese stellt einen Strang des Neu-Keynesianismus dar. Konjunkturschwankungen \u00fcben in der NNS aufgrund langfristig vollkommen flexibler Preise keinen Einfluss auf die langfristige Position einer Volkswirtschaft, etwa gemessen durch das Potenzial-BIP und die nat\u00fcrliche Arbeitslosenquote, aus.&#13;<br \/>\nDie nat\u00fcrliche Arbeitslosenquote ist diejenige Arbeitslosigkeit, welche nicht konjunkturbedingt ist. Unter die nat\u00fcrliche Arbeitslosenquote werden insbesondere die friktionelle und die strukturelle Arbeitslosigkeit subsumiert.Die NNS erkl\u00e4rt kurzfristige Konjunkturschwankungen durch (als keynesianisch angesehene) Elemente von Preis- und Lohnrigidit\u00e4ten. Die Modellierung im Rahmen der NNS basiert auf dem Modell der monetaristischen <i>Real-Business-Cycle-Theorie (RBC-Theorie)<\/i>, einem dynamischen, stochastischen allgemeinen Gleichgewichtsmodell oder DSGE-Modell. Die Modellergebnisse resultieren dann aus der intertemporalen Nutzenmaximierung eines repr\u00e4sentativen rationalen Akteurs, welcher rationale Erwartungen bildet und damit keine systematischen Prognoseirrt\u00fcmer begeht. Eine zentrale Aussage der NNS ist, dass trotz rationaler Erwartungsbildung bei Preisrigidit\u00e4ten die aus den RBC-Modellen abgeleitete Ineffektivit\u00e4t der Stabilit\u00e4tspolitik nicht haltbar ist. Als exogene stochastische Schocks modellierte Nachfrageschwankungen k\u00f6nnen so kurzfristige Abweichungen vom langfristigen Gleichgewicht \u2013 d.h. Konjunkturschwankungen \u2013 generieren, weil die Preis- bzw. die Lohnanpassung tr\u00e4ge reagiert. Die Geldpolitik ist im Gegensatz zur RBC-Theorie wieder sinnvoll, da sie die Anpassungsvorg\u00e4nge zu einem langfristigen Gleichgewicht zu beschleunigen vermag, dabei jedoch das langfristige Gleichgewicht nicht beeinflussen kann. Der Fiskalpolitik steht die NNS eher skeptisch gegen\u00fcber. Aufgrund der <i>Ricardianischen \u00c4quivalenz<\/i> von der Neutralit\u00e4t der Fiskalpolitik und Zeitverz\u00f6gerungen im politischen Entscheidungsprozess (<i>inside lag<\/i>) empfiehlt eine Mehrheit der NNS-Vertreter auf eine aktive Fiskalpolitik zu verzichten und automatische Stabilisatoren passiv wirken zu lassen. Eine Fiskalpolitik entlang dieser Empfehlung wird beispielsweise auf der Bundesebene mit der Schuldenbremse praktiziert.&#13;<\/p>\n<h2>Langfristige Wirkungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin Nachfrageeinbruch \u2013 wie er durch die j\u00fcngste Finanzmarktkrise ausgel\u00f6st wurde und im Jahr 2009 zu einem R\u00fcckgang des Schweizer BIP von 1,9% f\u00fchrte \u2013 hat gem\u00e4ss NNS aber keine persistenten Effekte. Unter bestimmten Voraussetzungen k\u00f6nnen dennoch l\u00e4ngerfristige Effekte von Nachfrageschwankungen erwartet werden. Zun\u00e4chst ist die sogenannte <i>Hysterese<\/i> auf dem Arbeitsmarkt zu nennen. Danach kann sich die konjunkturell bedingte Arbeitslosigkeit mit zunehmender Dauer verfestigen. Gr\u00fcnde daf\u00fcr k\u00f6nnen beispielsweise eine mit der Arbeitslosigkeitsdauer einhergehende De-Qualifikation und eine Verringerung der Chancen f\u00fcr eine Neueinstellung (<i>Signalling-Effekt<\/i>) sein. Weiterhin kann es mehrere langfristige (multiple) Gleichgewichte geben: Zum Beispiel ist in vielen OECD-L\u00e4ndern zu beobachten, dass die theoretisch langfristig bestimmte Arbeitsproduktivit\u00e4t dennoch mit der Konjunktur schwankt. Setzen Gewerkschaften die Forderung von gleichem Lohn f\u00fcr gleiche Arbeit durch, kann eine \u00c4nderung der Nachfrage ebenfalls auf das BIP-Potenzial wirken (<i>Bhaskar-Fairness Modell<\/i>).Durch die Finanzkrise ausgel\u00f6st, erfuhr die NNS scharfe Kritik von prominenten \u00d6konomen wie <i>Buiter, Goodhart, Krugman<\/i> oder <i>Stiglitz<\/i>.&#13;<br \/>\nF\u00fcr eine umfassende Kritik der NNS vgl. Buiter, 2009. Die Kritik bezieht sich insbesondere auf die Vernachl\u00e4ssigung der Finanzm\u00e4rkte, die fehlende empirische Evidenz der Modellbeziehungen und die Annahme eines repr\u00e4sentativen, rationalen Agenten sowie dessen rationaler Erwartungsbildung. Die moderne Verhaltens\u00f6konomik weist dabei experimentell nach, dass das Verhalten tats\u00e4chlicher Akteure regelm\u00e4ssig vom unterstellten Verhalten des rationalen Akteurs in der NNS abweicht \u2013 sogenannte <i>Anomalien<\/i>.&#13;<br \/>\nVgl. De Grauwe and Honkapohja, 2009. So f\u00fchrt etwa der <i>Verankerungseffekt<\/i> dazu, dass Individuen bei unvollst\u00e4ndigem Wissen \u00fcber einen Sachverhalt zuk\u00fcnftige Entwicklungen \u2013 wie die zuk\u00fcnftige Inflationsrate \u2013 eher extrapolieren als rationale Erwartungen bilden. Ein begrenzt rationales Verhalten beg\u00fcnstigt aber die Persistenz von Konjunkturschwankungen.Vom Finanzsektor ausgehende Effekte auf den Realsektor werden in der NNS kaum ber\u00fccksichtigt. Der finanz\u00f6konomische <i>Neu-Keynesianismus (FNK)<\/i> geht hingegen davon aus, dass die Informationen auf den Finanzm\u00e4rkten unvollkommen und asymmetrisch zwischen den Marktteilnehmern, etwa Unternehmen und Banken, verteilt sind.&#13;<br \/>\nF\u00fcr eine \u00dcbersicht zum FNK vgl. Gr\u00f6ssl und Stahlecker, 2000. Kreditausfall- und Konkursrisiken sind daher nicht vollst\u00e4ndig diversifizierbar, so dass die Akteure abweichend von der NNS unter Unsicherheit handeln. Je h\u00f6her der Anteil fremdfinanzierter Unternehmen ist, desto eher sind Konjunkturschwankungen langfristig relevant. Ebenso k\u00f6nnen restriktive Finanzierungsbedingungen f\u00fcr Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen (F&amp;E) das Wachstum d\u00e4mpfen.Der <i>Post-Keynesianismus (PKE)<\/i> fusst nicht wie die NNS auf einem allgemeinen Gleichgewichtsmodell, sondern unterstellt eine <i>explizite Geld\u00f6konomie<\/i>.&#13;<br \/>\nF\u00fcr eine Einf\u00fchrung in den PKE siehe Hein, 2005. Die Tatsache, dass Geld als optimales Mittel zur Versicherung gegen eine unsichere Zukunft gesehen wird, begr\u00fcndet die Existenz einer Liquidit\u00e4tspr\u00e4mie. Diese ist von zentraler Bedeutung f\u00fcr die langfristige Entwicklung einer Volkswirtschaft, weil sie \u00fcber den Finanzsektor den Preis des G\u00fcterangebots, die Investitionst\u00e4tigkeit und damit die Kapitalakkumulation beeinflussen kann. Finanzsektor und die Nachfrageseite k\u00f6nnen im PKE Effekte auf das BIP-Potenzial haben. Schliesslich haben v.a. einige post-keynesianische \u00d6konomen fr\u00fchzeitig vor dem Platzen der Immobilienblase in den USA gewarnt.&#13;<br \/>\nVgl. Bezemer, 2010 und <i><a href=\"http:\/\/www.voxeu.org\/index.php?q=node\/4035\">http:\/\/www.voxeu.org\/index.php?q=node\/4035<\/a>.<\/i>&#13;<\/p>\n<h2>Der Schweizer Fall<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin m\u00f6glicher \u00dcbertragungskanal von Konjunkturschwankungen auf die langfristige Position einer Volkswirtschaft ist die Beeinflussung des Fortschritts der Arbeitsproduktivit\u00e4t durch die Nachfrage. Obwohl der Produktivit\u00e4tsfortschritt von 1992\u20132008 in der Schweiz ungef\u00e4hr mit der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage schwankte, haben sich die (prozyklischen) Schwankungen praktisch neutralisiert (vgl. <i>Grafik 2<\/i>). Die Hysterese als ein weiterer \u00dcbertragungsweg von der Konjunktur auf die langfristige Position einer Volkswirtschaft \u00e4ussert sich in einer Zunahme der Langzeitarbeitslosigkeit. Allerdings kann die Hysterese empirisch kaum vom strukturellen Selektionseffekt unterschieden werden, welcher sich ebenfalls in der Langzeitarbeitslosigkeit niederschl\u00e4gt.&#13;<br \/>\nSiehe Aeppli und Ragni, 2009. Auch spielen gem\u00e4ss OECD in der Schweiz institutionelle Faktoren wie die Dezentralisierung von Sozialleistungen eine Rolle. Da die Quote der Langzeitarbeitslosen mit 1,1% im Jahr 2009 im Vergleich zum OECD-Mittel von 1,9% relativ niedrig ist, d\u00fcrfte die Hysterese f\u00fcr die \u00dcbertragung konjunktureller Impulse auf das Schweizer BIP-Potenzial eine eher geringe Bedeutung haben. Aufgrund des geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrads der Schweizer Arbeitnehmerschaft von 18% gegen\u00fcber 27% im OECD-Mittel (Stand 2008) d\u00fcrfte das Bhaskar-Fairness Modell nicht zutreffen.Die Aussenfinanzierung der KMU-Investitionen erfolgt im Wesentlichen \u00fcber Bankkredite.&#13;<br \/>\nVgl. <a href=\"http:\/\/www.kmu.admin.ch\/politik\/index.html?lang=de\">http:\/\/www.kmu.admin.ch\/politik\/index.html?lang=de<\/a>. Da nach Angaben der Betriebsz\u00e4hlung des Bundesamts f\u00fcr Statistik (BFS) knapp 67% (Stand 2008) der Besch\u00e4ftigten gemessen in Vollzeit\u00e4quivalenten in der Schweiz in KMU besch\u00e4ftigt sind, kann ein prozyklisches Kreditvergabeverhalten der Banken \u00fcber den KMU-Sektor Einfluss auf das Potenzial-BIP nehmen. In einer Bankenkrise d\u00fcrfte dieser \u00dcbertragungsweg noch an Bedeutung gewinnen, weil Banken aufgrund ihrer erodierenden Nettoverm\u00f6gensposition und erh\u00f6htem Gegenparteirisiko einen Anreiz haben, bestehende Forderungen zu liquidieren.In einer ausgepr\u00e4gten Rezession kann die Kreditfinanzierung von risikoreichen F&amp;E-Aufwendungen restriktiv ausfallen, was sich d\u00e4mpfend auf das zuk\u00fcnftige BIP-Potenzial auswirken kann. Allerdings wird gem\u00e4ss OECD der Grossteil der F&amp;E-Investitionen in der Schweiz von Grossunternehmen get\u00e4tigt, welche Zugang zu den internationalen Kapitalm\u00e4rkten haben. Zudem sind allein 20% der gesamten F&amp;E Investitionen (Stand 2004) staatlich finanziert.Zudem ist es denkbar, dass eine allzu abrupte Aufwertung des Schweizer Frankens Strukturanpassungen in der Exportwirtschaft \u2013 etwa Auslagerung von Produktionsstandorten in die Eurozone \u2013 nach sich zieht und somit das Schweizer BIP-Potenzial beeintr\u00e4chtigt. Hingegen d\u00fcrfte die stetige Aufwertung des Schweizer Franken gegen\u00fcber Euro und Dollar die Wettbewerbsf\u00e4higkeit und damit das Potenzial-BIP pro Kopf eher steigern. Insgesamt legen diese ersten \u00dcberlegungen nahe, dass nachfragebedingte Konjunkturschwankungen sich in der Schweiz insbesondere \u00fcber den Kredit- und Wechselkurskanal auf das Potenzial-BIP auswirken k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>Empirische Untersuchung f\u00fcr die Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBei der eingangs erw\u00e4hnten <i>Studie von Geier (2011)<\/i> geht es um die Frage, ob Schocks auf das Schweizer BIP <i>persistente<\/i> Auswirkungen haben; also dass beispielsweise nach einer Rezession eine dauerhafte Verschiebung der Niveauwerte des BIP stattfindet. Im Einklang mit einer Mehrheit von Studien f\u00fcr andere L\u00e4nder kommt <i>Geier (2011)<\/i> f\u00fcr die Schweiz zum Schluss, dass die kurzfristige Dynamik die lange Frist beeinflusst. Diese Studie wurde anhand von Zeitreihenanalysen und eines sogenannten <i>nicht-parametrischen Ansatzes<\/i> auf Basis von Jahresdaten des realen BIP und des realen BIP pro Kopf seit 1914 durchgef\u00fchrt.&#13;<br \/>\nDie Daten von 1914 bis 1948 stammen von Andrist et al., 2000.&#13;<\/p>\n<h2>Resultate<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Resultate deuten auf eine starke Auswirkung der kurzfristigen Schwankungen auf das l\u00e4ngerfristige BIP-Niveau. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Wirkung eines kurzfristigen Schocks langfristig sogar noch verst\u00e4rkt wird, bevor sie sich wieder abschw\u00e4cht. Gem\u00e4ss <i>Campbell und Mankiw (1987)<\/i> d\u00fcrfte der Zeitreihenansatz die Persistenz tendenziell \u00fcbersch\u00e4tzen. Dies legt die Schlussfolgerung nahe, dass sich ein kurzfristiger BIP-Schock zwar langfristig auswirkt, ein Teil aber mit der Zeit verpufft. Die langfristige Wirkung auf das BIP pro Kopf ist weniger deutlich, was damit zusammenh\u00e4ngen k\u00f6nnte, dass BIP-Schocks in der Schweiz in der Vergangenheit tendenziell Migrationsstr\u00f6me verursacht haben und sich das BIP deshalb nach einem Schock st\u00e4rker ver\u00e4ndert hat als die Produktivit\u00e4t pro Erwerbst\u00e4tigen.Bei Stichproben mit Strukturbr\u00fcchen ist die Tendenz zur Resorption von Schocks generell gr\u00f6sser; bei Modellen ohne Bereinigung von Strukturbr\u00fcchen ist ein deutlicher Unterschied zwischen den Stichproben mit Daten von 1950\u20132009 und denjenigen mit Daten von 1914\u20132009 erkennbar. Erstere werden durch die Wachstumsverlangsamung anfangs der 1970er-Jahre dominiert, w\u00e4hrend bei langen Stichproben dieser Effekt weniger ins Gewicht f\u00e4llt. Die angewendeten statistischen Methoden erlauben keine klare Abgrenzung von Ursache und Wirkung. Schocks k\u00f6nnen zum Beispiel durch angebotsseitige Technologiespr\u00fcnge verursacht werden. So ist etwa denkbar, dass ein Nachfrageschock weniger Persistenz aufweist als ein Angebotsschock.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss verschiedener \u00f6konomischer Theorien k\u00f6nnen Nachfrage- oder andere kurzfristige Schwankungen bisweilen persistente Effekte haben. Im Rahmen der NNS kann dies jedoch meist nur schwer abgebildet werden, weil etwa Interaktionen zwischen heterogenen Agenten ausgeblendet werden. Ein zentraler Aspekt, welcher in der j\u00fcngsten Finanz- und Wirtschaftskrise besonders deutlich wurde, ist die <i>faktische Ausklammerung des Finanzsektors<\/i>, wobei insbesondere Konkurs- und Liquidit\u00e4tsrisiken ausgeblendet werden. Eine kurzfristige Dynamik kann dabei langfristig umso relevanter werden, je h\u00f6her der Fremdfinanzierungsgrad der Unternehmen ist.Bez\u00fcglich des Schweizer Potenzial-BIP scheint die Finanzmarktkrise 2008 und die nachfolgende grosse Rezession 2009 bisher kaum l\u00e4ngerfristige Folgen zu haben. Im Jahr 2010 verzeichnete die Schweizer Volkswirtschaft bereits wieder eine hohe Dynamik, und die wirtschaftlichen Aussichten sind nach wie vor intakt. So wurden auf Bundesebene keine ausserordentlichen Sparmassnahmen notwendig, um die Vorgaben der Schuldenbremse zu erf\u00fcllen. Allerdings lastet noch eine Anzahl Risiken auf der weiteren Konjunkturentwicklung. Dazu z\u00e4hlen die anhaltende St\u00e4rke der W\u00e4hrung im Zusammenhang mit der Schuldenkrise im Euro-Raum und in den USA und eine von lockerer Hypothekenvergabe und Bauwirtschaft angetriebene Binnenkonjunktur, welche sich als nicht nachhaltig entpuppen k\u00f6nnte. Es kann somit trotz allem nicht vollkommen ausgeschlossen werden, dass die Nachwehen von Finanzmarkt- und Konjunkturkrise \u00fcber den Kredit- oder den Wechselkurskanal doch noch eine d\u00e4mpfende Wirkung auf das Potenzial-BIP in der Schweiz entfalten und \u2013 unabh\u00e4ngig von Ausgaben- und Steuerentscheiden \u2013 eine weitere strukturelle Belastung der Staatshaushalte nach sich ziehen k\u00f6nnten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abStrukturelle Einnahmen des Bundes\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abProduktivit\u00e4tsfortschritt und Wirtschaftswachstum in der Schweiz, 1992\u20132008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1: \u00abAuswirkungen von Konjunkturschwankungen auf das BIP-Potenzial in der Schweiz\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Literatur&#13;<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2013 Andrist, F., Anderson, R.G., Williams, M. M. (2000): Real Output in Switzerland: New Estimates for 1913\u20131947, Federal Reserve Bank of St. Louis, May-June, S. 43\u201370.\u2212 Aeppli, D.C, Ragni, Th. (2009): Ist Erwerbsarbeit ein Privileg?, Seco Publikation Arbeitsmarktpolitik No. 28, Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft, Eidgen\u00f6ssisches Volkswirtschaftsdepartement.\u2212 Bezemer, D. J. (2010): Understanding Financial Crisis through Accounting Models, Accounting, Organizations and Society, 35, S. 676\u2013688.\u2212 Buiter, W. (2009): The Unfortunate Uselessness of Most \u00abState of the Art\u00bb Academic Monetary Economics, VoxEu.org, 6 March 2009, <i><a href=\"http:\/\/www.voxeu.org\/index.php?q=node\/3210\">http:\/\/www.voxeu.org\/index.php?q=node\/3210<\/a><\/i>\u2212 Campbell, J.Y., Mankiw, N.G. (1988): Permanent and Transitory Components in Macroeconomic Fluctuations, American Economic Review, 77(2), S. 111\u2013117.\u2212 Cochrane, J.H. (1988): How Big is the Random Walk in GNP?, Journal of Political Economy, S. 893\u2013920.\u2212 Colombier, C. (2011): Konjunktur und Wachstum Teil I \u2013 Eine Betrachtung aus theoretischer Sicht, Working Paper der Eidgen\u00f6ssischen Finanzverwaltung Nr. 16, Eidgen\u00f6ssische Finanzverwaltung. \u2212 De Grauwe, P., Honkapohja, S. (2009): The Macroeconomy, in: European Science Foundation (ed.), Vital Questions \u2013 The Contribution of European Social Science, S. 16\u201319.\u2212 Geier, A. (2011): Konjunktur und Wachstum Teil II \u2013 Eine empirische Untersuchung f\u00fcr die Schweiz, Working Paper der Eidgen\u00f6ssischen Finanzverwaltung Nr. 17, Eidgen\u00f6ssische Finanzverwaltung.\u2212 Gr\u00f6ssl, I., Stahlecker, P. (2000): Finanzierungsbedingungen und G\u00fcterangebot: Ein \u00dcberblick \u00fcber finanz\u00f6konomischen Ans\u00e4tze und deren geldpolitische Konsequenzen, Jahrb\u00fccher f\u00fcr National\u00f6konomie und Statistik, 220(2), S. 223\u2013250.\u2212 Hein, E. (2005): Reale und monet\u00e4re Analyse: Post-Keyensianismus und Neu-Keynesianismus im Vergleich, in: Hein, H., Heise, A., Truger, A. (Hrsg.) Neu-Keynesianismus &#8211; der neue wirtschaftspolitische Mainstream?, Metropolis-Verlag, Marburg, S. 137\u2013178.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurzfristige Nachfrageschwankungen und monet\u00e4re Impulse \u00fcben gem\u00e4ss der vorherrschenden makro\u00f6konomischen Lehre keine langfristigen Effekte auf Produktion und Besch\u00e4ftigung aus. Es gibt jedoch theoretische und empirische Argumente, welche diese Annahme zumindest teilweise in Frage stellen. F\u00fcr die finanzpolitische Planung ist die Frage nach dem Verlauf des Bruttoinlandprodukts (BIP) \u00fcber den Zeithorizont der Konjunkturprognosen hinaus aber von [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3208,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[228,213,154],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":3208,"seco_co_author":[3603,0],"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Dr. rer. oec., Wirtschafts- und Geldpolitik, Eidgen\u00f6ssische Finanzverwaltung (EFV), Bern","seco_author_post_occupation_fr":"\u00c9conomiste, Politique \u00e9conomique et mon\u00e9taire, Administration f\u00e9d\u00e9rale des finances   ","seco_co_authors_post_ocupation":[{"seco_co_author":3603,"seco_co_author_post_occupation_year":"","seco_co_author_post_occupation_de":"Mitglied des \u00d6konomenteams, Eidg. Finanzverwaltung EFV, Bern","seco_co_author_post_occupation_fr":"Membre du Groupe des \u00e9conomistes, Administration f\u00e9d\u00e9rale des finances AFF, Berne"}],"short_title":"","post_lead":"","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":120578,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"7535","post_abstract":"","magazine_issue":"20110601","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5508034fd392b"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/120575"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3208"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=120575"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/120575\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":127576,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/120575\/revisions\/127576"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3603"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3208"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=120575"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=120575"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=120575"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=120575"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=120575"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=120575"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}