{"id":120600,"date":"2011-06-01T12:00:00","date_gmt":"2011-06-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/06\/minsch-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:31:10","modified_gmt":"2023-08-23T21:31:10","slug":"minsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/06\/minsch\/","title":{"rendered":"Die Personenfreiz\u00fcgigkeit und ihre Auswirkungen auf das Potenzialwachstum der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Das Freiz\u00fcgigkeitsabkommen ist mitverantwortlich daf\u00fcr, dass die Schweizer Wirtschaft in den letzten Jahren im historischen und internationalen Vergleich hohe Wachstumsraten vorweisen konnte. Wir argumentieren, dass man nicht automatisch davon ausgehen darf, dass die Schweiz dadurch auch langfristig h\u00f6here Wachstumsraten pro Kopf der Bev\u00f6lkerung vorweisen wird. Zwar f\u00fchrt ein Zustrom von Hochqualifizierten fast automatisch zu einer Erh\u00f6hung der Arbeitsproduktivit\u00e4t. In welchem Ausmass damit Produkt- und Prozessinnovationen dauerhaft beschleunigt werden, ist eine Frage, die mit den derzeit vorhandenen Daten und \u00f6konomischen Theorien (noch) nicht beantwortet werden kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201106_08_Minsch_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"246\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBekanntlich trat am 1. Juni 2002 der erste Teil der bilateralen Vertr\u00e4ge mit der Europ\u00e4ischen Union (Bilaterale I) in Kraft. Sowohl wirtschaftlich als auch politisch ist das Abkommen zur Personenfreiz\u00fcgigkeit (FZA) als wichtigster Teil der Bilateralen I zu verstehen. Das Abkommen schafft einen Rechtsanspruch auf eine Arbeitsbewilligung f\u00fcr EU-B\u00fcrger, sofern sie die Zusicherung einer Stelle haben. Mit dem FZA fiel das Qualifikationserfordernis gem\u00e4ss der Verordnung \u00fcber die Begrenzung der Zahl der Ausl\u00e4nder vom 21. Oktober 1998 f\u00fcr EU\/EFTA-B\u00fcrger weg. Es wurde verschiedentlich bef\u00fcrchtet, dass die Einwanderung von niedrig qualifizierten Personen stark zunehmen w\u00fcrde. Tats\u00e4chlich stieg das Ausbildungsniveau der erwerbst\u00e4tigen Ausl\u00e4nder jedoch an und blieb \u2013 mit Ausnahme des ersten Jahres \u2013 seit Inkrafttreten des FZA hoch. In einer KOF Studie wurde gezeigt, dass das Bruttoinlandprodukt (BIP) von 2002\u20132007 pro Jahr um zirka 0,15 Prozentpunkte st\u00e4rker zugenommen hat, als es ohne Inkrafttreten des FZA der Fall gewesen w\u00e4re.&#13;<br \/>\nAeppli, R., Altenburg, M., Arvanitis, S., Atukeren, E., Bolli, T., Gassebner, M., Graff, M., Hollenstein, H., Lassmann, A., Liechti, D., Nitsch, V., Siliverstovs, B. und Sturm, J.-E. (2008): Auswirkungen der bilateralen Abkommen auf die Schweizer Wirtschaft, KOF Studien No. 2, Z\u00fcrich, Dezember 2008. Die FZA-bedingte Zuwanderung f\u00fchrte wegen der Komplementarit\u00e4t von hoch und niedrig Qualifizierten und der Tatsache, dass prim\u00e4r qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte angezogen wurden, zu keinem nachweisbaren Anstieg der Arbeitslosenquote und nicht zu sinkenden Nominall\u00f6hnen. Obwohl schwierig zu quantifizieren, scheint es plausibel, dass das FZA bis anhin zu einer j\u00e4hrlichen Zunahme der immigrationsbedingten Besch\u00e4ftigung von zirka 4000 Personen gef\u00fchrt hat.&#13;<br \/>\nDas plausible Vergleichsszenario ist eine gewisse Flexibilit\u00e4t bei dennoch tendenziell etwas restriktiver gehandhabter Zuwanderung. Da hierdurch insbesondere die Verf\u00fcgbarkeit von ausl\u00e4ndischem Humankapital verst\u00e4rkt zugenommen hat, wurden Engp\u00e4sse auf dem Schweizer Arbeitsmarkt f\u00fcr (prim\u00e4r) qualifiziertes Personal zumindest teilweise behoben. Das FZA hat sich demnach positiv auf die wirtschaftliche Leistung der Schweiz ausgewirkt. Allerdings kann daraus nicht gefolgert werden, dass die Schweiz aufgrund des FZA auch in Zukunft mit permanent h\u00f6heren Wachstumsraten rechnen kann. Um diesen Sachverhalt zu kl\u00e4ren, reicht der Blick auf die Wachstumsraten des BIP seit 2002 nicht aus. Vielmehr ist die Frage relevant, inwieweit das FZA den langfristigen Wachstumspfad beeinflusst hat. Diese \u00abPotenzialwachstumsrate\u00bb bezeichnet und definiert sich als den um konjunkturelle Schwankungen und exogene Schocks bereinigten Wachstumstrend der inl\u00e4ndischen realen Wertsch\u00f6pfung.&#13;<\/p>\n<h2>Wie das Potenzialwachstum der Schweiz messen?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Folgenden gehen wir der Frage nach, ob das FZA erstens die Potenzialwachstumsrate der Schweiz und zweitens die Potenzialwachstumsrate pro Kopf der Bev\u00f6lkerung beeinflusst hat. W\u00e4hrend erstere die langfristige wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit der Schweizer Volkswirtschaft adressiert, misst letztere den Anstieg des Wohlstands der Schweizer Bev\u00f6lkerung. Wir argumentieren, dass das Qualifikationsniveau der Zugewanderten entscheidend daf\u00fcr ist, ob die Bilateralen die Potenzialwachstumsrate pro Kopf der Bev\u00f6lkerung erh\u00f6ht haben oder nicht. Die Datenbasis ist derzeit aber f\u00fcr eine zuverl\u00e4ssige Messung zu schwach, denn in der \u00dcbergangsphase bis zum 1. Juni 2007 unterlag die Einwanderung von EU-B\u00fcrgern immer noch Einschr\u00e4nkungen. Eine empirische Bestimmung der Auswirkungen ist daher nur wenige Jahre nach Inkrafttreten der Abkommen nicht m\u00f6glich. Aus wirtschaftstheoretischer Sicht lassen sich die zu erwartenden Auswirkungen (positiv und negativ) aber durchaus diskutieren. Zudem st\u00fctzen wir die Analyse des zu erwartenden Gesamteffekts auf einige empirische Beobachtungen. Die Potenzialwachstumsrate ist per Definition eine nicht beobachtbare Variable. Um sie zu messen, sollte idealerweise eine vollst\u00e4ndige makro\u00f6konomische Produktionsfunktion spezifiziert und unter R\u00fcckgriff auf Zeitreihen der wesentlichen Produktionsinputs sowie unter Ber\u00fccksichtigung technologischer Entwicklungen numerisch gesch\u00e4tzt werden. Die Sch\u00e4tzung einer solchen Produktionsfunktion stellt hohe Anforderungen an die Datenbasis und bringt vielf\u00e4ltige Schwierigkeiten bei der Berechnung mit sich. Immerhin kann die Produktionsfunktion auf Basis verf\u00fcgbarer Zeitreihen f\u00fcr die Inputfaktoren (in der Regel Arbeit und Kapital) abstellen. W\u00e4hrend die tats\u00e4chlich geleisteten Arbeitsstunden und der Kapitaleinsatz in einer Volkswirtschaft direkt gemessen werden k\u00f6nnen, sind die potenziellen Arbeitsstunden und der potenzielle Kapitaleinsatz hypothetische Gr\u00f6ssen und m\u00fcssen gesch\u00e4tzt werden.F\u00fcr die Sch\u00e4tzung f\u00fcr die Schweiz wenden wir den Ansatz von <i>D\u2019Auria et al. (2010)<\/i>&#13;<br \/>\nD\u2019Auria, F., Denis, C., Havik, K., Mc Morro, K., Planas, C., Raciborski, R., R\u00f6ge, W., Rossi, A. (2010): The Production Function Methodology for Calculating Potential Growth Rates and Output Gaps, Economic Papers 420, Brussels, European Commission., welcher f\u00fcr die Europ\u00e4ische Kommission den Potenzialoutput und den Outputgap der EU-L\u00e4nder sch\u00e4tzt, an. <i>D\u2019Auria et al. (2010)<\/i> verwenden eine <i>Cobb-Douglas Produktionsfunktion<\/i>. Diese Funktion unterstellt die theoretisch plausible Annahme konstanter Skalenertr\u00e4ge, was bedeutet, dass sich bei einer Verdoppelung der Inputfaktoren Arbeit und Kapital auch der Output (reales BIP) verdoppelt. W\u00e4hrend der potenzielle Kapitaleinsatz mit Hilfe des vollausgelasteten Kapitalstocks approximiert werden kann, bereitet die Sch\u00e4tzung des potenziellen Arbeitseinsatzes mehr Schwierigkeiten. Wie <i>D\u2019Auria et al.<\/i> sch\u00e4tzen wir die potenziellen Arbeitsstunden mittels der Partizipationsrate, dem Bev\u00f6lkerungswachstum, der Sockelarbeitslosigkeit und der durchschnittlichen Zahl der Arbeitsstunden pro Arbeitskraft. Der technische Fortschritt wird mit einem <i>zeitreihenanalytischen Ansatz (Kalman-Filter)<\/i> modelliert. <i>Grafik 1<\/i> zeigt die so gesch\u00e4tzte potenzielle Wachstumsrate der Schweiz. Diese wird einmal f\u00fcr die gesamte Wirtschaft und einmal pro Kopf der Bev\u00f6lkerung dargestellt. Die vertikalen Linien zeigen den Zeitpunkt des Inkrafttretens der Bilateralen I (2002) und die \u00dcbergangsphase, in der die Einwanderung von EU-B\u00fcrgern weiterhin eingeschr\u00e4nkt war (2007). Die horizontalen Linien pr\u00e4sentieren die langfristige durchschnittliche Wachstumsrate des realen Bruttoinlandprodukts zwischen 1985 und 2012 (ab 2011 KOF-Prognosewerte). In dieser Zeitperiode betrug das durchschnittliche Wachstum des realen BIP rund 1,8%. Pro Kopf der Bev\u00f6lkerung belief sich dieses Wachstum auf rund 0,9%. Gem\u00e4ss der Sch\u00e4tzung in <i>Grafik 1<\/i> hat sich die Wachstumsrate des Potenzialoutputs seit 1995 deutlich erh\u00f6ht und \u00fcbersteigt seit 1999 mit wenigen Ausnahmen die durchschnittliche Wachstumsrate des BIP. Mit der Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit im Jahr 2002 scheint sich das Potenzialwachstum tendenziell weiter verst\u00e4rkt zu haben. Die Leistungsf\u00e4higkeit der Wirtschaft hat somit durch die Personenfreiz\u00fcgigkeit zugenommen. Entscheidender f\u00fcr den Wohlstand der Einwohner in der Schweiz ist aber, wie sich das Wachstum pro Kopf der Bev\u00f6lkerung entwickelt hat. Gem\u00e4ss <i>Grafik 1<\/i> lag dieses zwischen 2002 und 2009 meist \u00fcber dem langj\u00e4hrigen Mittelwert des BIP-Wachstums von rund 0,9%.&#13;<\/p>\n<h2>Interpretation der Resultate<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nOb nun die Personenfreiz\u00fcgigkeit das Wachstum des Potenzialoutputs pro Kopf wirklich erh\u00f6ht hat oder nicht, l\u00e4sst sich mit der Sch\u00e4tzung aber nicht abschliessend beurteilen. Dazu ist ein l\u00e4ngerer Beobachtungszeitraum notwendig. Erst in einigen Jahren kann gekl\u00e4rt werden, ob sich die Personenfreiz\u00fcgigkeit positiv auf das Wachstum der totalen Faktorproduktivit\u00e4t auswirkt. W\u00e4re dies der Fall, w\u00fcrde unter der Annahme konstanter Skalenertr\u00e4ge ein extensives Wachstum ceteris paribus auch dann zu einer Erh\u00f6hung der Pro-Kopf-Wachstumsrate f\u00fchren, wenn die Produktionsfaktoren proportional im gleichen Grad vermehrt w\u00fcrden. Dieser Befund ist f\u00fcr unsere Fragestellung interessant, denn es w\u00e4re f\u00fcr die Wohlfahrt der Schweizer Bev\u00f6lkerung nicht vorteilhaft, wenn sich das Potenzialwachstum des BIP nur durch die schnellere Vermehrung des Produktionsinputs erh\u00f6hte. Ein bloss inputgetriebenes Wachstum w\u00fcrde sich angesichts des st\u00e4rkeren Drucks auf die nicht-vermehrbaren Faktoren (vor allem Boden) sowie die nicht-erneuerbaren Ressourcen eher negativ auf die Wohlfahrt auswirken. Die f\u00fcr die Wohlfahrt massgebliche Gr\u00f6sse ist das Wachstum des BIP pro Kopf. F\u00fchrt die zus\u00e4tzliche Einwanderung Hochqualifizierter aber zu einer Erh\u00f6hung der Faktorproduktivit\u00e4t, profitiert die Schweizer Bev\u00f6lkerung von einer zunehmenden Wachstumsrate.Aufgrund der Schwierigkeiten beim Sch\u00e4tzen einer makro\u00f6konomischen Produktionsfunktion st\u00fctzt man sich h\u00e4ufig auf einfachere statistische Verfahren, f\u00fcr die lediglich eine Zeitreihe des empirisch beobachteten Wachstums erforderlich ist. In der Regel greift man auf eine Quartalszeitreihe der BIP-Wachstumsrate zur\u00fcck. Mit einem Tiefpassfilter wird dann versucht, den Trend vom Zyklus sowie vom Rauschen zu separieren. Die resultierende Trendzeitreihe wird als Potenzialwachstumsrate gedeutet. Das statistische Filterverfahren hat den Vorzug der Einfachheit. Die implizite Annahme, der Trend entspreche dem Potenzial, ignoriert jedoch alle andere Informationen, die zu einer Neueinsch\u00e4tzung der Potenzialwachstumsrate f\u00fchren k\u00f6nnten. So bedingen Nettoinvestitionen etwa per Definition eine Ver\u00e4nderung des produktiven Sachkapitalstocks und auch exogene Schocks oder dauerhafte Ver\u00e4nderungen der Rate des technischen Fortschritts beeinflussen die Potenzialwachstumsrate. Nichtsdestotrotz zeigt <i>Grafik 2<\/i> die Entwicklung der Potenzialwachstumsraten des realen BIP und des realen BIP pro Kopf basierend auf dem <i>Hodrick-Prescott-Filter (HP-Filter)<\/i> mit dem f\u00fcr Quartalsdaten empfohlenen Gl\u00e4ttungsparameter \u03bb = 1600.&#13;<br \/>\nUm das Endpunktproblem des Hodrick-Prescott-Filters (1997) zu reduzieren werden nicht publizierte Modellprognosen der KOF bis Ende 2015 verwendet; die Quartalsdaten gehen bis 1980 zur\u00fcck.<i>Grafik 2<\/i> zeigt, dass gegl\u00e4ttete Trendwerte des BIP-Wachstums simultan Informationen \u00fcber den Konjunkturzyklus und das Wachstumspotenzial wiedergeben. Die Befunde sind \u00e4hnlich wie beim Sch\u00e4tzen der Produktionsfunktion und legen den Schluss nahe, dass sich das Potenzialwachstum des BIP nach der Schw\u00e4chephase zu Beginn der 1990er-Jahre ab Mitte der 1990er-Jahre zu erh\u00f6hen begann. Auch im Durchschnitt der letzten Jahre ist ein leichter Anstieg in der Trendwachstumsrate des BIP zu beobachten. Seit Mitte 2007 ist die pro Kopf gemessene Potenzialwachstumsrate allerdings eher etwas unter ihrem langfristigen Durchschnitt von annualisiert fast 1% gefallen. Auffallend ist, dass die L\u00fccke zwischen den beiden dargestellten Reihen gr\u00f6sser geworden ist. Die h\u00f6heren Bev\u00f6lkerungswachstumsraten scheinen zwar der gesamten Wertsch\u00f6pfung einen Schub gegeben zu haben. Pro Kopf ist dies aber in den letzten Jahren und im Prognosezeithorizont nicht der Fall. Der zeitreihenanalytische Ansatz sch\u00e4tzt demnach den Wohlstandseffekt der Personenfreiz\u00fcgigkeitsabkommens weniger positiv ein als die Produktionsfunktion.&#13;<\/p>\n<h2>Schw\u00e4chen der Messungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie die Sch\u00e4tzung des Potenzialoutputs mit Hilfe einer Produktionsfunktion hat auch der zeitreihenanalytische Ansatz Schw\u00e4chen. Eine trennscharfe Unterscheidung von Zyklus und Trend ist schwierig. Insbesondere am aktuellen Rand k\u00f6nnen neue Werte das Bild deutlich ver\u00e4ndern, und im gegebenen Fall bestimmt der gegenw\u00e4rtige Konjunkturaufschwung das Bild. Aussagen \u00fcber den momentanen Trend werden erst in mehreren Jahren m\u00f6glich sein. Eine datengest\u00fctzte Identifizierung einer m\u00f6glichen Ver\u00e4nderung der Potenzialwachstumsrate nach 2002 oder um 2007 ist momentan also mit Vorsicht zu geniessen.Sowohl die Sch\u00e4tzung einer Produktionsfunktion als auch der zeitreihenanalytische Ansatz zeigen offenkundig Schwierigkeiten, die Potenzialwachstumsrate mit hinreichender Genauigkeit zu bestimmen. Die beiden Ans\u00e4tze kommen in unserem Fall sogar zu leicht unterschiedlichen Einsch\u00e4tzungen. Von verschiedenen \u00d6konomen wird denn auch die Ansicht vertreten, dass die Potenzialwachstumsrate tats\u00e4chlich ein wichtiges theoretisches Konzept darstellt, der praktische Nutzen aber stark eingeschr\u00e4nkt ist. Das Problem wird dabei noch durch die Beobachtung versch\u00e4rft, dass die g\u00e4ngigen Berechnungsverfahren eine zumeist starke Randwertinstabilit\u00e4t aufweisen. Das bedeutet, dass die Berechnung revidiert werden muss, sobald neue Beobachtungspunkte hinzukommen oder bereits ver\u00f6ffentlichte Daten revidiert werden. Die Berechnungen werden dabei umso verl\u00e4sslicher, je weiter ein Punkt in die Vergangenheit wandert. Die Probleme bei der Sch\u00e4tzung der Potenzialwachstumsrate sind am aktuellen Rand besonders gravierend.Der empirische Befund zur Potenzialwachstumsrate ist demnach mit Vorsicht zu interpretieren und sollte durch theoretische \u00dcberlegungen erg\u00e4nzt werden. Ein theoretisch eindeutiges Ergebnis ist, dass die Auswirkungen der Bilateralen auf die Potenzialwachstumsrate ceteris paribus solange positiv sind, wie die Abkommen die Wachstumsrate der totalen Faktorproduktivit\u00e4t erh\u00f6hen. In diesem Fall erh\u00f6hen sich sowohl die Potenzialwachstumsrate als auch die Wachstumsrate des Potenzialoutputs pro Kopf. Bei einem zus\u00e4tzlichen Wachstum, dass auf einem blossen Mehreinsatz von Produktionsfaktoren beruht, erh\u00f6ht sich das Potenzial-BIP. F\u00fcr das Potenzial pro Kopf h\u00e4ngen die Auswirkungen von den Umst\u00e4nden ab und k\u00f6nnen negativ, neutral oder positiv sein. Tendenziell positiv d\u00fcrfte sich ein beschleunigtes Faktorwachstum auswirken, wenn hiervon positive Spill-over-Effekte auf die Wachstumsrate der totalen Faktorproduktivit\u00e4t ausgehen und tendenziell negativ, wenn die Spill-over-Effekte negativer Natur sind. Wenn die Wachstumsraten der Faktorinputs dauerhaft und gleichermassen positiv betroffen sind, resultiert eine Zunahme der Potenzialwachstumsrate des BIP, nicht aber des Pro-Kopf-Einkommens, und die Verteilung bleibt unver\u00e4ndert. Da letzteres eher unwahrscheinlich ist, ist realistischerweise mit einer Ver\u00e4nderung der relativen Faktorpreise zu rechnen. Bei sorgf\u00e4ltiger Betrachtung der verschiedenen theoretischen Argumente ist kaum davon auszugehen, dass die bilateralen Abkommen die Potenzialwachstumsrate des Schweizer BIP vermindert haben. Wenn gesamthaft \u00fcberhaupt ein Effekt resultiert, d\u00fcrfte er angesichts der momentan zu beobachtenden Zuwanderung hochqualifizierter Arbeitskr\u00e4fte tendenziell in eine positive Richtung gehen. Inwieweit ein positiver Effekt auf die Potenzialwachstumsrate des BIP bei verst\u00e4rkter Zuwanderung ausreicht, auch eine Erh\u00f6hung der Potenzialwachstumsrate des BIP pro Kopf zu gew\u00e4hrleisten, ist jedoch nicht klar.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abWachstumsrate des Schweizer Potenzialoutputs gemessen mit einer Cobb-DouglasProduktionsfunktion, 1995\u20132009\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abEntwicklung der Potenzialwachstumsrate der Schweiz gemessen mit Hilfe des HP-Filters, 1. Q. 1985\u20131. Q. 2012\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Fazit&#13;<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2212 Seit Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit hat sich das Wachstum des Potenzialoutputs in der Schweiz erh\u00f6ht. Die Wachstumsschw\u00e4che der 1990er-Jahre hat die Schweiz seit l\u00e4ngerer Zeit \u00fcberwunden. Die wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit der Volkswirtschaft hat dementsprechend zugenommen. \u2212 Die starke Zuwanderung seit Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit hat nicht zu einer Reduktion der potenziellen Wachstumsrate pro Kopf der Bev\u00f6lkerung gef\u00fchrt. Die Mengenausdehnung hat demnach nicht auf Kosten der inl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung stattgefunden. \u2212 Seit der Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit hat sich das Verh\u00e4ltnis von qualifizierten zu unqualifizierten Immigranten stark zugunsten der Qualifizierten verschoben. Dieser Sachverhalt wirkt sich positiv auf die Wachstumsrate des Potenzialoutputs aus. \u2212 Die empirischen Befunde sind derzeit aber noch zu wenig aussagekr\u00e4ftig, als dass klare Aussagen \u00fcber die k\u00fcnftige Entwicklung des Potenzialoutputs pro Kopf der Bev\u00f6lkerung m\u00f6glich sind. Ob in Zukunft der Potenzialoutput pro Kopf st\u00e4rker oder schw\u00e4cher wachsen wird, h\u00e4ngt entscheidend vom Qualifikationsniveau der Zuwanderer ab. Ist die Schweiz in der Lage, weiterhin hochqualifizierte Personen anzuziehen, besteht die Chance, dass die Wachstumsraten hoch bleiben.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Freiz\u00fcgigkeitsabkommen ist mitverantwortlich daf\u00fcr, dass die Schweizer Wirtschaft in den letzten Jahren im historischen und internationalen Vergleich hohe Wachstumsraten vorweisen konnte. Wir argumentieren, dass man nicht automatisch davon ausgehen darf, dass die Schweiz dadurch auch langfristig h\u00f6here Wachstumsraten pro Kopf der Bev\u00f6lkerung vorweisen wird. 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