{"id":120605,"date":"2011-06-01T12:00:00","date_gmt":"2011-06-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/06\/mueller-8\/"},"modified":"2023-08-23T23:31:03","modified_gmt":"2023-08-23T21:31:03","slug":"mueller-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/06\/mueller-7\/","title":{"rendered":"Wie das Potenzialwachstum berechnen?"},"content":{"rendered":"<p>Das Thema Potenzialwachstum ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend komplexer geworden. In einer geschlossenen Volkswirtschaft vom Solow-Typ wurde das Potenzialwachstum, welches gleichzeitig auch das Trendwachstum darstellte, durch die tr\u00e4ge nat\u00fcrliche Demografie und den exogenen technischen Fortschritt bestimmt. Vieles wird heute aber durch Gesellschaft und Politik veranlasst: Je nach Immigrations-, Bildungs- und Forschungspolitik, aber auch je nach Branchenportefeuille ergeben sich unterschiedliche Potenzialpfade. Entsprechend stellt sich die Frage: Was ist ein politisch und wirtschaftlich nachhaltiges BIP-Wachstum?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHeutzutage ist es wohl unbestritten, dass der Schweizer Arbeitsmarkt prim\u00e4r durch Wanderungen bestimmt wird und dass der technische Fortschritt \u2013 soweit dieser Terminus in einer allm\u00e4hlich postindustrialisierten Wirtschaft noch ad\u00e4quat \u2013 <i>endogen<\/i> ist. Damit wird das Potenzialwachstum schwer fassbar, weil technisch gesehen eine Vielzahl verschiedener Potenzialwachstumspfade m\u00f6glich ist. Vor diesem Hintergrund erscheint es zweckm\u00e4ssig, die Schar der technisch m\u00f6glichen Potenzialpfade auf diejenigen (oder denjenigen) einzuschr\u00e4nken, die auch gesellschaftspolitisch, finanzpolitisch und \u00f6kologisch akzeptabel sind. W\u00e4hrend in vielen anderen L\u00e4ndern die l\u00e4dierten Staatsfinanzen die Bildungs- und Forschungsm\u00f6glichkeiten restringieren, bildet in der Schweiz die Ausl\u00e4nderpolitik die <i>Pi\u00e8ce de R\u00e9sistance<\/i>.&#13;<\/p>\n<h2>Potenzialwachstum und Langfristprognose identisch?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDiese \u00dcberlegungen zeigen aber auch, dass Potenzialwachstum und Langfristprognosen eng verwandt sind. Sofern der Startpunkt einer Langfristperiode nicht eine konjunkturelle Extremsituation darstellt, also eine starke Rezession wie 2009 oder eine \u00dcberhitzung wie 2007, braucht es gute Gr\u00fcnde, weshalb die Langfristprognose vom Potenzialwachstum abweichen sollte. So macht sich auch <i>BAK Basel Economics<\/i> regelm\u00e4ssig Gedanken zur l\u00e4ngerfristigen Entwicklung: 2010 ist diesbez\u00fcglich nahe an einem Normaljahr, so dass die beiden Gr\u00f6ssen in etwa identisch sind. Zur numerischen Beurteilung der Phase 2000-2010 ist eine tautologische Zerlegung des Bruttoinlandprodukts (BIP) zweckm\u00e4ssig:BIP = BIP\/Besch\u00e4ftigung * Besch\u00e4ftigung\/Bev\u00f6lkerung * Bev\u00f6lkerungDemnach setzt sich das BIP aus der Arbeitsproduktivit\u00e4t, der Partizipationsrate und der Bev\u00f6lkerung zusammen. Grafik 1 zeigt, dass das Wachstum der Dekade 2000-2010 in der Schweiz von durchschnittlich 1,7% zur H\u00e4lfte vom Bev\u00f6lkerungswachstum (POP) getragen wurde. Dieses ist grossteils auf die starke Immigration der Jahre 2004-2008 in die Schweiz zur\u00fcckzuf\u00fchren. Demgegen\u00fcber hat das Produktivit\u00e4tswachstum (X\/N) nur einen Drittel zum BIP-Wachstum beigetragen, die Partizipationsrate (N\/POP) gar nur unbedeutend. In der Eurozone waren alle drei Komponenten etwas geringer, insbesondere aber der Beitrag des Bev\u00f6lkerungswachstums, so dass die Eurozone in dieser Dekade nur ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 1,1% erreichte.F\u00fcr die Periode 2010\u20132020 liegt das Potenzialwachstum der Schweiz mit gesch\u00e4tzten 1,9% pro Jahr leicht h\u00f6her als in der vergangenen Dekade. Dies liegt insbesondere daran, dass f\u00fcr diese Periode keine Rezessionen \u201eeingeplant\u201c sind. Da Rezessionen Produktivit\u00e4tsvernichter sind, liefert das erwartete Produktivit\u00e4tswachstum mit einem Wert von 1,5% den gr\u00f6ssten Beitrag zum Potenzialwachstum. Die Partizipationsrate wird aufgrund der anhaltenden \u00dcberalterung leicht sinken, die Bev\u00f6lkerung weiter ansteigen, wenn auch ein wenig langsamer als in den letzten Jahren.Die gr\u00f6ssten Unsicherheiten liegen in unterschiedlichen Immigrationszahlen. Auch extreme Entwicklungen des Wertes des Schweizer Frankens k\u00f6nnen \u00fcber unterschiedliche Investitionspfade zu unterschiedlichen Potenzialpfaden f\u00fchren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abWachstumszerlegung\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Thema Potenzialwachstum ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend komplexer geworden. In einer geschlossenen Volkswirtschaft vom Solow-Typ wurde das Potenzialwachstum, welches gleichzeitig auch das Trendwachstum darstellte, durch die tr\u00e4ge nat\u00fcrliche Demografie und den exogenen technischen Fortschritt bestimmt. 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