{"id":120620,"date":"2011-06-01T12:00:00","date_gmt":"2011-06-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/06\/surchat-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:31:08","modified_gmt":"2023-08-23T21:31:08","slug":"surchat-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/06\/surchat-5\/","title":{"rendered":"Langfristige Szenarien f\u00fcr das BIP der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Szenarien zum langfristigen Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz sind f\u00fcr verschiedenste staatliche Stellen von Interesse, zum Beispiel wenn sie die Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen beurteilen, \u00f6ffentliche Infrastrukturprojekte planen, das Umweltbudget festlegen oder die gesamtwirtschaftliche Finanzstabilit\u00e4t analysieren wollen. Der vorliegende Artikel untersucht, wie zuverl\u00e4ssig diese Wirtschaftsszenarien sind, unter anderem diejenigen f\u00fcr die Schweiz.&#13;<\/p>\n<h2>Wirtschaftsgeschichte und -theorie<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr eine treffende Einsch\u00e4tzung der Zukunft bedarf es einem guten Verst\u00e4ndnis der Vergangenheit. Erleichtert wird dies dadurch, dass Wirtschaftsgeschichte und -theorie enorme Fortschritte erzielt haben, unter anderem mit den Pionierarbeiten der Professoren <i>Angus Maddison<\/i> und <i>Robert Barro.<\/i> Datenreihen zum Pro-Kopf-BIP in Kaufkraftparit\u00e4ten sind auf dem Internet abrufbar; aus einigen aussagekr\u00e4ftigen Werten lassen sich ein paar einfache Schl\u00fcsse ziehen:1. Bei den meisten L\u00e4ndern sind <i>langfristige Trends<\/i> sichtbar. Dies gilt v.a. f\u00fcr die USA, die sich nachhaltig von der Grossen Depression und vom Zweiten Weltkrieg erholt haben. In Deutschland und Japan setzte nach dem Zweiten Weltkrieg, der abgesehen vom Humankapital fast alles zerst\u00f6rt hatte, sehr schnell ein Aufschwung ein (vgl. <i>Grafik 1<\/i>).2. <i>Trendwenden<\/i> sind auch auszumachen. Klar zu erkennen sind Auswirkungen der Wirtschaftsreformen in China, Indien und Chile, ebenso das \u00abverlorene Jahrzehnt\u00bb Brasiliens ab 1980 und die ausgepr\u00e4gte Verlangsamung in Japan seit 1990 (vgl. <i>Grafik 2<\/i>).3. <i>Ver\u00e4nderung der wirtschaftlichen Stellung<\/i> im Laufe der Zeit. Grossbritannien lag bis in die 1930er-Jahre deutlich an der Spitze. Die Schweiz hat sich nie von der Erd\u00f6lkrise erholt, deren Folgen durch einen starken Schweizer Franken, eine kontrollierte Einwanderung und eine beschr\u00e4nkte wirtschaftliche Integration verst\u00e4rkt wurden. Der relative Wohlstand Norwegens hingegen hat seit der Unabh\u00e4ngigkeit im Jahr 1905 stetig zugenommen.4. Die am wenigsten entwickelten L\u00e4nder k\u00f6nnen spektakul\u00e4re Wachstumsraten erreichen, bis sie zur Gruppe der am weitesten fortgeschrittenen L\u00e4nder aufschliessen.Wer sich mit langfristigem Wachstum besch\u00e4ftigt, muss folgende Aspekte verstehen:\u2212 Konvergenztrends;\u2212 Gr\u00fcnde f\u00fcr Trendwenden;\u2212 Beitrag des globalen technologischen Fortschritts auf das Wachstum.&#13;<br \/>\nDieser Punkt wird hier nicht besprochen, da die Schweiz diesen Wachstumsaspekt kaum beeinflussen kann. Dieser wird somit als exogener Faktor betrachtet, der vermutlich stark von der Entwicklung in den USA abh\u00e4ngt.Der <i>Konvergenzeffekt<\/i> hat sich in mehreren Studien als nicht sehr ausgepr\u00e4gt erwiesen. Entscheidend ist, ob ein Schwellenland gewillt ist, sich zu entwickeln und die langfristig dazu geeignete Politik zu verfolgen. Beispiele daf\u00fcr aus der Vergangenheit gibt es genug: Je \u00e4rmer ein Land, desto gr\u00f6sser ist etwa die Wahrscheinlichkeit, dass die Entscheidungstr\u00e4ger entschlossen sind, eine echte Wachstumspolitik zu erarbeiten, da f\u00fcr sie angesichts der Globalisierung und des Fortschritts in den Nachbarl\u00e4ndern h\u00e4ufig das Fortbestehen ihres Regimes auf dem Spiel steht. Da die Schweiz zu den reifsten Volkswirtschaften geh\u00f6rt, ist der Konvergenztrend hier nicht ausgepr\u00e4gt, weshalb er ausgeklammert wird.&#13;<br \/>\nDer Konvergenztrend ist aber auch in der Schweiz nicht inexistent: 1996, nach unserem eigenen \u00abverlorenen Jahrzehnt\u00bb, lancierten Bundesrat und Parlament eine Wachstumspolitik, die sich als erfolgreich erwies. Umgekehrt war 2010, nachdem die Schweiz die j\u00fcngste Krise bemerkenswert gut \u00fcberstanden hatte, keine politische Bereitschaft f\u00fcr Wirtschaftsreformen mehr zu erkennen. Das Seco erwartet, dass das strukturelle Wirtschaftswachstum darunter leiden und sich verlangsamen wird.Interessanter sind hingegen <i>Trendwenden<\/i>, auch f\u00fcr die fortgeschrittensten L\u00e4nder. H\u00e4ufig sind sie die Folge einer grundlegenden Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik. Es ist nicht nur aus wirtschaftspolitischer Sicht wichtig, die Gr\u00fcnde f\u00fcr solche Trendwenden zu verstehen, sondern auch um abzusch\u00e4tzen, wie robust bestimmte langfristige Szenarien sind. Wenn ausschliesslich \u00f6konometrische Modelle verwendet werden, sind die Unsicherheiten im Randbereich besonders gross. Es ist also schwierig bis unm\u00f6glich, vorherzusehen, ob es mit dem letzten Konjunkturzyklus zu einem strukturellen Bruch kam oder nicht. Zuverl\u00e4ssige Hypothesen lassen sich nur im Rahmen einer individuellen Fallanalyse aufstellen.&#13;<\/p>\n<h2>Faktoren des strukturellen Wachstums<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZur Beschreibung des langfristigen Wirtschaftswachstums werden haupts\u00e4chlich zwei Methoden verwendet:1. <i>Wachstumsbuchhaltung<\/i>&#13;<br \/>\nDie SNB verf\u00fcgt \u00fcber ein solches Modell.<i>:<\/i> Sie geht von einer Produktionsfunktion aus; basiert damit auf soliden theoretischen Grundlagen; erfordert aber eine hervorragende Datenqualit\u00e4t, die h\u00e4ufig nicht gegeben ist.2. <i>Wachstumsregressionen:<\/i> Hier k\u00f6nnen alle Arten von Daten genutzt werden; es besteht aber kein gesicherter Kausalzusammenhang zwischen Wirtschaftspolitik und strukturellem Wachstum. Zur Kompensierung dieses Mangels muss ein breites Spektrum von Modellen einbezogen werden.&#13;<br \/>\nBis zu mehreren Millionen, siehe Referenzartikel von Sala-i-Martin (1997). Nur so ist gew\u00e4hrleistet, dass die resultierenden Empfehlungen robust sind, nicht nur was L\u00e4nder und Stichprobe betrifft, sondern auch die Modellierung.Die Ergebnisse in der Literatur legen nahe, dass es f\u00fcr treffende langfristige Wachstumsprognosen kein Patentrezept gibt. Hingegen wurde gezeigt, dass in einem Modell fast immer ein komplexes Set von <i>mindestens f\u00fcnf Wachstumsfaktoren<\/i>&#13;<br \/>\nDieser Befund best\u00e4tigt auch, dass die Wachstumspolitik an mehreren Fronten reagieren muss, um erfolgreich zu sein. einbezogen werden muss. Diese k\u00f6nnen zum Beispiel aus der Liste der \u00abwachstumspolitischen Herausforderungen\u00bb gew\u00e4hlt werden, die das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) verwendet:1. <i>Globalisierung:<\/i> Die wirtschaftliche \u00d6ffnung ist f\u00fcr die meisten L\u00e4nder der Antriebsmotor f\u00fcr wachstumsf\u00f6rdernde Wirtschaftsreformen. F\u00fcr die Schweiz wird die Liberalisierung des internationalen Dienstleistungsverkehrs immer wichtiger.2. <i>Mobilisierung des Faktors Arbeit:<\/i> In diesem Bereich d\u00fcrfte jedes Land eigene Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen haben (dualer Arbeitsmarkt, Flexibilit\u00e4t, Jugendarbeitslosigkeit, Anreize der Sozialversicherungen usw.). F\u00fcr die Schweiz sind demografische Alterung und Integration der Migrantenbev\u00f6lkerung die beiden Hauptfaktoren.3. <i>Wissensgesellschaft:<\/i> Rascher technologischer Fortschritt weltweit erfordert von einzelnen L\u00e4ndern gen\u00fcgend Kapazit\u00e4ten, um neues Know-how zu nutzen. Die Schweiz kann sich zur L\u00f6sung dieses Problems nicht auf den freien Personenverkehr verlassen, sondern muss immer gr\u00f6ssere eigene Investitionen ins Humankapital t\u00e4tigen. Mit geeigneten Rahmenbedingungen h\u00e4tten diese einen positiven Einfluss auf die Innovationskapazit\u00e4t.4. <i>Mobilisierung des Faktors Kapital:<\/i> Betrifft vor allem Schwellenl\u00e4nder (z.B. Problematik des Eigentumsrechts). In der Schweiz scheint der Immobilienmarkt im internationalen Vergleich sehr starr; er reagiert nur schwach auf Marktsignale.5. <i>Marktordnung:<\/i> In den entwickelten L\u00e4ndern sind liberalisierte, flexible M\u00e4rkte die wichtigsten Wachstumsfaktoren f\u00fcr die Produktivit\u00e4t. In der Schweiz fehlt es nicht an Potenzial f\u00fcr weitere Reformen. Der Schwerpunkt k\u00f6nnte in den n\u00e4chsten Jahren auf die \u00f6ffentliche Infrastruktur gelegt werden.6. <i>Governance in \u00f6ffentlichen und privaten Institutionen:<\/i> Qualit\u00e4t der staatlichen Institutionen ist zentral f\u00fcr die Nachhaltigkeit des wirtschaftlichen Erfolgs, was die j\u00fcngste Finanzkrise erneut best\u00e4tigt hat. In der Schweiz m\u00fcssen makroprudenzielle Governance-Strukturen geschaffen werden, etwa f\u00fcr die \u00abToo big to fail\u00bb-Problematik. 7. <i>Gesamtwirtschaftliche Stabilit\u00e4t:<\/i> Dieser Aspekt ist nicht nur in vielen Entwicklungsl\u00e4ndern nach wie vor problematisch. Um Stabilit\u00e4t zu gew\u00e4hrleisten, m\u00fcssen namentlich die potenziell destabilisierenden weltweiten Ungleichgewichte unter Kontrolle gebracht werden (z.B. die \u00fcberm\u00e4ssige Staatsverschuldung). F\u00fcr die Schweiz \u00e4ussern sich diese in Form eines starken Frankens und immer h\u00e4ufigeren Kapitalsperren im Ausland.8. <i>Bew\u00e4ltigung umweltspezifischer Einschr\u00e4nkungen:<\/i> Die lokale Umwelt und die Ausbeutung der nat\u00fcrlichen Ressourcen bleiben in vielen L\u00e4ndern die gr\u00f6sste Herausforderung. F\u00fcr die Schweiz liegt sie in der Abkopplung der Treibhausgasemissionen vom Wachstum. Dies betrifft unter anderem die Bereiche Energieproduktion und Mobilit\u00e4t.Wird ein Einbruch beim strukturellen Wachstum beobachtet, vermutet oder bef\u00fcrchtet, ist der Grund daf\u00fcr in dieser Liste zu finden. Beispielsweise bestand die Gefahr, dass die Finanzkrise die strukturellen Wachstumsquoten der einzelnen L\u00e4nder beeintr\u00e4chtigt. Um dies zu vermeiden, hat sich die Wirtschaftspolitik sehr schnell auf die Mobilisierung des Faktors Kapital und auf die Governance und die wirtschaftliche \u00d6ffnung konzentriert.Dabei wurde sehr klar kommuniziert, dass eine R\u00fcckkehr zu protektionistischen Massnahmen vermieden werden muss. Auch wenn sich in diesem Punkt nicht alle Staaten vorbildlich verhalten haben und die Doha-Runde scheitern k\u00f6nnte, war insgesamt keine Protektionswelle zu beobachten. Das massive Hilfspaket der G20 zur Finanzierung des Welthandels wiederum war vermutlich eine der besten Investitionen in die Krisenbew\u00e4ltigung. Heute ist festzustellen, dass sich die Globalisierung rasch weiter fortsetzt.Beim Faktor Kapital waren viele L\u00e4nder nicht betroffen. Dies gilt besonders f\u00fcr die Schwellenl\u00e4nder, die kaum von internationalen Finanzierungen abh\u00e4ngig sind, sondern \u00fcber gen\u00fcgend Sparkapital im Land verf\u00fcgen. In den entwickelten L\u00e4ndern wurden die Investitionen bis 2010 ged\u00e4mpft, w\u00e4hrend die \u00f6ffentliche Verschuldung vielerorts ein nicht tragbares Ausmass erreichte. Entsprechend bestanden grosse Unsicherheiten bez\u00fcglich dem strukturellen Wachstum. 2011 sind jedoch ermutigende Signale auszumachen, die darauf hoffen lassen, dass sich die Krise nicht gravierend auf die Akkumulation des Faktors Kapitals auswirken wird, falls stark betroffene L\u00e4nder einen glaubw\u00fcrdigen Sanierungsplan f\u00fcr ihren Staatshaushalt vorlegen werden. Das Problem der Governance besteht noch; es d\u00fcrfte jedoch demn\u00e4chst gel\u00f6st werden. Weil der Wille zur Bew\u00e4ltigung dieser Problematik vorhanden scheint und keine Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass die Krise bei den \u00fcbrigen Wachstumsfaktoren eine Trendwende herbeigef\u00fchrt hat, ist eine gewisse Zuversicht am Platz. Die Krise war zweifellos eine Bew\u00e4hrungsprobe; sie d\u00fcrfte jedoch die strukturelle Wachstumsquote der meisten L\u00e4nder nicht nachhaltig beeintr\u00e4chtigen. Diese Meinung vertritt auch die OECD; und die aktuellsten \u00f6konometrischen Sch\u00e4tzungen \u2013 die allerdings noch nicht signifikant sind \u2013 schliessen eine R\u00fcckkehr zu einem strukturellen Wachstum wie vor der Krise nicht aus.&#13;<\/p>\n<h2>Der Fall Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Seco bezieht die obigen \u00dcberlegungen ein, wenn es in vier Schritten Szenarien zum langfristigen BIP-Wachstum der Schweiz erstellt:<i>Erstens<\/i> hat das Seco aufgrund der Qualit\u00e4t der aktuell verf\u00fcgbaren Datenreihen und der Schwierigkeit, eine zuverl\u00e4ssige Wachstumsbuchhaltung zu erstellen, das einfachste Wachstumsmodell verwendet. Gem\u00e4ss diesem Ansatz entspricht das strukturelle BIP-Wachstum dem Wachstum der Vollzeit\u00e4quivalente in den Bev\u00f6lkerungsszenarien des Bundesamts f\u00fcr Statistik (BFS) zuz\u00fcglich einer Sch\u00e4tzung zum strukturellen Produktivit\u00e4tswachstum.<i>Zweitens<\/i> wurde das Wachstum der strukturellen Produktivit\u00e4t in Vollzeit\u00e4quivalenten auf 0,9% gesch\u00e4tzt. Die Robustheit dieser Sch\u00e4tzung wurde durch eine Reihe verschiedenster \u00f6konometrischer Tests best\u00e4tigt (Austausch der Stichprobe, Bottom-up-Ansatz ausgehend von den Wirtschaftszweigen, Verwendung des Kapitalstocks usw.). Es handelt sich dabei um eine schweizerische Eigenheit, da dieser Parameter in den \u00fcbrigen L\u00e4ndern langfristig am schwierigsten vorherzusehen ist. Eine \u00e4hnliche Strukturanalyse wie im vorangehenden Abschnitt zeigt, dass es unwahrscheinlich ist, dass sich der Wert von 0,9% pro Jahr im laufenden Zyklus oder danach ver\u00e4ndert. Mehrere Anhaltspunkte weisen auf eine m\u00f6gliche Abschw\u00e4chung hin. Dieser Wert ist somit als eher optimistisch zu betrachten; er bleibt aber innerhalb der Fehlermarge der meisten Sch\u00e4tzungen.<i>Drittens<\/i> f\u00fcr die Vollzeit\u00e4quivalente k\u00f6nnen mehrere Szenarien formuliert werden. W\u00e4hrend in anderen L\u00e4ndern Datenreihen \u00fcber demographische Trends langfristig am zuverl\u00e4ssigsten sind, weil sie von den relativ gut vorhersehbaren Geburten- und Sterbeziffern abh\u00e4ngen, ist in der Schweiz aufgrund der schwankenden Immigration das Gegenteil der Fall. Im Bev\u00f6lkerungsszenario \u00abTrend\u00bb vom Juni 2010 wurde die Nettomigration ab 2030 auf rund 1,5% pro Jahr veranschlagt. Dies entspricht dem Durchschnitt der vorangehenden Jahrzehnte, da davon ausgegangen wird, dass der freie Personenverkehr langsam an Einfluss verliert. Das Seco stimmt mit dieser Hypothese \u00fcberein, da bis 2009 die Einwanderung wahrscheinlich mit der Konjunktur und einem vor\u00fcbergehenden Sondereffekt durch den freien Personenverkehr zu erkl\u00e4ren ist. Wenn man die Wachstumsquote f\u00fcr die Vollzeit\u00e4quivalente des Arbeitsangebots aus dem Bev\u00f6lkerungsszenario \u00abTrend\u00bb des BFS verwendet und von einem strukturellen Produktivit\u00e4tswachstum von 0,9% ausgeht, resultiert die in <i>Grafik 3<\/i> dargestellte BIP-Wachstumsrate. Nach der letzten Krise (2010) ist die Instabilit\u00e4t im Randbereich der Prognosen zur Nettomigration deutlich angestiegen, was f\u00fcr die Schweiz nicht ungew\u00f6hnlich ist. Diesmal l\u00e4sst sich mit einer strukturellen Analyse nicht mehr ausschliessen, dass infolge der Probleme in der Eurozone weitere Migrationswellen auftreten werden. Somit sind andere Wachstumsszenarien mit einem langfristig anhaltenden Bev\u00f6lkerungswachstum denkbar. <i>Grafik 4<\/i> zeigt drei M\u00f6glichkeiten:\u2212 Das Szenario \u00abTrend\u00bb des BFS liegt sehr nahe bei einem Modell, in dem der Einfluss des freien Personenverkehrs ab 2011 seine Wirkungen einb\u00fcsst.\u2212 Falls der freie Personenverkehr einen dauerhaften Einfluss hat, wird der Migrationssaldo hoch bleiben. Die Bev\u00f6lkerung w\u00fcrde, wie im BFS-Szenario dargestellt, durch eine sehr starken Migration gepr\u00e4gt sein.\u2212 Die Krise in der Eurozone verl\u00e4ngert den Effekt des freien Personenverkehrs f\u00fcr einige Jahre. Dieser wird sich aber bis 2022 schrittweise abschw\u00e4chen, wenn die Herkunftsl\u00e4nder der Migranten ihre wirtschaftliche Dynamik wiedergefunden (Deutschland) oder ihre derzeitigen Schwierigkeiten schrittweise \u00fcberwunden haben werden (L\u00e4nder S\u00fcdeuropas).&#13;<br \/>\nDieses letzte Szenario basiert insgesamt auf einem j\u00e4hrlich um mindestens 0,2% h\u00f6heren langfristigen strukturellen Bev\u00f6lkerungswachstum f\u00fcr das n\u00e4chste Jahrzehnt. Obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist dieser Effekt nicht unbedeutend, h\u00e4tte er doch Auswirkungen auf die Finanzierung der Sozialversicherungen und der \u00f6ffentlichen Infrastruktur.<i>Viertens<\/i> werden die verketteten Reihen zu den strukturellen BIP-Wachstumsquoten mit einer Sch\u00e4tzung zum potenziellen BIP kombiniert. Dabei wurde eine \u00e4hnliche Methode verwendet wie f\u00fcr die Schuldenbremse.&#13;<\/p>\n<h2>Schlussfolgerung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBei den \u00f6konometrischen Theorien und Sch\u00e4tzungen zur Erkl\u00e4rung der beobachteten strukturellen Wachstumswerte wurden in den vergangenen zwanzig Jahren grosse Fortschritte erzielt. Trotzdem sind sie nicht zuverl\u00e4ssig, weil der Randbereich bei langfristigen Wachstumsszenarien noch immer instabil ist. Eine Analyse des strukturellen Aspekts der Konjunkturzyklen l\u00f6st das Problem nur teilweise.In der Schweiz ist das strukturelle Wachstum der Arbeitsproduktivit\u00e4t sehr robust, selbst nach der letzten Krise. Es bleibt jedoch im internationalen Vergleich auch nach der Krise sehr niedrig; und f\u00fcr die Zukunft spricht ebenfalls nichts f\u00fcr eine optimistischere Einsch\u00e4tzung. Sehr schwierig ist hingegen die strukturelle Komponente der Nettomigration zu sch\u00e4tzen. Wenn die Bundes\u00e4mter Annahmen zum langfristigen BIP-Wachstum treffen, sollten sie deshalb noch andere Szenarien als das Modell \u00abTrend\u00bb betrachten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abEntwicklung des Pro-Kopf-BIP, im Logarithmus, 1900-2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abEntwicklung des Pro-Kopf-BIP, im Logarithmus, 1900-2008\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3: \u00abEntwicklung des strukturellen BIP-Wachstums der Schweiz gem\u00e4ss Szenario \u00abTrend\u00bb des Seco, in&nbsp;% pro Jahr, 2010-2030\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 4: \u00abEntwicklung des Migrationssaldos gem\u00e4ss verschiedenen Szenarien, in&nbsp;% der Erwerbsbev\u00f6lkerung, in Vollzeit\u00e4quivalenten, 1981-2020\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Szenarien zum langfristigen Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz sind f\u00fcr verschiedenste staatliche Stellen von Interesse, zum Beispiel wenn sie die Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen beurteilen, \u00f6ffentliche Infrastrukturprojekte planen, das Umweltbudget festlegen oder die gesamtwirtschaftliche Finanzstabilit\u00e4t analysieren wollen. 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