{"id":120695,"date":"2011-05-01T12:00:00","date_gmt":"2011-05-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/05\/mueller-jentsch-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:31:29","modified_gmt":"2023-08-23T21:31:29","slug":"mueller-jentsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/05\/mueller-jentsch\/","title":{"rendered":"Metropolregionen und potenzialarme R\u00e4ume: Die beiden Pole der regionalen Wirtschaftsentwicklung"},"content":{"rendered":"<p>Obwohl die Schweiz im internationalen Vergleich relativ geringe Disparit\u00e4ten bei der wirtschaftlichen Entwicklung aufweist, sind die Unterschiede zwischen den Regionen teilweise enorm. Am einen Ende des Spektrums befinden sich die Metropolregionen, in denen das Gros der nationalen Wertsch\u00f6pfung erbracht wird. Dort bedarf es keiner regionalspezifischen Wirtschaftsf\u00f6rderung. Am anderen Ende des Spektrums liegen die potenzialarmen R\u00e4ume des Berggebiets, in denen klassische Strukturpolitik h\u00e4ufig nicht mehr greift und es eher um die Steuerung von Schrumpfungsprozessen geht.&#13;<\/p>\n<h2>Metropolregionen als Wachstumspole<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBereits 2005 hatte Avenir Suisse im Buch \u00abBaustelle F\u00f6deralismus\u00bb die Bedeutung der Metropolitanregionen analysiert. Eine neue Auswertung von BAK Basel Economics (BAK Basel) im Auftrag von Avenir Suisse zeigt, dass diese Bedeutung seitdem weiter zugenommen hat (siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Datengrundlage zu Metropolregionen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<i>Die Daten zu BIP, Erwerbst\u00e4tigen und Einwohnern der Metropolregionen wurde vom Beratungsunternehmen BAK Basel Economics (BAK Basel) aufbereitet. Die Perimeter der Metropolregionen \u2013 teils auch \u00abMetropolitanregionen\u00bb genannt \u2013 sind jene, die das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) auf Basis verschiedener Indikatoren (z.B. Pendlerdaten) ermittelt hat. Die Berechnung der regionalen BIP-Zahlen erfolgte auf Basis eines BAK-Modells zum Schweizer BIP, das eine gemeindescharfe Analyse erm\u00f6glicht. W\u00e4hrend diese Daten meist f\u00fcr Kantonsvergleiche genutzt werden, wurden sie in diesem Fall f\u00fcr die vom BFS definierten Metropolregionen ausgewertet.<\/i>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n). In den vier grossen Metropolregionen werden auf nur 10% der Landesfl\u00e4che nahezu zwei Drittel (59%) des Schweizer Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaftet. Die mit Abstand bedeutendste Metropolregion ist Z\u00fcrich, mit einem Anteil von knapp einem Drittel (29%) an der nationalen Wertsch\u00f6pfung. Es folgen die Metropolregion Genf-Lausanne mit 14% und Basel mit 10%. Somit wird alleine in den drei grossen Metropolregionen Z\u00fcrich, Arc L\u00e9manique und Basel auf kleinstem Raum die H\u00e4lfte des Nationaleinkommens generiert. In deutlicher Distanz zu dieser Spitzengruppe findet sich die viertgr\u00f6sste Metropolregion Bern, mit lediglich einem Zwanzigstel des schweizerischen BIPs (vgl. <i>Grafik 2<\/i>).Lugano-Locarno-Bellinzona wird vom Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) als 5. Metropolregion ausgewiesen. Bei diesem Gebiet handelt es sich aus nationaler Perspektive jedoch um eine gr\u00f6ssere Agglomeration als um eine Metropolregion. Sein BIP-Anteil ist nochmals deutlich kleiner als das der Region Bern und daher nicht Bestandteil dieses Vergleichs.Eine noch st\u00e4rkere regionale Konzentration ergibt sich bei der Verteilung der <i>Headquarters<\/i> der 150 gr\u00f6ssten Unternehmen der Schweiz, die Avenir Suisse auf Basis der von der Handelszeitung publizierten Liste \u00abTop 2010 \u2013 Die gr\u00f6ssten Unternehmen der Schweiz\u00bb untersucht hat. Dabei zeigte sich eine noch st\u00e4rkere Dominanz der Metropolregion Z\u00fcrich mit 43%, gefolgt vom Arc L\u00e9manique und Basel (je 13%) und Bern (7%). In den vier Stadtregionen sind somit gut drei Viertel (76%) der wichtigsten Unternehmenszentralen des Landes angesiedelt (siehe <i>Grafik 1<\/i>).Auch beim <i>reale BIP-Wachstum<\/i> der letzten zehn Jahre (2000\u20132010) erweisen sich die grossen Metropolregionen als wichtige Wachstumsmotoren der Schweizer Wirtschaft. An der Spitze mit einer Steigerung von 30% liegt Basel, gefolgt von Genf-Lausanne (22%) und Bern (20%). Z\u00fcrich liegt mit 15% etwas unter dem nationalen Durchschnitt von 18% (siehe <i>Grafik 3<\/i>). Die Unterschiede lassen sich teilweise auf Differenzen im regionalen Branchenmix zur\u00fcckf\u00fchren: Basel etwa verdankt seinen Spitzenplatz dem starken und zudem relativ konjunkturunabh\u00e4ngigen Wachstum in der Pharmabranche. Am Finanzplatz Z\u00fcrich hingegen haben zwei Finanzkrisen (2001 und 2009) und das Swissair-Grounding (2001) die durchschnittlichen Wachstumsraten in der letzten Dekade reduziert. Die f\u00fcr Z\u00fcrich etwas ung\u00fcnstige Wahl des Vergleichszeitraums verzerrt somit eine ansonsten gute Performance: In den Jahren zwischen den beiden Krisen (2004-2007) und auch nach der letzten Krise (2010) wuchs die Region mit einer Rate von 3% j\u00e4hrlich. Die Wachstumskurve von Bern \u2013 mit einem hohen Anteil an Erwerbst\u00e4tigen im \u00f6ffentlichen Sektor \u2013 war \u00fcber den gesamten Zeitraum weniger steil und weniger volatil als in den anderen drei Metropolregionen (vgl. <i>Grafik 3<\/i>). Ob ein Wachstum des \u00f6ffentlichen Sektors gesamtwirtschaftlich jedoch als positiv zu bewerten ist, sei dahingestellt.Die Dominanz der grossen Ballungszentren spiegelt sich auch im Arbeitsmarkt wider. <i>Grafik 2<\/i> zeigt, dass der Anteil der Metropolregionen an den <i>Erwerbst\u00e4tigen<\/i> in der Schweiz im Falle von Genf-Lausanne und Bern proportional zu ihrer Wertsch\u00f6pfung ist, bei Z\u00fcrich leicht unterproportional (26% statt 29%) und bei Basel deutlich unterproportional (7% statt 10%). Dies liegt wohl an der hohen Wertsch\u00f6pfung pro Arbeitsplatz im Finanzsektor \u2013 und vor allem bei der pharmazeutischen Industrie. In den letzten zehn Jahren wuchs die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen in Genf-Lausanne und Z\u00fcrich weit \u00fcber dem nationalen Durchschnitt, in Bern und Basel hingegen leicht unterdurchschnittlich.Grosse regionale Unterschiede gibt es bei der <i>Bev\u00f6lkerungsentwicklung.<\/i> Bez\u00fcglich der Zunahme der Wohnbev\u00f6lkerung lagen die Metropolregionen Z\u00fcrich und Genf-Lausanne 2000\u20132010 fast 50% \u00fcber dem Landesdurchschnitt. Diese beiden Regionen absorbierten einen erheblichen Teil der starken Zuwanderung seit Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit. In Basel und Bern hingegen war das Bev\u00f6lkerungswachstum kaum halb so hoch wie im Schweizer Mittel. Diese enorme Differenz erkl\u00e4rt auch, warum in Genf und Z\u00fcrich der Druck im Immobilienmarkt und die Debatten \u00fcber die Ausl\u00e4nderpolitik eine deutlich gr\u00f6ssere Brisanz haben als in Bern und Basel. W\u00e4hrend sich Daten zu Einwohnern und Erwerbst\u00e4tigen f\u00fcr die Metropolregionen pr\u00e4zise und gemeindescharf ermitteln lassen, ist die Berechnung regionaler BIP-Zahlen deutlich schwieriger. In der Schweiz ist dies einzig mit Hilfe des Modells von BAK Basel m\u00f6glich (siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Datengrundlage zu Metropolregionen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Daten zu BIP, Erwerbst\u00e4tigen und Einwohnern der Metropolregionen wurde vom Beratungsunternehmen BAK Basel Economics (BAK Basel) aufbereitet. Die Perimeter der Metropolregionen \u2013 teils auch \u00abMetropolitanregionen\u00bb genannt \u2013 sind jene, die das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) auf Basis verschiedener Indikatoren (z.B. Pendlerdaten) ermittelt hat. Die Berechnung der regionalen BIP-Zahlen erfolgte auf Basis eines BAK-Modells zum Schweizer BIP, das eine gemeindescharfe Analyse erm\u00f6glicht. W\u00e4hrend diese Daten meist f\u00fcr Kantonsvergleiche genutzt werden, wurden sie in diesem Fall f\u00fcr die vom BFS definierten Metropolregionen ausgewertet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n). Trotzdem ist eine gewisse Unsch\u00e4rfe unvermeidlich. So h\u00e4ngt beispielsweise das relativ schwache Abschneiden Z\u00fcrichs beim BIP-Wachstum auch damit zusammen, dass diese Metropolregion deutlich grossfl\u00e4chiger ist als die anderen und so die wachstumsstarke Kernstadt weniger ins Gewicht f\u00e4llt.Die regionalen BIP-Zahlen sind mit gewisser Vorsicht zu geniessen; aber sie zeigen deutlich, dass sich ein Grossteil der Wirtschaftsleistung im Einzugsgebiet der Grossst\u00e4dte konzentriert. Auch bei den Wachstumsraten lagen diese Gebiete in der letzten Dekade meist \u00fcber dem nationalen Durchschnitt. Insbesondere in Z\u00fcrich und am Arc L\u00e9manique besteht die Herausforderung angesichts der rasanten Bev\u00f6lkerungszunahme weniger in der F\u00f6rderung weiteren Wachstums als in der Bew\u00e4ltigung der damit verbundenen Begleiterscheinungen. Dazu z\u00e4hlen Infrastrukturengp\u00e4sse, steigende Immobilienpreise und die raumplanerische Kanalisierung des Siedlungswachstums.&#13;<\/p>\n<h2>Schrumpfungsprozesse in potenzialarmen R\u00e4umen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend die st\u00e4dtischen Zentren dank hoher Wachstumsdynamik also kaum Bedarf f\u00fcr aktive Wirtschaftsf\u00f6rderung haben, gibt es in der Schweiz auch periphere Regionen, in denen Strukturpolitik kaum mehr greift. In einigen dieser \u00abpotenzialarmen R\u00e4ume\u00bb des Berggebietes sind Abwanderung oder Schrumpfungsprozesse bereits so weit fortgeschritten bzw. die strukturellen Rahmenbedingungen derart ung\u00fcnstig, dass ein schlichtes \u00abAnsubventionieren\u00bb wenig bewirkt, aber sehr viel Geld kostet. Im Rahmen der Umsetzung der <i>Neuen Regionalpolitik (NRP)<\/i> forderte der Bund daher die betroffenen Kantone auf, massgeschneiderte Strategien f\u00fcr solche Gebiete zu entwickeln. Mit Graub\u00fcnden ging erstmals ein Bergkanton diese politisch heikle Aufgabe systematisch und offen an. Das <i>Amt f\u00fcr Wirtschaft und Tourismus des Kantons<\/i> publizierte 2009 einen Bericht unter dem Titel \u00abStrategien zum Umgang mit potenzialarmen R\u00e4umen\u00bb. Ziel war es nicht, die betroffenen Regionen aufzugeben, sondern Strategien zu entwickeln, um ohnehin ablaufende Schrumpfungsprozesse gezielter zu steuern oder so abzufedern, dass eine Stabilisierung der Gebiete m\u00f6glich wird.Zu diesem Zweck wurden zun\u00e4chst Kriterien zur Identifizierung von potenzialarmen R\u00e4umen festgelegt. Hierzu z\u00e4hlen \u00dcberalterung, Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang, negative Finanzkennzahlen oder der schleichende Abbau des Service public. Die entsprechenden Kennzahlen wurden f\u00fcr alle Gemeinden des Kantons analysiert, um Gebiete zu identifizieren, wo diese Probleme geh\u00e4uft auftraten. Unterschieden wurden dabei zwischen <i>potenzialarmen R\u00e4umen 1. Priorit\u00e4t,<\/i> deren wirtschaftliche Existenz akut gef\u00e4hrdet ist und <i>potenzialarmen R\u00e4umen 2. Priorit\u00e4t,<\/i> deren Situation weniger kritisch ist. Ausgehend von dieser Bestandesaufnahme wurden im Projekt Strategien zur Schaffung bzw. Aktivierung wertsch\u00f6pfungsrelevanter Potenziale entwickelt und zusammengetragen. Dazu z\u00e4hlen integrierte Strategien f\u00fcr Tourismus-Ressorts, die Inwertsetzung der Ressource Landschaft durch den Aufbau von Regionalparks und massgeschneiderte L\u00f6sungen f\u00fcr Infrastruktur und Service public. Ziel ist es, eine <i>Trendumkehr<\/i> (d.h. Wachstum) oder zumindest einen <i>Trendbruch<\/i> (d.h. eine Konsolidierung) zu erreichen. In Gebieten, wo dies nicht gelingt, geht es schliesslich um einen geordneten R\u00fcckzug. Diese konzeptionelle und strategische Pionierleistung von Graub\u00fcnden ist auch f\u00fcr andere Bergkantone von Interesse. Vor allem ist sie ein wichtiger Beitrag zu einem konstruktiveren Umgang mit Schrumpfungsprozessen. Diese sind in der Schweiz noch immer mit einem politischen Tabu belegt \u2013 anders als etwa in Skandinavien oder in Ostdeutschland, wo man sich diesen Herausforderungen (auch notgedrungen) seit l\u00e4ngerem stellt. Nur so lassen sich wirkungsvollere, weil zielgenauere, F\u00f6rderstrategien entwickeln und die begrenzten Mittel effektiv einsetzen. Bei der Bew\u00e4ltigung des Strukturwandels kommt den Berggebieten ebenfalls die Wirtschaftskraft der St\u00e4dte zugute \u2013 dank vielf\u00e4ltiger Transfermechanismen, wie dem nationalen Finanzausgleich, der innerkantonalen Finanzausgleiche, der Neuen Regionalpolitik, aber auch dank sektoralen Finanzfl\u00fcsse mit regionalen Auswirkungen, wie den Infrastrukturfonds oder den landwirtschaftlichen Direktzahlungen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abHeadquarters der 150 gr\u00f6ssten Schweizer Unternehmen nach Metropolregion\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abAnteile der 4 Metropolregionen am nationalen Kuchen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3: \u00abWachstumskurven nach Region\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 4: \u00abMetropolraeume\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Datengrundlage zu Metropolregionen&#13;<\/p>\n<h3>Datengrundlage zu Metropolregionen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Daten zu BIP, Erwerbst\u00e4tigen und Einwohnern der Metropolregionen wurde vom Beratungsunternehmen BAK Basel Economics (BAK Basel) aufbereitet. Die Perimeter der Metropolregionen \u2013 teils auch \u00abMetropolitanregionen\u00bb genannt \u2013 sind jene, die das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) auf Basis verschiedener Indikatoren (z.B. Pendlerdaten) ermittelt hat. Die Berechnung der regionalen BIP-Zahlen erfolgte auf Basis eines BAK-Modells zum Schweizer BIP, das eine gemeindescharfe Analyse erm\u00f6glicht. W\u00e4hrend diese Daten meist f\u00fcr Kantonsvergleiche genutzt werden, wurden sie in diesem Fall f\u00fcr die vom BFS definierten Metropolregionen ausgewertet.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl die Schweiz im internationalen Vergleich relativ geringe Disparit\u00e4ten bei der wirtschaftlichen Entwicklung aufweist, sind die Unterschiede zwischen den Regionen teilweise enorm. Am einen Ende des Spektrums befinden sich die Metropolregionen, in denen das Gros der nationalen Wertsch\u00f6pfung erbracht wird. Dort bedarf es keiner regionalspezifischen Wirtschaftsf\u00f6rderung. 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