{"id":120700,"date":"2011-05-01T12:00:00","date_gmt":"2011-05-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/05\/ruehl-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:31:33","modified_gmt":"2023-08-23T21:31:33","slug":"ruehl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/05\/ruehl\/","title":{"rendered":"Die Rolle harter Faktoren bei der Standortwahl"},"content":{"rendered":"<p>\u00abDie Zahl ist das Wesen aller Dinge\u00bb sagte der griechische Philosoph und Mathematiker Pythagoras. In der heutigen Wissensgesellschaft gewinnt dieser Satz aus der Antike immer mehr an Bedeutung. Auch die Standortqualit\u00e4t von Regionen l\u00e4sst sich in Zahlen fassen. In den letzten Jahren wurden zahlreiche Analyseans\u00e4tze ver\u00f6ffentlicht, die genau dieses Ziel verfolgen. \u00abHarte\u00bb Standortfaktoren, die quantitativ messbar und wertfrei sind, lassen sich mit geeigneten statistischen Methoden in Zahlen fassen. Die Quantifizierung \u00abweicher\u00bb Kriterien ist ungleich schwieriger \u2013 bei der Verwendung solcher Analysen ist somit Vorsicht angezeigt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Entscheid \u00fcber einen zuk\u00fcnftigen Wohnort oder Gesch\u00e4ftsstandort hat einen langfristig bindenden Charakter. Eine Firma oder ein Haushalt ist angesichts der (finanziellen) Konsequenzen gut beraten, eine solche Entscheidung auf einer m\u00f6glichst fundierten Grundlage zu treffen. Indikatoren der Standortqualit\u00e4t bieten dazu einen \u00dcberblick bez\u00fcglich der Rahmenbedingungen eines Standorts und erm\u00f6glichen sachliche Entscheide. F\u00fcr gr\u00f6ssere Investitionsentscheidungen von Unternehmen werden oft umfangreiche Analysen erstellt, welche die Vor- und Nachteile eines Standorts auf breiter Informationsbasis aufzeigen sollen. Der indikatorengest\u00fctzte Vergleich vermag somit die Transparenz auf dem oft undurchsichtigen und oft von subjektiven Wahrnehmungen gepr\u00e4gten Standortwettbewerb zu erh\u00f6hen.&#13;<\/p>\n<h2>Wie wird Standortqualit\u00e4t gemessen?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nOb ein bestimmter Ort f\u00fcr einen Haushalt oder eine Unternehmung geeignet ist, h\u00e4ngt nat\u00fcrlich in erster Linie von den individuellen Bed\u00fcrfnissen und Restriktionen ab. Gleichwohl lassen sich generelle Aussagen \u00fcber die Rahmenbedingungen machen. So profitieren etwa alle betroffenen Steuerpflichtigen von einer geringen Steuerbelastung. Je nach Einkommens- oder Gewinnniveau ist die Bedeutung dieses Faktors f\u00fcr das Haushalts- oder Firmenbudget jedoch stark unterschiedlich. Gleichzeitig wirkt sich etwa ein reizvolles Panorama f\u00fcr einen Wohnstandort attraktivit\u00e4tssteigernd aus; eine Logistikfirma profitiert jedoch st\u00e4rker von einem nahen Autobahnanschluss. Die Messung der Standortqualit\u00e4t geht somit von einer unterstellten Bedeutung des Faktors oder von Erfahrungswerten aus. Als Grundlagen f\u00fcr die Messung eines Kriteriums k\u00f6nnen dabei einerseits statistische Quellen, (Steuer-)Gesetze, geographische Analysen (GIS) oder Befragungen herangezogen werden. Da sich die Gr\u00f6sse \u00abStandortqualit\u00e4t\u00bb nicht in Masseinheiten messen l\u00e4sst, zeigen die zu berechnenden Faktoren meist die relative Position eines Standorts im Vergleich zu einem geeigneten Durchschnitt und den Vergleichsregionen auf. S\u00e4mtliche Standortkriterien, die sich einigermassen in Zahlen fassen lassen, k\u00f6nnen grunds\u00e4tzlich f\u00fcr die Berechnung von Vergleichsindikatoren herangezogen werden. Die wohl prominentesten Vergleiche beziehen sich auf die Steuerbelastung. Weitere Kriterien gehen vom Gr\u00fcnfl\u00e4chenanteil \u00fcber Bildungsniveaus, Verkehrsinfrastruktur bis hin zu vergleichsweise exotischen Gr\u00f6ssen \u2013 wie etwa der Verf\u00fcgbarkeit von frischem Fisch und Gem\u00fcse oder der Qualit\u00e4t der M\u00fcllabfuhr.&#13;<br \/>\nSiehe Mercer, Quality of Living Survey 2010, <a href=\"http:\/\/www.imercer.com\/uploads\/common\/swf\/flipbooks\/QOLSamples\/qolsamplereport.html\">http:\/\/www.imercer.com\/uploads\/common\/swf\/flipbooks\/QOLSamples\/qolsamplereport.html<\/a> Neben allgemein gehaltenen Indikatoren, die f\u00fcr breit gestreute Fragestellungen hinzugezogen werden k\u00f6nnen, existieren spezifische Bewertungen \u2013 wie etwa der <i>Business Trip Index<\/i> der Economist Intelligence Unit<i>.<\/i>&#13;<br \/>\nSiehe <a href=\"http:\/\/www.economist.com\/media\/pdf\/business_trip_index.pdf\">http:\/\/www.economist.com\/media\/pdf\/business_trip_index.pdf<\/a> Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnen \u00abharte\u00bb Standortfaktoren, welche quantitative Gr\u00f6ssen messen, von \u00abweichen\u00bb Kriterien unterschieden werden. Letzteren geht die \u00dcbertragung von Qualit\u00e4tskriterien auf eine quantitative Skala voran. Ein Vorgang, der zwangsl\u00e4ufig auf Werturteilen oder subjektiven Einsch\u00e4tzungen beruht. Das Beispiel der Verf\u00fcgbarkeitsmessung von frischen Fr\u00fcchten ist Sinnbild f\u00fcr die Schwierigkeit und die potenzielle Subjektivit\u00e4t dieses Prozesses. Auf der Seite der \u00abharten\u00bb Standortfaktoren kann das Beispiel der Steuerbelastung herangezogen werden. Unter Ber\u00fccksichtigung relevanter Steuergesetze und Annahmen \u00fcber einen Haushalt, l\u00e4sst sich der zu bezahlende Steuerbetrag unzweifelhaft berechnen.Eine weitere Schwierigkeit besteht in der Aggregation von Teilindikatoren zu einem Gesamtranking. Diese erfolgt meist mittels der Gewichtung einzelner Kriterien. Je nach Auswahl der Faktoren muss etwa die Bedeutung der Steuerbelastung im Vergleich zur Qualit\u00e4t der M\u00fcllabfuhr oder der Strasseninfrastruktur festgelegt werden. Bei einer hohen Anzahl und Verschiedenheit der Teilindikatoren ist dieser Schritt von Werturteilen gepr\u00e4gt. Bei ausgepr\u00e4gt heterogenen Vergleichsregionen kann die an unterschiedlichen Orten wahrgenommene Gewichtung denn auch stark variieren.&#13;<\/p>\n<h2>Messung der Standortqualit\u00e4t in der Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNeben internationalen Standortvergleichen haben sich in der Schweiz verschiedene Vergleichsmasse etabliert. Die f\u00f6deralistische Struktur der Schweiz, die topographische und kulturelle Heterogenit\u00e4t sowie der intensive Binnen-Standortwettbewerb bieten sich f\u00fcr solche Analysen geradezu an. Die Verf\u00fcgbarkeit regionaler Statistiken bietet einen N\u00e4hrboden f\u00fcr verschiedene Analyseans\u00e4tze. Der medialen Brisanz von Ranglisten bewusst, haben verschiedene Medienh\u00e4user in Zusammenarbeit mit Analyseinstituten St\u00e4dte- und Gemeinderatings publiziert.&#13;<br \/>\nBeispiele (nicht abschliessend): Bilanz-St\u00e4dteranking, Weltwoche-Gemeinderating, Tages-Anzeiger Regionenrating In einigen F\u00e4llen werden dabei \u00fcber 100 statistische Kennzahlen ber\u00fccksichtigt, welche von der Steuerbelastung \u00fcber die Anzahl Migros-Clubschulen und Klimakennzahlen bis hin zur Anzahl Opfer im Strassenverkehr reichen.&#13;<br \/>\nSiehe <a href=\"http:\/\/www.bilanz.ch\/trends\/so-wird-gewertet\">http:\/\/www.bilanz.ch\/trends\/so-wird-gewertet<\/a><i>Credit Suisse Economic Research<\/i> verfolgt einen pragmatischeren Ansatz. Bei der Beurteilung der Attraktivit\u00e4t der Schweizer Regionen wird ausschliesslich auf harte, quantitativ messbare Kriterien zur\u00fcckgegriffen. So ber\u00fccksichtigt etwa der Standortqualit\u00e4tsindikator der Credit Suisse <i>f\u00fcnf Teilindikatoren<\/i> aus den Bereichen Steuerbelastung, Bildung und verkehrstechnische Erreichbarkeit (siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Standortqualit\u00e4tsindikator der Credit Suisse<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Standortqualit\u00e4tsindikator (SQI) wird von \u00d6konomen der Credit Suisse auf der Basis von Daten der rund 2700 Schweizer Gemeinden seit 2004 in der aktuellen Form berechnet. Dieser Indikator beruht auf folgenden f\u00fcnf Standortfaktoren: der Steuerbelastung sowohl von nat\u00fcrlichen als auch juristischen Personen, dem Ausbildungsstand der Bev\u00f6lkerung, der Verf\u00fcgbarkeit von Hochqualifizierten sowie der verkehrstechnischen Erreichbarkeit.F\u00fcr die Steuerbelastung der nat\u00fcrlichen Personen werden sowohl das Niveau wie auch die Progression der Einkommens- und Verm\u00f6genssteuern ber\u00fccksichtigt. Die Steuerbelastung von juristischen Personen beruht auf einer Auswertung der Reingewinn- und Kapitalsteuern. Der Ausbildungsstand der Bev\u00f6lkerung wird durch den Anteil der Personen an der Bev\u00f6lkerung im Alter zwischen 19 und 69 Jahren gemessen, welche mindestens eine abgeschlossene Berufslehre aufweisen. F\u00fcr die Verf\u00fcgbarkeit von hochqualifizierten Arbeitskr\u00e4ften wird der Bev\u00f6lkerungsanteil zwischen 25 und 69 Jahren ber\u00fccksichtigt, der \u00fcber eine Ausbildung auf Terti\u00e4rstufe verf\u00fcgt. Die verkehrstechnische Erreichbarkeit wird f\u00fcr den motorisierten Individualverkehr und f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Verkehr berechnet. Neben den Fahrzeiten zwischen den einzelnen Gemeinden bzw. Verkehrsknoten wird dabei auch das zugeh\u00f6rige Potenzial an Einwohnern und Arbeitspl\u00e4tzen ber\u00fccksichtigt. Beim Standortqualit\u00e4tsindikator handelt es sich um einen relativen Index, bei welchem der Wert f\u00fcr die ganze Schweiz bei Null liegt. Positive Werte des Indikators weisen auf eine h\u00f6here Standortqualit\u00e4t, negative Werte auf eine tiefere \u2013 immer im Vergleich zum gesamtschweizerischen Durchschnitt \u2013 hin.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n). Ziel des Indikators ist es, die aus Sicht von ansiedlungswilligen Unternehmen wichtigsten Kriterien abzubilden, was R\u00fcckschl\u00fcsse auf langfristige wirtschaftliche Potenziale der Untersuchungsregionen erlaubt. Der Fokus liegt einzig auf allgemeing\u00fcltigen Faktoren. Eine \u00abVollst\u00e4ndigkeit\u00bb wird nicht angestrebt, da diese je nach Sichtweise anders definiert wird. Die Beschr\u00e4nkung auf eine geringe Zahl von Messgr\u00f6ssen erleichtert die Interpretation der Resultate und verringert das Problem von statistischen Ausreissern. Zus\u00e4tzlich wird die Standortqualit\u00e4t vornehmlich auf Ebene der Kantone und Wirtschaftsregionen ausgewiesen (siehe Grafik 1). Auf diesem Weg werden in sich relativ homogene und untereinander vergleichbare r\u00e4umliche Einheiten verglichen. F\u00fcr spezifische Standortanalysen kann Credit Suisse Economic Research fallweise auf eine Reihe weiterer regional\u00f6konomischer Indikatoren zur\u00fcckgreifen. In Kombination mit dem Standortqualit\u00e4tsindikator wird auch das Vollst\u00e4ndigkeitsgebot f\u00fcr den untersuchten Einzelfall erreicht.&#13;<\/p>\n<h2>Standortf\u00f6rderung 2.0 \u2013 Optimierung der Rahmenbedingungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweizer Kantone und Gemeinden stehen auf der anderen Seite des Standortmarktes. Sie sind bestrebt, g\u00fcnstige Rahmenbedingungen f\u00fcr Zuz\u00fcger zu schaffen und damit eine m\u00f6glichst hohe Rangierung in den Vergleichsindikatoren zu erreichen. Eine Standortf\u00f6rderung jenseits von Subventionen, klassischer Industriepolitik und selektiven Anreizen besteht in der Optimierung der Rahmenbedingungen. Attraktive Wohn- und Unternehmensstandorte weisen gem\u00e4ss Analysen von Credit Suisse Economic Research langfristig h\u00f6here Zuwanderungsraten auf und profitieren von einer h\u00f6heren Investitionst\u00e4tigkeit. Sorgf\u00e4ltig konstruierte Indikatoren der Standortqualit\u00e4t erm\u00f6glichen diesen Kantonen die Evaluation der eigenen Positionierung und offenbaren Entwicklungsbedarf. Neben dem Nutzen f\u00fcr Wohn- und Standortentscheide haben Vergleichsindikatoren somit auch Auswirkungen auf politische Entscheide von Kantonen und Gemeinden.&#13;<\/p>\n<h2>Nicht alle Zahlen z\u00e4hlen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Wunsch, die Rahmenbedingungen eines Standorts umfassend zu kennen, ist nachvollziehbar. Gleichwohl sollten dabei die Grenzen der Aussagekraft von Indikatoren beachtet werden. Gerade im Fall von weichen Standortfaktoren \u2013 etwa der Landschaftsqualit\u00e4t oder des Kulturangebots \u2013 muss ber\u00fccksichtigt werden, dass das Wesen dieser Dinge urspr\u00fcnglich nicht aus Zahlen besteht, sondern vielmehr auf Basis einer subjektiven Bewertung auf eine Zahlenskala \u00fcbertragen wurde. Bei der Entscheidung \u00fcber den zuk\u00fcnftigen Wohn- oder Gesch\u00e4ftsstandort sollte eine seri\u00f6se Analyse daher unbedingt die Entstehung der verwendeten Kennzahlen hinterfragen. Nicht alles, was in Zahlen ausgedr\u00fcckt wird, hat einen quantitativen Hintergrund; nicht alles, was rechnerisch m\u00f6glich ist, hat eine ad\u00e4quate Aussagekraft.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abStandortqualit\u00e4t der Schweizer Wirtschaftsregionen 2011\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Standortqualit\u00e4tsindikator der Credit Suisse&#13;<\/p>\n<h3>Standortqualit\u00e4tsindikator der Credit Suisse<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer <i>Standortqualit\u00e4tsindikator (SQI)<\/i> wird von \u00d6konomen der Credit Suisse auf der Basis von Daten der rund 2700 Schweizer Gemeinden seit 2004 in der aktuellen Form berechnet. Dieser Indikator beruht auf folgenden <i>f\u00fcnf Standortfaktoren:<\/i> der <i>Steuerbelastung sowohl von nat\u00fcrlichen als auch juristischen Personen,<\/i> dem <i>Ausbildungsstand der Bev\u00f6lkerung,<\/i> der <i>Verf\u00fcgbarkeit von Hochqualifizierten<\/i> sowie der <i>verkehrstechnischen Erreichbarkeit.F\u00fcr die Steuerbelastung der nat\u00fcrlichen Personen werden sowohl das Niveau wie auch die Progression der Einkommens- und Verm\u00f6genssteuern ber\u00fccksichtigt. Die Steuerbelastung von juristischen Personen beruht auf einer Auswertung der Reingewinn- und Kapitalsteuern. Der Ausbildungsstand der Bev\u00f6lkerung wird durch den Anteil der Personen an der Bev\u00f6lkerung im Alter zwischen 19 und 69 Jahren gemessen, welche mindestens eine abgeschlossene Berufslehre aufweisen. F\u00fcr die Verf\u00fcgbarkeit von hochqualifizierten Arbeitskr\u00e4ften wird der Bev\u00f6lkerungsanteil zwischen 25 und 69 Jahren ber\u00fccksichtigt, der \u00fcber eine Ausbildung auf Terti\u00e4rstufe verf\u00fcgt. Die verkehrstechnische Erreichbarkeit wird f\u00fcr den motorisierten Individualverkehr und f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Verkehr berechnet. Neben den Fahrzeiten zwischen den einzelnen Gemeinden bzw. Verkehrsknoten wird dabei auch das zugeh\u00f6rige Potenzial an Einwohnern und Arbeitspl\u00e4tzen ber\u00fccksichtigt. Beim Standortqualit\u00e4tsindikator handelt es sich um einen relativen Index, bei welchem der Wert f\u00fcr die ganze Schweiz bei Null liegt. 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