{"id":120755,"date":"2011-04-01T12:00:00","date_gmt":"2011-04-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/04\/gerritzen-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:31:33","modified_gmt":"2023-08-23T21:31:33","slug":"gerritzen-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/04\/gerritzen-3\/","title":{"rendered":"Leistungsf\u00e4higkeit und Effizienz: Das Gesundheitssystem der Schweiz im internationalen Vergleich"},"content":{"rendered":"<p>Das Gesundheitssystem der Schweiz bietet der Bev\u00f6lkerung sehr hohe Qualit\u00e4t, aber auch zu sehr hohen Kosten. Ein Vergleich mit anderen L\u00e4ndern soll dazu dienen, St\u00e4rken und Schw\u00e4chen dieses Systems zu erkennen und M\u00f6glichkeiten zur Steigerung seiner Effizienz herauszufinden. F\u00fcr diesen Vergleich bieten sich insbesondere die westeurop\u00e4ischen OECD-Staaten an, aber auch Australien und Kanada, die eine \u00e4hnliche Struktur in der Krankenversicherung aufweisen. Das Hauptproblem der hohen Kosten liegt im station\u00e4ren Bereich: Nicht weil dessen Leistungen besonders stark nachgefragt werden, sondern weil ihre Kosten besonders hoch sind.&#13;<br \/>\nDiese Arbeit beruht auf einem Gutachten zuhanden des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) \u00fcber einen Vergleich von Gesundheitssystemen vom 10. Januar 2011.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201104_16_Gerritzen_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Qualit\u00e4t der Leistungen des schweizerischen Gesundheitswesens ist \u2013 verglichen mit denjenigen anderer OECD-Staaten \u2013 unbestritten hoch. Dies zeigt sich nicht nur bei den traditionellen Indikatoren f\u00fcr den Gesundheitszustand der Bev\u00f6lkerung, wie zum Beispiel der Lebenserwartung bei der Geburt, sondern auch bei neueren Verfahren, welche versuchen, die durchschnittliche Gesundheit der Bev\u00f6lkerung direkter zu erfassen. Die positive Bewertung der Qualit\u00e4t gilt ebenso f\u00fcr den Bereich der Zahnheilkunde. Das schweizerische Gesundheitssystem ist insofern fair, als es durch die allgemeine Versicherungspflicht allen Einwohnern einen gleichm\u00e4ssigen Zugang zu einem umfangreichen Leistungskatalog erm\u00f6glicht; explizite oder implizite Zugangsbeschr\u00e4nkungen als Folge von zu geringem Einkommen bestehen kaum.Im internationalen Vergleich ist der von der Grundversorgung abgedeckte Leistungskatalog umfangreich; dies gilt jedoch weniger f\u00fcr die Pr\u00e4vention und gar nicht f\u00fcr die Zahnheilkunde. Qualit\u00e4tsm\u00e4ngel werden daher \u2013 etwa vom <i>Health Consumer Powerhouse (2009)<\/i> \u2013 im Bereich der Pr\u00e4vention und Patienteninformation festgestellt. Zudem wird negativ vermerkt, dass es f\u00fcr Patienten keine Versicherung gegen Sch\u00e4den gibt, die durch eine medizinische Behandlung entstehen, bei der den behandelnden \u00c4rzten keine Schuld nachgewiesen werden kann; eine solche Versicherung existiert etwa in den nordischen L\u00e4ndern Europas.Untersucht man, wovon die Qualit\u00e4t eines Gesundheitssystems abh\u00e4ngt, zeigt der internationale Vergleich, dass es insbesondere Umfang und Erreichbarkeit der Leistungen, Zugang zu Medikamenten sowie Rechte und Informationen der Patienten sind.&#13;<\/p>\n<h2>H\u00f6he der Kosten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDiese hohe Qualit\u00e4t wird mit hohen Kosten erkauft: Die Kosten des schweizerischen Gesundheitswesens sind sowohl <i>absolut<\/i> als auch <i>relativ<\/i> \u2013 im Verh\u00e4ltnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) \u2013 sehr hoch. Sie geh\u00f6ren hinter den USA zu den h\u00f6chsten der Welt. Dabei ist, wie <i>Grafik 1<\/i> zeigt, der Anteil, den die privaten Haushalte in der Schweiz selbst tragen, im Vergleich zu den anderen OECD-L\u00e4ndern sehr hoch.&#13;<br \/>\nSiehe OCED Health Statistics (2010).Der hohe Anteil privat getragener Kosten sollte einen d\u00e4mpfenden Effekt auf die Gesamtkosten haben. Die empirische Evidenz spricht jedoch dagegen, dass eine Verschiebung der Lasten von der solidarischen Grundversicherung in den privat abgedeckten Bereich zu einer signifikanten Kostend\u00e4mpfung f\u00fchrt. Zwar kann f\u00fcr direkte Zuzahlungen ein d\u00e4mpfender Effekt festgestellt werden. Wenn aber zus\u00e4tzliche Leistungen durch private Zusatzversicherungen finanziert werden, kommt es eher zu einem Anstieg der Gesamtkosten. Im \u00dcbrigen warnt sogar die OECD&#13;<br \/>\nSiehe OECD (2006), S. 170. angesichts des bereits jetzt hohen Anteils und m\u00f6glicher negativer Konsequenzen vor einer generellen weiteren Erh\u00f6hung der Zuzahlungen in der Schweiz und empfiehlt eher strukturelle Ver\u00e4nderungen.&#13;<\/p>\n<h2>Kostenstruktur<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBei der Kostenstruktur f\u00e4llt auf, dass der Kostenanteil f\u00fcr die station\u00e4re Behandlung im internationalen Vergleich sehr hoch ist (siehe <i>Grafik 2<\/i>). Zudem ist er in den vergangenen Jahren \u2212 im Gegensatz zu den \u00fcbrigen OECD-Staaten \u2212 nicht gesunken. \u00dcblicherweise werden diese hohen Kosten mit der im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern l\u00e4ngeren Verweildauer der Patienten in den Spit\u00e4lern in Verbindung gebracht. Diese ist zwar in den vergangenen Jahren massiv zur\u00fcckgegangen, ist aber immer noch hoch. Dagegen liegt die durchschnittliche Zahl der Krankenhaustage pro Kopf in der Schweiz \u2013 international betrachtet \u2212 lediglich im Mittelfeld. Somit kann die Verweildauer kaum die Hauptursache f\u00fcr die hohen Kosten der station\u00e4ren Behandlung sein, auch wenn vermutlich hier noch ein Potenzial zur Steigerung der Effizienz liegt. Der wesentliche Grund d\u00fcrfte vielmehr sein, dass die Leistungen in den Spit\u00e4lern zu teuer produziert werden. Wie ein Vergleich der (vorl\u00e4ufigen) Fallpauschalen in der Schweiz mit denjenigen in Deutschland zeigt, d\u00fcrfte sich daran auch durch die generelle Einf\u00fchrung der Fallpauschalen kaum etwas \u00e4ndern.\u00dcberhaupt sollte man an die generelle Einf\u00fchrung der Fallpauschalen keine allzu grossen Hoffnungen kn\u00fcpfen. Zum einen zeigt der Vergleich der Entwicklungen in den letzten beiden Jahrzehnten in der Schweiz und in Deutschland, dass die Verweildauer, die h\u00e4ufig als kritische Gr\u00f6sse angesehen wurde und die durch die Einf\u00fchrung der Fallpauschalen verk\u00fcrzt werden sollte, in der Schweiz mit ihrem traditionellen Entsch\u00e4digungssystem st\u00e4rker zur\u00fcckgegangen ist als in Deutschland. Ausserdem lassen die Ergebnisse der hierzu im Wesentlichen f\u00fcr die USA durchgef\u00fchrten empirischen Untersuchungen keine eindeutigen Aussagen zu \u2212 weder bez\u00fcglich der Qualit\u00e4t noch der Kosteneffizienz.&#13;<br \/>\nSiehe Br\u00fcgger, U. (2010). Soweit sie bisher eingef\u00fchrt wurden, waren die Auswirkungen von Fallpauschalen recht gering; und es ist nicht zu erwarten, dass dies in der Schweiz anders sein wird. Fallpauschalen k\u00f6nnen in Zukunft jedoch insoweit helfen, als sie Transparenz erzeugen und deutlich machen, welche Spit\u00e4ler mit \u00fcberdurchschnittlichen Kosten arbeiten. Dazu sollte freilich auch Transparenz bez\u00fcglich der Qualit\u00e4t der Leistungen geschaffen werden, wie sie zum Beispiel seit l\u00e4ngerem von der OECD eingefordert wird.&#13;<br \/>\nSiehe OECD (2006), S. 175, S. 179. Nur wenn hinreichend Informationen \u00fcber die Qualit\u00e4t der Behandlung vorhanden sind, kann die Leistung eines Spitals korrekt eingesch\u00e4tzt werden. Transparenz ist auch notwendig, um m\u00f6gliche negative Auswirkungen von Fallpauschalen zu verhindern.Das h\u00f6here Lohnniveau in der Schweiz tr\u00e4gt sicher zu den im Vergleich zum Ausland h\u00f6heren Spitalkosten bei, kann aber \u2013 wie der Vergleich mit Deutschland zeigt \u2013 das Ausmass dieser Unterschiede bei weitem nicht erkl\u00e4ren. Gr\u00fcnde daf\u00fcr d\u00fcrften auch die durchschnittlich kleineren Spit\u00e4ler sowie die duale Finanzierung der Spit\u00e4ler durch Krankenkassen und Kantone sein, wobei diese beiden Ursachen miteinander zusammenh\u00e4ngen. Sinnvoll w\u00e4re eine monistische Finanzierung allein durch die Krankenkassen, wobei die Kantone die dadurch frei werdenden Mittel zumindest teilweise zur weiteren Subventionierung der Pr\u00e4mien verwenden k\u00f6nnten.&#13;<br \/>\nSiehe Kommission f\u00fcr Konjunkturfragen (2006), S. 43ff. Nachdem das Stimmvolk am 1. Juni 2008 den Verfassungsartikel \u00abF\u00fcr Qualit\u00e4t und Wirtschaftlichkeit in der Krankenversicherung\u00bb, der einen Einstieg in eine monistische Spitalfinanzierung erm\u00f6glicht h\u00e4tte, eindeutig abgelehnt hat, d\u00fcrfte dieser Weg freilich vorerst verbaut sein.&#13;<\/p>\n<h2>Ausgaben f\u00fcr Medikamente<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Anteil der Ausgaben f\u00fcr Medikamente ist im internationalen Vergleich eher gering, und zwar sowohl <i>pro Kopf<\/i> (kaufkraftbereinigt) als auch als <i>Anteil am BIP<\/i> (vgl. <i>Grafik 2<\/i>). Dies h\u00e4ngt damit zusammen, dass die Originalpr\u00e4parate heute kaum mehr teurer sind als beispielsweise in Deutschland oder D\u00e4nemark. Andererseits sind die Preise f\u00fcr Generika in der Schweiz massiv h\u00f6her als in den europ\u00e4ischen Vergleichsl\u00e4ndern, und ihr Anteil am gesamten Medikamentenverbrauch ist vergleichsweise gering. Daher sind die Medikamentenpreise in der Schweiz insgesamt recht teuer. Der Verbrauch von Medikamenten d\u00fcrfte aber geringer sein als in anderen L\u00e4ndern.&#13;<\/p>\n<h2>Zahnbehandlung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBei der Versorgung mit Zahn\u00e4rzten sowie der Anzahl Zahnarztbesuche liegt die Schweiz im OECD-Mittelfeld. Dass die Kosten der Zahnbehandlung durch die Grundversorgung nicht abgedeckt werden, scheint keine negativen Auswirkungen zu haben. Die zahn\u00e4rztliche Versorgung ist auch im internationalen Vergleich gut, und bei der Gesundheit ihrer Z\u00e4hne nehmen die Schweizer einen Spitzenplatz ein.&#13;<br \/>\nSiehe Listl (2010). Dies d\u00fcrfte einerseits mit der guten (individuellen) Prophylaxe zusammenh\u00e4ngen und andererseits damit, dass der Patient die Kosten f\u00fcr Behandlungen selbst tragen muss. Da hier der Zusammenhang zwischen Prophylaxe und sp\u00e4ter m\u00f6glicherweise anfallenden Kosten sehr viel deutlicher ist als in anderen Bereichen, d\u00fcrfte auch die Verhaltensreaktion st\u00e4rker ausfallen.&#13;<\/p>\n<h2>Langzeitpflege<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit den Ausgaben f\u00fcr die Langzeitpflege befindet sich die Schweiz in der Spitzengruppe der OECD-Staaten. Der eigene Beitrag der Betroffenen hat mit \u00fcber 60% in keinem anderen betrachteten Land einen solch hohen Anteil wie in der Schweiz. Dies h\u00e4ngt wesentlich damit zusammen, dass hier weder eine Sozialversicherung noch ein relevantes Angebot privater Versicherungen besteht. Neben den von den Krankenkassen getragenen Gesundheitskosten (im engeren Sinn) werden die Pflegekosten durch Einkommen und Verm\u00f6gen der Betroffenen bzw. ihrer Familienangeh\u00f6rigen getragen und, falls dies nicht ausreicht, werden die Kosten durch Erg\u00e4nzungsleistungen abgedeckt. Das am 1. Januar 2011 in Kraft getretene <i>Bundesgesetz \u00fcber die Neuordnung der Pflegefinanzierung<\/i> d\u00fcrfte dazu f\u00fchren, dass sich der Anteil der privaten Zuzahlungen etwas reduziert. Der eigene Beitrag d\u00fcrfte aber nach wie vor in keinem OECD-Land so hoch sein wie in der Schweiz.Angesichts des Fehlens einer Sozialversicherung sollte man erwarten, dass die privaten Versicherungen hier eine bedeutende Rolle spielen. Das ist jedoch nicht der Fall. Daraus k\u00f6nnte man folgern, dass eine Sozialversicherung bzw. zumindest eine Versicherungspflicht sinnvoll w\u00e4re. Dies muss nicht so sein. Das jetzige System, welches bei vorhandenem Einkommen und Verm\u00f6gen die Betroffenen selbst in die Pflicht nimmt und dann, wenn die eigenen Mittel nicht ausreichen, mit Erg\u00e4nzungsleistungen arbeitet, ist dem System einer Pflichtversicherung nicht unbedingt unterlegen.&#13;<br \/>\nSiehe Kommission f\u00fcr Konjunkturfragen (2005), S. 51ff.&#13;<\/p>\n<h2>Pr\u00e4vention<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVon verschiedenen Seiten \u2013 wie beispielsweise der OECD \u2013 wurde negativ vermerkt,&#13;<br \/>\nSiehe OECD (2006), S. 160ff., S. 180. dass die Pr\u00e4vention im schweizerischen Gesundheitssystem vergleichsweise schlecht ausgebaut ist. Zum Beispiel gibt es nur in einigen Kantonen fl\u00e4chendeckende Programme f\u00fcr die Durchf\u00fchrung von Mammographien zur fr\u00fchzeitigen Erkennung von Brustkrebs. Ausserdem werden daf\u00fcr nicht alle Kosten von den Krankenkassen \u00fcbernommen. In diesem Zusammenhang wird h\u00e4ufig davon ausgegangen, mit Hilfe einer besseren Pr\u00e4vention k\u00f6nnten im Gesundheitssystem Kosten gespart werden. Im Einzelfall mag dies gelten, aber nicht generell. Wenn durch Pr\u00e4vention eine Krankheit fr\u00fchzeitig erkannt und dadurch das Leben verl\u00e4ngert wird, m\u00f6gen zwar im Augenblick die Kosten gesenkt werden. Dies kann aber dadurch mehr als aufgewogen werden, dass man in h\u00f6herem Alter \u2013 ceteris paribus \u2013 mehr Kosten verursacht. Dies ist dann der Fall, wenn die betroffene Person sp\u00e4ter an einer anderen Ursache sterben wird, deren Behandlung in den letzten Lebensjahren noch h\u00f6here Kosten verursacht, zum Beispiel wenn sie \u00fcber l\u00e4ngere Zeit gepflegt werden muss. Dies spricht nicht gegen Pr\u00e4vention. Im Allgemeinen kann dadurch das gesunde Leben verl\u00e4ngert und damit das Wohlbefinden der Menschen erh\u00f6ht werden. Aber es spricht gegen die h\u00e4ufig ge\u00e4usserte, aber dennoch \u00abnaive\u00bb Auffassung, dass durch verbesserte Pr\u00e4vention die Gesundheitskosten generell gesenkt werden k\u00f6nnten.&#13;<\/p>\n<h2>Effizienz und Wettbewerb<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Vergleich des schweizerischen Gesundheitssystems mit demjenigen anderer L\u00e4nder zeigt, dass in der Schweiz Potenziale zur Steigerung der Effizienz vorhanden sind. Dies muss jedoch nicht implizieren, dass dadurch die Kosten sinken; es kann auch eine Steigerung der Qualit\u00e4t bedeuten \u2212 etwa bez\u00fcglich der Information der Bev\u00f6lkerung \u00fcber verschiedene Aspekte des Gesundheitswesens. Zu Recht wird von internationaler Seite angemerkt, dass diese im Vergleich mit anderen L\u00e4ndern wenig entwickelt ist. So gibt es zum Beispiel nach wie vor keine Informationen \u00fcber die Qualit\u00e4t der Spit\u00e4ler sowie keine auf Laien ausgerichtete umfassende Beschreibung der Arzneimittel.Schliesslich sollte man sich genauer \u00fcber die Rolle des Wettbewerbs im Gesundheitswesen klar werden. Im heutigen System wurde vor allem auf den Wettbewerb zwischen den Krankenkassen gesetzt; es wurde unterstellt, dass durch das Wechseln zu einer Krankenkasse mit niedrigeren Pr\u00e4mien die Belastung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger gesenkt werden k\u00f6nne. Dementsprechend wurde auch zu solchen Wechseln ermutigt. Soweit damit kein Wechsel in eine andere Versicherungsform verbunden ist, die zu geringeren Leistungen f\u00fchrt, wie beispielsweise aus der freien Versicherung in eine HMO, wird dadurch keine einzige Leistung weniger erbracht. Die gesamten Kosten des Gesundheitswesens k\u00f6nnen nicht sinken. Andererseits f\u00fchren diese Wechsel zu erheblichen Verwaltungskosten, die durch eine Pr\u00e4mienerh\u00f6hung aufgefangen werden m\u00fcssen. W\u00e4hrend der Wechsel zu einer anderen Kasse somit individuell rational sein kann, sehen wir uns gesellschaftlich betrachtet einem Gefangenendilemma gegen\u00fcber: Wenn alle versuchen, ihre Pr\u00e4mien auf diese Art und Weise zu senken, steigt die durchschnittliche Pr\u00e4mie.Wechsel machen nur dann gesamtgesellschaftlich Sinn, wenn die tieferen Pr\u00e4mien durch tiefere Kosten gerechtfertigt sind und nicht durch eine g\u00fcnstigere Risikostruktur. Der Vergleich mit den \u00e4hnlich konstruierten Systemen in Kanada und Australien zeigt, dass der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen auch dort im Wesentlichen ein Wettbewerb um g\u00fcnstige Risiken darstellt. Dies ist zwangsl\u00e4ufig der Fall, wenn der Risikoausgleich zwischen den Kassen nicht hinreichend ist, was in der Schweiz bisher zweifellos der Fall war. Ob dies durch den neuen Risikoausgleich, der ab dem Jahr 2012 gelten wird, signifikant verbessert wird, bleibt abzuwarten.Zudem bleibt offen, inwiefern verst\u00e4rkter Wettbewerb zur Kostensenkung beitr\u00e4gt oder ob er vor allem \u2013 wie in den Niederlanden \u2013 zu einem die Kosten steigernden Qualit\u00e4tswettbewerb f\u00fchrt. Wettbewerb ist in bestimmten Bereichen des Gesundheitswesens wichtig; aber es muss ein sorgf\u00e4ltig regulierter Wettbewerb sein, in welchem die Rolle des Staates mit derjenigen der M\u00e4rkte vern\u00fcnftig austariert ist. Nur dann sind damit Effizienzgewinne zu erzielen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abAufteilung der Gesundheitsausgaben auf die Kostentr\u00e4ger (2007)\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abKostenstruktur der Gesundheitsausgaben\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Merkmale des schweizerischen Gesundheitswesens im Vergleich zu den Gesundheitssystemen anderer OECD-L\u00e4nder&#13;<\/p>\n<h3>Merkmale des schweizerischen Gesundheitswesens im Vergleich zu den Gesundheitssystemen anderer OECD-L\u00e4nder<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2212 Sehr hohe Qualit\u00e4t, die sich in einem sehr guten Gesundheitszustand der Bev\u00f6lkerung niederschl\u00e4gt.\u2212 Gleichm\u00e4ssiger, einkommensunabh\u00e4ngiger Zugang zu einem umfangreichen Leistungskatalog.\u2212 Hohe Qualit\u00e4t und guter Gesundheitszustand im Bereich der Zahnheilkunde, auch wenn die Zahnbehandlung nahezu komplett aus dem Leistungskatalog der Grundversorgung ausgeschlossen ist und in diesem Bereich auch kaum private Zusatzversicherungen bestehen.\u2212 Defizite im Bereich Pr\u00e4vention sowie Information f\u00fcr Patienten.\u2212 Sowohl <i>absolut<\/i> (pro Kopf) als auch <i>relativ<\/i> (im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt) sehr hohe Kosten.\u2212 Sehr hoher Anteil der privaten Zuzahlungen.\u2212 Sehr hoher Anteil der Kosten f\u00fcr die station\u00e4re Behandlung.\u2212 Hohe Verweildauer beim Spitalaufenthalt, aber bei der Anzahl der Krankenhaustage pro Kopf der Bev\u00f6lkerung liegt die Schweiz im Mittelfeld.\u2212 Eher geringer Anteil der Ausgaben f\u00fcr Medikamente.\u2212 Hohe Ausgaben f\u00fcr die Langzeitpflege und hoher eigener Anteil der Betroffenen an diesen Kosten.\u2212 Keine Versicherung f\u00fcr die Abdeckung des Risikos der Langzeitpflege.\u2212 Keine Versicherung gegen Sch\u00e4den, die durch eine medizinische Behandlung entstehen, auch wenn den \u00c4rzten keine Schuld nachgewiesen werden kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Literatur&#13;<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2212 Br\u00fcgger, U. (2010), Impact of DRGs: Introducing a DRG Reimbursement System \u2013 A Literature Review, Schweizerische Gesellschaft f\u00fcr Gesundheitspolitik, Bern.\u2212 Health Consumer Powerhouse (ed.) (2009), Euro Health Consumer Index 2009, <i><a href=\"http:\/\/www.healthpowerhouse.com\">http:\/\/www.healthpowerhouse.com<\/a><\/i>\u2212 Kommission f\u00fcr Konjunkturfragen (2005), Wirtschaftliche Auswirkungen einer alternden Bev\u00f6lkerung, Jahresbericht 2005, 384. Mitteilung, Beilage zur Volkswirtschaft, dem Magazin f\u00fcr Wirtschaftspolitik, 1-2005, <i><a href=\"http:\/\/www.seco.admin.ch\/dokumentation\/publikation\">http:\/\/www.seco.admin.ch\/dokumentation\/publikation<\/a><\/i>\u2212 Kommission f\u00fcr Konjunkturfragen (2006), Reform des Gesundheitswesens, Jahresbericht 2006, 385. Mitteilung, Beilage zur Volkswirtschaft, dem Magazin f\u00fcr Wirtschaftspolitik, 1-2006, <i><a href=\"http:\/\/www.seco.admin.ch\/dokumentation\/publikation\">http:\/\/www.seco.admin.ch\/dokumentation\/publikation<\/a><\/i>\u2212 Listl, S. (2010), Chewing Abilities of Elderly Populations in Europe. mimeo, Mannheim Research Institute for the Economics of Aging, Mannheim, November 2010.\u2212 OECD (2006), OECD-Berichte \u00fcber Gesundheitssysteme: Schweiz, OECD\/WHO, Paris.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gesundheitssystem der Schweiz bietet der Bev\u00f6lkerung sehr hohe Qualit\u00e4t, aber auch zu sehr hohen Kosten. Ein Vergleich mit anderen L\u00e4ndern soll dazu dienen, St\u00e4rken und Schw\u00e4chen dieses Systems zu erkennen und M\u00f6glichkeiten zur Steigerung seiner Effizienz herauszufinden. 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