{"id":120840,"date":"2011-03-01T12:00:00","date_gmt":"2011-03-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/03\/schmid-10\/"},"modified":"2023-08-23T23:32:20","modified_gmt":"2023-08-23T21:32:20","slug":"schmid-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/03\/schmid-9\/","title":{"rendered":"E-Health ist mehr Kultur als Technik"},"content":{"rendered":"<p>Drei Jahre nach ihrer Verabschiedung durch den Bundesrat ist die Umsetzung der \u00abStrategie eHealth Schweiz\u00bb in vollem Gang. Ziel ist es, dass die Menschen in der Schweiz ihren Behandelnden \u00fcber ein elektronisches Patientendossier Zugriff auf behandlungsrelevante Informationen geben k\u00f6nnen. Dabei zeigt sich deutlich, dass die F\u00f6rderung der elektronischen Kommunikation kein Problem der Technik ist. Die Strategie setzt \u2013 im Sinne eines Bottom-up-Ansatzes \u2013 auf strategiekonforme kantonale Modellversuche, welche schrittweise zu einer schweizweiten L\u00f6sung verkn\u00fcpft werden. Im Rahmen solcher Projekte k\u00f6nnen Erkenntnisse gewonnen werden, die dazu beitragen, die nationale Strategie in eine nutzbringende Richtung weiterzuentwickeln.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin Teil der IT-Branche rieb sich die H\u00e4nde, als der Bundesrat im Juni 2007 die <i>Strategie eHealth Schweiz<\/i> verabschiedete: Endlich geht es los \u2013 so das Motto! Nun gibt es eine saubere Planung, gen\u00fcgend Geld, und die Sache kann schnell umgesetzt werden, dachten ein paar Anbieter. Doch so einfach ist die Sache nicht. Die Umsetzung und Weiterentwicklung der Strategie ist ein Multiprojektmanagement, das evolution\u00e4r angegangen werden muss. Schritt f\u00fcr Schritt also \u2013 und das mit guten Gr\u00fcnden:\u2212 <i>E-Health kann nicht \u00abvon der Stange\u00bb gekauft werden:<\/i> Es gibt kein im Markt erh\u00e4ltliches Produkt, das den Datenaustausch zwischen den heutigen Systemen sicherstellt.\u2212 <i>F\u00fcr E-Health gibt es keine fertige L\u00f6sung im Ausland:<\/i> Es gibt kein ausl\u00e4ndisches Modell, das sich eins zu eins auf die Schweizer Verh\u00e4ltnisse \u00fcbertragen l\u00e4sst.\u2212 <i>Bei E-Health fehlen praktische Erfahrungen:<\/i> Viele Fragen k\u00f6nnen nicht am Schreibtisch beantwortet werden. Die L\u00f6sung ergibt sich aus der praktischen Erfahrung.\u2212 <i>Es gibt f\u00fcr E-Health keine umfassenden Standards:<\/i> Die vorhandenen Standards betreffen nur Teilaspekte und keine Standards, die den Datenaustausch umfassend regeln.Das Hauptziel der <i>Strategie eHealth Schweiz<\/i> ist es, bis Ende 2015 alle Menschen in der Schweiz unabh\u00e4ngig von Ort und Zeit den Leistungserbringern ihrer Wahl den elektronischen Zugriff auf behandlungsrelevante Informationen zu erm\u00f6glichen (\u00abElektronische Patientendossiers\u00bb).&#13;<\/p>\n<h2>Weltweit vergleichbare H\u00fcrden<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWeitere Faktoren sprechen f\u00fcr ein schrittweises und gut begleitetes Vorgehen: Eine Analyse der Erfahrungen mit nationalen E-Health-Projekten in Deutschland, England, D\u00e4nemark, Kanada und Australien zeigt eine Vielzahl \u00e4hnlicher Detailprobleme. Die gr\u00f6sste Herausforderung weltweit ist die Akzeptanz von E-Health bei Medizinern. Ohne praktischen Beweis zweifeln viele am pers\u00f6nlichen Mehrwert. Dies macht es schwierig, sich auf neue gemeinsame Abl\u00e4ufe zu einigen und E-Health-Projekte zu starten. Vorw\u00e4rts kommen jene L\u00e4nder, die sich offensiv um eine Kommunikation des Nutzens und des Fortschritts bem\u00fchen. Hilfreich sind auch Plattformen der Zusammenarbeit, Teamarbeit sowie konkrete Anreize zur Umstellung. In der Vergleichsanalyse der f\u00fcnf L\u00e4nder zeigte sich zudem, dass sich die Bereiche \u00abTechnische L\u00f6sung\u00bb und \u00abStandards\u00bb nur in jeweils zwei L\u00e4ndern als problematisch erweisen.In der Schweiz ist seit der Verabschiedung der <i>Strategie eHealth Schweiz<\/i> im Jahr 2007 viel in Bewegung gekommen. Das gemeinsame Koordinationsorgan <i>eHealth Suisse<\/i> von Bund und Kantonen erarbeitet in enger Zusammenarbeit mit allen Akteuren Empfehlungen zur Einf\u00fchrung von E-Health. Diese Koordinationsaufgabe ist inzwischen unbestritten. Zwar setzt sich der Computer im Gesundheitswesens auch ohne E-Health-Strategie durch. Bei der zunehmenden Digitalisierung muss jedoch sichergestellt werden, dass keine kostspieligen Insell\u00f6sungen realisiert werden. Ein koordiniertes Vorgehen stellt sicher, Fehlinvestitionen zu verhindern. Auch die Anbieter von technischen L\u00f6sungen sind auf ein Umfeld angewiesen, das Investitionssicherheit bietet. Die Anwendungen sollen sich in einer Umgebung bewegen, welche die Interoperabilit\u00e4t sicherstellt.Den Kantonen kommt aufgrund ihrer Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung der Bev\u00f6lkerung eine zentrale Rolle zu. Als Initianten und Tr\u00e4ger von Modellversuchen leisten sie einen massgeblichen Beitrag zur Umsetzung der <i>Strategie eHealth Schweiz.<\/i> Gr\u00f6ssere Projektaktivit\u00e4ten sind zurzeit in den Kantonen Basel-Stadt, Genf, Luzern, St. Gallen, Tessin, Waadt und Wallis zu verzeichnen.&#13;<\/p>\n<h2>Das Terrain muss vorbereitet sein<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBevor ein E-Health-Projekt technisch umgesetzt werden kann, sind Vorarbeiten notwendig. Dies kommt auch im <i>Konzept zur Evaluation von Modellversuchen<\/i> zum Ausdruck, welches <i>eHealth Suisse<\/i> erarbeitet hat. Gem\u00e4ss dem Konzept werden Modellversuche zwar als Gesamtpaket evaluiert; es werden aber in zwei Bereichen unterschiedliche Kriterien angewendet:\u2212 <i>Bereitschaft:<\/i> Es braucht eine politische, rechtliche und organisatorische Vorbereitung. Im Vordergrund stehen die Themenfelder Aufkl\u00e4rung\/Information\/Bildung, Recht\/Politik und Organisation\/Zusammenarbeit\/Konzepte. Die Evaluation dient in diesem Teil vor allem als Beitrag zur F\u00f6rderung und Unterst\u00fctzung;\u2212 <i>Umsetzung:<\/i> Der zweite Teil der Evaluation fokussiert auf die technische und inhaltliche Umsetzung.Mit der Evaluation wird einerseits beurteilt, ob und wie die Empfehlungen von <i>eHealth Suisse<\/i> in Modellversuchen umgesetzt werden. Dies ist wichtig f\u00fcr die Transparenz, den Informationsaustausch und die Lernschlaufen im Hinblick auf ein schweizweit einheitliches System. Strategiekonforme Projekte sollen in Zukunft ein Label <i>Lokal, Regional<\/i> oder <i>National<\/i> erhalten.&#13;<\/p>\n<h2>Versichertenkarte als erster Schritt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuf Bundesebene hat der Bundesrat das Eidgen\u00f6ssische Departement des Innern (EDI) beauftragt, bis im September 2011 die gesetzlichen Grundlagen zur Einf\u00fchrung eines elektronischen Patientendossiers auszuarbeiten. Bereits etabliert ist eine nationale Versichertenkarte. Auf der Basis einer rechtlichen Grundlage im Krankenversicherungsgesetz (KVG) haben die meisten Krankenversicherten im Jahr 2010 eine neue Chipkarte erhalten. Sie ist auf nationaler Ebene der erste Meilenstein in der Umsetzung der <i>Strategie eHealth Schweiz.<\/i>Die Versichertenkarte verbessert die Datenqualit\u00e4t im administrativen Bereich, indem die neue AHV-Nummer als Identifikator f\u00fcr Abrechnungen im KVG-Umfeld etabliert wird. Auf der Karte k\u00f6nnen aber auch wichtige medizinische Daten gespeichert werden. Die Versichertenkarte ist technisch so vorbereitet, dass sie in Modellversuchen f\u00fcr erweiterte Anwendungen eingesetzt werden kann (z. B. Serverspeicherung der Medizinaldaten). Diese erweiterte Anwendung in Modellversuchen ben\u00f6tigt jedoch eine kantonale Rechtsgrundlage.&#13;<\/p>\n<h2>Weg von der technischen Insel<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin weiteres wichtiges Element zur Unterst\u00fctzung der Umsetzung der <i>Strategie eHealth Schweiz<\/i> war die Gr\u00fcndung des Vereins <i>IHE Suisse<\/i> im M\u00e4rz 2010. Die IHE <i>(Integrating the Healthcare Enterprise)<\/i> ist eine internationale Initiative zur Verbesserung des elektronischen Datenaustausches zwischen IT-Systemen im Gesundheitswesen. Sie treibt die einheitliche Verwendung etablierter Standards \u00fcber sogenannte Integrationsprofile voran. Mit dem Aufbau einer nationalen IHE-L\u00e4nderorganisation wurden die notwendigen Voraussetzungen geschaffen, um an den internationalen Bestrebungen teilzunehmen und bei Bedarf schweizerische Besonderheiten \u00fcber IHE-Profile abdecken zu k\u00f6nnen. IHE kann in heute bestehende Praxis- oder Klinik-Informationssysteme integriert werden und l\u00f6st sich somit von den Grenzen bestimmter Produkte. Aus heutiger Sicht wird sich der IHE-Ansatz in den n\u00e4chsten Jahren in vielen L\u00e4ndern und im innereurop\u00e4ischen Datenaustausch durchsetzen.Der Weg \u00fcber kantonale Modellversuche mit Lernschlaufen ist einerseits Resultat der f\u00f6deralen Strukturen, andererseits aber auch eine Erkenntnis aus internationalen Erfahrungen. Denn erfolgreich waren bisher nicht nationale Top-Down-Projekte, sondern realistische Vorhaben, welche die regionalen Bed\u00fcrfnisse der Patienten und der Behandelnden abdecken und einen klaren Nutzen versprechen. An diesem Grundsatz orientiert sich auch <i>eHealth Suisse.<\/i> In einer seiner Leitlinien heisst es: \u00abDie Umsetzung der <i>Strategie eHealth Schweiz<\/i> orientiert sich am nachweisbaren Nutzen und nimmt R\u00fccksicht auf die politischen, kulturellen und organisatorischen Besonderheiten der Gesundheitsversorgung. Vor diesem Hintergrund erfolgt die Einf\u00fchrung schrittweise sowie in unterschiedlichen regionalen oder kantonalen Geschwindigkeiten.\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Jahre nach ihrer Verabschiedung durch den Bundesrat ist die Umsetzung der \u00abStrategie eHealth Schweiz\u00bb in vollem Gang. Ziel ist es, dass die Menschen in der Schweiz ihren Behandelnden \u00fcber ein elektronisches Patientendossier Zugriff auf behandlungsrelevante Informationen geben k\u00f6nnen. Dabei zeigt sich deutlich, dass die F\u00f6rderung der elektronischen Kommunikation kein Problem der Technik ist. 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