{"id":120860,"date":"2011-01-01T12:00:00","date_gmt":"2011-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/01\/bauer-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:31:59","modified_gmt":"2023-08-23T21:31:59","slug":"bauer-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/01\/bauer-3\/","title":{"rendered":"Betriebliches Gesundheitsmanagement als Grundlage f\u00fcr eine gesunde Wirtschaft und nachhaltige Sozialwerke"},"content":{"rendered":"<p>Sozialversicherungen sch\u00fctzen vor den Folgen existenzieller Risiken wie Krankheit, Unfall, Invalidit\u00e4t, Arbeitslosigkeit, Altersruhestand und Tod durch finanzielle Leistungen im Falle des Ereigniseintritts. Erg\u00e4nzend liesse sich in vielen F\u00e4llen durch pr\u00e4ventive und gesundheitsf\u00f6rderliche Massnahmen die Eintrittswahrscheinlichkeit schon im Vorfeld reduzieren. Hier spielen die Arbeitsbedingungen eine zentrale Rolle, die sich gezielt durch Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) verbessern lassen. Die hier vorgestellte Vision einer Schweizer Initiative f\u00fcr eine gesunde Wirtschaft k\u00f6nnte somit einen zentralen Beitrag f\u00fcr die nachhaltige Finanzierbarkeit der Sozialwerke leisten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBesteht in der wohlhabenden Schweiz mit einer kontinuierlich gestiegenen und weltweit mit an der Spitze stehenden Lebenserwartungen \u00fcberhaupt noch Handlungsbedarf f\u00fcr Pr\u00e4vention und Gesundheitsf\u00f6rderung? Die durchschnittliche Lebenserwartung betr\u00e4gt heute zwar 80 Jahre; Personen mit obligatorischer Schulbildung leben aber durchschnittlich 7 Jahre weniger lang als Akademiker. Jedes zus\u00e4tzliche Bildungsjahr reduziert die Sterblichkeitsrate um 6%\u20137%. Ein \u00e4hnlicher Sozialgradient findet sich auch f\u00fcr die berufliche Invalidit\u00e4t und Anzahl chronischer Erkrankungen.&#13;<br \/>\nVgl. Bauer, G., &amp; Jenny, G. (2007). Gesundheit in Wirtschaft und Gesellschaft. In: K. H. Moser (Ed.). Wirtschaftspsychologie, S. 221\u2013243. Berlin: Springer.Die Ursachen hierf\u00fcr sind international gut untersucht. So wird die selbst eingesch\u00e4tzte Gesundheit, die eng mit k\u00fcnftigen Erkrankungen und Sterblichkeit korreliert, zu ca. 20% durch biologische Faktoren und das Gesundheitswesen beeinflusst. Dagegen werden ca. 30% unserer Gesundheit durch den bildungs- und einkommensabh\u00e4ngigen Lebensstil (inkl. Gesundheitsverhalten) und ca. 50% durch unterschiedliche Lebensbedingungen bestimmt \u2212 im Erwerbsalter ganz wesentlich durch die Arbeit und ihre Vereinbarkeit mit anderen Lebensdom\u00e4nen.&#13;<\/p>\n<h2>Zentrale Rolle guter Arbeit f\u00fcr Wirtschaft und Gesellschaft<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGute Arbeit erh\u00e4lt gesund, schlechte Arbeit macht krank; Arbeitslosigkeit macht sogar sehr krank. So lassen sich die umfassenden Forschungsbefunde kurz zusammenfassen. Beispielsweise haben Personen mit geringen Entscheidungsspielr\u00e4umen, geringer Anerkennung im Beruf oder mangelnder Work-Life-Balance ein signifikant h\u00f6heres Risiko f\u00fcr Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depression und Burnout. Diese Faktoren sowie physische \u00dcberbeanspruchung f\u00fchren auch zu muskuloskelettalen Erkrankungen. Gem\u00e4ss der Schweizer Gesundheitsbefragung sind 40% der Arbeitnehmenden an ihrer Arbeitsstelle mindestens drei physischen Risikofaktoren ausgesetzt, ca. ein Drittel mindestens drei psychosozialen Risikofaktoren.Eigene Forschung zeigt, dass der Sozialgradient f\u00fcr Gesundheit mit einem solchen f\u00fcr Arbeitsbedingungen einhergeht: je h\u00f6her die Bildung und berufliche Position der Erwerbst\u00e4tigen, desto besser ihre Arbeitsbedingungen. Insgesamt l\u00e4sst sich die gesundheitliche Ungleichheit in der Schweizer Erwerbsbev\u00f6lkerung gr\u00f6sstenteils durch die Arbeitsbedingungen erkl\u00e4ren.&#13;<br \/>\nBauer, G., Jenny, G., Huber, C., Mueller, F., &amp; H\u00e4mmig, O. (2009). Socioeconomic Status, Working Conditions and Self-Rated Health in Switzerland: Explaining the Gradient in Men and Women. In: International Journal of Public Health, 54(1), S. 1\u20138. Ung\u00fcnstige Arbeitsbedingungen generieren auch Kosten bei den Sozialversicherungen und bei der Wirtschaft \u2013 in zweistelliger Milliardenh\u00f6he.&#13;<\/p>\n<h2>Notwendige Datenbasis zu Arbeit und Gesundheit in der Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der Schweiz wissen wir relativ wenig \u00fcber die Gesundheit und Arbeitsbedingungen der Erwerbsbev\u00f6lkerung.&#13;<br \/>\nVgl. H\u00e4mmig, O., Jenny, G., Bauer, G. (2005). Arbeit und Gesundheit in der Schweiz. Arbeisdokument 12. Schweizer Gesundheitsobservatorium. Neuenburg M\u00e4rz 2005. Umgekehrt zeigt das Beispiel der nach Branchen und Betrieben auswertbaren Suva-Berufsunfallstatistik, dass sich mit guten Daten gezielt betriebsgerechte Pr\u00e4ventionsmassnahmen umsetzen lassen. Daher w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, wie in anderen L\u00e4ndern die Sozialversicherungsdaten zu Krankheit und Invalidit\u00e4t ebenfalls aggregiert nach Branchen und Betrieben auszuwerten.Auf Betriebsebene entwickeln wir derzeit in enger Kooperation von Wirtschaft und Forschung einen \u00fcberbetrieblichen Standard zur Erhebung der wichtigsten gesundheits- und leistungsrelevanten Arbeitsbedingungen. Mit dem breiten Einsatz der entsprechenden Online-Mitarbeitendenbefragung wird eine landesweite Datenbasis entstehen, die Betrieben untereinander ein Benchmarking erm\u00f6glicht. Mit dieser Informationsbasis k\u00f6nnen Betriebe in das BGM als \u00abgesundheits- und betriebswirtschaftlich orientierte \u00dcberpr\u00fcfung und Optimierung bestehender betrieblicher Strukturen und Prozesse\u00bb einsteigen.&#13;<br \/>\nVgl. Bauer &amp; Jenny (2007). BGM geht somit weit \u00fcber gesetzlich regelbare technische L\u00f6sungen hinaus. Mitarbeitende und F\u00fchrungsverantwortliche erarbeiten im BGM selbst in einem sozialen Innovationsprozess systemgerechte L\u00f6sungen f\u00fcr ihr Unternehmen. Hierf\u00fcr steht mit dem webbasierten Programm KMU-vital <i>(www.kmu-vital.ch)<\/i> bereits ein bew\u00e4hrtes, praxistaugliches Tool zur Verf\u00fcgung.&#13;<br \/>\nVgl. Bauer, G., &amp; Schmid, M. (2008). KMU-Vital: Ein webbasiertes Programm zur betrieblichen Gesundheitsf\u00f6rderung. Z\u00fcrich: vdf. Dennoch l\u00e4sst die Verbreitung von BGM in der Wirtschaft&#13;<br \/>\nVgl. Bauer, G., &amp; Jenny, G. (2010). Anspruch und Wirklichkeit: Zum aktuellen Stand der betrieblichen Gesundheitsf\u00f6rderung. In: G. Faller (Ed.), Lehrbuch Betriebliche Gesundheitsf\u00f6rderung, S. 48\u201356. Bern: Hans Huber, Hogrefe AG.trotz der nachgewiesenen Wirtschaftlichkeit&#13;<br \/>\nBauer, G. (2007). Worksite Health Promotion Research: Challenges, Current State and Future Direction. In: Italian Journal of Public Health, 4(4), S. 98\u2013107zu w\u00fcnschen \u00fcbrig.&#13;<\/p>\n<h2>Systemisches Betriebliches Gesundheitsmanagement<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm BGM noch besser in den Unternehmensalltag zu integrieren, entwickelt unsere Abteilung (siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Abteilung Gesundheitsforschung und BGM: Forschung und Praxis<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<i>Die 2006 per ETH-Schulleitungsbeschluss eingerichtete Kooperationsabteilung Gesundheitsforschung und BGM (<a href=\"http:\/\/www.poh.ethz.ch\">http:\/\/www.poh.ethz.ch<\/a>) der UZH und ETH Z\u00fcrich ist derzeit in der Deutschschweiz neben der Arbeitsmedizin an der UZH das einzige interdisziplin\u00e4re Kompetenzzentrum im Gebiet Arbeit und Gesundheit. Sie deckt Forschung zu physischen und psychosozialen Arbeitsbedingungen, Interventionsforschung zum BGM sowie Wissenstransfer ab. Die Abteilung bietet das Weiterbildungszertifikat CAS-BGM sowie \u00fcber ihr Beratungszentrum BGM-Z\u00fcrich (www.bgm-zh.ch) Betrieben gezielte BGM-Unterst\u00fctzung an. Zudem f\u00fchrt die Abteilung gemeinsam mit dem Partner Institut Sant\u00e9 au Travail Lausanne (www.i-s-t.ch) 2011 bereits im 10. Durchgang das MAS Arbeit+ Gesundheit (f\u00fcr Arbeitshygiene, Arbeitsmedizin, Ergonomie) sowie per 2011 ein vom Nationalfonds finanziertes Doktoratsprogramm ProDoc Health@Work durch.<\/i>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n) in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft das systemische BGM. Dieses betrachtet ein Unternehmen als soziales System, in dem Gesundheit und Produktivit\u00e4t durch die optimale Wechselwirkung zwischen den Mitarbeitenden und der Organisation entsteht. Dem Betrieb steht ein BGM-Cockpit zur Verf\u00fcgung, welches die strategische Unternehmensf\u00fchrung erleichtert. Das Cockpit erm\u00f6glicht es, die Kennzahlen der gesundheits- und leistungsrelevanten Arbeitsbedingungen mit der Gesundheit, Arbeitsqualit\u00e4t und nachhaltigen Performance als zentrale Ergebnisse des BGM in Beziehung zu setzen. Auf dieser Informationsbasis erarbeiten die F\u00fchrungskr\u00e4fte gezielt L\u00f6sungen f\u00fcr eigene gesundheits- und leistungsrelevante Belastungen und Ressourcen \u2013 im Anschluss tun sie dies mit ihren Mitarbeitenden. Dieses Vorgehen f\u00fchrt regelm\u00e4ssig zur Verbesserung der Arbeitsgestaltung, der Gesch\u00e4ftsprozesse sowie der internen und externen Kommunikation. Dieser Innovationsprozess mit Einbezug unterschiedlicher Perspektiven und Beachtung von Wechselwirkungen hilft, besser mit der zunehmenden Komplexit\u00e4t in der Wirtschaftswelt umzugehen. Zudem werden generelle Optimierungs- und Innovationskompetenzen im Betrieb aufgebaut und die mitarbeitendenorientierte Unternehmenskultur gef\u00f6rdert, die nachweislich 30% der Produktivit\u00e4tsunterschiede in Betrieben ausmacht.&#13;<\/p>\n<h2>Vision einer Schweizer Initiative f\u00fcr gesunde Wirtschaft<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZusammengefasst besteht im Bereich Arbeit und Gesundheit ein grosses Potenzial, die gesundheitliche Chancengleichheit und Arbeitsqualit\u00e4t der Erwerbst\u00e4tigen, aber auch die Innovations- und Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Schweizer Wirtschaft zu st\u00e4rken. F\u00fcr die Sozialversicherungen besteht die Chance, soziale Risiken proaktiv abzusichern.Da die Schweizer Verfassung <i>jedem<\/i> Menschen das Grundrecht auf \u00abpers\u00f6nliche Freiheit, insbesondere auf k\u00f6rperliche und geistige Unversehrtheit\u00bb garantiert, w\u00e4re es Zeit, eine \u00abSchweizer Initiative f\u00fcr eine gesunde Wirtschaft\u00bb zu lancieren. Diese sollte die zentralen Interessensgruppen zusammen bringen und ihr Synergiepotenzial nutzen. Die nationale Gesundheitspolitik hat entsprechend 2006 das Positionspapier \u00abArbeitsbedingungen und Gesundheit \u2013 eine strategische Perspektive\u00bb lanciert. Da aber keine Institution Leadership f\u00fcr das Thema Arbeit und Gesundheit \u00fcbernommen hat, sind diese Anf\u00e4nge im Sande verlaufen. Daran wird auch das Pr\u00e4ventionsgesetz nichts \u00e4ndern, da es die Arbeitswelt ausklammert. Ein neu zu schaffendes Schweizer Kompetenzzentrum f\u00fcr Arbeit, Gesundheit und Organisation (Swiss-AGO) k\u00f6nnte diese Rolle \u00fcbernehmen, bestehendes Forschungs- und Praxis-Know-how integrieren und den Interessengruppen zur Verf\u00fcgung stellen. So k\u00f6nnte es die notwendige Datengrundlage zum Thema Arbeit und Gesundheit schaffen, Betriebe bei der Einf\u00fchrung eines BGM unterst\u00fctzen sowie dessen Wirksamkeit \u00fcberpr\u00fcfen und weiter entwickeln. In die Tr\u00e4gerschaft solch eines Zentrums w\u00e4ren die wichtigsten Interessengruppen (inkl. der Sozialversicherungen) einzubinden und eine sinnvolle institutionelle Aufh\u00e4ngung zu kl\u00e4ren. Skandinavischen L\u00e4nder, die eine lange Tradition im Bereich solcher Working-Life-Initiativen und -Zentren haben, weisen im europ\u00e4ischen Vergleich die besten Arbeitsbedingungen und eine besonders florierende Wirtschaft auf. Zudem w\u00e4re die Schweiz besser gewappnet f\u00fcr die kommenden Herausforderungen durch die demografische Entwicklung, den Trend zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft sowie den weiter zunehmenden Wettbewerbs- und Ver\u00e4nderungsdruck, die alle eine gesunde und leistungsf\u00e4hige Erwerbsbev\u00f6lkerung erfordern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Abteilung Gesundheitsforschung und BGM: Forschung und Praxis&#13;<\/p>\n<h3>Abteilung Gesundheitsforschung und BGM: Forschung und Praxis<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie 2006 per ETH-Schulleitungsbeschluss eingerichtete Kooperationsabteilung Gesundheitsforschung und BGM <i>(<a href=\"http:\/\/www.poh.ethz.ch\">http:\/\/www.poh.ethz.ch<\/a>)<\/i> der UZH und ETH Z\u00fcrich ist derzeit in der Deutschschweiz neben der Arbeitsmedizin an der UZH das einzige interdisziplin\u00e4re Kompetenzzentrum im Gebiet Arbeit und Gesundheit. Sie deckt Forschung zu physischen und psychosozialen Arbeitsbedingungen, Interventionsforschung zum BGM sowie Wissenstransfer ab. Die Abteilung bietet das Weiterbildungszertifikat CAS-BGM sowie \u00fcber ihr Beratungszentrum BGM-Z\u00fcrich <i>(www.bgm-zh.ch)<\/i> Betrieben gezielte BGM-Unterst\u00fctzung an. Zudem f\u00fchrt die Abteilung gemeinsam mit dem Partner Institut Sant\u00e9 au Travail Lausanne <i>(www.i-s-t.ch)<\/i> 2011 bereits im 10. Durchgang das MAS Arbeit+ Gesundheit (f\u00fcr Arbeitshygiene, Arbeitsmedizin, Ergonomie) sowie per 2011 ein vom Nationalfonds finanziertes Doktoratsprogramm ProDoc Health@Work durch.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sozialversicherungen sch\u00fctzen vor den Folgen existenzieller Risiken wie Krankheit, Unfall, Invalidit\u00e4t, Arbeitslosigkeit, Altersruhestand und Tod durch finanzielle Leistungen im Falle des Ereigniseintritts. 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