{"id":120890,"date":"2011-01-01T12:00:00","date_gmt":"2011-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/01\/daum-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:32:02","modified_gmt":"2023-08-23T21:32:02","slug":"daum-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/01\/daum-5\/","title":{"rendered":"Stand und Weiterentwicklung der Sozialversicherungssysteme: Ein Streitgespr\u00e4ch"},"content":{"rendered":"<p>Im Vordergrund des Streitgespr\u00e4chs zwischen Thomas Daum, Direktor Schweizerischer Arbeitgeberverband, und Daniel Lampart, Chef\u00f6konom Schweizerischer Gewerkschaftsbund, stehen Fragen \u00fcber Stand und Weiterentwicklung der AHV. Die Meinungen dar\u00fcber sind sehr geteilt: W\u00e4hrend der Vertreter der Arbeitgeber die demografischen Entwicklung als Schl\u00fcsselfaktor f\u00fcr die schiefe Lage der AHV sieht und einen Revisionsbedarf ab 2016\/2017 ausmacht, der die Wirtschaft nicht zus\u00e4tzlich belasten d\u00fcrfe, vertraut der Vertreter der Gewerkschaften auf die steigende Produktivit\u00e4t der Wirtschaft und einen guten Arbeitsmarkt als wichtigste Finanzierungsquellen der Sozialwerke. Diese Finanzierungsquellen seien aber nur gesichert, wenn die anstehenden Arbeitsmarktprobleme endlich behoben werden und das Potenzial von \u00e4lteren Arbeitnehmenden und Frauen besser genutzt wird.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Wir leben in einer alternden Gesellschaft, die sich durch immer mehr Rentner und weniger Erwerbst\u00e4tige auszeichnet. Welche Schl\u00fcsse ziehen Sie daraus f\u00fcr die Entwicklung der Sozialversicherungssysteme bis ins Jahr 2060?<b>Daum:<\/b> Davon betroffen sein werden der Arbeitsmarkt, die Altersversicherungen und die Krankenversicherung \u2013 diese schon wegen der massiv steigenden Pflegekosten. Das Rentner\/Aktiven-Verh\u00e4ltnis war in den letzten 20 Jahren recht stabil. Der Rentneranteil wird aber bereits in den n\u00e4chsten Jahren rasch ansteigen.<b>Lampart:<\/b> Es macht keinen Sinn, \u00fcber den langen Zeitraum bis 2060 Prognosen zu machen. Das zeigen eindeutig die Fehlprognosen in Sachen AHV-Finanzierung. Was zudem oft vergessen wird: Wir haben grosse Erfahrung mit der demografischen Alterung. 1950 hatten wir einen Rentner auf 4,5 Vollzeitstellen, heute noch auf rund 2,5. Trotzdem funktioniert die Finanzierung der AHV immer noch. Es brauchte nur ein Mehrwertsteuerprozent mehr.<b>Daum:<\/b> Vergessen Sie nicht die grossen Beitragserh\u00f6hungen in den 1970er-Jahren.<b>Lampart:<\/b> Ja, das stimmt, aber es gab auch einen Leistungsausbau.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b>F\u00fcr Sie, Herr Lampart, scheint die Demografie nicht der Schl\u00fcsselfaktor zu sein. Welcher Faktor ist es dann, der f\u00fcr die langfristige Beurteilung der Sozialversicherungssysteme von zentraler Bedeutung ist?<b>Lampart:<\/b> Entscheidend ist ganz klar die Produktivit\u00e4t der Besch\u00e4ftigten. Sie alimentiert die Altersvorsorge und sorgt daf\u00fcr, dass die Sozialwerke auch in Zukunft solide finanziert sein werden.<b>Daum:<\/b> Die Produktivit\u00e4tssteigerung hat uns in der Vergangenheit geholfen. Aber in Anbetracht der Bev\u00f6lkerungsszenarien des Bundesamts f\u00fcr Statistik BFS ist es v\u00f6llig ausgeschlossen, dass die Verschlechterung des Verh\u00e4ltnisses zwischen Rentnern und Aktiven allein mit Produktivit\u00e4tssteigerungen aufgefangen werden kann. Hinzu kommt, dass die Produktivit\u00e4t in einer alternden Gesellschaft sich tendenziell eher schlechter entwickelt als in einer Gesellschaft im \u00abNormalzustand\u00bb. Wir werden immer mehr Arbeitspl\u00e4tze im Gesundheitsbereich und in der Altenpflege haben, wo der Produktivit\u00e4tssteigerung enge Grenzen gesetzt sind.<b>Lampart:<\/b> Wenn die Arbeitsbedingungen in der Schweiz gut sind, werden mehr Leute arbeiten k\u00f6nnen. In den letzten 20 Jahren ging es aber in die falsche Richtung. Die \u00e4lteren Arbeitnehmenden wurden aus den Betrieben gedr\u00e4ngt. Die Arbeitslosigkeit \u2013 auch von j\u00fcngeren Arbeitnehmenden \u2013 hat sehr stark zugenommen. Mit einer guten Besch\u00e4ftigungspolitik werden wir gem\u00e4ss unseren Berechnungen 1\u20132 Beitragsprozente auffangen k\u00f6nnen. Das beinhaltet eine gewisse Einwanderung, eine h\u00f6here Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen sowie eine Arbeitslosigkeit und Besch\u00e4ftigung \u00e4lterer Arbeitnehmender auf dem Niveau von 1991.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>In welchem Masse l\u00e4sst sich die demografische Entwicklung durch Einwanderung korrigieren?<b>Daum:<\/b> Die Schweizer Wirtschaft wird auch in Zukunft in \u00e4hnlichem Masse wie heute auf Einwanderung angewiesen sein. Wir haben heute einen Ausl\u00e4nderanteil von etwa 22%; bei der Erwerbsbev\u00f6lkerung sind es sogar 27%. Schon aus politischen Gr\u00fcnden, aber auch wegen der fehlenden Verf\u00fcgbarkeit qualifizierter ausl\u00e4ndischer Arbeitskr\u00e4fte werden wir den Anteil nicht signifikant erh\u00f6hen k\u00f6nnen. Zudem l\u00e4sst sich das Problem der alternden Gesellschaft strukturell mit der Einwanderung nicht l\u00f6sen; es wird so nur zeitlich verschoben. Allerdings muss ich auch jene warnen, die damit lieb\u00e4ugeln, die Einwanderung zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Das w\u00fcrde der Wirtschaft nachhaltig schaden.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Welche Rolle spielen f\u00fcr Sie in diesem Kontext l\u00e4ngere Lebensarbeitszeiten?<b>Daum:<\/b> \u00dcber kurz oder lang wird kein Weg daran vorbeif\u00fchren, die demografische Herausforderung mit l\u00e4ngeren Lebensarbeitszeiten aufzufangen. Die strukturellen Probleme bei der AHV m\u00fcssen mit einem flexiblen Rentenalter und einem h\u00f6heren Referenzalter angegangen werden. Nur so wird es m\u00f6glich sein, die AHV finanziell ohne gr\u00f6ssere Leistungseinbussen im Gleichgewicht zu halten. Das zu erreichen, wird eine grosse Herausforderung sein: Wir m\u00fcssen uns daran machen, die heute bestehenden 64er- bzw. 65er-Barrieren in den K\u00f6pfen der Leute aufzuweichen. In Zukunft k\u00f6nnen wir uns die pauschale und automatische Grenze zwischen Erwerbsleben und Rentnerleben nicht mehr erlauben. Sie ist auch aus der individuellen Perspektive falsch.<b>Lampart:<\/b> Das Problem der normalverdienenden Schweizer Bev\u00f6lkerung ist es, bis 65 einen guten Arbeitsplatz zu haben. Das ist die Realit\u00e4t. Bei den 63-j\u00e4hrigen M\u00e4nnern sind nur noch rund 60% im Erwerbsleben. Wenn man ihnen jetzt sagt, wir m\u00fcssen das Rentenalter erh\u00f6hen, verstehen die Leute das nicht. Sie machen sich sorgen, bis 65 \u00fcberhaupt eine Stelle zu haben.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Sprechen wir \u00fcber die Prospektionen des Bundesamtes f\u00fcr Sozialversicherungen (BSV) bis 2030. Was ziehen Sie daraus f\u00fcr Konsequenzen?<b>Daum:<\/b> Gem\u00e4ss diesen Prospektionen werden wir schon in den n\u00e4chsten zwei Jahren beim Umlageergebnis in den negativen Bereich geraten. Wegen der ung\u00fcnstigen Verh\u00e4ltnisse zwischen Erwerbst\u00e4tigen und Rentnern werden diese Ergebnisse ab 2014\/15 massiv schlechter werden. Nicht dass ich in Panik machen m\u00f6chte. Auch die Arbeitgeber sind der Meinung, dass wir \u2013 nebst dem h\u00f6heren Referenz-Rentenalter \u2013 eine bedeutend h\u00f6here Erwerbsbeteiligung bei den \u00fcber 60-J\u00e4hrigen anstreben m\u00fcssen, weil sie eine der beiden wesentlichen Reserven unseres Arbeitsmarktes bilden; die andere liegt bei den Frauen.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Wie soll das Ziel erreicht werden, dass die Leute m\u00f6glichst lange im Arbeitsprozess bleiben k\u00f6nnen?<b>Daum:<\/b> Die Arbeitgeber werden in verschiedener Hinsicht \u2013 u.a. personalpolitisch, organisatorisch, aber auch bez\u00fcglich der Arbeitsprozesse \u2013 Ver\u00e4nderungen in Gang setzen m\u00fcssen, die es erlauben, auch mit \u00e4lteren Arbeitnehmenden eine bestm\u00f6gliche Wertsch\u00f6pfung zu erzielen. Das setzt voraus, dass Qualifikation und Leistungsf\u00e4higkeit der \u00e4lteren Arbeitskr\u00e4fte erhalten bleiben. Hier sind die Arbeitnehmenden noch mehr gefordert als die Arbeitgeber. Die Politik muss die Rahmenbedingungen so setzen, dass sie die Erreichung dieser Ziele f\u00f6rdern und nicht kurzfristig von der Zielverfolgung ablenken \u2013 etwa mit falschen Anreizen in den Sozialversicherungen oder in anderen Bereichen.<b>Lampart:<\/b> Heute k\u00f6nnen \u00e4ltere Arbeitnehmende viel weniger an Weiterbildungsprogrammen der Unternehmen teilnehmen. Die Arbeitgeber lassen sie h\u00e4ngen. Auch bei den Arbeitsbedingungen und der beruflichen Gesundheitsvorsorge m\u00fcssen die Massnahmen m\u00f6glichst fr\u00fch greifen. Leider ist der Stress am Arbeitsplatz in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen; immer mehr Leute haben psychosomatische Probleme. Das sind alarmierende Zeichen. Die Schweiz geht in die falsche Richtung. Wir m\u00fcssen schauen, dass die Leute gerne und gut bis zum Erreichen des Rentenalters arbeiten k\u00f6nnen.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Wenn die Kosten des Sozialstaates gelindert werden sollen und m\u00fcssen, wo liegen Ihre Priorit\u00e4ten: bei l\u00e4nger arbeiten, h\u00f6heren Beitr\u00e4gen oder geringeren Leistungen?<b>Daum:<\/b> Leistungsk\u00fcrzungen sind so lange wie m\u00f6glich zu vermeiden. Unsere Priorit\u00e4t liegt bei der sukzessiven Erh\u00f6hung des Austrittsalters aus dem Erwerbsleben. Aber die hohen Sozialkosten d\u00fcrfen auf keinen Fall weiter steigen. In den 1980er-Jahren lag die Schweiz in Sachen Sozialkosten im Vergleich mit den EU-Staaten am unteren Ende. Heute befinden wir uns im oberen Mittelfeld. Wir haben also keine Reserven. Gem\u00e4ss einer Untersuchung werden die OECD-L\u00e4nder bis 2050 im Durchschnitt zus\u00e4tzliche 10 BIP-Prozentpunkte brauchen, um die Altersvorsorge sowie die Gesundheits- und Pflegekosten zu finanzieren. F\u00fcr die Schweiz wurden etwa 8 BIP-Prozentpunkte errechnet. Alle vorhandenen Zahlen weisen in gleiche Richtung.<b>Lampart:<\/b> Die soziale Sicherheit ist auch in Zukunft finanzierbar. F\u00fcr uns Gewerkschaften steht die Frage im Vordergrund, ob die Leistungen der Altersvorsorge ausreichen. Nehmen wir ein Einkommen von 5000 Franken: Mit Altersleistungen von 60% kommen wir auf 3000 Franken. Das ist unserer Meinung nach nicht genug, um dem verfassungsm\u00e4ssigen Ziel, die \u00abgewohnte Lebensweise\u00bb zu gew\u00e4hrleisten, entsprechen zu k\u00f6nnen. Deshalb sind wir daran, ein Projekt auszuarbeiten, mit der tiefe und mittlere Einkommen k\u00fcnftig eine h\u00f6here Rente haben werden. Hier sehen wir die Priorit\u00e4t.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Herr Lampart, wir haben heute bereits grosse Finanzierungsprobleme bei der AHV. Nun wollen Sie die AHV noch ausbauen. Deshalb nochmals die Frage: Wie soll die AHV k\u00fcnftig finanziert werden?<b>Lampart:<\/b> Bei einer guten Arbeitsmarktpolitik ist der finanzielle Mehrbedarf der AHV gering. Er k\u00f6nnte beispielsweise mit einer Erbschaftssteuer gedeckt werden. Eine Erh\u00f6hung des Rentenalters auf 67 w\u00fcrde rund 1,5 Beitragsprozenten entsprechen. Ich gehe davon aus, dass sich die Bev\u00f6lkerung, wenn sie dar\u00fcber zu entscheiden h\u00e4tte, f\u00fcr die Erh\u00f6hung der Beitragsprozente oder eine Erbschaftssteuer aussprechen w\u00fcrde.<b>Daum:<\/b> Wie unrealistisch dies ist, zeigt sich, wenn wir die Gesamtsituation betrachten: allenfalls erh\u00f6hte Beitragsprozente bei der AHV, seit Jahren steigende Beitr\u00e4ge f\u00fcr die Krankenkassen, die IV-Zusatzfinanzierung, steigende Beitr\u00e4ge bei der ALV und EO. Wir steigern und steigern und blenden dabei aus, dass es nicht beliebig so weitergehen kann, ohne der Wirtschaft, die das finanzieren muss, so viel Substrat zu entziehen und ihre Konkurrenzf\u00e4higkeit so stark zu schw\u00e4chen, dass am Schluss ein doppeltes Verlustspiel herauskommt: Wir w\u00fcrden dadurch ein System schaffen, das mit hohen Beitr\u00e4gen zu sanieren ist, und eine Wirtschaft, die wegen der hohen Belastung nicht in der Lage ist, die Beitr\u00e4ge zu erwirtschaften.<b>Lampart:<\/b> Wenn die Zahl der Arbeitslosen um 40&nbsp;000 reduziert wird, sparen wir ein Lohnprozent ALV-Beitr\u00e4ge. Und wenn etwas vorausschauender Gesundheitspr\u00e4vention betrieben wird, werden wir weniger IV-Neurentner haben.<b>Daum:<\/b> Wir werden mit der besten Arbeitsmarktpolitik nicht so viel rausholen, dass wir die andern Massnahmen einfach zur Seite stellen k\u00f6nnen. Das wird so nicht funktionieren.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Macht f\u00fcr Sie die Schuldenbremse im Sozialversicherungsbereich Sinn?<b>Daum:<\/b> Die grossen strukturellen Probleme der AHV m\u00fcssen mit einer politischen Entscheidung des Gesetzgebers im Dreieck Alter, Beitragsh\u00f6he und Leistungsh\u00f6he gel\u00f6st werden. Die Schuldenbremse, welche ja dem Bundesrat Korrekturkompetenzen geben w\u00fcrde, kann erst danach zum Einsatz kommen. Deshalb sprechen wir lieber von einer Stabilisierungsklausel.<b>Lampart:<\/b> Die Schuldenbremse w\u00fcrde so funktionieren, dass bei den Leistungen gek\u00fcrzt w\u00fcrde. Davon betroffen w\u00e4ren vor allem Leute mit tiefen und mittleren Einkommen. Sie sind diejenigen, welche die AHV brauchen. Ohne die AHV haben sie noch gr\u00f6ssere Schwierigkeiten, ihr Leben im Rentenalter zu bestreiten, als sie heute schon haben. Darum kommt sie f\u00fcr uns nicht in Frage. Wir halten die Schweizer Bev\u00f6lkerung f\u00fcr m\u00fcndig genug, um, wenn es soweit ist, dar\u00fcber zu entscheiden, was es dann wirklich braucht. Aber davon sind weit entfernt, da die AHV nach wie vor \u00dcbersch\u00fcsse macht.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Wie w\u00fcrde, Herr Daum, die von Ihnen bevorzugten Stabilisierungsregeln aussehen?<b>Daum:<\/b> In einem ersten Schritt m\u00fcsste die jeweilige Sozialversicherung strukturell auf Kurs bzw. ins Gleichgewicht gebracht werden. Weil aber bei dieser strukturellen Stabilisierung immer gewisse Unsicherheiten bestehen (lange Zeitr\u00e4ume und grosse Hebel, je nachdem, welche Parameter wir ansetzen) brauchen wir Regeln, wie mit den Pfadabweichungen umzugehen ist. Das ist der Einsatzbereich der Stabilisierungsregeln. Wir h\u00e4tten also eine grunds\u00e4tzlich strukturbereinigte AHV. F\u00fcr den Fall, dass sich in der Zukunft andere Entwicklungen ergeben als angenommen und man vom Gleichgewichts-Pfad ins Defizit abzuweichen droht, kommen die Stabilisierungsregeln zum Tragen. Mit den Stabilisierungsregeln w\u00fcrde der Bundesrat erstens verpflichtet, eine Gesetzesrevision einzuleiten; zweitens w\u00fcrde er dazu erm\u00e4chtigt, mit Sofortmassnahmen einzugreifen, damit bei den gegebenen Einnahmen das Defizit nicht immer gr\u00f6sser wird. Wir fordern eine solche Regel auch f\u00fcr die IV. Bei anderen Sozialversicherungen ist es etwas schwieriger. <b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Welche M\u00f6glichkeiten und Grenzen der Umverteilung sehen Sie bei den Sozialversicherungssystemen?<b>Daum:<\/b> Bei der AHV haben wir eine unbeschr\u00e4nkte Umverteilung. Bei Einkommen \u00fcber 83&nbsp;500 Franken sind die Beitr\u00e4ge f\u00fcr die AHV blanke Steuern. Wir lehnen es ab, dieses radikale Umverteilungsprinzip auf weitere Sozialversicherungen zu \u00fcbertragen. Obwohl die Umverteilung bei der zweiten S\u00e4ule gleich null sein sollte, ist heute leider ein Trend in Richtung Umverteilung auszumachen. Warum? Der heutige Mindestumwandlungssatz entspricht nicht der effektiven Rendite auf den Kapitalm\u00e4rkten und der gestiegenen Lebenserwartung. Das f\u00fchrt zur Umverteilung von den Aktiven zu den Rentnern bzw. den J\u00fcngeren zu den \u00c4lteren. Insgesamt ist die Umverteilung bei den Sozialversicherungssystemen an der Grenze dessen angelangt, was f\u00fcr die Wirtschaft noch tragbar ist.<b>Lampart:<\/b> Wir stellen fest, dass in der Schweiz \u2013 wie auf der ganzen Welt \u2013 eine Einkommensschere aufgegangen ist. Bei den Verm\u00f6gen hat eine kleine Schicht sogar massiv zugelegt. Das ist etwas, das die Schweizer Bev\u00f6lkerung besch\u00e4ftigt und als falsch betrachtet. Deshalb stellt sich die Frage, wie diese kleine Schicht von Reichen st\u00e4rker als bisher bei der Finanzierung der Sozialversicherungen beteiligt werden soll. Das gr\u00f6sste Problem stellt sich bei der Krankenversicherung. Vor allem mittlere Einkommen werden bei den Krankassenbeitr\u00e4gen in einem untragbaren Mass belastet, weil die Pr\u00e4mienverbilligungen \u2013 so etwa im Kanton Z\u00fcrich \u2013 nur bis ca. 80&nbsp;000 Franken Einkommen gew\u00e4hrt werden. <b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Wir reden \u00fcber die Finanzierung von Sozialversicherungssystemen, und Sie fordern einen Ausbau. Warum?<b>Lampart:<\/b> Es gibt nicht nur einen Bedarf im Krankenversicherungsbereich, sondern auch bei der AHV. Die Bedeutung der Erg\u00e4nzungsleistungen ist dort st\u00e4ndig gestiegen. Das verfassungsm\u00e4ssige Ziel von 60% des Einkommens wird immer h\u00e4ufiger nicht erreicht. \u00dcbrigens: Auch der IV sind rund zwei Drittel der j\u00fcngeren Bez\u00fcger von Erg\u00e4nzungsleistungen abh\u00e4ngig, was zeigt, dass die Leistungen nicht ausreichen und im System etwas Grunds\u00e4tzliches nicht stimmt.<b>Daum:<\/b> Bei der Betrachtung des verfassungsm\u00e4ssigen Ziels d\u00fcrfen die Erg\u00e4nzungsleistungen nicht ausgeblendet werden. Diese werden unter Pr\u00fcfung der \u00f6konomischen Situation der Gesuchsteller gew\u00e4hrt. Bei unserem Verst\u00e4ndnis von sozialer Sicherheit ist es zumutbar, dass jeder Selbstvorsorge betreibt und bei der Beurteilung eines Gesuchs alle verf\u00fcgbaren privaten Mittel angerechnet werden. Das ist auch der Grund, weshalb wir diese AHV-Plus-Idee der Gewerkschaften ablehnen. Es geht nicht an, sch\u00f6ne Leistungsziele zu definieren, aber sich v\u00f6llig \u00fcber die Kosten auszuschweigen. Diese d\u00fcrften gem\u00e4ss ersten Sch\u00e4tzungen 2 bis 2,5 Mrd. Franken betragen.<b>Lampart:<\/b> F\u00fcr Rentner, die nie in ihrem Leben Erg\u00e4nzungsleistungen gebraucht haben, sind diese oft erniedrigend. Das zeigt sich daran, dass sie von vielen nicht in Anspruch genommen werden. Das Ziel muss sein, dass die Leute wenn immer m\u00f6glich ohne bedarfsabh\u00e4ngige Erg\u00e4nzungsleistungen auskommen.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Wie hat sich der Anteil der Leute, die an der Armutsgrenze leben, Ihrer Interpretation nach entwickelt?<b>Daum:<\/b> In der Schweiz ist in den letzten 20 Jahren die Lohnschere nur leicht auseinandergegangen. Bei den Working Poor wie bei der Altersarmut ist die Tendenz klar r\u00fcckl\u00e4ufig. Wir d\u00fcrfen zur Kenntnis nehmen, dass nicht zuletzt durch unsere Sozialwerke die materielle Situation der schw\u00e4cheren Bev\u00f6lkerungsteile deutlich besser und stabiler geworden ist.<b>Lampart:<\/b> Die Zahl der Leute mit einem Sal\u00e4r von \u00fcber 1 Mio. Franken hat sich in den letzten zehn Jahren in der Schweiz fast verf\u00fcnffacht; hingegen ist die Reallohnentwicklung bei Lohnempf\u00e4ngern wie den Sanit\u00e4r mit einem Monatssal\u00e4r von knapp 5000 Franken nur leicht positiv. Rund 10% der Leute arbeiten in der Schweiz in Berufen, die nach internationalem Massst\u00e4ben als Niedriglohnberufe einzustufen sind. Die Grenze liegt je nach Stundenzahl bei ungef\u00e4hr 3800 Franken im Monat.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>F\u00fcr wie gross erachten Sie die Reformfreudigkeit der Schweiz im Bereich der Sozialversicherungssysteme?<b>Daum:<\/b> Meine Bilanz der Reformfreudigkeit ist gemischt: Die erste Botschaft zur 11. AHV-Revision wurde vom Bundesrat im Jahr 2000 verabschiedet. Zehn Jahre sp\u00e4ter haben wir zwei gescheiterte Vorlagen hinter uns. Ich kann nur hoffen, dass die am Prozess beteiligten Parteien und Organisationen rasch ein einigermassen gemeinsames Verst\u00e4ndnis von Ausgangslage, Perspektiven und Handlungsoptionen gewinnen werden. Bei der IV dauerte die Reformverweigerung sogar 15 Jahre. Ein positives Erlebnis war die Revision der Arbeitslosenversicherung. Hier zeigte sich, dass die Bereitschaft gewachsen ist, die Probleme anzugehen. Hoffen wir, dass dies nun auch bei der AHV der Fall sein wird.<b>Lampart:<\/b> Die Schweizer Bev\u00f6lkerung hat bisher \u00fcber alle wichtigen Sozialversicherungsfragen entschieden \u2013 sei es wegen einer vorgeschlagenen Verfassungs\u00e4nderung oder einem Referendum. Das wird auch in Zukunft so sein. Viele Politiker wollen bei den Sozialwerken nur abbauen. Was wir brauchen, sind aber echte L\u00f6sungen. Wenn sie diese Logik des sozialen Abbaus weiterverfolgen und die Privilegierten weiter privilegieren, politisieren sie an der Schweizer Bev\u00f6lkerung vorbei.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Probleme bei der AHV gel\u00f6st werden?<b>Lampart:<\/b> Die AHV macht \u00dcbersch\u00fcsse. Finanziell besteht momentan kein Handlungsbedarf. Unsicher ist, ob die Arbeitsmarktprobleme gel\u00f6st werden. Es liegt in unseren H\u00e4nden, einen guten Arbeitsmarkt zu schaffen \u2013 mit guten L\u00f6hnen und neuen Jobs. Das ist die Finanzierungsquelle der Sozialwerke. Wie viele Rentner wir haben, k\u00f6nnen wir hingegen nicht beeinflussen. So einfach ist das.<b>Daum:<\/b> Es ist eben nicht so einfach. Nur international konkurrenzf\u00e4hige Unternehmen k\u00f6nnen \u00fcberhaupt Jobs schaffen respektive halten. Wenn Sie unsere Unternehmen zu sehr mit Abgaben und zu hohen Lohnforderungen belasten, dann k\u00f6nnen Sie ihr Ziel, das letztlich auch unseres ist, m\u00f6glichst viele Stellen mit m\u00f6glichst hohen L\u00f6hnen zu schaffen, nicht erreichen.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Meine Herren, ich danke Ihnen f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/i> <\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Vordergrund des Streitgespr\u00e4chs zwischen Thomas Daum, Direktor Schweizerischer Arbeitgeberverband, und Daniel Lampart, Chef\u00f6konom Schweizerischer Gewerkschaftsbund, stehen Fragen \u00fcber Stand und Weiterentwicklung der AHV. Die Meinungen dar\u00fcber sind sehr geteilt: W\u00e4hrend der Vertreter der Arbeitgeber die demografischen Entwicklung als Schl\u00fcsselfaktor f\u00fcr die schiefe Lage der AHV sieht und einen Revisionsbedarf ab 2016\/2017 ausmacht, der die [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3394,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[67],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":3394,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Chefredaktor Die Volkswirtschaft 2000 - 2013","seco_author_post_occupation_fr":"R\u00e9dacteur en chef de La Vie \u00e9conomique 2000 - 2013","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"","post_lead":"","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":120893,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"8581","post_abstract":"","magazine_issue":"20110101","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/552f78e49048b"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/120890"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3394"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=120890"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/120890\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":127639,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/120890\/revisions\/127639"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3394"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=120890"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=120890"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=120890"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=120890"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=120890"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=120890"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}