{"id":120910,"date":"2011-01-01T12:00:00","date_gmt":"2011-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2011\/01\/kuebler-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:32:23","modified_gmt":"2023-08-23T21:32:23","slug":"kuebler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2011\/01\/kuebler\/","title":{"rendered":"Demokratie und Regierungsf\u00e4higkeit in globalisierten Metropolitanr\u00e4umen"},"content":{"rendered":"<p>Die Bedeutung der Metropolitanr\u00e4ume nimmt weltweit zu. Das st\u00e4dtische Siedlungsgebiet erstreckt sich oftmals \u00fcber eine Vielzahl von lokalen Gebietsk\u00f6rperschaften. Da sich dadurch der Koordinationsaufwand f\u00fcr staatliches Handeln erh\u00f6ht, wurden in einigen europ\u00e4ischen Metroplitanr\u00e4umen neue Regierungsebenen geschaffen. Anhand der Beispiele von Lyon, Stuttgart und London zeigt dieser Artikel auf, wie demokratische Institutionen und Prozesse zur Handlungsf\u00e4higkeit der neuen Metropolitanregierungen beigetragen haben. Zudem ist eine Transformation der Muster politischer Entscheidungsfindung zu beobachten, weg von konfrontativen und hin zu konsensuellen Praktiken.&#13;<br \/>\nDer Artikel basiert auf dem Forschungsprojekt Cleavages, Governance and the Media in European Metropolitan Areas im Rahmen des NCCR Democracy.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201101_19_Kuebler_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSeit jeher stehen St\u00e4dte im Zentrum des kulturellen, technologischen und politischen Fortschritts. St\u00e4dte spielten eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Demokratie als politische Herrschaftsform. In der <i>Polis<\/i> des antiken Athen wurde die Demokratie erfunden.&#13;<br \/>\nVgl. Held (2006). Die europ\u00e4ischen St\u00e4dte des Mittelalters waren die Motoren der wirtschaftlichen und politischen Modernisierung des Okzidents.&#13;<br \/>\nVgl. Weber (1972). In den italienischen Stadtrepubliken der Rennaissance entstanden zivilgesellschaftliche und staatsb\u00fcrgerliche Tugenden, die heute noch f\u00fcr das Funktionieren der demokratischen Institutionen wichtig sind.&#13;<br \/>\nVgl. Putnam (1993) Das Jahr 2008 ist diesbez\u00fcglich eine wichtige Wegmarke: Zum ersten Mal in der Geschichte des Planeten leben mehr Menschen in St\u00e4dten als auf dem Land.&#13;<br \/>\nVgl. United Nations (2009). Im 21. Jahrhundert ist die Menschheit zu einer st\u00e4dtischen Spezies geworden.Das Erscheinungsbild des St\u00e4dtischen hat sich im Laufe der Zeit ver\u00e4ndert. St\u00e4dte sind schon lange keine kompakten Einheiten von Mauern, Markt und M\u00fcnster mehr. Das zeitgen\u00f6ssische Gesicht des St\u00e4dtischen ist ein mehr oder weniger dicht besiedeltes Gebiet, das sich \u00fcber eine enorme Fl\u00e4che erstreckt. Es ist organisiert als <i>Spaces of Flows<\/i>&#13;<br \/>\nVgl. Castells (2000). und wird zusammengehalten von technischen Infrastrukturen, welche die r\u00e4umliche Mobilit\u00e4t von Personen, G\u00fctern, Dienstleistungen und Informationen und damit den wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Austausch erm\u00f6glichen. Die Stadt<i>region<\/i> oder \u2013 wie die Geografen sagen \u2013 der Metropolitanraum ist die Stadt des 21. Jahrhunderts.&#13;<\/p>\n<h2>Politische Organisation von Metropolitanr\u00e4umen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWelche politischen Institutionen brauchen Metropolitanr\u00e4ume? Die Frage stellt sich vor allem deshalb, weil sich das Siedlungsgebiet ungeachtet von politisch-administrativen Grenzen ausgedehnt hat. Metropolitanr\u00e4ume erstrecken sich meistens \u00fcber eine Vielzahl von kommunalen, regionalen und manchmal sogar nationalen Grenzen. Obwohl in einigen L\u00e4ndern im Laufe des 20. Jahrhunderts Gebietsreformen (z.B. Eingemeindungen) durchgef\u00fchrt wurden, ist die geopolitische Fragmentierung von Metropolitanr\u00e4umen oft sehr hoch (siehe <i>Tabelle 1<\/i>). Dadurch wird staatliches Handeln erschwert, denn der Koordinationsaufwand ist betr\u00e4chtlich.In Westeuropa haben sich unterschiedliche Modelle herausgebildet, um mit der geopolitischen Fragmentierung von Metropolitanr\u00e4umen umzugehen.&#13;<br \/>\nVgl. Heinelt und K\u00fcbler (2005). Im vorliegenden Artikel steht die Schaffung von neuen staatlichen Institutionen im Vordergrund, die das Siedlungsgebiet eines Metropolitanraums abdecken. Die Gemeinden bestehen zwar weiterhin, m\u00fcssen aber Kompetenzen in gewissen Politikbereichen an die neue Metropolitanraum-Regierung <i>(Metropolitan Government)<\/i> abtreten. Typischerweise sind dies Bereiche von \u00fcberkommunaler Bedeutung, wie z.B. Raum- und Siedlungsentwicklung, Umweltschutz, Verkehr oder Wirtschafsf\u00f6rderung. Die Durchsetzungsf\u00e4higkeit dieser Institutionen beruht nicht nur auf Kompetenzen und Ressourcen, sondern auch auf ihrem politischen Gewicht, das sie gegen\u00fcber den Gemeinden entfalten k\u00f6nnen. Ihre Erfolgsaussichten stehen und fallen mit ihrer Akzeptanz und Legitimit\u00e4t. Wie wir im Folgenden sehen werden, spielen demokratische Verfahren dabei eine zentrale Rolle.&#13;<\/p>\n<h2>Metropolitanregierungen und ihre demokratischen Prozesse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nLyon, Stuttgart und London sind drei Beispiele von europ\u00e4ischen Metropolitanr\u00e4umen, in denen neue Regierungsebenen geschaffen wurden; wir nennen sie in der Folge Metropolitanregierungen (siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<\/p>\n<h3>Die Metropolitanregierungen von Lyon, Stuttgart und London<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nGrand Lyon wurde 1966 per Dekret der franz\u00f6sischen Zentralregierung gegr\u00fcndet. Ihr Gebiet umfasst 57 Gemeinden, in denen insgesamt 1,3 Mio. Einwohner leben. Auf strategischer Ebene ist Grand Lyon zust\u00e4ndig f\u00fcr Raumplanung, Stadtentwicklung und Wirtschaftsf\u00f6rderung. Zudem ist es operativ verantwortlich f\u00fcr eine Reihe von Dienstleistungen, die es direkt betreibt (Strassenunterhalt, Abwasser, Abfallverwertung, Schlachthof, Friedh\u00f6fe, Engros-Markt) oder an unabh\u00e4ngige Unternehmen delegiert (\u00f6ffentlicher Verkehr, Sozialwohnungen, Wasserversorgung, Parkpl\u00e4tze und Messen). Das j\u00e4hrliche Budget von Grand Lyon betr\u00e4gt rund 1,6 Mrd. Euro (im Jahr 2009). Die Einnahmen stammen aus direkt erhobenen Unternehmenssteuern (32% der Einnahmen), Transferzahlungen der franz\u00f6sischen Zentralregierung (25%), Geb\u00fchren (20%) sowie Krediten und Subventionen (24%). Grand Lyon hat rund 4000 Angestellte. Der <i>Verband Region Stuttgart<\/i> wurde 1994 ins Leben gerufen, gest\u00fctzt auf ein entsprechendes Gesetz des Bundeslandes Baden-W\u00fcrttemberg. Er erstreckt sich \u00fcber 179 Gemeinden und rund 2,8 Mio. Einwohner. Von Gesetzes wegen hat der Verband Region Stuttgart in erster Linie strategische Kompetenzen. Er ist zust\u00e4ndig f\u00fcr die Bereiche Regionalentwicklung, Landschaften, Verkehr und Wirtschaftsf\u00f6rderung. Ausserdem tr\u00e4gt er die operative Verantwortung f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Personennahverkehr und die Abfallentsorgung im Metropolitanraum Stuttgart. In den letzten Jahren wurden ihm ausserdem Aufgaben im Bereich Tourismusf\u00f6rderung, Sport und Kultur \u00fcbertragen. Das j\u00e4hrliche Budget betr\u00e4gt 278 Mio. Euro (im Jahre 2009) und ist somit \u2013 aufgrund der begrenzten operativen Zust\u00e4ndigkeiten \u2013 relativ bescheiden. Die Einnahmen stammen aus Dienstleistungsgeb\u00fchren (32%), Umlagen von Gemeinden und Landkreisen (28%), zweckgebundenen Finanzmitteln der Bundesregierung (12%) sowie Transferzahlungen durch das Bundesland (11%). Der Verband Region Stuttgart hat lediglich etwa 50 eigene Angestellte (ohne die Angestellten der operativ t\u00e4tigen Unternehmen, die rechtlich vom Verband unabh\u00e4ngig sind). Die <i>Greater<\/i> <i>London Authority<\/i> wurde 1999 durch die Zentralregierung per Gesetz errichtet, 13 Jahre nachdem eine vorher bestehende \u00e4hnliche Institution abgeschafft worden war. Die Greater London Authority erstreckt sich \u00fcber 32 Gemeinden (die sogenannten London Boroughs), mit einer Bev\u00f6lkerung von insgesamt 7,6 Mio. Einwohnern. Sie ist zust\u00e4ndig f\u00fcr die Entwicklung von Handlungsprogrammen in den Bereichen \u00f6ffentlicher Verkehr, Raumentwicklung, Kultur und Umweltschutz. Ausserdem \u00fcberwacht die Greater London Authority die T\u00e4tigkeit von Beh\u00f6rden und Unternehmen in den Bereichen Polizei und Sicherheit (Metropolitan Police Authority), Schutz und Rettung (London Fire and Emergency Planning Authority), \u00f6ffentlicher Verkehr (Transport for London), Wirtschaftsf\u00f6rderung (London Development Agency) und Gesundheit (National Health Service). Das j\u00e4hrliche Budget der Greater London Authority bel\u00e4uft sich auf 12,2 Mrd. Pfund Sterling (2009\/10). Die Einnahmequellen sind Beitr\u00e4ge der Zentralregierung (52%), Geb\u00fchren (34%) sowie Umlagen der Gemeinden (7%). Die Greater London Authority z\u00e4hlt etwa 600 Angestellte (ohne das Personal der unabh\u00e4ngigen Beh\u00f6rden und Unternehmen).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n). Alle sind in ihrem jeweiligen nationalen Kontext bedeutende und stark beachtete institutionelle Innovationen. Dennoch handelt es sich um eher schwache Institutionen.&#13;<br \/>\nVgl. Lef\u00e8vre (2009: 46) Davon zeugt etwa die geringe Anzahl eigener Angestellter \u2013 vor allem im Verband Region Stuttgart und in der Greater London Authority \u2013 die auf eine nur begrenzte Verwaltungskapazit\u00e4t schliessen l\u00e4sst, sowie ihre Abh\u00e4ngigkeit von Transferzahlungen. Nur bei Grand Lyon stammt ein bedeutender Teil der Eink\u00fcnfte aus direkt erhobenen Steuern. Sie alle befinden sich somit im Sandwich zwischen h\u00f6heren und tieferen Staatsebenen. Ihr Beitrag zur Gestaltung des Metropolitanraums liegt vor allem in der Erarbeitung von Strategien und nicht bei deren Umsetzung. Um eine bekannte Metapher aufzugreifen: Sie d\u00fcrfen nur steuern, aber nicht rudern.&#13;<br \/>\nVgl. Osborne &amp; Gaebler (1993). Damit ihnen das gelingt, m\u00fcssen sie einen Takt vorgeben, dem ihre Rudermannschaft \u2013 sprich: die anderen Beh\u00f6rden und Gebietsk\u00f6rperschaften \u2013 zu folgen bereit ist. Dabei helfen ihnen politische Verfahren, die nach demokratischen Regeln ablaufen und somit die notwendige Legitimit\u00e4t und Akzeptanz f\u00fcr die getroffenen Entscheidungen sicherstellen.&#13;<\/p>\n<h2>Grand Lyon<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Entscheidungsprozess in Grand Lyon folgt im Wesentlichen den Regeln des Parlamentarismus, wie er sich in Frankreich auch auf anderen Staatsebenen wieder findet. Die Entscheidungshoheit liegt beim <i>Conseil de communaut\u00e9,<\/i> einem Gemeinschaftsrat bestehend aus 155 von den Gemeinden ernannten Abgeordneten, die mit einfacher Mehrheit entscheiden. Die Exekutive besteht aus einem Kabinett mit einem Pr\u00e4sidenten und 40 Vize-Pr\u00e4sidenten mit jeweiligen Portfolios. Dieses Kabinett wird vom Gemeinschaftsrat gew\u00e4hlt, auf der Basis einer Koalitionsvereinbarung <i>(Plan de mandat)<\/i> zwischen den im Rat vertretenen Abgeordneten. Interessant daran ist nun, dass nicht nur die Interessen ihrer Ursprungsgemeinde (die W\u00e4hlerbasis der Abgeordneten), sondern vor allem die Parteiprogramme die Basis bilden f\u00fcr diese Koalitionsverhandlungen. Als Folge der starken parteipolitischen Pr\u00e4gung der Lokalpolitik in Frankreich sind die Abgeordneten nicht nur Entsandte ihrer Gemeinde, sondern auch Mitglieder einer politischen Partei und dieser programmatisch verpflichtet. Diese doppelte Loyalit\u00e4t der Abgeordneten \u2013 zu ihrer Gemeinde und deren Interessen sowie zu ihrer Partei und deren Programm \u2013 bildet die beiden Eckpunkte der Koalitionsverhandlungen und somit der Entscheidungsfindung im Grand Lyon. Das konkrete Ergebnis sind breit abgest\u00fctzte Legislaturprogramme, die nicht der Logik einer <i>Minimum Winning Coalition<\/i> folgen, sondern \u00fcber Parteigrenzen hinweg ausgearbeitet worden sind.&#13;<\/p>\n<h2>Verband Region Stuttgart<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuch im Verband Region Stuttgart liegt die Entscheidungshoheit bei einer Regionalversammlung, bestehend aus 93 Abgeordneten. Diese werden von der Bev\u00f6lkerung im Proporzverfahren direkt gew\u00e4hlt. Die Regionalversammlung wiederum w\u00e4hlt die Exekutive, die gebildet wird aus dem Verbandsvorsitzenden, seinen beiden Stellvertretern und dem Regionaldirektor, der als Verwaltungsbeamter der Gesch\u00e4ftsstelle des Verbands vorsteht. Dieses System hat \u2013 wie beabsichtigt \u2013 zu einer Politisierung von Themen gef\u00fchrt, die den ganzen Metropolitanraum betreffen, zumal die Parteien diese \u00f6ffentlich bewirtschaften m\u00fcssen, um in den Regionalwahlen Stimmen zu gewinnen. Dennoch folgt die politische Dynamik innerhalb der Regionalversammlung nicht den \u00fcblichen konfrontativem Muster, die sich in Deutschland auf anderen Staatsebenen wiederfinden. Vielmehr werden die Entscheidungen des Verbands &#8211; und dies seit seiner Gr\u00fcndung &#8211; von einer grossen Koalition zwischen den beiden gr\u00f6ssten Parteien SPD und CDU getragen. Die beiden Grossparteien sehen sich zu einer solchen grossen Koalition gezwungen, um die gegen\u00fcber dem Regionalverband grunds\u00e4tzlich skeptisch eingestellten Freien W\u00e4hler von der Macht fernzuhalten, die seit der Gr\u00fcndung des Verbands Region Stuttgart jeweils mit einem Sitzanteil von 10% bis 20% in der Regionalversammlung vertreten sind.&#13;<\/p>\n<h2>Greater London Authority<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Entscheidungsstrukturen in der Greater London Authority (GLA) \u00e4hneln hingegen einem Pr\u00e4sidialsystem. Die Exekutive wird geleitet vom <i>Mayor of London,<\/i> dem B\u00fcrgermeister, der von allen B\u00fcrgern im Einzugsgebiet im Majorzverfahren direkt gew\u00e4hlt wird. Der B\u00fcrgermeister ist verantwortlich f\u00fcr die Entwicklung der Strategien im Zust\u00e4ndigkeitsbereich der GLA und definiert deren Budget sowie dasjenige der vier beaufsichtigten Beh\u00f6rden und Unternehmen. Die <i>London Assembly<\/i> \u2013 sozusagen das Parlament \u2013 besteht aus 25 Abgeordneten, die ebenfalls direkt gew\u00e4hlt werden; 14 von ihnen nach dem Majorzverfahren in Einerwahlkreisen, elf von ihnen nach dem Proporzverfahren im ganzen Einzugsgebiet der GLA. Dieses gemischte Wahlverfahren f\u00fchrt zu einer im britischen Kontext ungew\u00f6hnlichen Vielfalt der in der Assembly vertretenen Parteien. Neben den Konservativen und der Labour-Partei finden sich auch Vertreter der Liberaldemokraten, der Gr\u00fcnen und sogar der British National Party in der Assembly. Klare Mehrheiten gibt es somit keine; die Assembly funktionierte bisher aufgrund von wechselnden Koalitionen. Die Entscheidungsbefugnisse der Assembly sind allerdings begrenzt. Ihre Rolle ist, den B\u00fcrgermeister zu \u00fcberwachen und seine Entscheidungen zu kommentieren. Der B\u00fcrgermeister steht im institutionellen Gef\u00fcge der GLA klar im Vordergrund. Allerdings muss der B\u00fcrgermeister das Budget der Assembly vorlegen und ist somit darauf angewiesen, dass seine Antr\u00e4ge in der Assembly eine Mehrheit finden. Der Entscheidungsprozess der GLA ist demnach gepr\u00e4gt durch Checks and Balances zwischen Mayor und Assembly.&#13;<\/p>\n<h2>Durch Machtteilung zur Regierungsf\u00e4higkeit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Spiel nach den demokratischen Regeln der politischen Repr\u00e4sentation leisten in allen drei untersuchten F\u00e4llen einen wichtigen Beitrag zur Handlungsf\u00e4higkeit der Metropolitanregierungen. Regierungsprogramme und Strategien werden auf der Ebene der Metropolitanregierung definiert und sind somit Gegenstand von Parteienwettbewerb im Kontext von demokratischen Wahlen. Dieser Wettbewerb und die \u00f6ffentliche Auseinandersetzung verleiht den Themen politisches Gewicht und tr\u00e4gt somit zur St\u00e4rkung der \u00fcberlokalen Ebene bei. Am klarsten zeigt sich das in Stuttgart, wo die direkte Wahl der Regionalversammlung die Parteien dazu zwingt, Metropolitanraumrelevante Themen aufzugreifen und zu debattieren. Auch in London haben sich die Parteien anl\u00e4sslich der B\u00fcrgermeisterwahlen auf Themen und Fragen eingelassen, die den gesamten Metropolitanraum betreffen. Am interessantesten ist der Fall von Lyon, wo trotz der lokalen Verankerung der Abgeordneten in den Gemeinden eine stark parteipolitisch gef\u00e4rbte Auseinandersetzung mit \u00fcberlokalen Themen zu beobachten ist, die dann auch bei der Verhandlung \u00fcber Koalitionsvereinbarungen zum Tragen kommt. Umgekehrt sind Metropolitanregierungen offenbar aber auch eine Arena, die Machtteilungsstrategien beg\u00fcnstigen. In allen drei untersuchten F\u00e4llen sind die Entscheidungsprozesse viel weniger von der Suche nach <i>Minimal Winning Coalitions<\/i> gepr\u00e4gt, als das der jeweilige nationale Kontext erwarten liesse.&#13;<br \/>\nVgl. Lijphart (1999). In allen drei untersuchten Metropolitanregierungen wird Machtteilung zwischen den wichtigsten politischen Kr\u00e4ften dauerhaft praktiziert. Der Grund daf\u00fcr scheint in der r\u00e4umlichen Pr\u00e4gung der politischen Gegens\u00e4tze zu liegen, wie sie sich in den meisten Metropolitanr\u00e4umen findet.&#13;<br \/>\nVgl. Hoffmann-Martinot, Sellers (2005). Einzelne Gemeinden oder Teilgebiete eines Metroplitanraums sind oft Hochburgen gewisser Parteien, und diese k\u00f6nnen ihre territoriale Basis nicht g\u00e4nzlich ignorieren, wenn sie Entscheidungen auf \u00fcberlokaler Ebene treffen. Machtteilung auf der Ebene der Metropolitanregierung erscheint somit als Instrument, sich die Gefolgschaft dieser von einzelnen Parteien kontrollierten Gemeinden und Teilgebiete zu sichern. Machtteilungsstrategien leisten somit ebenfalls einen Beitrag zur Handlungsf\u00e4higkeit von Metropolitanregierungen. Politik in Metropolitanr\u00e4umen zeigt eindeutig eine Tendenz zu konsensuellen \u2013 als Gegensatz der konkurrenziellen \u2013 Entscheidungsfindung auf. Diese Tendenz scheint unabh\u00e4ngig vom nationalen Kontext, aber auch von der konkreten institutionellen Ausgestaltung der Metropolitanregierungen zu sein. Diese w\u00fcrden majorit\u00e4re Logiken der Entscheidungsfindung durchaus zulassen. Somit werden sich aufgrund der zunehmenden Relevanz von Metropolitanr\u00e4umen und der Notwendigkeit ihrer politischen Steuerung auch unsere Demokratien ver\u00e4ndern: hin zu \u00absanfteren und netteren\u00bb, weniger konfrontativen Formen der politischen Auseinandersetzung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1: \u00abInstitutionelle Fragmentierung von Metroplitanr\u00e4umen \u00fcber 200&nbsp;000 Einwohnern nach L\u00e4ndern, 2000\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Die Metropolitanregierungen von Lyon, Stuttgart und London&#13;<\/p>\n<h3>Die Metropolitanregierungen von Lyon, Stuttgart und London<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<i>Grand Lyon<\/i> wurde 1966 per Dekret der franz\u00f6sischen Zentralregierung gegr\u00fcndet. Ihr Gebiet umfasst 57 Gemeinden, in denen insgesamt 1,3 Mio. Einwohner leben. Auf strategischer Ebene ist Grand Lyon zust\u00e4ndig f\u00fcr Raumplanung, Stadtentwicklung und Wirtschaftsf\u00f6rderung. Zudem ist es operativ verantwortlich f\u00fcr eine Reihe von Dienstleistungen, die es direkt betreibt (Strassenunterhalt, Abwasser, Abfallverwertung, Schlachthof, Friedh\u00f6fe, Engros-Markt) oder an unabh\u00e4ngige Unternehmen delegiert (\u00f6ffentlicher Verkehr, Sozialwohnungen, Wasserversorgung, Parkpl\u00e4tze und Messen). Das j\u00e4hrliche Budget von Grand Lyon betr\u00e4gt rund 1,6 Mrd. Euro (im Jahr 2009). Die Einnahmen stammen aus direkt erhobenen Unternehmenssteuern (32% der Einnahmen), Transferzahlungen der franz\u00f6sischen Zentralregierung (25%), Geb\u00fchren (20%) sowie Krediten und Subventionen (24%). Grand Lyon hat rund 4000 Angestellte. Der <i>Verband Region Stuttgart<\/i> wurde 1994 ins Leben gerufen, gest\u00fctzt auf ein entsprechendes Gesetz des Bundeslandes Baden-W\u00fcrttemberg. Er erstreckt sich \u00fcber 179 Gemeinden und rund 2,8 Mio. Einwohner. Von Gesetzes wegen hat der Verband Region Stuttgart in erster Linie strategische Kompetenzen. Er ist zust\u00e4ndig f\u00fcr die Bereiche Regionalentwicklung, Landschaften, Verkehr und Wirtschaftsf\u00f6rderung. Ausserdem tr\u00e4gt er die operative Verantwortung f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Personennahverkehr und die Abfallentsorgung im Metropolitanraum Stuttgart. In den letzten Jahren wurden ihm ausserdem Aufgaben im Bereich Tourismusf\u00f6rderung, Sport und Kultur \u00fcbertragen. Das j\u00e4hrliche Budget betr\u00e4gt 278 Mio. Euro (im Jahre 2009) und ist somit \u2013 aufgrund der begrenzten operativen Zust\u00e4ndigkeiten \u2013 relativ bescheiden. Die Einnahmen stammen aus Dienstleistungsgeb\u00fchren (32%), Umlagen von Gemeinden und Landkreisen (28%), zweckgebundenen Finanzmitteln der Bundesregierung (12%) sowie Transferzahlungen durch das Bundesland (11%). Der Verband Region Stuttgart hat lediglich etwa 50 eigene Angestellte (ohne die Angestellten der operativ t\u00e4tigen Unternehmen, die rechtlich vom Verband unabh\u00e4ngig sind). Die <i>Greater<\/i><i>London Authority<\/i> wurde 1999 durch die Zentralregierung per Gesetz errichtet, 13 Jahre nachdem eine vorher bestehende \u00e4hnliche Institution abgeschafft worden war. Die Greater London Authority erstreckt sich \u00fcber 32 Gemeinden (die sogenannten London Boroughs), mit einer Bev\u00f6lkerung von insgesamt 7,6 Mio. Einwohnern. Sie ist zust\u00e4ndig f\u00fcr die Entwicklung von Handlungsprogrammen in den Bereichen \u00f6ffentlicher Verkehr, Raumentwicklung, Kultur und Umweltschutz. Ausserdem \u00fcberwacht die Greater London Authority die T\u00e4tigkeit von Beh\u00f6rden und Unternehmen in den Bereichen Polizei und Sicherheit (Metropolitan Police Authority), Schutz und Rettung (London Fire and Emergency Planning Authority), \u00f6ffentlicher Verkehr (Transport for London), Wirtschaftsf\u00f6rderung (London Development Agency) und Gesundheit (National Health Service). Das j\u00e4hrliche Budget der Greater London Authority bel\u00e4uft sich auf 12,2 Mrd. Pfund Sterling (2009\/10). Die Einnahmequellen sind Beitr\u00e4ge der Zentralregierung (52%), Geb\u00fchren (34%) sowie Umlagen der Gemeinden (7%). Die Greater London Authority z\u00e4hlt etwa 600 Angestellte (ohne das Personal der unabh\u00e4ngigen Beh\u00f6rden und Unternehmen).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Literatur&#13;<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2212 Castells, Manuel E. (2000). The Rise of the Network Society. Oxford: Blackwell Publishers\u2212 Heinelt, Hubert und Daniel K\u00fcbler (Eds.) (2005). Metropolitan Governance: Capacity, Democracy and the Dynamics of Place. London: Routledge.\u2212 Held, David (2006). Models of Democracy. Cambridge: Polity Press.\u2212 Hoffmann-Martinot, Vincent und Jeffrey Sellers (2005). Conclusion: The Metropolitanization of Politics, in: Vincent Hoffmann-Martinot und Jeffrey Sellers (Eds.) Metropolitanization and Political Change. Opladen: Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften, S. 425\u2013443.\u2212 Lef\u00e8vre, Christian (2009). Gouverner les m\u00e9tropoles. Paris: LGDJ \u2013 lextenso \u00e9ditions.\u2212 Lijphart, Arend (1999). Patterns of Democracy. New Haven: Yale University Press.\u2212 Osborne, David und Ted Gaebler (1993). Reinventing Government. How the Entrepreneurial Spirit is Transforming the Public Sector. New York: Plume.\u2212 Putnam, Robert D. (1993). Making Democracy Work. Princeton (NJ): Princeton University Press.\u2212 United Nations (2009). World Urbanization Prospects. The 2009 Revision: United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division.\u2212 Weber, Max (1972). Die Nichtlegitime Herrschaft (Typologie der St\u00e4dte), in: Max Weber (Ed.) Wirtschaft und Gesellschaft. T\u00fcbingen: Mohr, S. 727-815.\u2212 Zeigler, Don J. und Stanley D. Brunn (1980). Geopolitical Fragmentation and the Pattern of Growth and Need, in: S.D. Brunn und J.O. Wheeler (Eds.) The American Metropolitan System: Present and Future. New York: John Wiley, S. 77\u201392.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bedeutung der Metropolitanr\u00e4ume nimmt weltweit zu. Das st\u00e4dtische Siedlungsgebiet erstreckt sich oftmals \u00fcber eine Vielzahl von lokalen Gebietsk\u00f6rperschaften. Da sich dadurch der Koordinationsaufwand f\u00fcr staatliches Handeln erh\u00f6ht, wurden in einigen europ\u00e4ischen Metroplitanr\u00e4umen neue Regierungsebenen geschaffen. 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