{"id":120976,"date":"2010-12-01T12:00:00","date_gmt":"2010-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/12\/jaeggi-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:32:31","modified_gmt":"2023-08-23T21:32:31","slug":"jaeggi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/12\/jaeggi\/","title":{"rendered":"Einf\u00fchrung in die Too-big-to-fail-Problematik"},"content":{"rendered":"<p>Ob durch Kapitalspritzen, Verstaatlichungen, Zwangsfusionen oder Auslagerung von illiquiden Verm\u00f6genswerten in Bad Banks: Viele Banken wurden mit staatlicher Hilfe vor dem Untergang bewahrt. Experten auf der ganzen Welt gingen davon aus, dass die betroffenen Institute Too big to fail (TBTF) seien. Damit meinten sie nicht, dass grosse Unternehmen aufgrund ihrer wirtschaftlichen Potenz nicht in Konkurs gehen k\u00f6nnen, sondern dass verantwortungsvolle Regierungen ihren B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern einen entsprechenden Konkurs nicht zumuten sollten. Der vorliegende Artikel beschreibt, was sich aus \u00f6konomischer Sicht dahinter verbirgt und weshalb den Beh\u00f6rden eine vollst\u00e4ndige L\u00f6sung des Problems so schwer f\u00e4llt. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201012_04_Jaeggi_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"243\" \/>&#13;<\/p>\n<h2>Erfahrungen der grossen Depression<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm dieser Frage nachzugehen, lohnt sich zuerst ein Blick in die amerikanischen Geschichtsb\u00fccher: In den wilden 1920er-Jahren konnten an der Wall Street mit exzessivem Aktienhandel spektakul\u00e4re Gewinne verbucht werden. Zwischen Mai 1928 und September 1929 stieg der durchschnittliche Preis einer Aktie an der New York Stock Exchange um mehr als 40%. Immer mehr Personen und Unternehmen wollten am Boom teilhaben. Sie finanzierten den Aktienkauf vermehrt durch Kredite in der Hoffnung, durch die steigenden Kurse die Zinsen problemlos zur\u00fcckbezahlen zu k\u00f6nnen. Die Aktienpreise schienen sogar dauerhaft ein h\u00f6heres Plateau erreicht zu haben.Die Party wurde im Herbst 1929 abrupt beendet, als in den letzten Oktobertagen die Kurse an der Wall Street regelrecht einbrachen und die Blase platzte. Vor allem Banken, welche kurzfristige Kredite zum Aktienkauf vergeben hatten, begannen zu wanken. Die Realwirtschaft, welche sich schon vor dem Crash in Richtung einer Rezession bewegte, sorgte mit Kreditausf\u00e4llen f\u00fcr weiteren Druck auf die Finanzinstitute. Die aufkeimende Angst \u00fcber die mangelnde Solidit\u00e4t der Bilanzen f\u00fchrte Ende Jahr zu einem ersten Sturm auf die Banken. Viele Anleger versuchten m\u00f6glichst rasch ihre Gelder vor einer drohenden Insolvenz zu retten. Da Banken in ihren Tresoren normalerweise nicht \u00fcber gen\u00fcgend fl\u00fcssige Mittel verf\u00fcgen, um all ihre Kunden auszubezahlen, f\u00fchrten diese panischen <i>Bank Runs<\/i> zu einer Vielzahl von Bankenpleiten. Mit der Zeit wurden vermehrt auch solide Banken in Mitleidenschaft gezogen. Drei Jahre nach dem Ausbruch der grossen Depression wurden in den USA rund 10&nbsp;000 Bankkonkurse \u2013 das war beinahe jede zweite Bank \u2013 gez\u00e4hlt. Das nicht mehr reibungslos funktionierende Bankensystem produzierte auch massive Probleme f\u00fcr die restliche Wirtschaft. Die geldpolitischen Instrumente, welche auf ein funktionierendes Finanzsystem angewiesen sind, wurden praktisch wirkungslos, und das f\u00fcr die Kreditversorgung der Realwirtschaft wichtige Geldangebot wurde trotz rascher Zinssenkung der Zentralbank stark reduziert. Bereits durch die enorme Anzahl an Bankkonkursen wurde die Menge an Krediten erheblich beeintr\u00e4chtigt.Auch wenn vermutlich noch andere Faktoren zum Entstehen der Grossen Depression beitrugen, ist zumindest dieser monet\u00e4re Einfluss unter den meisten Experten unbestritten. Das l\u00e4dierte Bankensystem verringerte die Kreditversorgung der Realwirtschaft. Die wirtschaftlichen Folgen der Krise waren verheerend: Jeder vierte Amerikaner wurde arbeitslos; die Industrieproduktion und das Durchschnittseinkommen halbierten sich. Die gesamte Welt durchlebte eine der schlimmsten Wirtschaftskrisen der Neuzeit.&#13;<\/p>\n<h2>Weshalb sind Banken anf\u00e4llig?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSp\u00e4testens nach diesen Erfahrungen weiss man, dass St\u00f6rungen des Finanzsystems schlimme realwirtschaftliche Konsequenzen haben k\u00f6nnen. In vielen entwickelten Volkswirtschaften wird seither grosser Wert auf die Stabilit\u00e4t des Finanzsystems gelegt. Im Vergleich zu anderen Branchen wird der Bankensektor daher relativ stark reguliert. Doch warum wurde diese Gefahr, von der man offensichtlich seit fast 100 Jahren weiss, nicht schon lange regulatorisch beseitigt? Die ern\u00fcchternde Antwort ist in der Eigenart von Banken zu finden. Banken f\u00fchren, etwas vereinfacht gesagt, Sparer und Investoren zusammen. Die einen k\u00f6nnen tempor\u00e4r auf ihr Geld verzichten, w\u00e4hrend andere vor\u00fcbergehend Kredite ben\u00f6tigen. In einer Welt perfekter M\u00e4rkte w\u00e4re diese Vermittlung nicht notwendig, weil sich Sparer und Investoren selbst finden w\u00fcrden. Banken h\u00e4tten somit keine Existenzberechtigung. In der Praxis treten aber vor allem drei Probleme auf, welche diese Funktion erschweren und die Intermediation einer Bank erfordern: \u2212 <i>Erstens<\/i> ben\u00f6tigt eine Firma typischerweise einen h\u00f6heren Kredit, als die Ersparnisse von Frau Meier betragen. Die Bank muss somit Einlagen von verschiedenen Sparern b\u00fcndeln oder aufspalten und in die nachgefragte Gr\u00f6sse umwandeln. \u2212 <i>Zweitens<\/i> ist die Nachfrage nach Krediten \u00fcblicherweise h\u00f6her als die Summe der Ersparnisse. Eine Bank muss daher die Projekte mit den besten Erfolgsaussichten identifizieren. Dies ben\u00f6tigt Ressourcen f\u00fcr die Informationsbeschaffung. \u2212 <i>Drittens<\/i> m\u00f6chte Frau Meier ihr Geld jederzeit abheben k\u00f6nnen. Herr M\u00fcller hat seine Hypothek, welche mit den Kundengeldern von Frau Meier finanziert wurde, aber auf eine Dauer von f\u00fcnf Jahren abgeschlossen und kann sie nat\u00fcrlich nicht sofort zur\u00fcckzahlen.Eine Bank kann daher die goldene Regel der Bilanzierung, die besagt, dass sich die Fristigkeit von Aktiv- und Passivseite der Bilanz entsprechen sollte, nicht perfekt erf\u00fcllen, weil sie eben die erw\u00e4hnten Funktionen einer Bank wahrnehmen muss. Es ist eine ihrer volkswirtschaftlichen Aufgaben, dass sie einen Teil ihrer kurzfristigen Sparanlagen in langfristige Kredite \u2013 zum Beispiel in Hypotheken \u2013 transformiert. Dies f\u00fchrt quasi automatisch zu einer Inkongruenz der Fristen in der Bilanz. Wenn nun pl\u00f6tzlich viele Sparer gleichzeitig ihr Geld abheben m\u00f6chten, ger\u00e4t eine Bank fast zwangsl\u00e4ufig in Probleme. Sie kann die Hypotheken, Kredite und andere langfristige Aktiven nicht sofort und oftmals nicht ohne Verluste zu Bargeld machen. Den ersten Verteidigungswall gegen diese Gefahren bilden diversifizierte Anlagen und gen\u00fcgende Liquidit\u00e4t der Bank selber. Zus\u00e4tzliches Vertrauen l\u00e4sst sich durch eine Versicherung der Spareinlagen schaffen. Besteht eine grosse Sicherheit, dass die Spargelder nicht verloren sind, wird auch die Wahrscheinlichkeit eines Runs auf die Bank reduziert. Weitere Hilfe erhalten betroffene Institute im Notfall auch von der Zentralbank. Diese stellt den illiquiden Banken gen\u00fcgend Bargeld zur Verf\u00fcgung, damit zumindest deren kurzfristige Verpflichtungen erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen.Das Bankensystem ist aber auch aus weiteren Gr\u00fcnden fragil: Erstens sitzen alle im selben Boot. Die meisten Banken sind durch dieselben Rahmenbedingungen gepr\u00e4gt. F\u00fcr ihren Gesch\u00e4ftsgang ist es zentral, wie sich Zinsen, Wertpapiere und Konjunktur entwickeln. In einer Rezession sind beispielsweise alle Banken von steigenden Zahlungsausf\u00e4llen ihrer Schuldner betroffen. Zweitens helfen sich Banken \u00fcblicherweise mit kurzfristiger Liquidit\u00e4t, aber auch mit anderen Transaktionen, aus. \u00dcber diesen Interbankenhandel sind sie untereinander stark verflochten. Dadurch kann es geschehen, dass sich besorgte Kunden, falls irgendeine Bank in Schieflage ger\u00e4t, Sorgen \u00fcber die Solidit\u00e4t ihres eigenen Instituts machen, ohne dass deren Solvenz einen Anlass dazu geben w\u00fcrde. Probleme bei einer einzelnen Bank k\u00f6nnen also eine Kettenreaktion ausl\u00f6sen, andere Banken anstecken und so das gesamte System destabilisieren.&#13;<\/p>\n<h2>Too big to fail \u2013 eine Frage der Systemrelevanz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZwei Dinge sind bisher deutlich geworden. Erstens kann eine Krise im Finanzsystem sehr schlimme Folgen f\u00fcr die Realwirtschaft haben. Aufgrund ihrer Kreditabh\u00e4ngigkeit sind die meisten Unternehmen mit dem Bankensystem verflochten. Zweitens ist das System von seiner Natur aus relativ schadensanf\u00e4llig. Im Extremfall k\u00f6nnen bereits Ger\u00fcchte \u00fcber die Solidit\u00e4t einer bestimmten Bank andere Institute in Mitleidenschaft ziehen. Da die Gesellschaft grunds\u00e4tzlich ein Interesse an einem relativ stabilen Finanzsystem besitzt, werden Banken vergleichsweise streng reguliert.Doch nicht alle Banken werden gleich behandelt. W\u00e4hrend der Konkurs eines einzigen kleinen Instituts f\u00fcr viele Volkswirtschaften meist problemlos verkraftbar ist, kann eine einzelne wichtige Bank durch ihren Konkurs das gesamte Finanzsystem destabilisieren. In diesem Fall spricht man von einer systemrelevanten Bank. Aufgrund ihres volkswirtschaftlichen Schadenpotenzials lassen verantwortungsvolle Regierungen eine solche Bank \u00fcblicherweise nicht in den regul\u00e4ren Konkurs gehen. Sie ist Too big to fail.Diese Definition der Systemrelevanz erscheint etwas akademisch. Woher weiss man in der Praxis, welche Banken im Notfall gerettet werden m\u00fcssen und welche nicht? Wie gross oder wie stark verflochten muss sie daf\u00fcr sein? Leider gibt es auf diese Frage keine allgemeing\u00fcltige Antwort. Es ist nicht nur die Gr\u00f6sse einer Bank, sondern auch ihre Verflechtung mit der restlichen Wirtschaft sowie ihre relative Bedeutung f\u00fcr bestimmte Funktionen des Finanzsystems, welche zur Systemrelevanz beitragen. In vielen F\u00e4llen besteht bez\u00fcglich dieser Frage erst Klarheit, wenn man eine Bank tats\u00e4chlich fallen lassen w\u00fcrde.Die Schweizer Expertenkommission TBTF hat als praktische Hilfestellung einige Kriterien definiert, welche erf\u00fcllt sein m\u00fcssen: Eine systemrelevante Bank muss beispielsweise einen hohen Marktanteil im inl\u00e4ndischen Kreditgesch\u00e4ft besitzen, oder das Verh\u00e4ltnis zwischen ihrer Bilanzsumme und dem Bruttoinlandprodukt der Schweiz sollte ins Gewicht fallen. Aber auch mit dieser Definition ist klar: Die Entscheidung, ob eine Bank systemrelevant ist, wird letztendlich immer von der aktuellen Situation und der Einsch\u00e4tzung der Beh\u00f6rden abh\u00e4ngen.&#13;<\/p>\n<h2>Die Kosten der faktischen Staatsgarantie<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBisher wurde dargelegt, dass ein stabiles Finanzsystem im Interesse der \u00d6ffentlichkeit ist. Die Systemstabilit\u00e4t wird daher auch als \u00f6ffentliches Gut bezeichnet. Dies bedeutet, dass zwar alle Banken von der Stabilit\u00e4t profitieren (es kann keine Bank ausgeschlossen werden), aber auch keine bereit ist, einen entsprechenden Teil selbst beizutragen. Es besteht ein typisches Trittbrettfahrerproblem. Der Staat wird daher, um das \u00f6ffentliche Gut des stabilen Finanzsystems bereitzustellen, systemrelevante Banken im Notfall st\u00fctzen. Diese Rettung f\u00fchrte bisher dazu, dass die Gewinne privatisiert und die Verluste teilweise durch die Steuerzahler bezahlt wurden. Dieses Problem liesse sich relativ einfach beseitigen. Mit einer Grossbankensteuer w\u00fcrde diese Garantie sozusagen abgegolten und die Kosten im Nachhinein dem Verursacher der Instabilit\u00e4t aufgeb\u00fcrdet. Im Krisenfall h\u00e4tte der Steuerzahler die Rettungskosten somit einfach nur vorgeschossen.Die volkswirtschaftlich wirklich relevanten Kosten dieses faktischen Rettungszwanges des Staates liegen anderswo und sind auf den ersten Blick nicht so offensichtlich:\u2212 <i>Erstens<\/i> ist es f\u00fcr das langfristig gute Funktionieren einer Volkswirtschaft insbesondere zur Sicherstellung eines effizienten Einsatzes der knappen Ressourcen wichtig, dass schlecht wirtschaftende Unternehmen aus dem Markt ausscheiden und neue eintreten. Dieser <i>Strukturwandel<\/i> ist f\u00fcr ein nachhaltiges Wachstum der Wirtschaft unabdingbar. Bei systemrelevanten Unternehmen ist dies aber nicht m\u00f6glich. Sie k\u00f6nnen nicht aus dem Markt ausscheiden. Dadurch behindern sie den wohlstandsf\u00f6rdernden Strukturwandel.\u2212 <i>Zweitens<\/i> geniessen systemrelevante Banken am Markt einen <i>Abschlag auf ihre Fremdkapitalkosten.<\/i> Da sie im Krisenfall vom Staat gerettet werden, m\u00fcssen die Kapitalgeber f\u00fcr das eingegangene Risiko nicht entsch\u00e4digt werden. Etwas reisserisch formuliert, entspricht dies einem Einlagenschutz f\u00fcr das gesamte Kapital einer systemrelevanten Bank. Hinzu kommt, dass sich die Bank dessen ebenfalls bewusst ist: Diese implizite Versicherung f\u00fchrt letztendlich dazu, dass die entsprechende Bank h\u00f6here Risiken eingeht, als sie aus volkswirtschaftlicher Sicht eigentlich sollte. Gibt es viele Banken, welche h\u00f6here Risiken eingehen, steigt wiederum die Gef\u00e4hrdung des gesamten Finanzsystems. Dies geht einher \u2013 wie am Beispiel der grossen Depression gesehen \u2013 mit horrenden Kosten f\u00fcr die Realwirtschaft und die Bev\u00f6lkerung. Auch aus Sicht des Wettbewerbs ist dieser Abschlag problematisch. Systemrelevante Banken k\u00f6nnen sich g\u00fcnstiger als ihre kleineren Konkurrenten refinanzieren. Bei gleichbleibenden Ertr\u00e4gen steigt damit ihr Gewinn. Im Grenzfall m\u00f6chte eine Bank nur noch wachsen, um in den Genuss einer Staatsgarantie und der damit verbundenen g\u00fcnstigeren Refinanzierungskosten zu kommen. Diese Subvention ist eine ineffiziente Wettbewerbsverzerrung und verursacht ebenfalls volkswirtschaftliche Kosten.\u2212 Ein <i>drittes Problem<\/i> ergibt sich f\u00fcr <i>kleine L\u00e4nder<\/i> wie die Schweiz. Im schlimmsten Fall sind die Verluste einer systemrelevanten Bank so hoch, dass sie die Finanzkraft eines Landes \u00fcbersteigen. Eine Rettung ohne fremde Hilfe ist kaum mehr m\u00f6glich. Der Fall Island hat die Optionen schonungslos offengelegt: Entweder driftet der Staat aufgrund seiner Verpflichtungen in die Zahlungsunf\u00e4higkeit ab, oder er muss im Gegenzug f\u00fcr die internationale Hilfe strenge Reformen durchf\u00fchren und gibt damit de facto ein Teil seiner Souver\u00e4nit\u00e4t ab. Beides sind keine sch\u00f6nen Aussichten f\u00fcr ein unabh\u00e4ngiges Land.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBankenkrisen haben typischerweise schlimme Folgen f\u00fcr die Realwirtschaft. Zudem ist das Finanzsystem aufgrund seiner Natur einer latenten Gef\u00e4hrdung ausgesetzt. Daher w\u00fcnscht sich die Gesellschaft ein m\u00f6glichst stabiles Finanzsystem. Dies f\u00fchrt dazu, dass sich verantwortungsbewusste Regierungen meistens dazu entschliessen, eine in Schieflage geratene Grossbank zu retten. Systemrelevante Banken und ihre Kunden vertrauen darauf und profitieren von diesem Vorteil. Durch diese unausgesprochene Staatsgarantie entstehen jedoch volkswirtschaftliche Kosten. Hinzu kommt, dass sehr hohe Verluste die finanziellen M\u00f6glichkeiten eines kleinen Landes arg strapazieren k\u00f6nnen. Gerade die Erfahrungen der vergangenen Krise haben diese Gefahr f\u00fcr die Schweiz wieder st\u00e4rker ins Bewusstsein r\u00fccken lassen.Unter diesen Rahmenbedingungen ist eine wirksame Regulierung \u00e4usserst schwierig. Einerseits will man die volkswirtschaftlichen Kosten, die aus der Systemrelevanz entstehen, beseitigen. Andererseits ist dies aufgrund des fragilen Bankensystems fast nicht m\u00f6glich. Zudem besteht die Gefahr von falschen Anreizen. Wie am Beispiel der Einlagensicherung erl\u00e4utert, besitzen wirksame Regulierungen fast immer unerw\u00fcnschte Nebeneffekte. So kann es durchaus passieren, dass eine eigentlich gut gemeinte Regulierung zu einer unerw\u00fcnschten und potenziell sch\u00e4dlichen Verhaltens\u00e4nderung f\u00fchrt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1: \u00abGrosse Banken und Staatshilfen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Risiken und Nebenwirkungen am Beispiel des Einlegerschutzes&#13;<\/p>\n<h3>Risiken und Nebenwirkungen am Beispiel des Einlegerschutzes<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nLeider besitzen wirksame Regulierungen fast immer auch unerw\u00fcnschte \u00f6konomische Nebeneffekte. Gerade bei Banken kann dies stark ins Gewicht fallen. Der Einlegerschutz ist ein gutes Beispiel f\u00fcr die ambivalente Wirkung einer solchen Regulierung.Die Einf\u00fchrung einer Einlagenversicherung in den USA war 1933 ein zentrales Element zur Stabilisierung des Finanzsystems. Durch die staatliche Garantie der Einlagen wurden weitere Bank Runs vermieden, und die verbleibenden Banken konnten sich stabilisieren. Seither ist der Einlegerschutz ein wichtiger Bestandteil der Bankenregulierung in verschiedenen L\u00e4ndern.Wie so manches wirksame Medikament besitzt aber auch der Einlegerschutz potenziell sch\u00e4dliche Nebenwirkungen. Eine h\u00f6here Sicherheit reduziert zwar in erster Linie die Wahrscheinlichkeit eines Bankensturms, kann aber auch genau die gegenteilige Wirkung haben: Bankkunden besitzen, im Wissen um die Sicherheit ihrer Ersparnisse, keinen Anreiz mehr, die Solidit\u00e4t ihrer Bank zu \u00fcberpr\u00fcfen. Sie k\u00f6nnen bedenkenlos dem h\u00f6chsten Zinsangebot nachjagen (ein typisches Beispiel mit einem Fall aus der Schweiz ist in der NZZ vom 4.6.2008 nachzulesen: \u00abWin-win\u00bb-Situation f\u00fcr die Kaupthing Bank und ihre Kunden). Diese Ersparnisse, welche aufgrund der Einlagenversicherung nicht risikogerecht verzinst werden m\u00fcssen, k\u00f6nnen von den Banken f\u00fcr riskante Spekulationen verwendet werden, da sie aufgrund der Versicherung das eingegangene Risiko nicht fair entsch\u00e4digen m\u00fcssen. Aufgrund der Einlagensicherung investiert eine Bank somit st\u00e4rker in risikoreichere Aktiven, weil sie deren Kosten nicht voll \u00fcbernehmen muss. Ein volkswirtschaftlich vern\u00fcnftiger Einlagenschutz sollte also so hoch sein, dass die Wahrscheinlichkeit von Bank Runs vernachl\u00e4ssigbar ist, die problematischen Anreize aber auf ein tragbares Mass beschr\u00e4nkt bleiben. Wo das Optimum in der Praxis liegt, ist \u2013 wie so oft \u2013 nur schwer zu bestimmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Wie steht es in anderen Branchen?&#13;<\/p>\n<h3>Wie steht es in anderen Branchen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNach der Definition der Expertengruppe stellt sich das TBTF-Problem bei Unternehmen in anderen Branchen nicht. Ein Konkurs etwa eines grossen Industrieunternehmens h\u00e4tte zwar schlimme Auswirkungen auf die Angestellten, einige Zulieferbetriebe und Kunden. Insgesamt d\u00fcrften die Folgen f\u00fcr die restliche Wirtschaft \u2013 vor allem aufgrund der mangelnden Vernetzung innerhalb und ausserhalb der Branche \u2013 aber \u00fcberschaubar bleiben.Etwas schwieriger gestaltet sich das Problem bei Infrastrukturunternehmen. Elektrizit\u00e4t, Gas, Verkehr und Telekommunikation sind in der heutigen Zeit f\u00fcr die Produktion vieler G\u00fcter unabdingbar geworden. Ein kompletter Wegfall z\u00f6ge schlimme Folgen f\u00fcr die restliche Wirtschaft nach sich. Im Gegensatz zu den Banken d\u00fcrften in der Praxis die Folgen eines Konkurses eines Infrastrukturbetriebes aber stark begrenzt bleiben. Vor allem aufgrund ihrer Bilanzstruktur (viel Anlageverm\u00f6gen) k\u00f6nnte eine Auffanggesellschaft den Betrieb ohne gr\u00f6ssere Kosten aufrechterhalten. Ein Wegfall der Leistungen w\u00e4re somit nicht zu bef\u00fcrchten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 3: Weiterf\u00fchrende Literatur&#13;<\/p>\n<h3>Weiterf\u00fchrende Literatur<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2212 Friedman, Milton, und Anna Schwartz (1963): Monetary History of the United States, 1867\u20131960. A Study by the National Bureau of Economic Research. Princeton University Press.\u2212 Rochet, Jean-Charles (2008): Why Are There So Many Banking Crises? The Politics and Policy of Bank Regulation. Princeton University Press.\u2212 Freixas, Xavier, und Jean-Charles Rochet (2008): Microeconomics of Banking. MIT Press.\u2212 Reinhart, Carmen M., und Kenneth S. Rogoff (2008): This Time is Different: A Panoramic View of Eight Centuries of Financial Crises. NBER Working Paper 13882.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob durch Kapitalspritzen, Verstaatlichungen, Zwangsfusionen oder Auslagerung von illiquiden Verm\u00f6genswerten in Bad Banks: Viele Banken wurden mit staatlicher Hilfe vor dem Untergang bewahrt. Experten auf der ganzen Welt gingen davon aus, dass die betroffenen Institute Too big to fail (TBTF) seien. 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