{"id":121021,"date":"2010-12-01T12:00:00","date_gmt":"2010-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/12\/zuercher-16\/"},"modified":"2023-08-23T23:32:36","modified_gmt":"2023-08-23T21:32:36","slug":"zuercher-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/12\/zuercher-15\/","title":{"rendered":"Risiken begrenzen und Risikof\u00e4higkeit erh\u00f6hen"},"content":{"rendered":"<p>Die Expertenkommission zur Limitierung von volkswirtschaftlichen Risiken durch Grossunternehmen will das Regulierungskorsett f\u00fcr die beiden als systemisch relevant erkannten Schweizer Grossbanken fester schn\u00fcren. Wenn es nach ihren Vorschl\u00e4gen geht, m\u00fcssen diese k\u00fcnftig deutlich mehr und qualitativ besseres Eigenkapital halten. Zudem haben sie zum Voraus organisatorische Vorkehrungen zu treffen, die im Notfall die Herausl\u00f6sung und den Weiterbetrieb von essenziellen Bankinfrastrukturen erlauben. Das Dilemma, vor dem die Regulierungs- und \u00dcberwachungsbeh\u00f6rden heute stehen, entweder eine Grossbank mit Steuergeldern zu retten oder unter Inkaufnahme eines hohen volkswirtschaftlichen Schadens zu liquideren, soll dadurch gemildert werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUm die heutige Too-big-to-fail-Problematik im Zusammenhang mit den beiden Schweizer Grossbanken zu verstehen, muss man einen Blick zur\u00fcck in die j\u00fcngere Schweizer Wirtschaftsgeschichte werfen. Denn es ist nicht ohne Weiteres verst\u00e4ndlich, weshalb Banken, deren St\u00e4rke lange die Verm\u00f6gensverwaltung war, das traditionell eher Liquidit\u00e4ts\u00fcbersch\u00fcsse generiert und bis auf allf\u00e4llige Reputationsrisiken sonst kaum nennenswerte Risiken birgt, pl\u00f6tzlich in Schieflage geraten konnten. Ausgangspunkt ist dabei die Immobilienkrise zu Beginn der 1990er-Jahre, die unterschiedlichen Sch\u00e4tzungen zufolge dem Bankensystem Abschreibungen von 40 bis 60 Mrd. Franken verursachte. Es zeigte sich damals schnell, dass sich das Gesch\u00e4ftsmodell der Schweizer Grossbanken \u00fcberholt hatte und im Binnenmarkt keine Wachstumsm\u00f6glichkeiten mehr bestanden.&#13;<\/p>\n<h2>Zwei Zutaten eines toxischen Cocktails<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie als Reaktion darauf von den Grossbanken eingeschlagene Vorw\u00e4rtsstrategie umfasste zwei zentrale Stossrichtungen. Die erste Stossrichtung war eine forcierte Expansion ins Ausland, was gleichzeitig mit einer Verschiebung des traditionellen Gesch\u00e4ftsmodells einherging. Ende 1990 betrugen die Aktiven der Grossbanken im Ausland 254 Mrd. Franken; diese stiegen bis Ende 2007 um den Faktor 7,5 auf 1896 Mrd. Franken an. Die Aktiven im Inland nahmen demgegen\u00fcber um nur rund einen Drittel von 270 auf 363 Mrd. Franken zu. Bez\u00fcglich des Gesch\u00e4ftsmodells verringerte sich der relative Erfolgsbeitrag des traditionellen Zinsgesch\u00e4ftes zwischen 1990 und 2006 von knapp 44% auf 26%. Dies wurde durch eine Zunahme der Erfolgsbeitr\u00e4ge aus dem Kommissions- und Dienstleistungsgesch\u00e4ft von 34% auf 41% und aus dem Handelsgesch\u00e4ft von 12% auf 26% kompensiert. Die zweite Stossrichtung der Vorw\u00e4rtsstrategie umfasste die intensivere Bewirtschaftung der eigenen Mittel. Die Aktiven wurden vermehrt nach Risiken differenziert mit eigenen Mitteln unterlegt. Diese intensivierte Eigenmittelbewirtschaftung erhielt im Rahmen des Regulierungsstandards von Basel II auch das Plazet der Regulierungsbeh\u00f6rde. Die Risikogewichtung der Aktiven erlaubte vor allem eine Ausweitung des maximalen Verschuldungsgrads (Leverage). Die Eigenkapitalquote der Grossbanken sank in der Folge von durchschnittlich 6,1% zwischen 1980 und 1995 auf noch 4,1% zwischen 1996 und 2007, was einem R\u00fcckgang um einen Drittel entspricht. Die durchschnittliche Eigenkapitalrendite stieg im Gegenzug um beinahe 50% von 7,3% auf 10,7% \u2013 allerdings unter Inkaufnahme einer erheblichen Zunahme der Volatilit\u00e4t um beinahe den Faktor 10. Mit der j\u00fcngsten Finanzmarktkrise mischten sich diese zwei Stossrichtungen zu einem eigentlich toxischen Cocktail: Das inh\u00e4rent risikoreicher gewordene Gesch\u00e4ftsmodell traf auf eine infolge der intensiveren Eigenmittelbewirtschaftung gesunkene Risikof\u00e4higkeit.&#13;<\/p>\n<h2>Ein in sich stimmiges Massnahmenpaket<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie von der Expertenkommission vorgeschlagenen Massnahmen setzen nun richtigerweise auf beiden Seiten an. Mittels h\u00f6herer Eigenkapital- und Liquidit\u00e4tsvorschriften soll die Risikof\u00e4higkeit der systemisch relevanten Grossbanken erh\u00f6ht und durch organisatorische Massnahmen die effektiv von diesen ausgehenden volkswirtschaftlichen Risiken reduziert werden. Dass die implizite Staatsgarantie mit den vorgeschlagenen Massnahmen f\u00fcr die beiden Schweizer Grossbanken vollst\u00e4ndig eliminiert wird, konnte realistischerweise nicht erwartet werden. Obschon man sich h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen, neben den sch\u00e4rferen Eigenmittelvorgaben, die sich an den risikogewichteten Aktiven ausrichten, auch den maximalen Leverage anzuheben, ist das von der Expertengruppe nun pr\u00e4sentierte Massnahmenpaket in sich dennoch stimmig und geeignet, den Risikoappetit der Grossbanken zu z\u00fcgeln. Und auch wenn die Expertengruppe vielleicht zu grosse Hoffnungen in das kaum erprobte Instrument von bedingten Wandelanleihen (sogenannte CoCos) setzt, wird mit dem vorgeschlagenen Massnahmenpaket ein erster wichtiger Schritt unternommen, um das Bankengesch\u00e4ft weniger krisenanf\u00e4llig zu machen. Mit Blick auf die internationalen Diskussionen ist es sogar recht ambiti\u00f6s und setzt einen hohen Benchmark.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Expertenkommission zur Limitierung von volkswirtschaftlichen Risiken durch Grossunternehmen will das Regulierungskorsett f\u00fcr die beiden als systemisch relevant erkannten Schweizer Grossbanken fester schn\u00fcren. Wenn es nach ihren Vorschl\u00e4gen geht, m\u00fcssen diese k\u00fcnftig deutlich mehr und qualitativ besseres Eigenkapital halten. 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