{"id":121066,"date":"2010-11-01T12:00:00","date_gmt":"2010-11-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/11\/gandenberger-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:32:40","modified_gmt":"2023-08-23T21:32:40","slug":"gandenberger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/11\/gandenberger\/","title":{"rendered":"Kritische Rohstoffe aus europ\u00e4ischer Sicht"},"content":{"rendered":"<p>Ein Rohstoff wird dann als kritisch bezeichnet, wenn die Versorgungsrisiken und die Folgen einer mangelnden Versorgung gleichzeitig als hoch angesehen werden. Dies erfordert eine Methode zur vergleichenden Einsch\u00e4tzung sowohl der Versorgungsrisiken als auch der wirtschaftlichen Bedeutung f\u00fcr jeden Rohstoff. Im April 2009 wurde die Ad-hoc Working Group on Defining Critical Raw Materials gebildet, die sich im Rahmen der Raw Material Initiative damit besch\u00e4ftigte, kritische Rohstoffe zu identifizieren, die f\u00fcr das reibungslose Funktionieren der europ\u00e4ischen Wirtschaft notwendig sind. Als Bezugsrahmen wurde ein Zeithorizont von 10 Jahren festgelegt. Am 30. Juli 2010 ver\u00f6ffentlichte die EU-Generaldirektion Unternehmen und Industrie den Bericht der Arbeitsgruppe zur Kommentierung im Internet. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201011_06_Gandenberger_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"245\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAusgangspunkt der Arbeiten der Ad-hoc-Arbeitsgruppe waren jene 20 Metalle, die im Anhang 8 des Arbeitspapiers zur Europ\u00e4ischen Rohstoffinitiative&#13;<br \/>\nCOM(2008) 699. genannt werden (siehe <i>&#13;<br \/>\n<\/i> fett markiert). Schon in den ersten Treffen der Arbeitsgruppe wurde deutlich, dass die Mitglieder diese Liste f\u00fcr nicht umfassend genug hielten. Nach eingehender Diskussion einigte man sich darauf, insgesamt 41 Metalle und Minerale zu untersuchen. Anschliessend wurden \u2013 angelehnt an Vorarbeiten in Grossbritannien und USA \u2013 das Versorgungsrisiko sowie die Bedeutung der einzelnen Rohstoffe f\u00fcr die europ\u00e4ische Wirtschaft berechnet. Auch die Umweltauswirkungen der F\u00f6rderung der Rohstoffe wurden betrachtet.&#13;<\/p>\n<h2>Versorgungsrisiko<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Verf\u00fcgbarkeit von mineralischen Rohstoffen wurde von der Arbeitsgruppe auf drei unterschiedlichen Ebenen betrachtet. Es wurde zwischen geologischer, technischer und geopolitisch-wirtschaftlicher Verf\u00fcgbarkeit unterschieden.Die Versorgungsrisiken einzelner Rohstoffe sind nicht prim\u00e4r von der absoluten geologischen Verf\u00fcgbarkeit der notwendigen Erze diktiert. Vielmehr spielen die ungleichm\u00e4ssige Verteilung der bekannten Rohstoffvorkommen sowie \u00f6konomische und politische Aspekte einer Rolle. Zudem ist es wichtig, in welchem Umfang der Rohstoffbedarf durch sekund\u00e4re Quellen gedeckt wird und welche m\u00f6gliche Substitute f\u00fcr einen bestimmten Rohstoff in einer bestimmten Anwendung zur Verf\u00fcgung stehen. Deshalb wurde das Versorgungsrisiko als die Kombination dieser Elemente eingesch\u00e4tzt, n\u00e4mlich:\u2212 die Konzentration der F\u00f6rderung auf L\u00e4nderebene (auf der Basis von Produktionsdaten, angelehnt an das Herfindahl-Hirschmann-Index);\u2212 die Stabilit\u00e4t und Staatsf\u00fchrung der F\u00f6rderl\u00e4nder (mit dem World Governance Index der Weltbank);\u2212 Anteil des Recycling zur Deckung des heutigen Bedarfs;\u2212 M\u00f6glichkeiten der Substitution (Experteneinsch\u00e4tzungen).Diese vier Elemente wurden \u2013 wie unten dargestellt \u2013 zusammengef\u00fchrt, um einen Index zu bilden, mit dessen Hilfe alle betrachteten Rohstoffe m\u00f6glichst fair und transparent miteinander verglichen werden konnten (f\u00fcr Formeln siehe Pdf): Anteil am heutigen Bedarf, der aus Sekund\u00e4rmaterial gedeckt wird (Recycling von Produktionsabf\u00e4llen, sog. <i>new scrap,<\/i> wird nicht ber\u00fccksichtigt) \u2013 Werte von 0 bis 1. Anteiliger Bedarf von Rohstoff in Wirtschaftssektor \u2013 Werte von 0 bis 1. Gesch\u00e4tzte Substituierbarkeit von Rohstoff in Wirtschaftssektor \u2013 Werte 0 bis 1; ein Wert von 0 signalisiert eine vollst\u00e4ndige Substitutierbarkeit ohne Mehrkosten. Anteilige Produktion von Rohstoff in Land \u2013 Werte von 0 bis 100. World Governance Index f\u00fcr Land \u2013 Werte von 0 bis 10 (linear skaliert von den urspr\u00fcnglichen Werten); von 0 bis 10 verschlechtert sich das Rating der Weltbank.Die Ergebnisse wurden so skaliert, dass am Ende die m\u00f6glichen Werte zwischen 0 und 10 lagen (steigendes Risiko). Besonders hohe Werte erhielten dabei die Seltenen Erden (4,9). Diese ergaben sich aufgrund der hohen Bedeutung Chinas, welches 2007 ca. 90% der Importe an Seltenen Erden in die EU stellte, aber auch aufgrund der geringen Substituierbarkeit und der geringen heutigen Recyclingrate von ca. 1%. Auch die Platin-Gruppen-Metalle (PGM) Platin, Ruthenium, Rhodium und Palladium haben ein hohes Versorgungsrisiko von 3,6. Sie werden vor allem in S\u00fcdafrika und Russland gewonnen, k\u00f6nnen oft nur gegeneinander substituiert werden und haben eine Recyclingrate von ca. 35%.&#13;<\/p>\n<h2>Wirtschaftliche Bedeutung der Rohstoffe<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine vergleichende Einsch\u00e4tzung der Kritikalit\u00e4t von Rohstoffen setzt voraus, dass den Unterschieden in ihrer \u00f6konomischen Bedeutung Rechnung getragen wird. Um sich an das komplexe Problem einer vergleichenden Einsch\u00e4tzung der \u00f6konomischen Bedeutung von Rohstoffen anzun\u00e4hern, wurden in der Arbeitsgruppe folgende \u00dcberlegungen angestellt:\u2212 Zum einen muss der \u00f6konomischen Bedeutung derjenigen Sektoren Rechnung getragen werden, welche die betreffenden Rohstoffe unmittelbar in ihren Produktionsprozessen einsetzen. \u2212 Zum anderen muss auch die Vernetzung eines Sektors innerhalb der Volkswirtschaft ber\u00fccksichtigt werden, wenn dieser essenzielle Vorleistungen f\u00fcr andere Sektoren erbringt und wenn eine St\u00f6rung der Ressourcenversorgung auch die Wertsch\u00f6pfung in diesen indirekt betroffenen Sektoren gef\u00e4hrden w\u00fcrde.Um die hierbei auftretenden konzeptionellen Schwierigkeiten zu \u00fcberwinden, die vor allem in der Bestimmung eines angemessenen Abschneidekriteriums sowie in der Absch\u00e4tzung der direkten und indirekten Bedeutung eines Rohstoffs f\u00fcr die Wertsch\u00f6pfung in Europa liegen, wurde von der Gruppe ein pragmatischer Ansatz verfolgt. Dieser orientiert sich an einer weiten Interpretation des Begriffs der Wertsch\u00f6pfungskette bzw. Fili\u00e8re. Hierzu wurden einzelne Sektoren auf der Nace-Zweistellerebene zu \u00fcbergeordneten \u00abMega-Sektoren\u00bb zusammengefasst (siehe <i>&#13;<br \/>\n<\/i>), deren \u00f6konomische Bedeutung der Summe seiner Teilsektoren entspricht. Da ein Rohstoff in der Regel von mehreren Mega-Sektoren genutzt wird, kann seine \u00f6konomische Bedeutung anhand der Summe \u00fcber die gewichteten Werte f\u00fcr die Bruttowertsch\u00f6pfung dieser Sektoren erfasst und ins Verh\u00e4ltnis zum BIP der EU27 gesetzt werden. Als Gewichtungsfaktor wurde der Anteil des Sektors am Gesamtverbrauch des Rohstoffs in Europa herangezogen. Ein Beispiel: 23% des in Europa verbrauchten Kupfers wird im Bausektor verbraucht (z.B. f\u00fcr elektrische Kabel und Rohleitungen), der wiederum im Jahr 2006 eine Bruttowertsch\u00f6pfung von ca. 98 Mrd. Euro erzeugte. Hieraus ergibt sich ein Wert f\u00fcr die \u00f6konomische Bedeutung von Kupfer von 22,6 Mrd. Euro. Da Kupfer auch in anderen Sektoren eingesetzt wird, z.B. f\u00fcr die Herstellung von elektronischen Ger\u00e4ten (28%), Elektronik (13%), Maschinen- und Anlagenbau (12%), Transportmittel und -infrastrukturen(14%), wurde die mit dem Anteil am Gesamtverbrauch gewichtete Wertsch\u00f6pfung dieser Sektoren aufsummiert und ins Verh\u00e4ltnis zur Bruttowertsch\u00f6pfung der EU gesetzt.Auf diese Weise wird Rohstoffen, die von volkswirtschaftlich sehr bedeutenden Sektoren verbraucht werden, tendenziell eine gr\u00f6ssere wirtschaftliche Bedeutung zugemessen als Rohstoffen, die in eher unbedeutende Sektoren eingehen. Allerdings spielt der Zuschnitt der Mega-Sektoren eine wichtige Rolle f\u00fcr die Absch\u00e4tzung der \u00f6konomischen Bedeutung eines Rohstoffs.&#13;<\/p>\n<h2>Umweltrisiken in F\u00f6rderl\u00e4nder<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n\u00c4hnlich wie f\u00fcr das Versorgungsrisiko wurde f\u00fcr jedes Land ein Umweltindex berechnet, in welchem sich die Umweltrisiken der F\u00f6rderung von Rohstoffen im Land widerspiegeln. Dieser Index basiert auf dem Environmental Performance Index (EPI) der Yale-Universit\u00e4t und wird in derselben Art wie das Versorgungsrisiko berechnet, indem die Konzentration der Rohstoffvorkommen nach L\u00e4ndern, die Substituierbarkeit und die Recyclingrate mit einbezogen wird (f\u00fcr Formeln siehe Pdf): Auch der Umwelt-L\u00e4nder-Index wird auf Werte von 0 bis 10 skaliert. Gem\u00e4ss diesem Index haben die Seltenen Erden mit 4,3 die h\u00f6chsten Umweltrisken (auf Grund des niedrigen EPI von China), w\u00e4hrend f\u00fcr mehr als die H\u00e4lfte der Metalle der Wert unter 1,0 liegt. Mit mittleren Umweltrisiken ist die F\u00f6rderung von Germanium, Antimon, Gallium und Magnesium versehen.&#13;<\/p>\n<h2>Ergebnisse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Ergebnis der Berechnungen f\u00fcr das Versorgungsrisiko und die wirtschaftliche Bedeutung ist in <i>&#13;<br \/>\n<\/i> dargestellt. Im oberen rechten Quadranten finden sich die 14 Rohstoffe bzw. Rohstoffgruppen, die als kritische Rohstoffe identifiziert worden sind, weil sie sowohl ein hohes Versorgungsrisiko als auch eine hohe wirtschaftliche Bedeutung haben.Das hohe Versorgungsrisiko liegt an dem hohen Anteil an der weltweiten Produktion aus China (Antimon, Flussspat, Gallium, Germanium, Graphit, Indium, Magnesium, Seltene Erden, Wolfram), Russland (PGM), der Demokratischen Republik Kongo (Kobalt, Tantal) und Brasilien (Niob und Tantal). Diese Produktionskonzentrationen gehen in vielen F\u00e4llen einher mit einer geringen Substituierbarkeit und niedrigen Recyclingquoten. Ein geringes Versorgungsrisiko haben Nickel, Mangan, Vanadium, Molybd\u00e4n und Chrom. Daf\u00fcr ist ihre wirtschaftliche Bedeutung besonders hoch, da sie in ihren Hauptanwendungen als Stahlveredler nicht substituierbar sind. Dabei ist zu beachten, dass z.B. \u00c4nderungen in der politischen Stabilit\u00e4t eines Rohstofflandes das Versorgungsrisiko schnell ver\u00e4ndern k\u00f6nnten.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDieses Bild stellt eine Momentaufnahme f\u00fcr die EU dar. Aktuelle Diskussionen um Rohstoffe f\u00fcr Zukunftstechnologien \u2013 wie etwa bez\u00fcglich der Lithiumionen-Batterien f\u00fcr die Elektromobilit\u00e4t \u2013 zeigen, dass sich auch die Nachfrageseite bei Rohstoffen schnell \u00e4ndern kann. Deshalb schl\u00e4gt die Ad-hoc-Arbeitsgruppe eine Aktualisierung der Bewertung kritischer Rohstoffe alle 5 Jahre vor, wobei die Datenlage f\u00fcr die betrachteten Rohstoffe in den EU-Mitgliedstaaten sukzessive verbessert werden soll. Weitere Empfehlungen der Arbeitsgruppe betreffen den Abbau von Rohstoffen in Europa, den Welthandel mit Rohstoffen, ein verbessertes Recycling der Rohstoffe aus Post-Consumer-Produkten, die Entwicklung von Substitutionsm\u00f6glichkeiten und die weitere Erh\u00f6hung der Materialeffizienz in der Produktion. Durch die Arbeiten der Ad-hoc-Arbeitsgruppe wurde erstmals eine transparente Methodik entwickelt, die quantifizierte Aussagen zur Kritikalit\u00e4t von Rohstoffen erm\u00f6glicht. Bei allen vorhandenen Schw\u00e4chen stellen die im Anhang der Studie ver\u00f6ffentlichten Daten eine gute Basis zur Verfeinerung der Methode dar, um letztendlich m\u00f6gliche Produktionseinschr\u00e4nkungen der europ\u00e4ischen Wirtschaft durch kritische Rohstoffe zu verhindern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Kasten 1: Literatur<\/b>&#13;<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u2212 DG ENTR (2010): Bericht der Ad-hoc Working Group on Defining Critical Raw Materials der (<i><a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\">http:\/\/ec.europa.eu<\/a>,<\/i> Enterprise and Industry, Policies, Raw materials, Critical raw materials).\u2212 Angerer, G.; Erdmann, L.; MarscheiderWeidemann, F.; Scharp, M.; L\u00fcllmann, A.; Handke, V.; Marwede, M. (2009): Rohstoffe f\u00fcr Zukunftstechnologien. Stuttgart: Fraunhofer IRB Verlag.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Rohstoff wird dann als kritisch bezeichnet, wenn die Versorgungsrisiken und die Folgen einer mangelnden Versorgung gleichzeitig als hoch angesehen werden. Dies erfordert eine Methode zur vergleichenden Einsch\u00e4tzung sowohl der Versorgungsrisiken als auch der wirtschaftlichen Bedeutung f\u00fcr jeden Rohstoff. 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