{"id":121076,"date":"2010-11-01T12:00:00","date_gmt":"2010-11-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/11\/kohl-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:32:57","modified_gmt":"2023-08-23T21:32:57","slug":"kohl-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/11\/kohl-5\/","title":{"rendered":"Eine Rohstoffstrategie f\u00fcr den Werkplatz Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Die Sicherstellung der Rohstoffversorgung ist f\u00fcr den Industriestandort von existenzieller Bedeutung. Es geht haupts\u00e4chlich um die sogenannten \u00abGew\u00fcrzmetalle\u00bb. Diese werden zwar nur in geringen Mengen eingesetzt, sind aber kurz- und mittelfristig kaum substituierbar, so dass deren Verf\u00fcgbarkeit f\u00fcr die Industrie von zentraler technologischer Bedeutung ist. Da die heutigen Abbaugebiete dieser Rohstoffe auf wenige, oftmals politisch instabile L\u00e4nder konzentriert sind, bef\u00fcrchten wir, dass der offene und diskriminierungsfreie Marktzugang zu diesen Rohstoffen zunehmend beeintr\u00e4chtigt werden k\u00f6nnte. F\u00fcr Swissmem ist sowohl die Industrie als auch der Bund gefordert, mit entsprechenden Massnahmen diesem Gef\u00e4hrdungspotenzial entgegenzuwirken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM), welche mit rund 330&nbsp;000 Mitarbeitenden knapp 10% des Bruttoinlandprodukts beisteuert und rund 80% ihrer Produktion exportiert, ist auf eine sichere Rohstoffversorgung angewiesen. F\u00fcr den hiesigen Werkplatz ist dies eine besondere Herausforderung, da die Schweiz kaum \u00fcber eigene nat\u00fcrliche Rohstoffvorkommen verf\u00fcgt.Verschiedene Untersuchungen (u.a. Deutsche Wirtschaft, Europ\u00e4ische Kommission) kommen zum Schluss, dass in Zukunft die Rohstoffversorgung weniger bei den klassischen Industriemetallen \u2013 wie Eisen\/Stahl oder Aluminium \u2013 gef\u00e4hrdet sei. Im Vordergrund stehen vielmehr Rohstoffe wie zum Beispiel Niob, Palladium, Wolfram oder die Gruppe der Seltenen Erden. Solche technisch essenziellen Metalle werden gemeinhin als \u00abGew\u00fcrzmetalle\u00bb bezeichnet.&#13;<\/p>\n<h2>Sichere Rohstoffbeschaffung bei funktionierenden Rohstoffm\u00e4rkten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Mengen- und Kostenanteil dieser Rohstoffe am Endprodukt ist zwar meist sehr gering. So betr\u00e4gt beispielsweise der durchschnittliche Gewichtsanteil an Palladium in einem Mobiltelefon gerade einmal 0,015% (d.h. 15 Milligramm pro 100 Gramm). Aufgrund der ausserordentlichen Funktionalit\u00e4t dieser Rohstoffe ist deren Verwendung aus heutiger Sicht aber unverzichtbar. Daher ergibt sich \u2013 zumindest kurz- und mittelfristig \u2013 f\u00fcr die gesamte industrielle Wertsch\u00f6pfungskette eine hohe technische Abh\u00e4ngigkeit von diesen Rohstoffen.Diese technische Abh\u00e4ngigkeit von einem Rohstoff ist wirtschaftspolitisch kein ausserordentliches Problem, sofern funktionierende (d.h. wettbewerblich organisierte) Rohstoffm\u00e4rkte vorliegen und die Preisbildung f\u00fcr Rohstoffe nicht durch Oligopole verzerrt wird. In einem solchen Umfeld ist ein starker Anstieg des Weltmarktpreises die Folge einer tats\u00e4chlichen oder erwarteten Verknappung dieses Rohstoffs. Dies kann f\u00fcr die Industrie zwar \u00e4usserst unangenehme Anpassungsfolgen haben, insbesondere dann, wenn der Preisanstieg in sehr kurzer Zeit erfolgt. Da aber ein ansteigender Weltmarktpreis alle industriellen Nachfrager gleichermassen trifft, beeintr\u00e4chtigt dies die internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit des einzelnen Unternehmens nicht. In einem solchen Umfeld nimmt der Preis seine zentrale Funktion als \u00abKnappheitsindikator\u00bb wahr. Die Rohstoffbeschaffung ist sichergestellt, weil die Industrie die gew\u00fcnschte Menge an Rohstoffen zum Wettbewerbspreis beschaffen kann.&#13;<\/p>\n<h2>Verzerrungen des Marktmechanismus<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr den hiesigen Industriestandort problematisch wird es jedoch, wenn die Preisbildung auf den Rohstoffm\u00e4rkten nicht in wettbewerblicher Weise erfolgt. Beispielsweise k\u00f6nnen Rohstoff-Oligopole die Preise k\u00fcnstlich in die H\u00f6he treiben. Industrieunternehmen m\u00fcssen in diesem Fall h\u00f6here Rohstoffbeschaffungskosten veranschlagen, als sie unter Wettbewerbsbedingungen zu bezahlen h\u00e4tten. Allenfalls sind die Beschaffungskosten so hoch, dass eine rentable Produktion verunm\u00f6glicht wird. Volkswirtschaftlich kommt es zu einer Verzerrung in der Ressourcenallokation. Im Extremfall wird der Marktmechanismus sogar g\u00e4nzlich ausser Kraft gesetzt, so dass die physische Beschaffung dieser Rohstoffe nicht mehr m\u00f6glich ist. \u00d6konomisch ausgedr\u00fcckt bedeutet dies, dass unabh\u00e4ngig von der Zahlungsbereitschaft des Industrieunternehmens auf dem Markt die ben\u00f6tigten Rohstoffe in der gew\u00fcnschten Menge nicht mehr erh\u00e4ltlich sind.&#13;<\/p>\n<h2>Gef\u00e4hrdung der Rohstoffbeschaffung bei hoher Angebotskonzentration<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWorin besteht nun die Gef\u00e4hrdung der Rohstoffversorgung f\u00fcr den Werkplatz Schweiz? Die nat\u00fcrlichen Vorkommen sowie der gegenw\u00e4rtige Abbau dieser Rohstoffe sind oftmals regional sehr stark konzentriert. So stammt Niob heute zu \u00fcber 90% aus Brasilien; Palladium kommt zu 80% aus Russland und S\u00fcdafrika; Wolfram stammt zu 75% aus China. Viele dieser L\u00e4nder oder Regionen gelten politisch als beschr\u00e4nkt stabil oder richten ihre Wirtschaftspolitik nicht grunds\u00e4tzlich nach marktwirtschaftlichen Prinzipien aus.Auf der Rohstoff-Angebotsseite liegt somit eine ausserordentlich hohe Konzentration vor. Wir bef\u00fcrchten eine Gef\u00e4hrdung der Rohstoffversorgung, wenn solche Staaten Massnahmen ergreifen, um ihre Rohstoffexporte \u2013 aus welchen Gr\u00fcnden auch immer \u2013 zu beschr\u00e4nken. Als Beispiel dient die j\u00fcngste Konfrontation zwischen China und Japan. China hat den Export von Seltenen Erden, die zu 95% aus China stammen, nach Japan vor\u00fcbergehend g\u00e4nzlich gestoppt. In einem solchen geopolitisch unsicheren Umfeld ist der Werkplatz Schweiz besonders verwundbar, da eine marktm\u00e4ssige Beschaffung dieser zentralen Rohstoffe nicht als grunds\u00e4tzlich gew\u00e4hrleistet betrachtet werden kann. Es besteht die Gefahr, dass rohstoffbesitzende Staaten mit einem Exportembargo den Marktmechanismus vollst\u00e4ndig ausser Kraft setzen. Industrielle Nachfrager, die ausserhalb des rohstoffabbauenden Landes liegen, werden vom Rohstofferwerb ausgeschlossen und k\u00f6nnten im schlimmsten Fall ihre Produkte nicht mehr herstellen, zumal f\u00fcr viele dieser Rohstoffe (noch) kein relevanter Recyclingkreislauf besteht. Die hiesige industrielle Wertsch\u00f6pfung w\u00fcrde damit grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt.&#13;<\/p>\n<h2>Betroffenheit der Schweizer MEM-Industrie<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSwissmem, der Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, umfasst rund 1000 Unternehmen. In einer Umfrage unter seinen Mitgliedern hat Swissmem ermittelt, inwiefern die Schweizer Industrie solche kritischen Rohstoffe einsetzt. Als kritische Rohstoffe wurden folgende Elemente vorgegeben: Antimon, Beryllium, Chrom, Fluorit, Gallium, Germanium, Graphit, Indium, Kobalt, Lithium, Magnesium, Molybd\u00e4n, Niob, Platingruppe, Seltene Erden, Tantal und Wolfram. Die Verwendung eines Rohstoffs in der Herstellung der jeweiligen Produkte erfolgt dabei entweder direkt oder indirekt, d.h. in Form zugekaufter Vorprodukte, welche diese Rohstoffe enthalten. Nachfolgend die wichtigsten Erkenntnisse dieser Umfrage. \u2212 Rund 75% der MEM-Unternehmen setzen mindestens einen der oben genannten kritischen Rohstoffe direkt oder indirekt in der Herstellung von Produkten ein. Aus Sicht der Schweizer MEM-Industrie liegt somit eine hohe Betroffenheit vor, was die Verwendung kritischer Rohstoffe anbelangt.\u2212 Von den betroffenen Unternehmen sind folgende Rohstoffe am h\u00e4ufigsten genannt worden (vgl. <i>Grafik 1<\/i>): Chrom (74%), Molybd\u00e4n (69%), Magnesium (60%), Wolfram (57%), Graphit (53%), Kobalt (48%).\u2212 Am wenigsten eingesetzt werden Germanium, Gallium, Fluorit, Indium und Antimon. Lediglich 12% oder weniger der antwortenden Unternehmen verwenden diese Elemente. Bei diesen Rohstoffen ist aber auch der Unbekanntheitsfaktor mit mehr als einem Drittel der Antworten sehr ausgepr\u00e4gt.&#13;<\/p>\n<h2>Massnahmen zur Sicherung der Rohstoffversorgung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nPrim\u00e4r sind die betroffenen Unternehmen gefordert, im Rahmen ihrer M\u00f6glichkeiten Vorkehrungen zu treffen, um dem Risiko allf\u00e4lliger Versorgungsschwierigkeiten mit kritischen Rohstoffen vorzubeugen. In der Umfrage gaben 65% der betroffenen Unternehmen an, dass sie entweder Massnahmen bereits ergriffen haben oder solche zumindest geplant sind (vgl. <i>Grafik 2<\/i>). Am h\u00e4ufigsten genannt wurden folgende vorbeugende Massnahmen: langfristige Liefervertr\u00e4ge, Suche nach Ersatz- bzw. Sekund\u00e4rrohstoffen, gemeinsame Beschaffungsstrategie mit Lieferanten von Vorprodukten, die kritische Rohstoffe enthalten, sowie Optimierung des Einsatzes kritischer Rohstoffe (im Sinne von Ressourceneffizienz). Wir stellen fest, dass zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt in vielen, wenn auch bei weitem noch nicht in den meisten Unternehmen der Schweizer MEM-Industrie entsprechende vorbeugende Massnahmen ergriffen worden sind. Mittel- bis langfristig leisten auch folgende unternehmerische sowie staatliche Massnahmen einen Beitrag zur Verminderung des Versorgungsrisikos mit kritischen Rohstoffen:\u2212 <i>F\u00f6rderung der Forschung:<\/i> Enger Kontakt zwischen Industrie und Forschungsinstitutionen mit dem Ziel der Substituierung kritischer Hightech-Rohstoffe durch weniger kritische.\u2212 <i>St\u00e4rkung des Eco-Designs:<\/i> Verbesserung des einzelnen Produkts durch eine gesteigerte Ressourceneffizienz und die Betrachtung des ganzen Produktlebenszyklus, insbesondere aus Optik der Wiederverwertung der eingesetzten Rohstoffe.\u2212 <i>St\u00e4rkung der Recycling-Wirtschaft:<\/i> In Entstehung sind neue Recycling-Technologien wie z.B. vollautomatisierte Sortier- und Trenntechniken oder die R\u00fcckgewinnung von Metallen aus KVA-Schlacke. Hierbei geht es darum, administrative, politische oder marktliche H\u00fcrden bei der Erprobung und Einf\u00fchrung neuer Recycling-Technologien abzubauen.&#13;<\/p>\n<h2>Einsatz f\u00fcr offene und diskriminierungsfreie Rohstoffm\u00e4rkte<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEs liegt in der Natur der Sache, dass die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen nicht von den Unternehmen selbst gestaltet werden. Die Sicherstellung eines offenen und diskriminierungsfreien Zugangs zu den Rohstoffm\u00e4rkten ist und bleibt deshalb eine Aufgabe des Bundes. Ob die Bek\u00e4mpfung von Handels- und Wettbewerbsverzerrungen auf den Rohstoffm\u00e4rkten im Rahmen der WTO, im Rahmen bilateraler Freihandelsabkommen oder im Schlepptau der Anstrengungen der EU, welche in dieser Frage gleichgerichtete Interessen verfolgt wie die Schweiz, geschehen soll, wird fallweise zu entscheiden sein. Es ist ein zentrales Anliegen der Schweizer MEM-Industrie, dass der Bund f\u00fcr diese industriespezifischen Interessen, welche f\u00fcr den Werkplatz Schweiz von existenzieller Bedeutung sein k\u00f6nnen, sensibilisiert ist. Wir erwarten vom Bund, dass er sich im Rahmen seiner aussenwirtschaftspolitischen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr marktwirtschaftliche Rahmenbedingungen auf den internationalen M\u00e4rkten einsetzt.Bei der Verfolgung dieser Interessen wird der Bund in verhandlungstechnischer Hinsicht nicht darum herumkommen, Konzessionen in jenen Gebieten zu machen, in welchen die Schweiz selbst ihre M\u00e4rkte noch massiv abschottet.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz braucht eine Rohstoffstrategie, welche in die Aussenwirtschaftspolitik des Bundes eingebettet ist. Offene und diskriminierungsfreie M\u00e4rkte \u2013 sowohl auf der Absatz- wie auch auf der Beschaffungsseite \u2013 stellen f\u00fcr die Schweizer MEM-Industrie einen zentralen Standortfaktor dar, den es zu bewahren und zu verbessern gilt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abEingesetzte kritische Rohstoffe in der Schweizer MEM-Industrie\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abBereits getroffene oder geplante Massnahmen zur Sicherstellung der Rohstoffbeschaffung\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sicherstellung der Rohstoffversorgung ist f\u00fcr den Industriestandort von existenzieller Bedeutung. Es geht haupts\u00e4chlich um die sogenannten \u00abGew\u00fcrzmetalle\u00bb. Diese werden zwar nur in geringen Mengen eingesetzt, sind aber kurz- und mittelfristig kaum substituierbar, so dass deren Verf\u00fcgbarkeit f\u00fcr die Industrie von zentraler technologischer Bedeutung ist. 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