{"id":121126,"date":"2010-10-01T12:00:00","date_gmt":"2010-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/10\/atteslander-8\/"},"modified":"2023-08-23T23:33:22","modified_gmt":"2023-08-23T21:33:22","slug":"atteslander-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/10\/atteslander-7\/","title":{"rendered":"Ein Streitgespr\u00e4ch \u00fcber wirtschaftliche Globalisierung und ihre Wirkungen"},"content":{"rendered":"<p>Im Streitgespr\u00e4ch stehen Chancen und Risiken der wirtschaftlichen Globalisierung im Fokus. W\u00e4hrend der Vertreter der Wirtschaft, Jan Atteslander (Economiesuisse), die Fr\u00fcchte der Globalisierung \u2013 insbesondere den h\u00f6heren Wohlstand \u2212 in den Vordergrund stellt, sind es beim Vertreter der NGO, Thomas Braunschweig (Erkl\u00e4rung von Bern), die Schattenseiten, insbesondere die Verteilung des Wohlstands. Aber selbst beim NGO-Vertreter wird die Globalisierung nicht grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt, sondern eine st\u00e4rkere Regulierung verlangt. Umstritten waren im Gespr\u00e4ch der Zeitpunkt einer optimalen \u00d6ffnung, um Wachstum zu generieren, aber auch die Notwendigkeit von Wachstum.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Die Wirtschaft sieht die Globalisierung als Chance. Herr Atteslander, auf den kurzen Nenner gebracht: Was sind aus Ihrer Sicht die gr\u00f6ssten Fr\u00fcchte der Globalisierung?<\/i><b>Atteslander:<\/b> Erstens: Der Wohlstand hat, wenn auch vorerst nur in den Industrienationen, dank der Globalisierung erstmals seit der 1950er-Jahren alle Bev\u00f6lkerungsschichten erreicht. Zweitens: Seit den 1980er-Jahren wuchsen die Entwicklungsl\u00e4nder erstmals schneller als die Industrienationen. Drittens: Nun beginnt der Wohlstand in den Schwellenl\u00e4ndern sich auf alle Bev\u00f6lkerungsschichten auszudehnen. Laut Prognosen wird erwartet, dass im Jahr 2030 60% des Welt-BIP in den Schwellenl\u00e4ndern \u2013 besonders in Asien \u2212 generiert werden wird.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Die Globalisierung hat auch ihre Schattenseiten. Wo orten Sie die Risiken, Herr Braunschweig?<b>Braunschweig:<\/b> Wir sind als NGO nicht grunds\u00e4tzlich dagegen, profitieren wir doch selber stark von der kulturellen und politischen Globalisierung. Aber die wirtschaftliche Globalisierung \u2013 von der wir hier sprechen \u2013 birgt in der Tat grosse Risiken. Ein interessantes Paradox ist \u00fcbrigens, dass es zwar eine intensive Globalisierung von G\u00fctern und Kapital gibt, die nationalen Grenzz\u00e4une f\u00fcr Menschen aber immer h\u00f6her werden. Auch auf der politischen Ebene ist die Globalisierung \u00e4usserst defizit\u00e4r. Besorgnis erregend sind die steigende soziale Ungleichheit \u2013 sowohl innerhalb als auch zwischen den L\u00e4ndern \u2212 und der stark zunehmende Ressourcenverbrauch.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>K\u00f6nnen Sie Ihre Thesen mit Zahlen belegen?<b>Atteslander:<\/b> Das Durchschnittseinkommen eines Weltb\u00fcrgers betrug 1870 kaufkraftbereinigt 1 US-Dollar. Im Jahr 1950 waren es 2,1 und 2007 8,5 US-Dollar. In den letzten 60 Jahren kam es also zu einer Vervierfachung des Pro-Kopf-Einkommens. Viel dazu beigetragen hat die starke Senkung der Z\u00f6lle von damals \u00fcber 40% auf heute unter 5%.<b>Braunschweig:<\/b> Es ist wissenschaftlich sehr umstritten, ob \u00fcberhaupt eine starke Korrelation zwischen den Faktoren internationale \u00d6ffnung und Wachstum besteht. Ausserdem zeigen Zahlen des CEPR&#13;<br \/>\nCenter for Economic and Policy Research. f\u00fcr 116 L\u00e4nder, dass das BIP pro Kopf zwischen 1960 und 1980 j\u00e4hrlich um durchschnittlich 3,1% gewachsen ist. Im Zeitraum zwischen 1980 und 2000, in dem die grossen Liberalisierungen stattfanden, waren es aber nur 1,4%. Diese Zahlen belegen doch die umgekehrte These, wonach die grosse internationale \u00d6ffnung zu einem abgeschw\u00e4chten Wachstum gef\u00fchrt hat. Auch zeigen umfangreiche Untersuchungen von UNU-Wider&#13;<br \/>\nWorld Institute for Development Economics Research der United Nations University., dass die soziale Ungleichheit seit den fr\u00fchen 1980er-Jahren in den meisten L\u00e4ndern gestiegen ist, was die Autoren mit den wirtschaftlichen Liberalisierungspolitiken in Verbindung bringen.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Welche konkreten Schl\u00fcsse ziehen Sie daraus?<b>Braunschweig:<\/b> Das Beispiel der asiatischen Tiger-Staaten verdeutlicht, wie eine erfolgreiche Globalisierung ablaufen muss: Diese Staaten haben zuerst binnenwirtschaftliche Reformen durchgef\u00fchrt und sich erst dann aus einer Position der St\u00e4rke heraus ge\u00f6ffnet. In der ersten Phase der \u00abinternen Aufr\u00fcstung\u00bb haben sie ihre so genannten Infant Industries stark gest\u00fctzt und den Agrarsektor reformiert. Dazu geh\u00f6ren die Landverteilung und garantierte Abnahmepreise des Staates f\u00fcr landwirtschaftliche G\u00fcter. Ebenfalls wichtig f\u00fcr den Erfolg war das richtige Timing der \u00d6ffnung. Auch die Industriel\u00e4nder haben zuerst ihre heranwachsenden Industrien gef\u00f6rdert und gesch\u00fctzt, bis sie auf einem international konkurrenzf\u00e4higen Niveau waren. Was f\u00fcr uns gut war, sollte auch f\u00fcr die Entwicklungsl\u00e4nder gelten.<b>Atteslander:<\/b> Bleiben wir bei den Fakten: Ohne Zugang zu den Weltm\u00e4rkten w\u00e4re das hohe Wachstum der Tiger-Staaten nicht m\u00f6glich gewesen. F\u00fcr Wachstum braucht es sowohl Reformen der Binnenwirtschaft als auch die F\u00e4higkeit und Bereitschaft, sich im Weltmarkt zu integrieren. Dazu beigetragen haben zudem der grosse Aufholbedarf im Infrastrukturbereich sowie die enormen Investitionen in die Ausbildung. Dies gilt auch f\u00fcr die Erfolge, die Indien erzielt hat.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Gibt es weitere Faktoren, die f\u00fcr den Erfolg von zentraler Bedeutung sind?<b>Atteslander:<\/b> Ja, Good Governance. Wachstum braucht stabile Rahmenbedingungen. Hinzu kommt das Beta-Wachstum, das heisst der Aufbau einer breiten Mittelschicht. Dieser Faktor ist f\u00fcr eine nachhaltige Entwicklung sogar sehr wichtig. Wer vom Wachstum nicht profitiert, wird sich auch nicht ausbilden. Und noch ein Faktor ist sehr wichtig: die Innovationsfreude, die in Asien tief verwurzelt ist.<b>Braunschweig:<\/b> Unterstreichen m\u00f6chte ich die Bedeutung von stabilen politischen und sozialen Verh\u00e4ltnissen, die f\u00fcrs Wachstum zentral sind. Aber genau hier haben wir auch unsere Vorbehalte. Die steigende soziale Ungleichheit, die innerhalb der L\u00e4nder zu beobachten ist, f\u00fchrt zu Instabilit\u00e4t. Deshalb sollten alle, die f\u00fcr ein nachhaltiges Wachstum sind, sich daf\u00fcr einsetzen, dass die Ungleichheit m\u00f6glichst klein ist. <b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Welche Rolle spielen f\u00fcr Sie in der globalisierten Wirtschaft internationale Regeln?<b>Atteslander:<\/b> Erst diese international geltenden Regeln machen es m\u00f6glich, dass kleinere Staaten ihre Interessen geltend machen und grosse Staaten einklagen k\u00f6nnen. Davon wird immer mehr Gebrauch gemacht, wie dies die starke Zunahme von WTO-Streitschlichtungsverfahren verdeutlicht. Dank dieser Regeln k\u00f6nnen Investoren die politischen Risiken in Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern auch besser einsch\u00e4tzen.<b>Braunschweig:<\/b> In einer zusammenwachsenden Welt braucht es in der Tat internationale Regeln, insbesondere f\u00fcr die kleinen und schw\u00e4cheren L\u00e4nder. Es ist nicht zuletzt eine Frage der Fairness, dass Regeln bestehen, die f\u00fcr alle gelten. Deshalb bef\u00fcrworten wir auch eine Handelsorganisation, die solche globalen Regeln sicherstellen kann.Was zu Sorge Anlass gibt, ist das Ungleichgewicht in der Entwicklung der Regeln auf den verschiedenen Ebenen. Wir haben sehr stark entwickelte Regeln im wirtschaftlichen Bereich. Aber auf der politischen Ebene ist das Regelwerk sehr defizit\u00e4r. H\u00e4ufig entstehen Probleme, weil es in den beiden Bereichen so ungleiche Regelintensit\u00e4ten gibt.<b>Die Volkswirtschaft<\/b><i>: Welche Bereiche sprechen Sie konkret an?<b>Braunschweig:<\/b> Ich denke da an die Menschenrechte. Die wichtigsten Regelwerke sind hier der Sozial- und der Zivilpakt der UNO; aber es fehlen \u2013 im Gegensatz zu den Handelsregeln \u2013 griffige Sanktionsm\u00f6glichkeiten. Daraus resultiert ein Ungleichgewicht. So tendieren die L\u00e4nder dazu, in erster Linie die wirtschaftlichen Regeln zu befolgen und die Regeln in den anderen Bereichen zu vernachl\u00e4ssigen.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Wo orten Sie gegebenenfalls Verbesserungsbedarf des internationalen Regelwerks?<b>Atteslander:<\/b> Im Bereich der Handelsregeln ist der Abschluss der Doha-Runde vordringlich. Das gr\u00f6sste Wachstumspotenzial verspricht der Abbau von Barrieren im S\u00fcd-S\u00fcd-Handel. Im Nord-S\u00fcd-Handel bestehen f\u00fcr Entwicklungsl\u00e4nder bereits heute sehr tiefe oder gar keine Z\u00f6lle beim Marktzugang zum Norden. Wachstumshemmend ist auch der verst\u00e4rkte Protektionismus. Seit zwei, drei Jahren ist eine neue Welle des Protektionismus auszumachen.<b>Braunschweig:<\/b> Ich bin nicht der Auffassung, dass die Handelsregeln ausgebaut und intensiviert werden m\u00fcssen; vielmehr gilt es diese ausgeglichener zu gestalten. Die Doha-Runde war urspr\u00fcnglich als Entwicklungsrunde geplant. Davon ist heute nichts mehr zu sehen, was sicherlich der Hauptgrund ist, dass die Runde auch nach fast neun Jahren noch nicht abgeschlossen werden konnte.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Welche Rolle spielen bei den Doha-Verhandlungen die Z\u00f6lle?<b>Atteslander:<\/b> F\u00fcr viele Entwicklungsl\u00e4nder ist der Agrarbereich das gr\u00f6sste Problem, weil aufgrund der hohen Schranken \u2013 sei es durch massive Importz\u00f6lle oder durch Exportsubventionen des Nordens \u2013 f\u00fcr sie der Weltmarkt verschlossen ist. Vorteile des Weltmarktes k\u00f6nnen, wie das Beispiel Westafrika zeigt, dann gar nicht genutzt werden. Bei den Industriez\u00f6llen profitieren die Entwicklungsl\u00e4nder vom Pr\u00e4ferenzsystem.<b>Braunschweig:<\/b> Die Industriez\u00f6lle sind einer der Gr\u00fcnde, weshalb die Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder bisher bei den DohaVerhandlungen nicht eingelenkt haben. Sie betrachten die geforderten Zollreduktionen f\u00fcr Industriel\u00e4nder einerseits und f\u00fcr die Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder andererseits als unausgewogen. Dasselbe gilt f\u00fcr die sektoriellen Abkommen, die vor allem China, Indien und Brasilien unter Druck setzen. Die Schwellenl\u00e4nder haben sich denn auch klar gegen diese Abkommen ausgesprochen.Zu den Pr\u00e4ferenzsystemen: Diese gelten nur f\u00fcr die \u00e4rmsten Entwicklungsl\u00e4nder und sind daher eher die Ausnahme als die Regel. Deshalb muss hier bei den Verhandlungen ein grundlegend neuer Ansatz gew\u00e4hlt und die Ausnahme zur Regel gemacht werden. Wenn wir schon von einer Entwicklungsrunde sprechen, m\u00fcssen die Interessen der Entwicklungsl\u00e4nder \u2212 und dazu z\u00e4hle ich auch jene der Schwellenl\u00e4nder \u2212 ins Zentrum ger\u00fcckt werden. Warum auch die Schwellenl\u00e4nder? Weil Indien weltweit am meisten Arme aufweist. \u00dcber 70% der Menschen leben dort unter der Armutsschwelle. Und in China gibt es eine steigende Ungleichheit zwischen den Habenden und den Habenichtsen. <b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Was kann und soll der Staat Schweiz allgemein tun, um international zu einer gelungenen Globalisierung beizutragen?<b>Braunschweig:<\/b> Ein klassischer Fall, bei dem die Schweiz aus einer Position der St\u00e4rke zur Solidarit\u00e4t gegen\u00fcber den \u00e4rmsten L\u00e4ndern beitragen k\u00f6nnte, ist das geistige Eigentum. Die Schweiz sollte demnach darauf verzichten, diesen L\u00e4ndern geistige Eigentumsrechte aufzudr\u00e4ngen, die f\u00fcr ihre Entwicklung nicht f\u00f6rderlich sind. Schliesslich hat die Schweiz bei ihrer Industriealisierung vom schwachen Patenschutz im eigenen Land massiv profitiert. Die Schweiz versucht heute bei bilateralen Freihandelsabkommen (FHA) auf eine sehr egoistische Weise, \u00fcber die Trips-Bestimmungen der WTO hinaus die Patente zu sch\u00fctzen, so geschehen bei den Verhandlungen im Rahmen der Efta beim FHA mit Indien, wo Norwegen \u00fcbrigens ausgestiegen ist, weil das Land aus entwicklungspolitischen Gr\u00fcnden nicht \u00fcber die explizit von der Schweiz gew\u00fcnschte St\u00e4rkung des Patentschutzes mit Indien verhandeln wollte.<b>Atteslander:<\/b> Als Denkplatz hat die Schweiz ein vitales Interesse, unsere Patente weltweit zu sch\u00fctzen, damit unsere Wirtschaft in diesen L\u00e4ndern in F &amp; E auch investieren kann. Die Schweizer Unternehmen bauen jetzt grosse Forschungszentren in Asien auf. Das ist Know-how, das vor Ort generiert wird. Es ist ein enormes Potenzial f\u00fcr die Welt, wenn der dortige Brain Power auch genutzt wird. Freihandelsvertr\u00e4ge werden partnerschaftlich ausgehandelt. Bei dieser Diskussion gilt es zudem eines zu beachten: Gegenw\u00e4rtig findet eine grosse globale Verschiebung von Brain Power statt. Indien bildet gegenw\u00e4rtig fast 700&nbsp;000 Personen im Bereich Technik\/Naturwissenschaft pro Jahr aus, China \u00fcber 500&nbsp;000 \u2212 Tendenz zunehmend. Zum Vergleich: In der EU sind es gegenw\u00e4rtig 470&nbsp;000 Menschen, die in diesem Bereich j\u00e4hrlich ausgebildet werden. Deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch in Indien und China der Bedarf an einem guten Patentschutz zentral wird. Man muss also die Dinge n\u00fcchtern betrachten.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Zu einem anderen Thema: Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien in der Globalisierungsdebatte?<b>Atteslander:<\/b> Wir hatten grosse Diskussionen in den 1960er-Jahren \u00fcber politische Aktivit\u00e4ten einzelner multinationaler Unternehmen. Eine zweite Welle von Diskussionen gab es vor etwa 15 Jahren. Die Kritik am Verhalten dieser Konzerne hat Fr\u00fcchte getragen. Viele multinationale Firmen stehen heute in einem engeren Dialog mit den lokalen und internationalen Stakeholdern als fr\u00fcher. Die Kommunikation l\u00e4uft heute auch anders: Wie in Finanzberichten ist man auch in anderen Bereichen des Wirtschaftslebens dazu \u00fcbergegangen, Wirkungen zu quantifizieren und sie proaktiv darzustellen. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen.<b>Braunschweig:<\/b> In der Tat haben multinationale Firmen grosse Fortschritte gemacht. Warum? Ich denke, dass die Fortschritte vor allem das Resultat des Druckes von zivilgesellschaftlichen Organisationen sind, beispielsweise mittels Kampagnen und Boykotten. Von zentraler Bedeutung ist dabei die verbesserte Kommunikation und Vernetzung, die dazu gef\u00fchrt hat, dass Misswirtschaft irgendwo auf der Welt sehr rasch bekannt gemacht werden kann und der Druck auf die Unternehmen dadurch schnell w\u00e4chst.<b>Atteslander:<\/b> Die Fortschritte sind meiner Meinung nach das Resultat einer neuen Wertehaltung beim Management und nicht der NGO und ihrer Politik. Die meisten internationalen Firmen, die weit weg von ihren grossen Konsumm\u00e4rkten operieren, k\u00f6nnen nicht mit Kampagnen unter Druck gesetzt werden.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Wie werten Sie in diesem Kontext selbstregulierende Massnahmen der Unternehmen, wie etwa von Corporate Social Responsability?<b>Atteslander:<\/b> Die Corporate Responsability ist elementar. Man muss jedoch differenzieren: Es gibt auf der einen Seite \u00fcbergeordnete, politisch aufgeh\u00e4ngte Richtlinien wie den Human Global Compact oder die OECD-Guidelines. Viel h\u00f6her als bei diesen ist die Dynamik bei den branchenspezifischen Initiativen. Dabei wird in der Regel nach dem Grundsatz Leading by Example vorgegangen. Am meisten wirkt es, wenn lokale Stakeholder sehen, wie ein multinationales Unternehmen in einem schwierigen Umfeld mit neuen Managementmethoden arbeitet, motivierend mit dem Personal umgeht, hochmoderne Produktionsmethoden anwendet und dabei erst noch mehr Return on Capital oder Investment erzielt. <b>Braunschweig:<\/b> Corporate Social Responsability ist sicher notwendig, aber nicht hinreichend. Wie Unternehmen noch heute operieren, haben unl\u00e4ngst die verantwortungslosen Banken rund um die Finanzkrise gezeigt. Aber auch BP ist kein Ruhmesblatt, genauso wenig wie Syngenta, die nach wie vor \u2013 und trotz besseren Wissens \u2013 hochgiftige Herbizide im S\u00fcden vertreibt. Die Liste von Skandalen multinationaler Konzerne ist beliebig fortsetzbar, trotz ihrer sch\u00f6nen Hochglanzbrosch\u00fcren in Sachen Corporate Social Responsability. Wir verlangen Corporate Accountability mit verbindlichen Regeln.<b>Atteslander:<\/b> Der Ansatz von Corporate Accountability funktioniert nicht. Schliesslich gibt es bestehende Gesetze und international g\u00fcltige Regeln, an die sich die Unternehmen zu halten haben. Aufgabe der Beh\u00f6rden ist es, die Einhaltung zu \u00fcberwachen und im Katastrophenfall, wo n\u00f6tig, zwischen den Staaten die Kompetenzen rasch zu kl\u00e4ren. Es darf nicht sein, dass bei einer sich abzeichnenden Tankerkatastrophe nationale Beh\u00f6rden Tage brauchen, um sich zu einigen, wer das Schiff an den Haken nimmt.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>K\u00f6nnten mit Ihren Regeln, Herr Braunschweig, solche Unf\u00e4lle vermieden werden?<b>Braunschweig:<\/b> Eine Garantie gibt es auch mit unseren Regeln nicht. Aber die Darstellung von Herrn Atteslander ist verharmlosend. Meistens steckt ein skrupelloses, einseitig gewinnorientiertes Verhalten der involvierten Firma dahinter. Was wir sagen, ist, dass mit einer Corporate Accountability, die verbindliche Regeln und Sanktionsmechanismen umfasst, die Firmen zu einem verantwortungsvolleren Agieren gezwungen w\u00fcrden.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Gibt es noch eine Kernbotschaft, die Sie zum Abschluss unseres Gespr\u00e4chs anf\u00fcgen m\u00f6chten?<b>Atteslander:<\/b> Ich m\u00f6chte zur Industriepolitik etwas anf\u00fcgen: In Phase 1 der Globalisierung wurde ein Gut in einem Land produziert, das dann global vermarktet wurde. Diese Phase ging vor etwa 20 Jahren in die Phase 2 \u00fcber, in der vermehrt global produziert wurde. Deshalb muss man auch vorsichtig sein mit Konzepten aus Phase 1. Das Konzept, Infant Industries abzuschirmen, bis sie fit sind f\u00fcr den Weltmarkt, geh\u00f6rt dazu. Wenn man dieses Konzept heute anwendet, riskiert man, dass das inl\u00e4ndische Preisniveau steigt, mit dem Effekt, dass die ganze Industrie oder sogar die ganze Volkswirtschaft nicht mehr wettbewerbsf\u00e4hig ist. Es gibt heute andere Konzepte, die von China und Indien erfolgreich angewendet werden. Protektionismus kostet immer Wachstum.<b>Braunschweig:<\/b> F\u00fcr mich ist es nicht zentral, wenn Protektionismus Wachstum kostet. Ein nachhaltiger Wachstumspfad der Globalisierung kann nicht jener sein, der Ressourcenverbrauch und soziale Ungleichheit massiv wachsen l\u00e4sst. Diese negativen Auswirkungen anzugehen, ist von gr\u00f6sster Dringlichkeit. Der Fokus muss ganz klar ge\u00e4ndert werden. Viel entscheidender als unhinterfragtes Wachstum ist der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wohlstand und Lebensqualit\u00e4t. Bis heute ist das Wirtschaftswachstum sehr eng an den Ressourcenverbrauch gekoppelt; von einer Abkoppelung ist nichts zu sehen. Das k\u00f6nnen wir uns in Zukunft schlichtweg nicht mehr leisten. Was wir heute brauchen, ist ein Fokus auf die Verliererinnen und Verlierer der Globalisierung, von denen es noch Hunderte von Millionen gibt.<b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Meine Herren, ich danke Ihnen f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/i><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Streitgespr\u00e4ch stehen Chancen und Risiken der wirtschaftlichen Globalisierung im Fokus. W\u00e4hrend der Vertreter der Wirtschaft, Jan Atteslander (Economiesuisse), die Fr\u00fcchte der Globalisierung \u2013 insbesondere den h\u00f6heren Wohlstand \u2212 in den Vordergrund stellt, sind es beim Vertreter der NGO, Thomas Braunschweig (Erkl\u00e4rung von Bern), die Schattenseiten, insbesondere die Verteilung des Wohlstands. 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