{"id":121136,"date":"2010-10-01T12:00:00","date_gmt":"2010-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/10\/canuto-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:33:21","modified_gmt":"2023-08-23T21:33:21","slug":"canuto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/10\/canuto\/","title":{"rendered":"Neue Zugpferde f\u00fcr die Weltwirtschaft?"},"content":{"rendered":"<p>Sind die Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder in der Lage, die Rolle einer Lokomotive der Weltwirtschaft zu \u00fcbernehmen und die Weltkonjunktur, die an Fahrt verloren hat, wieder anzukurbeln? Im folgenden Artikel wird gezeigt, dass tats\u00e4chlich Spielraum f\u00fcr einen solchen F\u00fchrungswechsel besteht. Die Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder d\u00fcrften vermehrt das Wachstum der Weltwirtschaft befl\u00fcgeln und damit den Abw\u00e4rtssog, der von der tr\u00e4gen Konjunktur in den etablierten Industriel\u00e4ndern ausgeht, bremsen. Voraussetzung daf\u00fcr ist allerdings, dass die aufstrebenden Volkswirtschaften ihre innenpolitischen Hausaufgaben erledigen und die erforderlichen Reformen umsetzen.&#13;<br \/>\nEin breiter \u00dcberblick zu diesen Politiken und Reformen ist in Canuto &amp; Giugale (2010) zu finden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Gruppe der Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder wuchs vor der aktuellen Wirtschaftskrise w\u00e4hrend mehrerer Jahre wesentlich kr\u00e4ftiger als jene der Industriel\u00e4nder. Als sich 2007 und in den ersten drei Quartalen 2008 die finanziellen und konjunkturellen Perspektiven der grossen Industriel\u00e4nder verd\u00fcsterten, war h\u00e4ufig die Rede von einer m\u00f6glichen Abkoppelung der Schwellenl\u00e4nder. Ebenso prompt wurde im letzten Quartal 2008 und Anfang 2009 von einer R\u00fcckkopplung gesprochen, als sich zeigte, dass der Beinahe-Zusammenbruch des Finanzsektors und des internationalen Handels auch in den aufstrebenden L\u00e4ndern Spuren hinterlassen hatte. In letzter Zeit haben sich die Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder insgesamt schneller erholt als die Industriel\u00e4nder. Gleichzeitig best\u00e4tigten sie die positive Wachstumspr\u00e4mie, die sich vor der Krise herausbildete (siehe <i>Grafik 1<\/i>). Entsprechend prognostiziert die Weltbank f\u00fcr die Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder ein Wachstum von 6,0% f\u00fcr 2010 und 5,9% f\u00fcr 2011, gegen\u00fcber 2,2% bzw. 2,4% f\u00fcr die L\u00e4nder mit hohem Einkommen. Derzeit steuern die Entwicklungsl\u00e4nder fast die H\u00e4lfte zum weltweiten BIP-Wachstum bei.Der aktuelle Aufschwung in den Industriel\u00e4ndern zeigt inzwischen gewisse Anzeichen von Schw\u00e4che, und die mittelfristigen Wachstumsperspektiven dieser L\u00e4nder sehen ebenfalls nicht allzu rosig aus. In diesem Umfeld stellen sich zwei Fragen: Droht den Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern im Zuge einer Wiederankopplung nochmals ein Abschwung, weil das Wachstum in den hoch entwickelten Industriel\u00e4ndern zu w\u00fcnschen \u00fcbrig l\u00e4sst? Oder sind die Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder in der Lage, selber die Rolle einer Lokomotive der Weltwirtschaft zu \u00fcbernehmen und der Verlangsamung des Zuges entgegenzuwirken?&#13;<\/p>\n<h2>Starker Gegenwind f\u00fcr die Industriel\u00e4nder<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Industriel\u00e4nder k\u00e4mpfen aufgrund der Krise mit heftigem Gegenwind. Derzeit ist noch v\u00f6llig offen, ob vom Privatsektor (Konsum und Investitionen) rechtzeitig gen\u00fcgend kr\u00e4ftige Impulse ausgehen, um von den laufenden Konjunkturpaketen in Form aggressiver geld- und fiskalpolitischer Massnahmen Abschied zu nehmen, bevor dies unumg\u00e4nglich wird. Unter der Annahme, dass die Rezessionen der Nachkriegszeit in den OECD-L\u00e4ndern als Vorlage dienen kann, wird der Wechsel von staatlichen zu privaten Impulsen nicht automatisch erfolgen. Denn Rezessionen, die mit einer Kreditverknappung, einer geplatzten Immobilienblase und einer B\u00f6rsenbaisse einhergehen, fallen normalerweise besonders tief und lang aus. Nur bei 4 von 122 OECD-Rezessionen der Nachkriegszeit lag eine Kombination aus allen drei Elementen vor. Bei der aktuellen Krise waren diese sogar in ausgepr\u00e4gter Form vorhanden.&#13;<br \/>\nVgl. Claessens, Kose &amp; Terrones (2008).Verschiedene Faktoren sprechen mittelfristig f\u00fcr einen R\u00fcckgang sowohl des effektiven als auch des potenziellen Wachstums. <i>Erstens<\/i> wird die Haushaltssanierung in den Industriel\u00e4ndern zum Thema werden, sp\u00e4testens wenn der Aufschwung wirklich Fuss gefasst haben wird. Die strukturellen Prim\u00e4rdefizite haben sich in den Industriel\u00e4ndern zwischen 2007 und 2010 um sch\u00e4tzungsweise 4 Prozentpunkte ausgeweitet. Selbst wenn die vor\u00fcbergehenden Krisenmassnahmen aufgehoben werden, d\u00fcrften die Staatsdefizite in den G20-L\u00e4ndern bis 2014 auf 118 des BIP steigen (siehe <i>Grafik 2<\/i>). Es gen\u00fcgt nicht, die Schulden auf dem Niveau zu stabilisieren, das nach der Krise erreicht wurde. Dies w\u00fcrde die M\u00f6glichkeiten der betroffenen L\u00e4nder schm\u00e4lern, k\u00fcnftige Schocks \u00fcber die Fiskalpolitik zu absorbieren. Zudem w\u00fcrden die realen Zinss\u00e4tze nach der Krise erheblich in die H\u00f6he getrieben. An gewissen restriktiven fiskalpolitischen Massnahmen, die den Privatsektor betreffen werden, f\u00fchrt deshalb kein Weg vorbei. Sie sind der Preis f\u00fcr die Konjunkturmassnahmen, mit denen die Industriel\u00e4nder in der Krise vor dem Abgrund gerettet wurden. Selbst wenn der derzeit expansive geldpolitische Kurs noch einige Zeit beibehalten wird und die kurzfristigen Zinsen dadurch niedrig bleiben, kann die Renditekurve f\u00fcr Staatsanleihen steiler werden. <i>Zweitens<\/i> ist der Prozess der Entschuldung und Anpassung der Bilanzen der US-Privathaushalte noch bei Weitem nicht abgeschlossen. Vor der Krise bildeten steigende H\u00e4userpreise einen wichtigen Pfeiler der hohen Konsumausgaben in den USA, da die Privathaushalte dadurch ihre Schulden erh\u00f6hen konnten und weniger sparen mussten (siehe <i>Grafik 3<\/i>). Die niedrigere Sparquote \u00e4usserte sich in einem zunehmenden US-Leistungsbilanzdefizit, das die Binnennachfrage und die Exportnachfrage f\u00fcr die \u00fcbrige Welt ankurbelte. Inzwischen sind die Preise f\u00fcr Immobilien und andere Verm\u00f6genswerte der privaten Haushalte eingebrochen. Die hoch verschuldeten Haushalte d\u00fcrften in n\u00e4chster Zeit deshalb kaum in einen neuerlichen Kaufrausch verfallen. Die Bilanzen der Haushalte wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wird sich wohl als langwieriger Prozess erweisen. <i>Drittens<\/i> wird eine R\u00fcckkehr auf einen steilen Wachstumspfad dadurch behindert, dass im aktuellen Aufschwung in vielen L\u00e4ndern mit hohem Einkommen kaum neue Arbeitspl\u00e4tze entstehen. Der Grund daf\u00fcr liegt einerseits darin, dass die Krise mit Schocks einherging, die nur langsam aufgefangen werden k\u00f6nnen \u2013 eine Finanzkrise in Kombination mit erodierenden Immobilienpreisen und einer sektoriell gegenl\u00e4ufigen Entwicklung der Stellenzahlen \u2013, und dass die weiterhin ungewissen Wirtschaftsaussichten das Stellenwachstum d\u00e4mpfen werden.&#13;<br \/>\nVgl. IMF (2010): Kap. 3.<i>Viertens<\/i> deuten s\u00e4mtliche aktuellen Vorschl\u00e4ge zur Neuregulierung des Finanzsektors darauf hin, dass die Kosten f\u00fcr die Finanzintermediation steigen werden. Schliesslich besteht das Hauptziel darin, den masslosen \u00abendogenen Liquidit\u00e4tsfabriken\u00bb Grenzen zu setzen und eine exzessive Verschuldung zu verhindern, die im Vorfeld der Wirtschaftskrise zu grossfl\u00e4chigen Blasen f\u00fchrte.&#13;<\/p>\n<h2>Chancen und Risiken eines F\u00fchrungswechsels<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDass das Wachstum der Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder j\u00fcngst wieder nach oben zeigt, ist nicht allein der Dynamik in den beiden gr\u00f6ssten Schwellenl\u00e4ndern China und Indien zu verdanken. <i>Grafik 4<\/i> zeigt die H\u00e4ufigkeitsverteilung f\u00fcr die Wachstumsraten der einzelnen L\u00e4nder im Jahr 2009, am vermutlich tiefsten Punkt der Krise. Die Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern erzielten demnach ein wesentlich h\u00f6heres Medianwachstum (2,13%) als die Industriel\u00e4nder (\u20133,72%). Von den Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder erreichte ein deutlich gr\u00f6sserer Teil ein positives Wachstum als von den L\u00e4ndern mit hohem Einkommen.Die meisten Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder, die im rechten Spektrum der Verteilung liegen, profitierten in den vergangenen Jahrzehnten von einer besseren Politik in gesamtwirtschaftlichen, strukturellen und anderen Belangen. Ihnen blieb gen\u00fcgend Spielraum f\u00fcr antizyklische Massnahmen fiskal-, geld- und finanzpolitischer Art. Zus\u00e4tzlich konnten sie ihre W\u00e4hrungsreserven und die Wechselkursanpassungen als Instrumente zur Bew\u00e4ltigung des Schocks einsetzen. Auf der linken Seite der Verteilung befinden sich L\u00e4nder mit einer Kombination aus einer Finanzierung \u00fcber Risikokredit-Blasen in Industriel\u00e4ndern und einer fragilen einheimischen Wachstumsbasis \u2013 etwa gewisse osteurop\u00e4ische und zentralasiatische L\u00e4nder. Die Leistung der Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder vor und w\u00e4hrend der Krise kann allgemein als gut eingesch\u00e4tzt werden, und dies reflektiert zu einem grossen Teil die qualitative Verbesserung der Wirtschaftspolitiken \u00fcber die letzten rund zehn Jahre.Die Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder als Gruppe haben heute noch nicht das n\u00f6tige Gewicht, um die Weltwirtschaft vor dem Szenario einer Wachstumsschw\u00e4che in den Industriel\u00e4ndern zu retten. Ein Gr\u00f6ssenvergleich zeigt, dass die G7-L\u00e4nder zu Marktpreisen noch immer 60% des globalen BIP erwirtschaften, die vielversprechendsten neuen Wachstumspole (China, Indien und Brasilien) hingegen wohl h\u00f6chstens 30%. L\u00e4ngerfristig d\u00fcrften jedoch die beiden L\u00e4ndergruppen ihren Platz in Bezug auf die absolute Gr\u00f6sse tauschen, da sich die seit 2000 beobachtete positive Wachstumspr\u00e4mie der Entwicklungsl\u00e4nder k\u00fcnftig wohl best\u00e4tigen wird. Falls es den Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern gelingt, unabh\u00e4ngige Quellen \u2013 d.h. solche, die nicht direkt vom Wachstum in den Industriel\u00e4ndern abh\u00e4ngen \u2013 f\u00fcr das Trendwachstum zu erschliessen, k\u00f6nnten sie nicht nur eine Wiederankoppelung mit negativen Folgen vermeiden, sondern sogar eine F\u00fchrungsrolle als globale Wachstumslokomotiven \u00fcbernehmen und mit ihrem H\u00f6henflug auch die Industriel\u00e4nder befl\u00fcgeln.&#13;<\/p>\n<h2>Quellen f\u00fcr unabh\u00e4ngiges Wachstum der Entwicklungsl\u00e4nder<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie gute Nachricht ist die, dass m\u00f6gliche Quellen f\u00fcr ein unabh\u00e4ngiges Wachstum in den Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder existieren. Ob diese wirklich erschlossen werden k\u00f6nnen, h\u00e4ngt von ihrer F\u00e4higkeit ab, die dazu notwendige Politik umzusetzen.Eine erste potenzielle Quelle f\u00fcr unabh\u00e4ngiges Wachstum ergibt sich aus der <i>guten Verfassung und der Nachhaltigkeit der Bilanzen vieler Schwellenl\u00e4nder<\/i>, welche die schnelle Erholung dieser L\u00e4nder widerspiegeln (illustriert anhand des \u00f6ffentlichen Sektors in <i>Grafik 2<\/i>). F\u00fcr die Zukunft besteht in den Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern grunds\u00e4tzlich ein breites Spektrum an M\u00f6glichkeiten f\u00fcr <i>Greenfield-Investitionen<\/i>,welche von einer h\u00f6heren \u00f6ffentlichen und privaten Verschuldung profitieren k\u00f6nnten. Ein typisches Beispiel ist die Infrastruktur. Aufgrund des relativen Infrastrukturmangels sind die sozialen Grenzertr\u00e4ge, gemessen als totale Faktorproduktivit\u00e4t, bei Projekten zur Beseitigung der Infrastrukturengp\u00e4sse tendenziell sehr hoch. Wenn die Projekte durchdacht sind, kann die teilweise monet\u00e4re Absch\u00f6pfung dieser Renditen sowohl durch \u00f6ffentliche als auch durch private Akteure durchaus zum Vehikel f\u00fcr Wertsch\u00f6pfung und Verm\u00f6gensbildung werden.Unabdingbar sind allerdings Managementkapazit\u00e4ten und Gouvernanzmechanismen im \u00f6ffentlichen Sektor, die gew\u00e4hrleisten, dass die Auswahl und Ausgestaltung der Projekte auf sinnvollen Kriterien beruhen und dass die Renditen nicht zweckentfremdet werden. Zudem sollte die Euphorie \u00fcber die j\u00fcngsten wirtschaftlichen Erfolge nicht dazu verleiten, bei der Gratwanderung der zunehmenden Verschuldung zu viel Sorglosigkeit an den Tag zu legen. Ein weiterer Stolperstein besteht darin, dass das private Kapital, das derzeit reichlich in Richtung Schwellenl\u00e4nder fliesst, zur Bildung von Blasen im Verm\u00f6gensmarkt f\u00fchren kann und nicht dem Aufbau von Greenfield-Investitionen dient. Dem l\u00e4sst sich nur mit einer entsprechenden Aufsicht und Regulierung des Finanzsektors entgegenwirken.Eine zweite potenzielle Quelle f\u00fcr unabh\u00e4ngiges Wachstum geht vom <i>technologischen Fortschritt<\/i> aus. Die Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder sehen sich einem technologischen Nachholbedarf gegen\u00fcber, der proportional ist zum Wissensvorsprung, den die Industriel\u00e4nder bei den meisten wirtschaftlichen T\u00e4tigkeiten besitzen. Das brachliegende Potenzial von Nachz\u00fcglern bietet vielf\u00e4ltige Chancen f\u00fcr lokale Produktivit\u00e4tssteigerungen durch Technologietransfer und -anpassungen. Die globalen Entwicklungen der letzten Jahre haben den Technologietransfer erleichtert. Schl\u00fcsselfaktoren waren dabei der intensivere internationale Handel mit Waren und Dienstleistungen, ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen, Lizenzen f\u00fcr geistiges Eigentum und Technologien, h\u00f6here Kapazit\u00e4ten bei der Datenspeicherung und -\u00fcbertragung sowie g\u00fcnstigere und weiter verbreitete Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT).&#13;<br \/>\nVgl. Canuto, Dutz &amp; Reis (2010).Aber auch hier sind politische Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen. Defizite bei erg\u00e4nzenden Faktoren wie Infrastruktur, Kapitalzugang und gut ausgebildeten Arbeitskr\u00e4ften m\u00fcssen schrittweise abgebaut werden. Ausserdem sind institutionelle Faktoren, die dem \u00abInvestitionsklima\u00bb und damit tendenziell auch den Technologieinvestitionen schaden, zu ber\u00fccksichtigen.Als dritte Quelle ist die <i>Nachfrage<\/i> \u2013 d.h. Konsum und Investitionen von Staat und Privatsektor \u2013 zu nennen. Falls diese innerhalb der Gruppe der Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder im Verh\u00e4ltnis zum Produktionspotenzial zunimmt und Barrieren im S\u00fcd-S\u00fcd-Handel verschwinden, k\u00f6nnten eine Reihe weiterer L\u00e4nder einen erfolgreichen Strukturwandel einleiten und ein exportgetriebenes Wachstum erreichen. Die Zeit scheint gekommen zu sein, dass Produktionssteigerungen und Konsumwachstum innerhalb der Gruppe der Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder vermehrt in Einklang miteinander gebracht werden, wobei jetzt auch kleinere Entwicklungsl\u00e4nder durch S\u00fcd-S\u00fcd-Handel profitieren k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>Der Prozess des Strukturwandels<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas spektakul\u00e4re Wachstum mehrerer asiatischer Volkswirtschaften \u2013 insbesondere Chinas \u2013, aber auch jenes w\u00e4hrend fr\u00fcherer langer Wachstumsperioden in Lateinamerika hat f\u00fcr grosses Aufsehen gesorgt. Dabei gilt es zu bedenken, dass solche Prozesse \u2013 zumindest am Anfang \u2013 weitgehend als Strukturwandel zu verstehen sind: Grosse Kontingente schlecht qualifizierter Arbeitskr\u00e4fte aus stagnierenden Wirtschaftszweigen mit geringer Produktivit\u00e4t \u2013 z.B. Selbstversorgung in l\u00e4ndlichen Gebieten \u2013 wechseln in andere Sektoren, deren Produkte auf dem Weltmarkt wesentlich teurer verkauft werden k\u00f6nnen und die ein grosses Potenzial f\u00fcr Produktivit\u00e4tssteigerungen aufweisen. Dieser Schritt erfolgt h\u00e4ufig, ohne dass die Anforderungen an die Arbeitskr\u00e4fte wesentlich steigen.Durch den wachsenden internationalen Handel und die bereits erw\u00e4hnten technologischen Fortschritte sind solche strukturellen Anpassungen einfacher geworden. Im Bereich der Technologietrends f\u00f6rdern vor allem die Standardisierung, Modularisierung und Kodifizierung von Technologien die Devertikalisierung und Offshore-Produktion, insbesondere in der Elektronik- und Automobilbranche sowie in gewissen Dienstleistungssparten.&#13;<br \/>\nVgl. Yusuf (2009); Ghani &amp; Kharas (2010). Die Fragmentierung von Produktion und Handel in einzelne Aufgaben und die r\u00fcckl\u00e4ufigen Transport- und Kommunikationskosten haben ebenfalls dazu beigetragen, dass die H\u00fcrden f\u00fcr strukturelle Ver\u00e4nderungen nicht mehr so hoch sind. Ein grosser lokaler Markt ist nicht mehr zwingend Voraussetzung f\u00fcr Skalen- und Verbundeffekte, w\u00e4hrend ein Lern- und Koordinationsbedarf durch eine Beteiligung an grenz\u00fcberschreitenden Produktionsnetzwerken gedeckt werden kann. Weiterhin unabdingbar sind gewisse institutionelle Voraussetzungen. Programme f\u00fcr Investitionen in Infrastruktur, Humankapital, Armutsreduktion und soziale Eingliederung in Entwicklungsl\u00e4ndern w\u00fcrden den Konsum und die Investitionen vor Ort stimulieren und positive R\u00fcckkopplungsschlaufen erzeugen. Wirksamere soziale Auffangnetze und eine aktivere Armutsreduktion in den Entwicklungsl\u00e4ndern k\u00f6nnten deshalb zu einem nachhaltigen globalen Wachstum beitragen.Schliesslich d\u00fcrften ressourcenreiche Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder davon profitieren, dass die relative Nachfrage nach Rohstoffen mittelfristig hoch bleiben sollte. Daf\u00fcr spricht, dass das Weltwirtschaftswachstum nach der Krise st\u00e4rker von den Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern abh\u00e4ngt, deren Nachfrage besonders rohstoffintensiv ist. Auch hier gilt, dass der Reichtum an nat\u00fcrlichen Ressourcen f\u00fcr diese L\u00e4nder ein Segen sein kann \u2013 vorausgesetzt, geeignete Mechanismen in den Bereichen Governance und Finanzverwaltung verhindern, dass die Haltung einer Renten\u00f6konomie dominiert.&#13;<br \/>\nVgl. Brahmbhatt &amp; Canuto (2010); Brahmbhatt, Canuto &amp; Vostroknutova (2010).&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAus der Vogelperspektive, die wir hier eingenommen haben, scheint ein F\u00fchrungswechsel m\u00f6glich. Die Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder k\u00f6nnten die Rolle der globalen Zugpferde \u00fcbernehmen und das weltweite Wachstum antreiben, m\u00fcssen dabei aber den Kr\u00e4ften einer negativen Wiederankopplung ans langsamere Tempo in den Industriel\u00e4ndern entgegenwirken. Ob sie diese Chance wirklich nutzen, wird davon abh\u00e4ngen, welche nationalen Politiken sie verfolgen und welche Reformen sie umsetzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abWeltweites Wirtschaftswachstum, 1961\u20132012\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abAllgemeine Bruttostaatsverschuldung, 2000\u20132015\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3: \u00abUSA: Private Sparquote und Leistungsbilanz (in&nbsp;% des BIP), 1960\u20132009\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 4: \u00abH\u00e4ufigkeitsverteilung f\u00fcr das BIP-Wachstum 2009 von Industrie- und Entwicklungsl\u00e4ndern\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Literatur&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Brahmbhatt, M., &amp; Canuto, O. (2010). Natural Resources and Development Strategy after the Crisis. Economic Premise Nr. 1, Februar <i>(<a href=\"http:\/\/www.worldbank.org\/\">http:\/\/www.worldbank.org\/<\/a> economicpremise)<\/i>.\u2013 Brahmbhatt, M.; Canuto, O., &amp; Vostroknutova, E. (2010). Dealing With Dutch Disease. Economic Premise Nr. 16, Mai <i>(<a href=\"http:\/\/www.worldbank.org\/economicpremise\">http:\/\/www.worldbank.org\/economicpremise<\/a>)<\/i>.\u2013 Canuto, O. &amp; Giugale, M., (2010). The Day After Tomorrow: A Handbook on the Future of Economic Policies in the Developing World, Washington: World Bank.\u2013 Canuto, O.; Dutz, M., &amp; Reis, J.G. (2010). Technological Learning and Innovation: Climbing A Tall Ladder, Economic Premise Nr. 21, Juli <i>(<a href=\"http:\/\/www.worldbank.org\/\">http:\/\/www.worldbank.org\/<\/a> economicpremise)<\/i>. \u2013 Claessens, S.; Kose, M.A., &amp; Terrones, M. (2008). What Happens During Recessions, Crunches and Busts?, IMF Working Paper 08\/274, Dezember.\u2013 Ghani, E., &amp; Kharas, H. (2010). The Service Revolution, Economic Premise Nr. 14, Mai <i>(<a href=\"http:\/\/www.worldbank.org\/economicpremise\">http:\/\/www.worldbank.org\/economicpremise<\/a>)<\/i>. \u2013 IMF (2009). World Economic Outlook, Oktober.\u2013 IMF (2010). World Economic Outlook, April.\u2013 Yusuf, S. (2010). The Past and Future of Export-Led Growth, <i>(<a href=\"http:\/\/blogs.worldbank.org\/growth\">http:\/\/blogs.worldbank.org\/growth<\/a>)<\/i>, 24. Februar.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sind die Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder in der Lage, die Rolle einer Lokomotive der Weltwirtschaft zu \u00fcbernehmen und die Weltkonjunktur, die an Fahrt verloren hat, wieder anzukurbeln? Im folgenden Artikel wird gezeigt, dass tats\u00e4chlich Spielraum f\u00fcr einen solchen F\u00fchrungswechsel besteht. Die Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder d\u00fcrften vermehrt das Wachstum der Weltwirtschaft befl\u00fcgeln und damit den Abw\u00e4rtssog, der [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3502,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[97],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":3502,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Vizepr\u00e4sident und Leiter Netzwerk, Armutsreduktion und Wirtschaftsmanagement (PREM), Weltbank","seco_author_post_occupation_fr":"Vice-pr\u00e9sident du R\u00e9seau de la r\u00e9duction de la pauvret\u00e9 et de la gestion \u00e9conomique (PREM), Banque mondiale","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"","post_lead":"","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":121139,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"8473","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/559e1e9b580f3"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121136"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=121136"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":127688,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121136\/revisions\/127688"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=121136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=121136"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=121136"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=121136"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=121136"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=121136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}