{"id":121141,"date":"2010-10-01T12:00:00","date_gmt":"2010-10-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/10\/dreher-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:33:29","modified_gmt":"2023-08-23T21:33:29","slug":"dreher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/10\/dreher\/","title":{"rendered":"Ist Globalisierung messbar?"},"content":{"rendered":"<p>Wachsen globalisierte Volkswirtschaften schneller? Schw\u00e4cht die Globalisierung die Gewerkschaften? F\u00fchrt sie zu mehr Ungleichheit? Um diese und andere wirtschaftspolitisch relevanten Fragen wissenschaftlich fundiert beantworten zu k\u00f6nnen, muss die Globalisierung gemessen werden. Sie ist weit mehr als nur die wirtschaftliche Verflechtung der L\u00e4nder, sondern umfasst auch eine politische, kulturelle und soziale Komponente. Gem\u00e4ss Auswertungen anhand des KOF-Globalisierungsindexes f\u00fchrt Globalisierung einerseits zu mehr Wirtschaftswachstum, verst\u00e4rkt aber gleichzeitig auch die Ungleichheit der Einkommensverteilung. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201010_05_Dreher_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"250\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVereinfacht bezeichnet Globalisierung den weltweiten Austausch von Menschen, Informationen, Ideen, Kapital und Waren. Sie geht damit weit \u00fcber die wirtschaftliche Globalisierung hinaus, mit welcher der Begriff h\u00e4ufig gleichgesetzt wird. Globalisierung ist ein Prozess, der die Landesgrenzen aush\u00f6hlt und Volkswirtschaften, Kulturen, Technologien und Gesetzgebung \u00fcber Grenzen hinweg angleicht und integriert. Die Globalisierung produziert ein komplexes Geflecht von gegenseitigen transnationalen Abh\u00e4ngigkeiten. Ihre Auswirkungen sind Ursache vieler Kontroversen und werden von verschiedenen Akteuren h\u00f6chst unterschiedlich bewertet. In den Augen der meisten \u00d6konomen erscheint ihr Nettoeffekt positiv, denn die Verlierer k\u00f6nnten aus den Gewinnen kompensiert werden. Die Quantifizierung der Globalisierung und ihrer einzelnen Dimensionen kann helfen, die Ursachen und Folgen der Globalisierung besser zu verstehen, den Prozess differenziert zu evaluieren und somit auch die Gewinner und Verlierer besser zu identifizieren.Die Globalisierung ist kein neues Ph\u00e4nomen. Als erste Welle der Globalisierung wird die Zeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1914 bezeichnet, in der es zu einer starken Ausweitung des internationalen G\u00fcterhandels sowie von Kapitalexporten und Migrationsstr\u00f6men kam. Diese Periode wurde mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendet und von einer Phase des Protektionismus und Nationalismus abgel\u00f6st, welche in die Weltwirtschaftskrise m\u00fcndete. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine zweite Welle der Globalisierung, in der die internationale Verflechtung wieder zunahm. Der schrittweise Abbau von Handelsschranken f\u00fchrte zu einer massiven Ausweitung des G\u00fcterhandels. Hingegen blieb der Anstieg der Migrationsstr\u00f6me im Vergleich zur ersten Welle eher gering. Die Phase seit den 1980er-Jahren wird h\u00e4ufig als dritte Welle der Globalisierung bezeichnet, in der die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien viele Dienstleistungen handelbar gemacht haben und sich selbst ein Offshoring einzelner Aufgaben im Produktionsprozess herausgebildet hat.&#13;<\/p>\n<h2>Globalisierung messen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Globalisierung ist ein viel diskutiertes und schwer fassbares Ph\u00e4nomen. Man muss sie messbar machen, um ihre Ursachen und Konsequenzen genauer untersuchen zu k\u00f6nnen. \u00dcber das akademische Interesse hinausgehend, kann die Quantifizierung der Globalisierung helfen, wirtschaftspolitische Entscheidungen zu treffen und das Investitionsklima und die Wachstumspotenziale in L\u00e4nderanalysen zu untersuchen. Lange Zeit hat man sich bei der Messung der Globalisierung auf die Analyse von Einzelindikatoren beschr\u00e4nkt. Ein weitverbreiteter Indikator f\u00fcr die Globalisierung war und ist die Handelsoffenheit gemessen als Summe aus Exporten und Importen eines Landes in Relation zum Bruttoinlandprodukt (BIP). Jedoch k\u00f6nnen strukturelle Faktoren der einzelnen L\u00e4nder ein verzerrtes Bild des Globalisierungsgrades zeichnen. So haben kleinere L\u00e4nder in der Regel eine gr\u00f6ssere Handelsoffenheit als gr\u00f6ssere L\u00e4nder und grosse Umschlagpl\u00e4tze f\u00fcr Waren wie Singapur, Hongkong oder Panama kommen auf Offenheitswerte von \u00fcber 100%. Analog zur Handelsoffenheit wird der Bestand an ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen in Relation zum BIP oft als Mass f\u00fcr Globalisierung interpretiert.&#13;<br \/>\nEinen guten \u00dcberblick \u00fcber Einzelindikatoren zur Messung von Globalisierung bietet die OECD (2005).Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Z\u00fcrich (KOF) misst viele dieser Dimensionen auf einer Skala von 1 bis 100, wobei h\u00f6here Werte eine st\u00e4rkere Globalisierung bedeuten. Einige dieser Indizes \u2013 die Entwicklung der Handelsoffenheit, der ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen in Relation zum BIP und des Anteils der Ausl\u00e4nder an der Bev\u00f6lkerung \u2013 werden in <i>Grafik 1<\/i> dargestellt. W\u00e4hrend die Auslandsinvestitionen einen kontinuierlichen Aufw\u00e4rtstrend \u00fcber den gesamten Beobachtungszeitraum zeigen, ist der Aussenhandel starken Schwankungen unterworfen. Auch wenn in der Entwicklung der Handelsoffenheit die Zeiten globaler Rezession gut zu erkennen sind, l\u00e4sst sich seit den 1990er-Jahren eine rapide Zunahme der Handelsstr\u00f6me feststellen. Der Indikator f\u00fcr Migration \u2013 der Anteil der Ausl\u00e4nder an der Bev\u00f6lkerung \u2013 hat zwischen Mitte der 1970er- und Anfang der 1990er-Jahre zugenommen. Seitdem ist eine leicht fallende Tendenz zu beobachten.Aber nicht nur tats\u00e4chliche Bewegungen von Waren, Dienstleistungen und Kapital, sondern auch Barrieren f\u00fcr deren Austausch sind gebr\u00e4uchliche Indikatoren f\u00fcr die Globalisierung. Beispiele sind Z\u00f6lle, nichttarif\u00e4re Handelshemmnisse und Kapitalrestriktionen. Die Entwicklung der Z\u00f6lle wird ebenfalls in <i>Grafik 1<\/i> dargestellt, wobei h\u00f6here Werte auf der Skala von 1 bis 100 f\u00fcr geringere Handelsbarrieren stehen. Der Verlauf zeigt eine kontinuierliche Zunahme des Index bis zum Jahr 2005.Einzelindikatoren k\u00f6nnen ein komplexes Ph\u00e4nomen wie die Globalisierung nur unzureichend abbilden. Hinzu kommt der Einfluss der politischen und gesellschaftlichen Integration, der bei einer Reduktion auf die wirtschaftliche Komponente m\u00f6glicherweise vernachl\u00e4ssigt wird. Globalisierungsindizes stellen eine geeignete Alternative zu der Analyse von Einzelindikatoren dar. Auf deren Basis kann empirisch getestet werden, ob und inwieweit die Globalisierung insgesamt die nationale Wirtschaftspolitik beeinflusst und wie sich dieser Einfluss in wirtschaftliche, soziale und politische Faktoren zerlegen l\u00e4sst. Hierf\u00fcr muss ein Index transparent und sowohl \u00fcber die Zeit wie auch von Land zu Land vergleichbar sein.&#13;<\/p>\n<h2>Der KOF-Globalisierungsindex<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer KOF-Globalisierungsindex beruht in wesentlichen Teilen auf dem A. T. Kearney-Index (vgl. <i>Kasten 1<\/i>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer A. T. Kearney-Index wurde im Jahr 2000 entwickelt und wurde bis 2007 regelm\u00e4ssig aktualisiert. Seitdem wird er nicht mehr berechnet. Der Index hat vier Kategorien: wirtschaftliche Integration, soziale Integration, technologische Vernetzung und globales politisches Engagement. Trotz der Ber\u00fccksichtigung dieser Dimensionen ist der Index f\u00fcr wissenschaftliche Zwecke kaum zu gebrauchen. Er bezieht sich auf eine recht begrenzte Zahl von 72 L\u00e4ndern und wurde nur f\u00fcr einige wenige Jahre berechnet. Ausserdem fehlen wichtige Komponenten der Globalisierung. Eine weitere Schw\u00e4che des Index ist, dass die verwendete Ad-hoc-Gewichtung der Einzelkomponenten die wirtschaftliche Dimension der Globalisierung beg\u00fcnstigt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n), erweitert diesen jedoch deutlich und macht ihn f\u00fcr wissenschaftliche Zwecke nutzbar. Er ist der am h\u00e4ufigsten in wissenschaftlichen Studien verwendete Globalisierungsindex. Im Vergleich zum A. T. Kearney-Index ist der KOF-Globalisierungsindex f\u00fcr einen wesentlich l\u00e4ngeren Zeitraum (1970\u20132007) und f\u00fcr mehr L\u00e4nder verf\u00fcgbar (181). Er misst die wirtschaftliche, soziale und politische Dimension der Globalisierung und setzt sich aus 24 Variablen zusammen.Der KOF-Index misst die Globalisierung auf einer Skala von 1\u2013100, wobei die Auspr\u00e4gungen der zugrunde liegenden Variablen in Perzentile eingeteilt werden. Dadurch wird der Einfluss von extremen Datenpunkten reduziert, was zu geringeren Schwankungen \u00fcber die Zeit f\u00fchrt. <i>Kasten 2<\/i>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer KOF-Globalisierungsindex misst die wirtschaftliche, soziale und politische Dimension der Globalisierung. Alle Variablen werden so definiert, dass h\u00f6here Werte f\u00fcr eine st\u00e4rkere Globalisierung stehen. Ausserdem wird jede der Variablen, die in den Index einfliesst, zu einem Index auf einer Skala von 1 bis 100 transformiert, wobei 100 der H\u00f6chstwert der jeweiligen Variable im gesamten Zeitraum von 1970 bis 2007 ist und 1 der niedrigste Wert. Die Variablen werden nach den Perzentilen der Originalverteilung transformiert, um den Einfluss von Ausreissern und fehlenden Beobachtungen zu reduzieren. Die Gewichte werden hierbei so bestimmt, dass die Variation der resultierenden Hauptkomponenten maximiert wird. Alle Variablen werden vorher linear interpoliert und fehlende Werte an den R\u00e4ndern werden fortgeschrieben. Werte f\u00fcr den Index werden nicht ausgegeben, wenn 40% der zugrunde liegenden Daten nicht verf\u00fcgbar sind oder mindestens zwei der drei Subindizes nicht berechnet werden k\u00f6nnen. Der Index ist frei im Internet verf\u00fcgbar unter <a href=\"http:\/\/www.kof.ethz.ch\/globalisation\">http:\/\/www.kof.ethz.ch\/globalisation<\/a>.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nerl\u00e4utert die Methodik, die der Konstruktion des Index zugrunde liegt. Der Index wurde erstmals 2002 ver\u00f6ffentlicht und wird seit 2005 j\u00e4hrlich von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Z\u00fcrich aktualisiert. Die aktuell verf\u00fcgbare Ausgabe ist von 2010. Aufgrund der Datenverf\u00fcgbarkeit liegen die Datenreihen jedoch nur bis 2007 vor.Die wirtschaftliche Dimension des KOF-Index misst zum einen tats\u00e4chliche Handels- und Investitionsstr\u00f6me; zum anderen wird gemessen, inwieweit sich L\u00e4nder durch Handelsschranken und Kapitalverkehrskontrollen nach aussen abschirmen. Die soziale Dimension der Globalisierung widerspiegelt den Grad der Verbreitung von Informationen und Ideen und wird mit Variablen wie dem Anteil der ausl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung an der Gesamtbev\u00f6lkerung oder der Zahl der Internetnutzer gemessen. Die politische Dimension zielt auf die St\u00e4rke der politischen Zusammenarbeit zwischen den L\u00e4ndern ab und umfasst z.B. die Anzahl der Botschaften in einem Land oder die Mitgliedschaft in internationalen Organisationen.<i>Grafik 2<\/i> zeigt die Entwicklung der weltweiten Globalisierung \u00fcber die Zeit, gemessen am Durchschnitt der L\u00e4nderindizes: Bez\u00fcglich jeder der drei Dimensionen ist die Globalisierung seit den 1970er-Jahren weltweit angestiegen. Einen Schub erlebte sie vor allem nach Ende des Kalten Krieges. Es zeigt sich, dass die soziale Globalisierung seit 2001 im weltweiten Durchschnitt stagniert, w\u00e4hrend sich die wirtschaftliche und politische Integration weiter fortgesetzt haben. Die politische Globalisierung war in den 1980er-Jahren sogar leicht r\u00fcckl\u00e4ufig, hat jedoch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder an Fahrt gewonnen. <i>Tabelle 1<\/i> gibt einen \u00dcberblick \u00fcber die Entwicklung des Globalisierungsgrades ausgew\u00e4hlter L\u00e4nder. Betrachtet man die aktuell verf\u00fcgbaren Daten, ist Belgien mit einem Wert von fast 93 das am st\u00e4rksten globalisierte Land der Welt, was vor allem der starken wirtschaftlichen und politischen Globalisierung des Landes geschuldet ist. Auf den Pl\u00e4tzen 2 und 3 folgen \u00d6sterreich (92,5) und die Niederlande (91,9). Die Schweiz liegt mit 90,6 auf Position 4. Myanmar (20,7) ist hinter Kiribati (25,5) und den Solomon-Inseln (26,4) das am wenigsten globalisierte Land der Welt. Bei der wirtschaftlichen Globalisierung liegen Singapur, Irland und Luxemburg an der Spitze der Rangliste \u2013 allesamt kleinere offene Volkswirtschaften. Die geringste wirtschaftliche Globalisierung weisen Iran, Niger und Ruanda neben anderen afrikanischen Staaten wie Burundi und \u00c4thiopien auf. Die Rangliste der sozialen Globalisierung f\u00fchren die Schweiz, \u00d6sterreich und Kanada an. Auf den letzten R\u00e4ngen liegen Myanmar, die Demokratische Republik Kongo und Niger. Bei der politischen Globalisierung steht Frankreich an der Spitze, vor Italien und Belgien, w\u00e4hrend Territorien, Mikrostaaten oder Inseln wie die Insel Man, die Kanalinseln und Mayotte die Schlusslichter bilden.<i>Grafik 3<\/i>zeigt, wie sich die Globalisierung in den verschiedenen Einkommensgruppen entwickelt hat. Sie hat seit 1970 in allen Gruppen stark zugenommen, auch wenn sich der Globalisierungsgrad stark zwischen den L\u00e4ndergruppen unterscheidet. OECD-L\u00e4nder sind am st\u00e4rksten globalisiert, und es zeigt sich, dass der durchschnittliche Globalisierungsgrad mit sinkendem Einkommen abnimmt. W\u00e4hrend die Globalisierung bis in die 1990er-Jahre in den L\u00e4ndern mit mittlerem und niedrigem Einkommen nur leicht zunahm, hat sie seitdem sp\u00fcrbar an Fahrt gewonnen. Allerdings sind die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise auf den Globalisierungsgrad der L\u00e4nder unklar, da die Daten f\u00fcr 2008 und 2009 noch nicht vorliegen.&#13;<\/p>\n<h2>Auswirkungen der Globalisierung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWas bedeutet es, globalisiert zu sein? F\u00fchrt h\u00f6here Globalisierung zu besseren volkswirtschaftlichen Ergebnissen? Ob und inwieweit die vorderen R\u00e4nge auf der KOF-Globalisierungsskala den hinteren vorzuziehen sind, bleibt a priori offen. Globalisierung wird oft mit steigender Armut und noch h\u00e4ufiger mit der Erosion von Sozialstandards in Verbindung gebracht. Durch die Anwendung des KOF-Globalisierungsindex ist es m\u00f6glich, die Folgen der Globalisierung empirisch zu untersuchen und einen Beitrag zu der kontroversen Debatte dar\u00fcber zu liefern. Eine Vielzahl von Studien hat die Auswirkungen von Globalisierung untersucht. Globalisierung kann demnach nicht pauschal als gut oder schlecht bezeichnet werden.&#13;<br \/>\nVgl. Dreher, Gaston, Martens (2008). Eine Beurteilung ist stets abh\u00e4ngig von dem Untersuchungsgegenstand, der betrachteten L\u00e4ndergruppe und Zeitperiode sowie den zugrundeliegenden Wertvorstellungen.Die Ergebnisse der mit dem KOF-Index durchgef\u00fchrten Studien zeigen jedoch, dass der negative Einfluss der Globalisierung \u00fcbersch\u00e4tzt wird. Eine empirische Untersuchung \u00fcber die Globalisierung in den OECD-L\u00e4ndern zeigt, dass die Steuern auf Kapital in Folge der Globalisierung nicht \u2013 wie oftmals behauptet \u2013 gesunken, sondern vielmehr gestiegen sind. Man findet also keinen empirischen Beleg daf\u00fcr, dass die Globalisierung zu einer Abw\u00e4rtsspirale <i>(Race to the Bottom)<\/i> in der Fiskalpolitik gef\u00fchrt hat. Betrachtet man die Zusammensetzung der nationalen Haushalte, so findet man Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Hypothese, dass die Sozialausgaben angestiegen sind, um die Verlierer der Globalisierung zu entsch\u00e4digen. L\u00e4nder mit einer st\u00e4rkeren politischen Globalisierung haben h\u00f6here Sozialausgaben. Somit scheint sich die Globalisierung auf die Fiskalpolitik auszuwirken, auch wenn kein Effekt auf die Gesamth\u00f6he des Budgets zu beobachten ist. Eine weitere Studie zeigt, dass die Globalisierung das Wirtschaftswachstum signifikant erh\u00f6ht. Dieser Effekt geht im Wesentlichen auf die wirtschaftliche Globalisierung zur\u00fcck. Soziale Globalisierung wirkt sich schw\u00e4cher aus; ein Einfluss der politischen Globalisierung kann \u00fcberhaupt nicht nachgewiesen werden.Weniger positiv sind jedoch die empirischen Ergebnisse hinsichtlich des Einflusses der Globalisierung auf die Ungleichheit der Einkommen. W\u00e4hrend die theoretischen Vorhersagen nicht eindeutig sind, haben Untersuchungen mit dem KOF-Globalisierungsindex gezeigt, dass die Globalisierung die Schere zwischen Arm und Reich vergr\u00f6ssert hat. Empirische Untersuchungen best\u00e4tigen auch die Hypothese, dass die Globalisierung zu einem Mitgliederschwund bei den Gewerkschaften in den OECD-L\u00e4ndern gef\u00fchrt und diese so geschw\u00e4cht hat. Dieser Effekt ist besonders auf die wirtschaftliche und soziale Globalisierung zur\u00fcckzuf\u00fchren. Hierbei ist zu ber\u00fccksichtigen, dass sich die soziale Integration auf die Verbreitung von Ideen, Informationen und Menschen bezieht. F\u00fcr einige Autoren impliziert soziale Globalisierung sogar eine Amerikanisierung der Gesellschaft. Unabh\u00e4ngig davon, wie man diese Entwicklung bewerten mag, impliziert sie f\u00fcr viele entwickelte L\u00e4nder, dass ihre Arbeitsm\u00e4rkte weniger gewerkschaftlich gepr\u00e4gt sind und dass es eine Tendenz zu einer Dezentralisierung der Lohnverhandlungen gibt.Insgesamt scheint die Globalisierung den Entwicklungsl\u00e4ndern aber mehr Vor- als Nachteile zu bringen. Nicht jene L\u00e4nder, die sich ge\u00f6ffnet haben, z\u00e4hlen heute zu den \u00e4rmsten der Welt, sondern jene, in denen B\u00fcrgerkriege, Diktatoren, Korruption, ethnische Auseinandersetzungen und die Unterdr\u00fcckung der Frauen den zivilisatorischen Prozess behindern \u2013 L\u00e4nder, die sich der Globalisierung nicht gestellt haben oder nicht stellen konnten.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Globalisierung ist f\u00fcr viele mit Chancen und Wohlstand, aber oft auch mit \u00c4ngsten \u2013 z.B. vor Arbeitsplatzverlust und \u00dcberfremdung \u2013 verbunden. Um wissenschaftlich zu untersuchen, wie sie sich auswirkt, muss sie gemessen werden. Die diskutierten Globalisierungsindizes haben auch Schw\u00e4chen; besonders angreifbar sind die Auswahl der Variablen und ihre Gewichtung. Trotzdem sind Globalisierungsindizes die vielleicht geeignetste Methode, um die Globalisierung in ihrer Komplexit\u00e4t zu erfassen und ihre Ursachen und Folgen zu untersuchen.Empirische Studien, die den KOF-Globalisierungsindex verwenden, haben gezeigt, dass die Globalisierung nicht pauschal als gut oder schlecht betrachtet werden kann. So f\u00fchrt sie auf der einen Seite zu mehr Wachstum, verst\u00e4rkt aber gleichzeitig auch die Ungleichheit der Einkommensverteilung. Sie hat grosse strukturelle Ver\u00e4nderungen in den Volkswirtschaften der Welt zur Folge. In den Augen der meisten \u00d6konomen erscheint der Nettoeffekt der Globalisierung positiv. Transferleistungen von den Gewinnern an die Verlierer der Globalisierung m\u00f6gen zwar theoretisch m\u00f6glich und w\u00fcnschenswert sein, lassen sich aber schwer in die Praxis umsetzen. Die Quantifizierung der Globalisierung und ihrer Dimensionen kann zumindest helfen, die Ursachen und Folgen der Globalisierung besser zu verstehen und somit auch ihre Gewinner und Verlierer besser zu identifizieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abIndikatoren der Globalisierung, 1970\u20132007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abKOF-Globalisierungsindex und seine Subkomponenten, 1970\u20132007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 3: \u00abKOF-Globalisierungsindex nach L\u00e4ndergruppen, 1970\u20132007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1: \u00ab2010 KOF-Globalisierungsindex f\u00fcr ausgew\u00e4hlte L\u00e4nder, 1970\u20132007\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Der A. T. Kearney-Index&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer A. T. Kearney-Index wurde im Jahr 2000 entwickelt und wurde bis 2007 regelm\u00e4ssig aktualisiert. Seitdem wird er nicht mehr berechnet. Der Index hat vier Kategorien: wirtschaftliche Integration, soziale Integration, technologische Vernetzung und globales politisches Engagement. Trotz der Ber\u00fccksichtigung dieser Dimensionen ist der Index f\u00fcr wissenschaftliche Zwecke kaum zu gebrauchen. Er bezieht sich auf eine recht begrenzte Zahl von 72 L\u00e4ndern und wurde nur f\u00fcr einige wenige Jahre berechnet. Ausserdem fehlen wichtige Komponenten der Globalisierung. Eine weitere Schw\u00e4che des Index ist, dass die verwendete Ad-hoc-Gewichtung der Einzelkomponenten die wirtschaftliche Dimension der Globalisierung beg\u00fcnstigt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Methodische Anmerkungen zum 2010 KOF-Globalisierungsindex&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer KOF-Globalisierungsindex misst die wirtschaftliche, soziale und politische Dimension der Globalisierung. Alle Variablen werden so definiert, dass h\u00f6here Werte f\u00fcr eine st\u00e4rkere Globalisierung stehen. Ausserdem wird jede der Variablen, die in den Index einfliesst, zu einem Index auf einer Skala von 1 bis 100 transformiert, wobei 100 der H\u00f6chstwert der jeweiligen Variable im gesamten Zeitraum von 1970 bis 2007 ist und 1 der niedrigste Wert. Die Variablen werden nach den Perzentilen der Originalverteilung transformiert, um den Einfluss von Ausreissern und fehlenden Beobachtungen zu reduzieren. Die Gewichte werden hierbei so bestimmt, dass die Variation der resultierenden Hauptkomponenten maximiert wird. Alle Variablen werden vorher linear interpoliert und fehlende Werte an den R\u00e4ndern werden fortgeschrieben. Werte f\u00fcr den Index werden nicht ausgegeben, wenn 40% der zugrunde liegenden Daten nicht verf\u00fcgbar sind oder mindestens zwei der drei Subindizes nicht berechnet werden k\u00f6nnen. Der Index ist frei im Internet verf\u00fcgbar unter <i><a href=\"http:\/\/www.kof.ethz.ch\/globalisation\">http:\/\/www.kof.ethz.ch\/globalisation<\/a><\/i>.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 3: Literatur&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Arribas, I., Perez, F. und Tortosa-Ausina, E. (2009), Measuring Globalization of International Trade: Theory and Evidence, World Development 37(1), S. 127\u2013145.\u2013 A.T. Kearney \/ Foreign Policy (2002, 2007), Globalization Index. Washington, D.C.: Carnegie Endowment for International Peace.\u2013 Dreher, A., Gaston, N. und Martens, P. (2008), Measuring Globalisation \u2013 Gauging its Consequences, Springer.\u2013 Heshmati, A. (2006), Measurement of a Multidimensional Index of Globalization, Global Economy Journal 6(2), Article 1.\u2013 OECD (2005), Measuring Globalisation: OECD Handbook on Economic Globalisation Indicators, OECD, Paris.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wachsen globalisierte Volkswirtschaften schneller? Schw\u00e4cht die Globalisierung die Gewerkschaften? F\u00fchrt sie zu mehr Ungleichheit? Um diese und andere wirtschaftspolitisch relevanten Fragen wissenschaftlich fundiert beantworten zu k\u00f6nnen, muss die Globalisierung gemessen werden. Sie ist weit mehr als nur die wirtschaftliche Verflechtung der L\u00e4nder, sondern umfasst auch eine politische, kulturelle und soziale Komponente. Gem\u00e4ss Auswertungen anhand des [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3503,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[97],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":3503,"seco_co_author":[3504,0],"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Georg-August-Universit\u00e4t G\u00f6ttingen","seco_author_post_occupation_fr":"Universit\u00e9 Georg-August, G\u00f6ttingen","seco_co_authors_post_ocupation":[{"seco_co_author":3504,"seco_co_author_post_occupation_year":"","seco_co_author_post_occupation_de":"Georg-August-Universit\u00e4t G\u00f6ttingen","seco_co_author_post_occupation_fr":"Universit\u00e9 Georg-August, G\u00f6ttingen"}],"short_title":"","post_lead":"","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":121144,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"8475","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/559e1e373ccb0"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121141"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3503"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=121141"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121141\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":127689,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121141\/revisions\/127689"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3504"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3503"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=121141"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=121141"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=121141"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=121141"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=121141"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=121141"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}