{"id":121196,"date":"2010-09-01T12:00:00","date_gmt":"2010-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/09\/mahlstein-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:33:16","modified_gmt":"2023-08-23T21:33:16","slug":"mahlstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/09\/mahlstein\/","title":{"rendered":"Die Rolle der ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen im Agrarsektor"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend Jahrzehnten weckte der Agrarsektor bei Investoren nur wenig Interesse. Seit der Preishausse bei Nahrungsmitteln im letzten Jahrzehnt mit Spitzenwerten im Jahre 2008 hat sich dies grundlegend ge\u00e4ndert. Dar\u00fcber hinaus stieg der Anbau von Ackerfr\u00fcchten zur Biokraftstoffgewinnung stark an, und in hohem Masse importabh\u00e4ngige Staaten machten mit grossen K\u00e4ufen von Agrarland auf sich aufmerksam. Die Nahrungsmittelkrise in verschiedenen L\u00e4ndern r\u00fcckte das Thema der Ern\u00e4hrungssicherheit wieder ins Zentrum.&#13;<br \/>\nDer Autor hat vor seiner T\u00e4tigkeit beim Seco als Mitarbeiter bei der Unctad am World Investment Report 2009 mitgearbeitet, der sich mit dem Thema Investitionen im Agrarsektor besch\u00e4ftigte. Ein spezieller Dank f\u00fcr hilfreiche Kommentare bei der Erstellung dieses Artikels geb\u00fchrt Joachim Karl, Chef der Policy Analysis Branch im World Investment Team der Unctad.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie angespannte Situation auf dem Agrarmarkt hat dazu gef\u00fchrt, dass sich private und staatliche Investoren vermehrt f\u00fcr den Landwirtschaftssektor interessieren. Insbesondere in den Entwicklungsl\u00e4ndern wurde der Agrarsektor lange vernachl\u00e4ssigt. Entsprechend zeichnet sich der Sektor durch eine sehr tiefe Produktivit\u00e4t aus. Dieser Artikel zeigt Gr\u00fcnde auf, die zu dieser Fehlentwicklung gef\u00fchrt haben und geht n\u00e4her auf die im Agrarsektor t\u00e4tigen Investoren ein.&#13;<br \/>\nWo nicht anders vermerkt, st\u00fctzen sich die Informationen in diesem Artikel auf den World Investment Report 2009.&#13;<\/p>\n<h2>Umw\u00e4lzung des Agrarweltmarkts<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAusl\u00e4ndische Direktinvestitionen im Landwirtschaftssektor sind nichts Neues und gehen weit zur\u00fcck bis in die Kolonialzeit. Im 19. Jahrhundert gab es eine grosse Anzahl von international t\u00e4tigen Unternehmen, die im Handel und in der Produktion von Agrarg\u00fctern t\u00e4tig waren. Die meisten von ihnen produzierten auf grossen Plantagen f\u00fcr den Export bestimmte Agrarg\u00fcter wie Bananen, Kautschuk, Baumwolle oder Zucker. Im Zuge der Dekolonisation \u00e4nderte sich dies grundlegend. Viele Regierungen waren bestrebt, die Kontrolle \u00fcber ihre nat\u00fcrlichen Ressourcen zur\u00fcckzugewinnen und die Eigentumsfrage neu zu regeln. Oft wurde der ausl\u00e4ndische Besitz von Agrarland untersagt. Dies erschwerte Investitionen, die direkt auf die Produktion abzielten, und f\u00fchrte zu einer Konzentration der ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen in den sogenannten vor- und nachgeschalteten Aktivit\u00e4ten, wie der Entwicklung von Saatgut (Monsanto, Syngenta, BASF) oder der Verarbeitung von landwirtschaftlichen G\u00fctern (Nestl\u00e9). Die j\u00fcngste Preishausse hat neue Akteure auf den Plan gerufen, die sich stark von den traditionellen Investoren unterscheiden. Zum einen sind dies Hersteller von Biokraftstoffen; sie werden in vielen L\u00e4ndern als eine Alternative zu \u00d6limporten gesehen. Zum anderen griffen importabh\u00e4ngige Staaten vermehrt in das Geschehen ein. Dies l\u00e4sst sich direkt mit der Nahrungsmittelkrise im Jahre 2008 und den stark angestiegenen Preisen auf den Weltm\u00e4rkten in Verbindung bringen. Auf dem H\u00f6hepunkt der Krise erliessen eine Vielzahl agrarexportierender L\u00e4nder Exportrestriktionen, um die Preissteigerung f\u00fcr die eigene Bev\u00f6lkerung abzufedern. Wegen der aufgetretenen Probleme auf den Weltm\u00e4rkten begannen stark importabh\u00e4ngige Staaten daran zu zweifeln, dass die Nahrungsmittelversorgung durch den globalen Agrarmarkt gew\u00e4hrleistet werden kann. Daher kauften oder pachteten einige Staaten Agrarland im Ausland (insbesondere in befreundeten Staaten), um \u00fcber alternative Versorgungskan\u00e4le zu verf\u00fcgen und die Abh\u00e4ngigkeit vom Weltmarkt zu verringern.&#13;<\/p>\n<h2>Gr\u00fcnde f\u00fcr die tiefe Produktivit\u00e4t in Entwicklungsl\u00e4ndern<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEs gab drei Hauptgr\u00fcnde, die f\u00fcr die tiefe Attraktivit\u00e4t des Agrarsektors in der Dritten Welt verantwortlich waren. <i>Erstens<\/i> produzierte die stark subventionierte Landwirtschaft in den Industriestaaten \u00dcbersch\u00fcsse, die auf dem Weltmarkt zu Tiefstpreisen verkauft wurden und so die Investitionsanreize in den Entwicklungsl\u00e4ndern verringerten. <i>Zweitens<\/i> f\u00f6rderten viele Entwicklungsl\u00e4nder in erster Linie den Industriesektor, nicht aber die Landwirtschaft. <i>Drittens<\/i> war und ist die Eigentumslage in vielen Entwicklungsl\u00e4ndern unsicher. Aus diesen Gr\u00fcnden waren ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen im Agrarsektor der Entwicklungsl\u00e4nder in der Vergangenheit eher bescheiden. Die Folge davon waren fehlende Investitionen in landwirtschaftliche Forschung und Entwicklung, Infrastruktur, Bodendegradation, wachsende Wasserknappheit und fragmentierter sowie unwirtschaftlicher Landbesitz. Auch bez\u00fcglich Forschung und Entwicklung (F&amp;E) sind die Unterschiede frappant. In den Entwicklungsl\u00e4ndern betr\u00e4gt der Anteil des Produktionswertes, der f\u00fcr F&amp;E aufgewendet wird, 0,56% und in den Industriestaaten 5,16%. Die Situation ist besonders in Afrika dramatisch. So sind die Forschungsausgaben pro Hektar Agrarland in Afrika f\u00fcnfmal tiefer als in Asien. All dies f\u00fchrte zu stagnierender und in einigen Teilen Afrikas gar zu sinkender Produktivit\u00e4t; die Pro-Kopf-Produktion von Agrarprodukten ist in den letzten Jahren in Afrika leicht gefallen. In Folge der Nahrungsmittelkrise im Jahre 2008 rief die UNO eine Expertengruppe ins Leben, die den Finanzbedarf f\u00fcr eine weltweit verbesserte Nahrungsmittel- und Ern\u00e4hrungssicherheit absch\u00e4tzte. Gem\u00e4ss deren Berechnungen sind j\u00e4hrlich zwischen 20 und 40 Mrd. US-Dollar n\u00f6tig, um die Situation langfristig zu entsch\u00e4rfen.&#13;<\/p>\n<h2>Traditionelle Investoren<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Bedeutung der ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen und der transnationalen Unternehmen im Agrarbereich variiert stark je nach Warengruppe und Land. Der Anteil der Auslandinvestitionen ist in der Regel minimal bei Grundnahrungsmitteln wie Reis, aber relativ hoch bei f\u00fcr den Export bestimmten Produkten wie Schnittblumen oder Rohrzucker, in denen die erste Verarbeitungsstufe eng mit der pflanzlichen Erzeugung verbunden ist. Deshalb ist der Anteil der Direktinvestitionen am Total aller Agrarinvestitionen in einigen L\u00e4ndern relativ bedeutend (siehe <i>Grafik 1<\/i>).Im Bereich der Landwirtschaft gibt es eine Vielzahl von Gesch\u00e4ftsbereichen, in denen internationale Konzerne t\u00e4tig sind. Sie reichen von der Nahrungsmittelverarbeitung \u00fcber den Einzelhandel und Vorleistungen bis hin zur direkten Produktion auf einer Plantage. Eine klare Trennung ist zwischen Firmen, die direkt in der Produktion von Agrarg\u00fctern beteiligt sind und solchen, die in den vor- oder nachgelagerten Aktivit\u00e4ten t\u00e4tig sind, zu machen. Letztere sind in der Regel viel gr\u00f6sser und stammen zum gr\u00f6ssten Teil aus den Industriestaaten. So besitzt Nestl\u00e9 als weltweit gr\u00f6sstes Unternehmen in der Lebensmittel- und Getr\u00e4nkeindustrie gesch\u00e4tzte 66 Mrd. US-Dollar an Auslandinvestitionen; bei Wal-Mart als gr\u00f6sster Detailh\u00e4ndler sind es 63 Mrd. US-Dollar. Im Vergleich dazu scheinen die 5 Mrd. US-Dollar des gr\u00f6ssten international t\u00e4tigen Agrarproduzenten, Sime Darby aus Malaysia, geradezu bescheiden (siehe <i>Tabelle 1<\/i>). In vielen Teilen der Landwirtschaft l\u00e4sst sich der Einfluss von Auslandinvestitionen aber nur schwer fassen. Oft bietet die vertragsbasierte Landwirtschaft (Contract Farming) eine wichtige Alternative zur direkten Beteiligung an der landwirtschaftlichen Produktion. Vor dem Hintergrund der starken Nachfrage und der stagnierenden Produktion gibt es Hinweise, dass diese Art von Landwirtschaft in den Entwicklungsl\u00e4ndern an Gewicht gewonnen hat.&#13;<br \/>\nVgl. DaSilva, 2005. Im Jahre 2008 standen zum Beispiel bei Nestl\u00e9 mehr als 600&nbsp;000 Landwirte in \u00fcber 80 L\u00e4ndern in einem solchen Vertragsverh\u00e4ltnis. Im Gegensatz zu den Landk\u00e4ufen staatlicher Investitionsfonds und anderer institutioneller Anleger sind diese Investitionen eher unproblematisch und haben in der Vergangenheit zu signifikanten Produktionssteigerungen gef\u00fchrt (siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nShouguang in der Provinz Shandong geh\u00f6rt zu wichtigsten Produktionsorten von Gem\u00fcse in China. Zudem war es w\u00e4hrend den letzten 30 Jahren eine der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen des Landes. F\u00fcr den Aufschwung in der landwirtschaftlichen Produktion spielte die Einbindung von Unternehmen, die in der Entwicklung von Saatgut t\u00e4tig sind, eine zentrale Rolle. Zu den wichtigsten Investoren geh\u00f6rt auch Syngenta, das 1998 in der Region pr\u00e4sent ist. Die Shouguang Syngenta Seeds Company ist ein Joint Venture zwischen Syngenta und der \u00f6rtlichen Regierung. Seit 2001 betreibt Syngenta ein lokales Forschungszentrum, um sich besser auf die lokalen klimatischen Bedingungen, Anbau-Marktgewohnheiten einzustellen. Weiter bietet Syngenta in Zusammenarbeit mit der Regierung eine landwirtschaftliche Ausbildung sowie Informationen \u00fcber die neusten Kultivierungstechniken an. All dies erm\u00f6glichte den Bauern, die Qualit\u00e4t und Produktivit\u00e4t zu steigern, was ihnen den Zugang zum internationalen Markt erleichterte und h\u00f6here Einkommen zur Folge hatte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n). Die Einbindung international t\u00e4tiger Unternehmen kann den Transfer von Wissen bzw. Technologie f\u00f6rdern. Studien zeigen, dass die Beteiligung von international t\u00e4tigen Firmen in der Schnittblumenindustrie in Afrika und Lateinamerika zu steigender Produktivit\u00e4t gef\u00fchrt hat. Oft fehlt es in den Entwicklungs\u00e4ndern am n\u00f6tigen Kapital und Know-how, um die Investitionen zu t\u00e4tigen. Das Einbinden von international ausgerichteten und kapitalstarken Unternehmen erlaubt den Entwicklungs\u00e4ndern, solche Hindernisse zu beseitigen und den Kapitalstock zu erh\u00f6hen.&#13;<\/p>\n<h2>Auslandinvestitionen im Agrarsektor \u2013 die neuen Akteure<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZu den traditionellen Investoren kamen in letzter Zeit neue Investoren, welche die j\u00fcngste Entwicklung gepr\u00e4gt und zum Teil f\u00fcr Aufmerksamkeit in der Presse gesorgt haben. Wie in anderen Sektoren der Wirtschaft treten vermehrt Firmen aus Schwellenl\u00e4ndern in Erscheinung. Die sogenannten S\u00fcd-S\u00fcd-Investitionen \u2013 Investitionsstr\u00f6me, welche aus nicht-westlichen L\u00e4ndern stammen (also exklusive Europa, Nordamerika und Japan) \u2013 haben an Wichtigkeit gewonnen und zu einer neuen Dynamik bei den Landwirtschaftsinvestitionen gef\u00fchrt. Oft investieren diese L\u00e4nder in L\u00e4ndern Afrikas, die bis anhin von den traditionellen Investoren gemieden wurden. Ein solches Unternehmen ist z.B. Sime Darby, weltgr\u00f6sster Produzent von Palm\u00f6l, das im Jahr 2008 rund 800 Mio. US-Dollar in eine Palm\u00f6lplantage in Liberia investierte.Die Nahrungsmittelkrise verst\u00e4rkte diese S\u00fcd-S\u00fcd-Investitionen. L\u00e4nder wie China, S\u00fcdkorea und vor allem die Golfstaaten forcierten die Bem\u00fchungen, durch Kauf oder Pacht ausl\u00e4ndisches Agrarland unter ihre Kontrolle zu bringen und so die Lebensmittelsicherheit ihrer eigener Bev\u00f6lkerung zu verbessern. Die treibende Kraft hinter den Landk\u00e4ufen sind die Staatsfonds der Erd\u00f6l exportierenden Staaten sowie der Schwellenl\u00e4nder Asiens. Staatsfonds existieren schon seit Jahrzehnten; doch hat ihre Anzahl und ihre Gr\u00f6sse in den letzten Jahren stark zugenommen. Insbesondere die Golfstaaten verf\u00fcgen aufgrund der gestiegenen Erd\u00f6lpreise \u00fcber grosse Fremdw\u00e4hrungsreserven, die zum Teil f\u00fcr betr\u00e4chtliche Landk\u00e4ufe eingesetzt wurden. Laut Medienberichten sind die wichtigsten Partnerl\u00e4nder f\u00fcr diese Landdeals in Afrika Kongo, \u00c4thiopien, Madagaskar, Mosambik, Sudan und Tansania sowie in Asien Kambodscha, Indonesien, Laos, Pakistan und die Philippinen.&#13;<br \/>\nVgl. FAO, 2009. Saudi-Arabien hat eine f\u00fcr die Entwicklung der Landwirtschaft im Ausland spezialisierte Investitionsgesellschaft gegr\u00fcndet, mit dem Ziel, die Lebensmittelversorgung im eigenen Land zu erh\u00f6hen. Um Wasser zu sparen, f\u00e4hrt das Land die eigene Getreideproduktion zur\u00fcck. Es ermutigt jedoch \u00f6ffentliche und private Unternehmen, im Ausland Ackerland zu kaufen, und unterst\u00fctzt diese mit Geldern aus dem staatlichen Fonds f\u00fcr die industrielle Entwicklung.Staatsfonds sind aber nicht die einzigen Akteure, die Interesse am Kauf von Agrarland zeigen. Viele Investoren und auch die UN-Organisation f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft (FAO) sind der Meinung, dass sich die Preise f\u00fcr Agrarprodukte tendenziell weiter verteuern werden. So engagieren sich auch die Private-Equity-Firmen vermehrt im Agrarsektor. Die Blackstonegroup (in der China einen gr\u00f6sseren Anteil h\u00e4lt) investierte z.B. 100 Mio. Dollar in die Landwirtschaft und kaufte haupts\u00e4chlich Ackerland in Gebieten s\u00fcdlich der Sahara. Die \u00abFinancial Times\u00bb vom 16.7.2010 berichtete, dass Calpers, eine der gr\u00f6ssten Pensionskassen der USA, ihr Engagement im Agrarsektor stark ausbauen m\u00f6chte und diese von 450 Mio. US-Dollar bis 2010 auf 10 Mrd. US-Dollar erh\u00f6hen will. Im Bem\u00fchen, alternative Energiequellen zu f\u00f6rdern, erlebte zudem der Biodiesel einen Boom, der sich nicht nur auf Europa oder die USA beschr\u00e4nkte, sondern auch in den Schwellenl\u00e4ndern wie Brasilien Programme zur F\u00f6rderung von Biokraftstoffen ausl\u00f6ste. Diese Entwicklungen auf dem Agrarmarkt zogen neue Investoren an, die bislang nur begrenzt mit der Landwirtschaft etwas zu tun hatten. In vielen Belangen steht diese Produktion allerdings in direkter Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion und birgt Risiken f\u00fcr die Zukunft.&#13;<\/p>\n<h2>Problematik von Investitionen in Landwirtschaftsland<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Dezember 2008 publizierte das \u00abEuromoney Magazin\u00bb einen Artikel unter dem Titel <i>\u00abLandwirtschaft: Ackerland ist das neue Gold\u00bb.<\/i> Im Zusammenhang mit der wachsenden Attraktivit\u00e4t von Investitionen im Agrarsektor wurde oft von grossen Landk\u00e4ufen seitens institutioneller und privater Investoren berichtet. Die meisten dieser fr\u00fcher umstrittenen K\u00e4ufe, die oft als Landklau (Land Grabbing) bezeichnet werden, wurden in Afrika get\u00e4tigt.Heute sind viele L\u00e4nder in Afrika nicht mehr abgeneigt, Landwirtschaftsfl\u00e4chen ausl\u00e4ndischen Investoren zur Verf\u00fcgung zu stellen. Laut Aussagen eines sudanesischen Regierungsvertreters soll das Land, das arabischen Staaten zur Verf\u00fcgung gestellt werden soll, rund ein F\u00fcnftel der gesamten bebaubaren Landwirtschaftsfl\u00e4che betragen.&#13;<br \/>\nVgl. FAO, 2009. So haben beispielsweise S\u00fcdkorea und die Vereinigten Arabischen Emirate mit dem Sudan ein Angebot \u00fcber 1 Mio. Hektaren Landwirtschaftsland unterzeichnet. Im Kongo erwarb China das Recht, auf einer Fl\u00e4che von 2,8 Mio. Hektaren Palm\u00f6l anzubauen; dies entspricht ungef\u00e4hr 70% der Fl\u00e4che der Schweiz.&#13;<br \/>\nVgl. FAO, 2009. Basierend auf Angaben des International Food Policy Research Institute (Ifpri) sch\u00e4tzt die FAO die Fl\u00e4che, die seit 2006 in irgendeiner Weise in den Zusammenhang mit ausl\u00e4ndischen Investoren gebracht wurde, auf 15 bis 20 Mio. Hektaren \u2013 so viel wie die gesamte landwirtschaftliche Nutzfl\u00e4che Frankreichs. Das Beispiel \u00c4thiopien zeigt indes, dass diese Investitionen oftmals nicht unproblematisch sind. Gem\u00e4ss Bloomberg m\u00f6chte \u00c4thiopien 3 Mio. Hektar landwirtschaftliche Nutzfl\u00e4che an ausl\u00e4ndische Investoren verpachten, um h\u00f6here Deviseneinnahmen zu generieren. Ein solches Projekt liegt in der s\u00fcdlichen Omo Zone vor, die einige der am st\u00e4rksten bedrohten indigenen V\u00f6lker beherbergt. Die \u00e4thiopische Regierung betrachtet das Land jedoch als \u00ableer\u00bb.&#13;<br \/>\nVgl. Bloomberg, 10.11.2009.Der Umfang einiger dieser potenziellen Investitionen ist gross und umstritten, zumal sie die bestehende Nutzung von Agrarfl\u00e4chen und die Produktionsstrukturen im betroffenen Land ver\u00e4ndern. Solche Investitionen k\u00f6nnen durchaus Vorteile f\u00fcr die Gaststaaten haben \u2013 z.B. in Form von Verbesserungen der Infrastruktur oder sozialer Einrichtungen, welche die Investoren als Gegenleistung f\u00fcr den Erhalt von Land zusagen. Die Art und Weise sowie die Geschwindigkeit, mit welcher solche Landdeals von sich gingen, f\u00fchrten aber in verschiedenen L\u00e4ndern zu heftigen Protesten. Auf den Philippinen scheiterte ein geplantes Projekt mit China aufgrund der starken Opposition der betroffenen Bev\u00f6lkerung. Viele zweifelten an der Legalit\u00e4t und f\u00fcrchteten negative Auswirkungen auf die Nahrungssicherheit der betroffenen Bev\u00f6lkerung.&#13;<br \/>\nVgl. IFPRI, 2009. Beobachter sehen die Entwicklung insofern als problematisch, als die Verhandlungen oft nicht transparent sind und der Einbezug der betroffenen Bev\u00f6lkerung nur selten gew\u00e4hrleistet ist. Oft sind es Vertr\u00e4ge zwischen der lokalen Elite und den ausl\u00e4ndischen Investoren, in denen die auf dem Land lebenden Kleinbauern keine Rolle spielen.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZurzeit gibt es nur wenige Anhaltspunkte, dass der Boom in Agrarprodukten vorbei ist. Steigende Bev\u00f6lkerungszahlen und Einkommen in den Schwellenl\u00e4ndern sowie die F\u00f6rderung von Biotreibstoffen in Europa und in den USA werden weiterhin f\u00fcr eine hohe Nachfrage sorgen, sodass kaum mit fallenden Preisen gerechnet werden kann. Weitgehend unbestritten ist, dass mehr in den Agrarsektor investiert werden muss, ist doch der technologische Fortschritt entscheidend f\u00fcr die landwirtschaftliche Entwicklung. Afrika hat diesbez\u00fcglich ein grosses Potenzial. Produktionsfortschritte in der Landwirtschaft waren oft das Resultat von F&amp;E. Abgesehen von einigen Ausnahmen \u2013 wie Brasilien, China, Indien oder Malaysia \u2013 sind diese Fortschritte in den Entwicklungsl\u00e4ndern aber eher marginal. Public-Private-Partnerships k\u00f6nnen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen. In der Vergangenheit lassen sich gute wie auch schlechte Beispiele finden. Die erh\u00f6hte Attraktivit\u00e4t des Landwirtschaftssektors bei den international t\u00e4tigen Firmen k\u00f6nnte sich positiv auf F&amp;E in den Entwicklungsl\u00e4ndern auswirken und mittelfristig zu erh\u00f6hter Produktivit\u00e4t f\u00fchren. Um die Investitionsanreize in den Entwicklungsl\u00e4ndern zu erh\u00f6hen, w\u00e4re eine R\u00fcckf\u00fchrung der hohen Agrarsubventionen und -z\u00f6lle in den Industriestaaten w\u00fcnschenswert. F\u00fcr eine erh\u00f6hte Lebensmittelsicherheit m\u00fcssten zudem die Z\u00f6lle und Exportbeschr\u00e4nkungen in den Entwicklungsl\u00e4ndern fallen. Auch w\u00e4re es f\u00f6rderlich, wenn die Initiative von Weltbank, FAO, Unctad und Ifad zur Etablierung internationaler Prinzipien f\u00fcr verantwortliches Investieren in der Landwirtschaft zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden k\u00f6nnte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abAnteil der ausl\u00e4ndischen Investitionen in der Landwirtschaft am Total\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTabelle 1: \u00abDie zehn gr\u00f6ssten im Agrarsektor t\u00e4tigen Unternehmen\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Syngenta und das Shouguang-Modell&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nShouguang in der Provinz Shandong geh\u00f6rt zu wichtigsten Produktionsorten von Gem\u00fcse in China. Zudem war es w\u00e4hrend den letzten 30 Jahren eine der wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen des Landes. F\u00fcr den Aufschwung in der landwirtschaftlichen Produktion spielte die Einbindung von Unternehmen, die in der Entwicklung von Saatgut t\u00e4tig sind, eine zentrale Rolle. Zu den wichtigsten Investoren geh\u00f6rt auch Syngenta, das 1998 in der Region pr\u00e4sent ist. Die Shouguang Syngenta Seeds Company ist ein Joint Venture zwischen Syngenta und der \u00f6rtlichen Regierung. Seit 2001 betreibt Syngenta ein lokales Forschungszentrum, um sich besser auf die lokalen klimatischen Bedingungen, Anbau-Marktgewohnheiten einzustellen. Weiter bietet Syngenta in Zusammenarbeit mit der Regierung eine landwirtschaftliche Ausbildung sowie Informationen \u00fcber die neusten Kultivierungstechniken an. All dies erm\u00f6glichte den Bauern, die Qualit\u00e4t und Produktivit\u00e4t zu steigern, was ihnen den Zugang zum internationalen Markt erleichterte und h\u00f6here Einkommen zur Folge hatte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Literatur&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u2013 Bloomberg (10.11.2009): Ethiopia Leases Land for Agriculture to Earn Foreign Exchange. \u2013 Da Silva Carlos Arthur B,: The growing role of contract farming in agri-food systems development: drivers, theory and practice, FA Agricultural Management, Marketing and Finance Service, FAO Working Document, Nr. 9, 2005. \u2013 Euromoney (1.12.2008): Agriculture: Farmland is the new gold.\u2013 Financial Times (16.7.2010): Bullish food forecasts whet investors\u2019 appetite.\u2013 McNeillis Patrick E.: Foreign Investment in Developing Country Agriculture \u2013 The Emerging Role of Private Sector Finance, FAO Commodity and Trade Policy Research Working Paper Nr.28, FAO, June 2009. \u2013 World Investment Report 2009: Transnational Corporations, Agricultural Production and Development. \u2013 International Food Policy Research Institute (IFPRI): \u00abLand Grabbing\u00bb by Foreign Investors in Developing Countries: Risks and Opportunities, IFPRI Policy Brief 13, April 2009.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend Jahrzehnten weckte der Agrarsektor bei Investoren nur wenig Interesse. Seit der Preishausse bei Nahrungsmitteln im letzten Jahrzehnt mit Spitzenwerten im Jahre 2008 hat sich dies grundlegend ge\u00e4ndert. Dar\u00fcber hinaus stieg der Anbau von Ackerfr\u00fcchten zur Biokraftstoffgewinnung stark an, und in hohem Masse importabh\u00e4ngige Staaten machten mit grossen K\u00e4ufen von Agrarland auf sich aufmerksam. Die [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3495,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[97],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":3495,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"PhD in International Economics (IHEID Genf), \u00d6konom, Sidley Austin LLP, Genf","seco_author_post_occupation_fr":"\u00c9conomiste et expert en \u00e9conomie internationale, cabinet de conseil Sidley Austin LLP, Gen\u00e8ve","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"","post_lead":"","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":121199,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"8453","post_abstract":"","magazine_issue":null,"seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/559e3841ed2ce"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121196"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3495"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=121196"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121196\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":127700,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121196\/revisions\/127700"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3495"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=121196"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=121196"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=121196"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=121196"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=121196"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=121196"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}