{"id":121201,"date":"2010-09-01T12:00:00","date_gmt":"2010-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/09\/rodewald-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:33:21","modified_gmt":"2023-08-23T21:33:21","slug":"rodewald","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/09\/rodewald\/","title":{"rendered":"Strategie ja, aber kein Wachstum um jeden Preis!"},"content":{"rendered":"<p>Der Ruf nach mehr Wachstum ist zwar verf\u00fchrerisch, aber zu kurz gedacht. Wachstum f\u00fcr sich macht keinen Sinn. Die Landschaft als Ressource f\u00fcr den Tourismus ist begrenzt und ihre weitere Zerst\u00f6rung w\u00e4re auch volkswirtschaftlich fatal. Der Tourismus ben\u00f6tigt jedoch eine Strategie, die sich vor allem auch mit der Behebung der vergangenen Fehlentwicklungen, beispielsweise in der Raumplanung, besch\u00e4ftigt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWer die Tourismuspresse der letzten Monate verfolgte, vernahm eigentlich nur positive Meldungen. So vermeldete der Schweizer Tourismus-Verband einen Logierg\u00e4steanstieg innert Jahresfrist von 1,9%. Die NZZ folgerte aufgrund der Zahlen der Luxushotellerie, dass \u00abtrotz der schweren globalen Wirtschaftskrise vielerorts die hervorragenden Werte des Winters 2008\/09 gehalten\u00bb wurden. J\u00fcngste Schlagzeilen wie \u00abInder str\u00f6men ins Ferienland Schweiz\u00bb und \u00abIm Tourismus ist der Optimismus zur\u00fcck\u00bb belegen die relative Krisenfestigkeit dieser Branche, trotz schwachem Euro und globaler Finanzmarktkrise. Auch die \u00dcbersicht \u00abSchweizer Tourismus in Zahlen 2009\u00bb des Schweizer Tourismus-Verbandes (STV) weist in zahlreichen Sparten wachsende Ertr\u00e4ge aus, mit Ausnahme des gewiss gewichtigen Gastgewerbes, wo der Umsatzeinbruch 2008 markant war, sich aber dann wieder etwas auffing. Der STV folgerte dann auch, dass das \u00abSchlimmste vor\u00fcber zu sein scheint\u00bb.&#13;<\/p>\n<h2>Der gef\u00e4hrliche Ruf nach dem Zauberwort Wachstum<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIch war dann einigermassen erstaunt, dass der Bundesrat in seiner Mitteilung vom M\u00e4rz 2010 das <a href=\"http:\/\/www.evd.admin.ch\/\">EVD<\/a> beauftragte, eine Wachstumsstrategie f\u00fcr den Tourismus Schweiz auszuarbeiten. Das Ergebnis liegt inzwischen mit der Revision des Innotour-Gesetzes vor. Es sei zu bedauern, so der Bundesrat, dass die Schweiz nicht mehr zu den gr\u00f6ssten Tourismusl\u00e4ndern geh\u00f6ren w\u00fcrde und im L\u00e4nderrating auf Rang 27 (bez\u00fcglich internationaler Ank\u00fcnfte) respektive Rang 17 (bez\u00fcglich Einnahmen aus dem internationalen Tourismus) abgerutscht sei. Daher sei eine gezielte Wachstumsoffensive n\u00f6tig. Diese Argumentation konterkariert die j\u00fcngsten Meldungen der Tourismusbranche, die wie eingangs erw\u00e4hnt v\u00f6llig Gegenteiliges bekunden. So war auch von Seilbahnen Schweiz im April 2010 zu vernehmen, dass die Branche vor dem Hintergrund der Finanzkrise und dem Wetter auf eine erfolgreiche Wintersaison zur\u00fcckblicken w\u00fcrde. Wozu daher eine nationale Wachstumsstrategie? Glaubt man tats\u00e4chlich, dass globale Finanzkrisen und W\u00e4hrungsver\u00e4nderungen mit einem Ruf nach dem Zauberwort Wachstum an den Landesgrenzen abprallen?Der Begriff Wachstum ist fast 40 Jahre nach Ver\u00f6ffentlichung des Club-of-Rome-Berichtes \u00abGrenzen des Wachstums\u00bb nach wie vor ein Mythos. Dem Wachstum das Wort zu reden, geh\u00f6rt wie eh und je zum Repertoire der Politiker und Wirtschaftsf\u00f6rderer. Mit Wachstum k\u00f6nne man die Arbeitslosigkeit beseitigen, den Wohlstand sichern und den Umweltschutz garantieren. Kein Wachstum w\u00fcrde dann unweigerlich einen R\u00fcckschritt, ja R\u00fcckfall in \u00e4rmere Zeiten bedeuten. Die Frage m\u00fcsste jedoch lauten, was denn genau wachsen soll: die Konsumanspr\u00fcche, der Verkehr, die Gesundheitskosten, die Bauzonen? Dies alles tr\u00e4gt ja zum Wirtschaftswachstum bei. So errechneten Urs. P. Gasche und Hanspeter Guggenb\u00fchl in ihrem Buch \u00abDas Geschw\u00e4tz vom Wachstum\u00bb (2004) die Folgen eines BIP-Wachstums von 3% j\u00e4hrlich (BIP-Prognose des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft Seco f\u00fcr 2010: 1,4%). Dies w\u00fcrde bedeuten, dass sich die Produktion von G\u00fctern und Dienstleistungen innerhalb von 23,5 Jahren verdoppelte, da prozentuales Wachstum bekanntlich exponentiell verliefe. Man stelle sich also vor: doppelt so viele Seilbahnen, Wellnessresorts, Einkaufszentren und Ferienh\u00e4user, doppelt so grosse Verkehrsbelastung, doppelt so hoher Energie- und Wasserverbrauch. Dies ohne die nicht wachsenden nat\u00fcrlichen Ressourcen wie Boden und Landschaft verbrauchen zu wollen, ist ein Widerspruch, der an Paradoxie grenzt.Der Ruf nach Wachstum ist daher ein gef\u00e4hrlicher, zumal sich die Zufriedenheit der Menschen wohl kaum verdoppeln w\u00fcrde und die Natur die Folgen zu tragen h\u00e4tte. Ich bin der Meinung, dass die Wachstumsgrenzen im Tourismus bereits vielerorts erreicht oder gar \u00fcberschritten sind. Man denke nur an verst\u00e4dterte Tourismusorte, \u00fcberf\u00fcllte Pisten, den hohen Freizeitverkehr und den erheblichen Ressourcenverbrauch an Wasser, Energie und Landschaft. Statt der Frage, wie man noch mehr wachsen k\u00f6nne, sollte man sich vielmehr mit dem volkswirtschaftlich sch\u00e4digenden Zweitwohnungsbau und den \u00fcberdimensionierten Bauzonen sowie der Frage nach der Belastungsgrenze f\u00fcr Natur und Landschaft auseinandersetzen. Zudem w\u00e4re vom Bundesrat zu erwarten gewesen, dass er auf die eigenen St\u00e4rken des Tourismus setzt und sich nicht an einem zweifelhaften L\u00e4nderrating misst, zumal ein Vergleich des rund 250 Jahre alten heimischen Tourismus mit dem ostasiatischen und osteurop\u00e4ischen Raum unsinnig ist.&#13;<\/p>\n<h2>Eine strategische Ausrichtung ist vonn\u00f6ten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDennoch ist eine strategische Ausrichtung f\u00fcr den Schweizer Tourismus vonn\u00f6ten. Das bisherige Innotour-Programm verlief aus Sicht des Landschaftsschutzes durchaus positiv. Projekte wie SchweizMobil, das gut integrierte Feriendorf Urn\u00e4sch, oder auch die verschiedenen Qualit\u00e4tslabel dienen einem Tourismus, welcher auf Qualit\u00e4t, soziale, kulturelle und raumplanerische Integration und die Ausrichtung auf eine einheimische wie ausl\u00e4ndische G\u00e4steschicht mit unterschiedlicher Kaufkraft setzt. Einer Verl\u00e4ngerung ist daher durchaus zuzustimmen. Die Frage stellt sich aber, ob der Verpflichtungskredit von 20 Mio. Franken f\u00fcr die Vierjahresperiode nicht erh\u00f6ht werden m\u00fcsste. In der Neuausrichtung des Innotour-Programmes fehlt hingegen eine klare thematische Ausrichtung. So wirkt der Hinweis auf die nachhaltige Entwicklung ohne deren Konkretisierung ziemlich hilflos und droht ohne Handlungsziele zu einem Lippenbekenntnis zu werden. Eine Black Box ist die F\u00f6rderung von regionalen oder lokalen Tourismusvorhaben (Art. 3 Abs. 2b des Revisionsentwurfs), die beispielsweise Anpassungsstrategien an den Klimawandel zum Ziel haben sollen. Hier fragt man sich sofort, ob damit eine Subventionierung von Schneekanonen oder von neuen Skigebietserschliessungen in gr\u00f6sseren H\u00f6hen gemeint sei. Dies h\u00e4tte dann mit der vielbeschworenen Nachhaltigkeit sicher nichts zu tun. Mit einem weiteren Ausbau der touristischen Infrastruktur auf Kosten der Orts- und Landschaftsbilder kann man vielleicht gegen\u00fcber China einen Ratingplatz gewinnen; man vergrault damit jedoch die eigenen Touristen im Lande.&#13;<\/p>\n<h2>Tourismusstrategie ist auf Raumplanung, Natur und Landschaft auszurichten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nStattdessen m\u00fcsste sich die Tourismusstrategie an inhaltlichen Zielen orientieren und die F\u00f6rdermittel m\u00fcssten entsprechend koh\u00e4rent nach Mehrjahresprogrammen ausgerichtet werden. Eine der gr\u00f6ssten inhaltlichen Herausforderungen aus meiner Sicht ist die Qualit\u00e4tssicherung der zentralen touristischen G\u00fcter Natur und Landschaft. So ticken in zahlreichen Ferienorten Zeitbomben, die in den viel zu grossen Bauzonen und dem derzeitigen Bauboom bestehen, vor allem im Bereich der oft hochspekulativen und auf Zweitwohnungen, unsicheren Betriebsversprechungen und banaler Architektur beruhenden Resorts. W\u00fcrden all diese Projekte (zum Beispiel in Aminona VS) realisiert und die \u00fcberdimensionierten Bauzonen \u00fcberbaut, so s\u00e4he sich der Tourismus mit einer irreversiblen Sch\u00e4digung ihres zentralen Kapitals, n\u00e4mlich der Landschaft, konfrontiert. Da in Zukunft dem Sommertourismus gegen\u00fcber dem Wintertourismus in der Schweiz eine wachsende Bedeutung zukommen d\u00fcrfte und somit grunds\u00e4tzlich umwelt- und landschaftssensiblere G\u00e4ste anzusprechen sind, muss sich die Branche st\u00e4rker in die Raumplanung und andere Politikbereiche einbringen. Ein wichtiger Ast der staatlichen Tourismuspolitik muss daher die Ressourcenpolitik sein. So sollte eine Tourismusstrategie Massnahmen zur Redimensionierung der Bauzonen in den Tourismusregionen und zur drastischen Z\u00fcgelung des Zweitwohnungsbaus unterst\u00fctzen. Innotour m\u00fcsste dar\u00fcber hinaus exemplarische Projekte unterst\u00fctzen, die sich mit dem Klimawandel (Stichwort Netzwerk der Gletschergemeinden), der F\u00f6rderung der landschaftlichen und kulturellen Vielfalt der Naturp\u00e4rke, der Umsetzung der Alpenkonvention, den historischen Verkehrswegen und der leider zunehmenden Verbetonierung und Asphaltierung der Alp- und Wanderwege besch\u00e4ftigen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ruf nach mehr Wachstum ist zwar verf\u00fchrerisch, aber zu kurz gedacht. Wachstum f\u00fcr sich macht keinen Sinn. Die Landschaft als Ressource f\u00fcr den Tourismus ist begrenzt und ihre weitere Zerst\u00f6rung w\u00e4re auch volkswirtschaftlich fatal. 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