{"id":121216,"date":"2010-09-01T12:00:00","date_gmt":"2010-09-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2010\/09\/schluep-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:33:20","modified_gmt":"2023-08-23T21:33:20","slug":"schluep-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2010\/09\/schluep-5\/","title":{"rendered":"Das globale Ern\u00e4hrungssystem und die Rolle der Verzerrungen im Agrarsektor"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend der letzten zwei Jahrzehnte haben eine Vielzahl von Entwicklungsl\u00e4ndern Verzerrungen in ihren Handels- und Sektorpolitiken reduziert. Sie konnten dadurch die Besteuerung der Landwirtschaft mehrheitlich beseitigen. Auch einige einkommensstarke L\u00e4nder haben marktverzerrende Aspekte ihrer Agrarpolitik zur\u00fcckgefahren und damit das Mass der Subventionierung reduziert. Weitere Anstrengungen sind n\u00f6tig, um politisch bedingte Verzerrungen zu unterbinden, welche die nat\u00fcrlich ansteigende Volatilit\u00e4t bei Mengen und Preisen noch verst\u00e4rken. Dadurch w\u00fcrde das globale Ern\u00e4hrungssystem robuster, und die Ern\u00e4hrungssicherheit k\u00f6nnte gest\u00e4rkt werden. <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"article_rect\" src=\"\/dynBase\/images\/article_rect\/201009_04_Schluep_01.eps.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"247\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn vielen Entwicklungsl\u00e4ndern wurden \u00fcber Jahrzehnte hinweg die landwirtschaftlichen Einkommen geschm\u00e4lert. Grund daf\u00fcr waren einseitige, auf die St\u00e4dte ausgerichtete Politiken, welche die Landwirtschaft und den Handel benachteiligten. Dazu geh\u00f6rten Importsubstitutionsstrategien zur F\u00f6rderung der Industrie, Exportsteuern oder multiple Wechselkurse. Einkommensstarke L\u00e4nder, die ihren Agrarsektor mit Importbarrieren und Subventionen gef\u00f6rdert haben, trugen das ihre zur negativen Einkommensentwicklung bei. Die Gesamtheit der Politikmassnahmen hat sowohl die nationale wie die weltweite Wohlfahrt reduziert. Dies hat das Wirtschaftswachstum gehemmt und zu mehr Ungleichheit und Armut gef\u00fchrt. Denn nicht weniger als drei Viertel der \u00fcber 1 Mrd. Armen sind f\u00fcr ihren Lebensunterhalt von der Landwirtschaft abh\u00e4ngig.&#13;<br \/>\nWorld Bank, 2007, World Bank Development Report 2008: Agriculture for Development, Washington, D.C.: World Bank.Der vorliegende Artikel nimmt sich folgenden Fragen an: Wie stark werden die Agrarm\u00e4rkte weiterhin durch Verzerrungen gehemmt? Welche Auswirkungen ergeben sich f\u00fcr die Ern\u00e4hrungssicherheit? Und welche Rolle spielt der Handel, um das globale Ern\u00e4hrungssystem widerstandsf\u00e4higer zu machen und die Ern\u00e4hrungssicherheit zu verbessern?&#13;<\/p>\n<h2>Grosse Herausforderungen f\u00fcr das globale Ern\u00e4hrungssystem<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas globale Ern\u00e4hrungssystem ist gefordert, gilt es doch die Ern\u00e4hrungssicherheit f\u00fcr \u00fcber 1 Mrd. Hungernde sicherzustellen und eine Weltbev\u00f6lkerung von \u00fcber 9 Mrd. Menschen (derzeit 6,8 Mrd.) bis ins Jahr 2050 zu ern\u00e4hren. Die Food and Agriculture Organization (FAO) sch\u00e4tzt, dass sich die globale Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Futtermitteln und Fasern ann\u00e4hernd verdoppeln wird. Mit der steigenden Nachfrage nach Agrarprodukten wird der Konkurrenzkampf um Boden und Wasser zwischen der Landwirtschaft und den st\u00e4ndig wachsenden st\u00e4dtischen Siedlungsr\u00e4umen intensiver werden. Denn die Urbanisierung wird in Zukunft wohl noch schneller fortschreiten. Bis ins Jahr 2050 werden rund 70% der Weltbev\u00f6lkerung in St\u00e4dten leben; heute sind es 49%. Die Landwirtschaft wird sich zudem dem Klimawandel anpassen und gleichzeitig ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten m\u00fcssen. Oft wird auch von einer \u00abnachhaltigen Landwirtschaft\u00bb (siehe <i>Kasten 1<\/i>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Verst\u00e4ndnis des Begriffs reicht von Biolandbau \u00fcber Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t bis zum Konzept der staatsfinanzierten multifunktionalen Landwirtschaft. Letzteres entspricht einer Systemperspektive, welche die Bed\u00fcrfnisse l\u00e4ndlicher Gemeinden, Ern\u00e4hrungssicherheit und Auswirkungen von landwirtschaftlichen Praktiken auf \u00d6kosysteme und Umwelt ber\u00fccksichtigt. Aerni (2009)a zeigt, dass solche wertebasierte Agrarpolitiken sehr selektiv mit den Prinzipien zur nachhaltigen Entwicklung der Agenda 21 und der Riodeklaration von 1992 umgehen: Das Prinzip 9 der Riodeklaration betrachtet die Anpassung, Verbreitung und den Transfer von Technologien \u2013 inklusive neuen und innovativen Technologien \u2013 als integralen Bestandteil einer nachhaltigen Entwicklung; das Prinzip 12 spricht sich f\u00fcr ein unterst\u00fctzendes und offenes internationales Wirtschaftssystem aus; das Prinzip 21 hebt die Rolle des Unternehmertums hervor. In zahlreichen Industriel\u00e4ndern, die technischen und wirtschaftlichen Wandel mehr als Risiko denn als Chance betrachten, sind diese Prinzipien jedoch nicht popul\u00e4r. Ein Vergleich der Wahrnehmung der Nachhaltigkeit in der Schweiz und in Neuseeland zeigt: Befragte in der Schweiz stufen die einheimische Landwirtschaft als ziemlich nachhaltig ein; Handel und neue Technologien werden als Gefahr angesehen. Befragte in Neuseeland sind hingegen der Meinung, dass technischer und wirtschaftlicher Wandel unbedingt n\u00f6tig sind, um nachhaltige Landwirtschaft mit Wettbewerbsf\u00e4higkeit in Einklang zu bringen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\na Philipp Aerni, 2009, What is sustainable agriculture? Empirical evidence of diverging views in Switzerland and New Zealand, Ecological Economics, 68: 1872\u20131882.) gesprochen, um nat\u00fcrliche Lebensr\u00e4ume und gef\u00e4hrdete Pflanzen- und Tierarten und ein hohes Mass an Biodiversit\u00e4t zu erhalten.&#13;<\/p>\n<h2>Weltweite Entwicklung der Verzerrungen im Agrarsektor<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine breit angelegte Studie der Weltbank vor 20 Jahren ergab, dass die Landwirtschaft in Entwicklungsl\u00e4ndern relativ zu den anderen Wirtschaftssektoren massgeblich besteuert wurde.&#13;<br \/>\nAnne O. Krueger, Maurice Schiff, and Alberto Vald\u00e9s, 1988, Agricultural Incentives in Developing Countries, World Bank Economic Review, 2: 255-272. Ein neues Forschungsprojekt der Weltbank, das 80 L\u00e4nder und \u00fcber 90% der Agrarm\u00e4rkte abdeckt, hat die Frage der weltweiten Verzerrungen im Agrarsektor wieder aufgenommen, um den Verlauf in den verschiedenen Weltregionen \u00fcber das letzte halbe Jahrhundert nachzuzeichnen.&#13;<br \/>\nKym Anderson, ed., 2009, Distortions to Agricultural Incentives: A Global Perspective, 1955-2007, New York: Palgrave Macmillan; Washington, D.C.: World Bank. Dieses Buch fasst die Erkenntnisse von vier regionalen Studien (Afrika, Asien, Lateinamerika, Zentral- und Osteuropa) und von vier L\u00e4nderstudien in einkommensstarken Volkswirtschaften zusammen. Alle Publikationen und Indikatoren k\u00f6nnen auf der folgenden Webseite eingesehen werden: <a href=\"http:\/\/www.worldbank.org\/agdistortions\">http:\/\/www.worldbank.org\/agdistortions<\/a>.Zur Messung von Politikmassnahmen, die entweder direkt im Agrarsektor ansetzen (z.B. Produkt- oder Exportsubvention) oder ausserhalb des Agrarsektors stehen (z.B. festes Wechselkurssystem), aber indirekt auch eine Wirkung auf den Agrarsektor haben, zog <i>Anderson (2009)<\/i> das nominale St\u00fctzungsmass <i>(Nominal Rate of Assistance, NRA)<\/i> heran. Das NRA ist der Prozentsatz, um den der Bruttoertrag der Landwirtschaft durch die verschiedenen Politikmassnahmen im Vergleich zu einer Situation ohne jegliche Intervention entweder erh\u00f6ht (Subvention) oder reduziert (Steuer) wird. Das nominale St\u00fctzungsmass im Agrarsektor erreichte in einkommensstarken L\u00e4ndern den H\u00f6chstwert von 50% in der Mitte der 1980er-Jahre und ist seither gefallen (siehe <i>Grafik 1<\/i>). Einige einkommensstarke L\u00e4nder richten seit den 1980er-Jahren von der Produktion entkoppelte Zahlungen (Direktzahlungen) an die Landwirtschaft aus. Weil diese Unterst\u00fctzung im Prinzip die Ressourcenallokation nicht verzerrt, wird sie f\u00fcr den direkten Vergleich mit den Entwicklungsl\u00e4ndern nicht einbezogen. Die Reformen in der EU deuten darauf hin, dass das Wachstum des Protektionismus in der Landwirtschaft verlangsamt oder sogar zur\u00fcckgefahren werden kann, wenn Preisst\u00fctzungsmassnahmen durch entkoppelte Beitr\u00e4ge oder direkte Formen der Einkommensunterst\u00fctzung ersetzt werden. Die Beispiele Australiens und Neuseelands zeigen jedoch, dass aus einem einmaligen <i>Buyout<\/i> \u2013 d.h. dem Ausstieg aus der Unterst\u00fctzungspolitik \u2013 schnellere und umfassendere Reformen resultieren.In Entwicklungsl\u00e4ndern hat sich die Besteuerung des Agrarsektors zwischen 1960 und 1985 von rund 20% in eine positive Unterst\u00fctzung (+10% 2000\u20132004) gewandelt. Das NRA in Entwicklungsl\u00e4ndern wird zwischen 80% und 90% durch Massnahmen an der Grenze \u2013 z.B. Import- oder Exportz\u00f6lle \u2013 bestimmt. Die Entwicklungsl\u00e4nder Asiens \u2013 inklusive Korea und Taiwan, die in den 1950er-Jahren sehr arm waren \u2013 haben den schnellsten \u00dcbergang von negativen zu positiven NRA gemacht. Lateinamerikanische L\u00e4nder haben zuerst die Besteuerung des Agrarsektors forciert und anschliessend den Wert des NRA zwischen der Mitte der 1970er-Jahre bis in die Mitte des letzten Jahrzehnts von \u201320% auf +15% gesteigert. In den europ\u00e4ischen Transitionsl\u00e4ndern war die St\u00fctzung des Agrarsektors bis Anfang der 1990er-Jahre nahe bei null und stieg anschliessend als Vorbereitung auf die EU-Mitgliedschaft auf fast 20%.Die Streuung der NRA zwischen Entwicklungsl\u00e4ndern hat \u00fcber die Zeit hinweg eher zu- als abgenommen. Auch innerhalb vieler Entwicklungsl\u00e4nder hat die Streuung der NRA zwischen einzelnen Produktgruppen zugenommen. Die Produkte mit den h\u00f6chsten St\u00fctzungsmassen und den h\u00f6chsten Subventions\u00e4quivalenten sowohl in Entwicklungs- wie in einkommensstarken L\u00e4ndern sind Reis, Zucker und Milch.Eine signifikante <i>Anti-Trade Bias<\/i> bleibt in Entwicklungsl\u00e4ndern wie in einkommensstarken L\u00e4ndern weiterhin bestehen. Gemeint ist der viel h\u00f6here Schutz f\u00fcr Agrarprodukte, die der Importkonkurrenz ausgesetzt sind, (NRAagim) gegen\u00fcber Agrarexportprodukten (NRAagex). In der Grafik 1 sind stellvertretend die Werte NRAagim und NRAagex f\u00fcr Entwicklungsl\u00e4nder aufgef\u00fchrt. Diese Anti-Trade Bias f\u00fchrt zu einer ineffizienten Ressourcenallokation innerhalb des Agrarsektors.<i>Grafik 2<\/i> zeigt, dass die Ver\u00e4nderungen in Entwicklungsl\u00e4ndern sowohl bei den NRA f\u00fcr handelbare Agrarg\u00fcter (NRAagtrad) wie bei jenen f\u00fcr handelbare G\u00fcter in den \u00fcbrigen Wirtschaftssektoren (NRAnonagtrad) praktisch gleich viel zum Abbau der Benachteiligung des Agrarsektors <i>(Antiagricultural Bias)<\/i> beigetragen haben. Durch eine Serie von gesamtwirtschaftlichen Reformvorhaben \u2013 und nicht nur durch Reformen in der Agrarpolitik \u2013 hat sich die relative Besteuerung des Agrarsektors in Entwicklungsl\u00e4ndern entsch\u00e4rft. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die Aufgabe von Importsubstitutionspolitiken, die einen hohen Importschutz verlangen, um einheimische Industrien zu f\u00f6rdern, und von denen die st\u00e4dtische Bev\u00f6lkerung profitiert. Das relative St\u00fctzungsmass <i>(Relative Rate of Assistance, RRA)<\/i>&#13;<br \/>\nRRA = {(1 + NRAagtrad) \/ (1 + NRAnonagtrad)} \u2013 1. ist ein guter Indikator f\u00fcr relative Preisver\u00e4nderungen: Die Zunahme des RRA in Entwicklungsl\u00e4ndern entspricht fast einer Verdopplung der relativen Agrarproduktpreise. Einer der wichtigsten Beitr\u00e4ge zum Abbau der Besteuerung waren die Reformen in Asien, insbesondere die Reduktion des \u00fcberbewerteten offiziellen chinesischen Wechselkurses. Die Streuung der RRA zwischen den L\u00e4ndern bleibt jedoch gross. W\u00e4hrend in Lateinamerika der relative Preis um die H\u00e4lfte angestiegen ist, verzeichnete Afrika nur eine Zunahme um einen Achtel.&#13;<\/p>\n<h2>Ern\u00e4hrungssicherheit und die Rolle des Handels<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Nahrungsmittel- und Treibstoffpreise erreichten 2008 H\u00f6chstwerte nach einem stetigen Aufw\u00e4rtstrend seit 2003. Trotz der Rezession sind die Preise immer noch doppelt so hoch wie zwischen 2000 und 2003. Neben hohen Preisen wird in Zukunft mit noch gr\u00f6sseren Mengen- und Preisschwankungen auf den internationalen M\u00e4rkten gerechnet. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind nachfrageseitig die politischen Eingriffe wie z.B. Biotreibstoffpolitiken (Subventionen in EU, USA) oder CO<i>2<\/i>-Steuern. Auf der Angebotsseite manifestiert sich eine steigende nat\u00fcrliche Volatilit\u00e4t durch den Klimawandel und\/oder h\u00e4ufigere extreme Wetterereignisse. Diese Schwankungen werden durch sogenannte <i>Beggar-thy-Neighbour-Politiken<\/i> (\u00abden Nachbarn auspl\u00fcndern\u00bb) noch versch\u00e4rft. Exportl\u00e4nder, welche die eigene Bev\u00f6lkerung vor dem Preisauftrieb sch\u00fctzen wollen, indem Exporte gedrosselt werden, haben den Effekt, dass Volatilit\u00e4t auf die internationalen M\u00e4rkte exportiert wird. Solche Praktiken sind besonders preistreibend, da nur 8% der Agrarprodukte und Nahrungsmittel \u2013 gegen\u00fcber 31% bei nicht erneuerbaren Rohstoffen und 25% bei allen anderen G\u00fctern \u2013 international gehandelt werden. In Importl\u00e4ndern provozieren Exportrestriktionen oft eine Absenkung der Importz\u00f6lle, um die eigenen Konsumenten ebenfalls vor steigenden Preisen zu sch\u00fctzen. Im Falle eines grossen Importlandes hat dies den Effekt <i>(Spill-overEffekt),<\/i> dass der internationale Preis noch weiter ansteigt. Drittlandimporteure, die auf Freihandel setzen, verlieren Wohlstand, und die Ern\u00e4hrungssicherheit schwindet weiter. Auf \u00abd\u00fcnnen\u00bb M\u00e4rkten \u2013 gemeint sind M\u00e4rkte, wo nur ein kleiner Teil der Weltproduktion international gehandelt wird \u2013 k\u00f6nnen Exportrestriktionen (z.B. Exportz\u00f6lle, Exportquoten) und andere variable Handelsinstrumente (z.B. Absenken der angewandten Importz\u00f6lle) zu einer Destabilisierung der M\u00e4rkte f\u00fchren. Zu den variablen Handelsinstrumenten geh\u00f6rt auch der Bindungs\u00fcberhang. Es geht darum, dass in der WTO gebundene Z\u00f6lle \u00fcber den tats\u00e4chlich angewandten Z\u00f6llen liegen k\u00f6nnen und so variabel gehandhabt werden k\u00f6nnen. Wenn alle L\u00e4nder die angewandten Z\u00f6lle auf das Niveau der gebundenen Z\u00f6lle anheben w\u00fcrden, um w\u00e4hrend einer Preisbaisse die eigenen Produzenten zu sch\u00fctzen, w\u00fcrden gem\u00e4ss Berechnungen von <i>Bouet und Laborde (2009)<\/i>&#13;<br \/>\nAntoine Bouet and David Laborde, 2009. Why is the Doha development agenda failing? And what can be done?: A computable general equilibrium-game theoretical approach, IFPRI discussion papers 877, International Food Policy Research Institute (IFPRI). die Entwicklungsl\u00e4nder 11,5% ihrer Exporte einb\u00fcssen, und die weltweite Wohlfahrt w\u00fcrde um 353 Mrd. US-Dollar schrumpfen. Die Spill-over-Effekte variabler Handelsinstrumente haben \u00abd\u00fcnnere\u00bb und langsamer wachsende internationale Agrarm\u00e4rkte zur Folge. Zwar konnten die Verzerrungen auf den Agrarm\u00e4rkten seit den 1990er-Jahren reduziert werden. Dennoch besteht weiterhin ein betr\u00e4chtliches Destabilisierungspotenzial.&#13;<\/p>\n<h2>Markt-, Wohlfahrts- und Verteilungseffekte einer globalen Liberalisierung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nModellergebnisse zeigen, dass 66% der Wohlfahrtsgewinne einer globalen Liberalisierung der G\u00fcterm\u00e4rkte auf die Liberalisierung der Agrar- und Nahrungsmittelm\u00e4rkte zur\u00fcckzuf\u00fchren w\u00e4ren.&#13;<br \/>\nKim Anderson, Ernesto Valenzuela and Dominique van der Mensbrugghe, 2010, Global Welfare and Poverty Effects Using the Linkage Model, In: Agricultural Distortions, Inequality and Poverty, Washington, DC: World Bank. Der internationale Agrarhandel w\u00fcrde wertm\u00e4ssig um einen Drittel zulegen. Agrarexporte aus Entwicklungsl\u00e4ndern w\u00fcrden pro Jahr um 158 Mrd. US-Dollar steigen, wovon Lateinamerika rund die H\u00e4lfte beisteuern w\u00fcrde. Der Anteil an der Agrarproduktion, der international gehandelt w\u00fcrde, stiege von 8% auf 15%. In Entwicklungsl\u00e4ndern w\u00fcrde das Einkommen aus der Landwirtschaft um 5,2% ansteigen, verglichen mit 2,1% in der \u00fcbrigen Wirtschaft. Der Zusammenhang zwischen dem Wachstum im Agrarsektor und der Armutsreduktion wird in <i>Kasten 2<\/i>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDass Wachstum im Agrarsektor sowohl zum Wirtschaftswachstum als auch zur Armutsreduktion beitr\u00e4gt, ist anerkannt. Die direkte Armutsreduktion h\u00e4ngt in l\u00e4ndlichen Gegenden mit steigenden Ertr\u00e4gen und verbesserter landwirtschaftlicher Arbeitsproduktivit\u00e4t zusammen. Allerdings gibt es grosse regionale Unterschiede. Gem\u00e4ss De Janvry und Sadoulet (2009)a bewirkt ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts, das seine Urspr\u00fcnge in der Landwirtschaft hat, ein Einkommenswachstum bei 40% der \u00c4rmsten. Es f\u00e4llt somit dreimal h\u00f6her aus als Wachstum, das der \u00fcbrigen Wirtschaft entspringt. Die Landwirtschaft hat zudem starke Wachstumsschnittstellen mit der \u00fcbrigen Wirtschaft. W\u00e4hrend die Wirksamkeit von Wachstum aus der Landwirtschaft heraus zur Armutsreduktion bewiesen ist, ist diejenige \u00f6ffentlicher Investitionen zur Ankurbelung des landwirtschaftlichen Wachstums noch unvollst\u00e4ndig und abh\u00e4ngig von den Umst\u00e4nden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\na Alain de Janvry and Elisabeth Sadoulet, 2009, Agricultural Growth and Poverty Reduction: Additional Evidence, The World Bank Observer, 25(1): 1-20. erl\u00e4utert.&#13;<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nJe mehr die nat\u00fcrlichen Mengen- und Preisschwankungen wegen Klimawandel und h\u00e4ufigeren Wetterextremereignissen zunehmen, desto vordringlicher ist ein Abbau der bestehenden Verzerrungen im internationalen Handel, um die anstehenden Herausforderungen im globalen Ern\u00e4hrungssystem zu meistern. Rahmenbedingungen f\u00fcr die Agrarproduktion in Industrie- und Entwicklungsl\u00e4ndern sollten minimal (handels-)verzerrend wirken. Insbesondere die Reduktion des Bindungs\u00fcberhangs, das Herunterfahren von Subventionen oder Disziplinen analog zu den Importen auch f\u00fcr Exporte \u2013 z.B. gebundene Exportz\u00f6lle \u2013 w\u00fcrden die Schwankungen abd\u00e4mpfen. Die M\u00e4rkte w\u00fcrden dadurch \u00abdicker\u00bb, was die Widerstandsf\u00e4higkeit der Agrarm\u00e4rkte gegen\u00fcber Schocks verst\u00e4rken w\u00fcrde. Anstatt variabler Handelsinstrumente zur Ern\u00e4hrungssicherung einzusetzen, sollten Regierungen mehr in Agrarforschung und Entwicklung, l\u00e4ndliche Infrastruktur oder in die Verbesserung der landwirtschaftlichen Vorleistungs- und Produktm\u00e4rkte investieren, um Produktivit\u00e4tsfortschritte zu erreichen. Eine Absicherung gegen Marktrisiken k\u00f6nnte auch \u00fcber regional verankerte Warenterminb\u00f6rsen erreicht werden.Die Bedingungen, um profitabel in die Landwirtschaft zu investieren, sind besser als in der Vergangenheit: Die M\u00e4rkte sind weniger verzerrt; die Rohwarenpreise sind h\u00f6her; hochwertige Feldfr\u00fcchte und tierische Produkte sind gefragt; verschiedenste technologische und institutionelle Innovationen stehen zur Verf\u00fcgung, um die Angebotsreaktion zu verbessern. Die Voraussetzungen sind g\u00fcnstig, um Wachstum aus der Landwirtschaft \u2013 zusammen mit anderen verbundenen Sektoren \u2013 als wirksames Instrument zur Armutsreduktion einzusetzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 1: \u00abNominale St\u00fctzungsmasse (NRA) f\u00fcr Agrarexportprodukte, der Importkonkurrenz ausgesetzte Agrarprodukte und alle ber\u00fccksichtigten Agrarprodukte\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrafik 2: \u00abNominale St\u00fctzungsmasse (NRA) im Agrarsektor und in der \u00fcbrigen Wirtschaft in Entwicklungsl\u00e4ndern sowie relatives St\u00fctzungsmass (RRA) in Entwicklungsl\u00e4ndern und einkommensstarken L\u00e4ndern\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 1: Nachhaltige Agrarpolitik&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Verst\u00e4ndnis des Begriffs reicht von Biolandbau \u00fcber Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t bis zum Konzept der staatsfinanzierten multifunktionalen Landwirtschaft. Letzteres entspricht einer Systemperspektive, welche die Bed\u00fcrfnisse l\u00e4ndlicher Gemeinden, Ern\u00e4hrungssicherheit und Auswirkungen von landwirtschaftlichen Praktiken auf \u00d6kosysteme und Umwelt ber\u00fccksichtigt. <i>Aerni (2009)<\/i>a zeigt, dass solche wertebasierte Agrarpolitiken sehr selektiv mit den Prinzipien zur nachhaltigen Entwicklung der Agenda 21 und der Riodeklaration von 1992 umgehen: Das Prinzip 9 der Riodeklaration betrachtet die Anpassung, Verbreitung und den Transfer von Technologien \u2013 inklusive neuen und innovativen Technologien \u2013 als integralen Bestandteil einer nachhaltigen Entwicklung; das Prinzip 12 spricht sich f\u00fcr ein unterst\u00fctzendes und offenes internationales Wirtschaftssystem aus; das Prinzip 21 hebt die Rolle des Unternehmertums hervor. In zahlreichen Industriel\u00e4ndern, die technischen und wirtschaftlichen Wandel mehr als Risiko denn als Chance betrachten, sind diese Prinzipien jedoch nicht popul\u00e4r. Ein Vergleich der Wahrnehmung der Nachhaltigkeit in der Schweiz und in Neuseeland zeigt: Befragte in der Schweiz stufen die einheimische Landwirtschaft als ziemlich nachhaltig ein; Handel und neue Technologien werden als Gefahr angesehen. Befragte in Neuseeland sind hingegen der Meinung, dass technischer und wirtschaftlicher Wandel unbedingt n\u00f6tig sind, um nachhaltige Landwirtschaft mit Wettbewerbsf\u00e4higkeit in Einklang zu bringen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\na Philipp Aerni, 2009, What is sustainable agriculture? Empirical evidence of diverging views in Switzerland and New Zealand, Ecological Economics, 68: 1872\u20131882.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKasten 2: Wachstum im Agrarsektor und Armutsreduktion&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDass Wachstum im Agrarsektor sowohl zum Wirtschaftswachstum als auch zur Armutsreduktion beitr\u00e4gt, ist anerkannt. Die direkte Armutsreduktion h\u00e4ngt in l\u00e4ndlichen Gegenden mit steigenden Ertr\u00e4gen und verbesserter landwirtschaftlicher Arbeitsproduktivit\u00e4t zusammen. Allerdings gibt es grosse regionale Unterschiede. Gem\u00e4ss <i>De Janvry und Sadoulet (2009)<\/i>a bewirkt ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts, das seine Urspr\u00fcnge in der Landwirtschaft hat, ein Einkommenswachstum bei 40% der \u00c4rmsten. Es f\u00e4llt somit dreimal h\u00f6her aus als Wachstum, das der \u00fcbrigen Wirtschaft entspringt. Die Landwirtschaft hat zudem starke Wachstumsschnittstellen mit der \u00fcbrigen Wirtschaft. W\u00e4hrend die Wirksamkeit von Wachstum aus der Landwirtschaft heraus zur Armutsreduktion bewiesen ist, ist diejenige \u00f6ffentlicher Investitionen zur Ankurbelung des landwirtschaftlichen Wachstums noch unvollst\u00e4ndig und abh\u00e4ngig von den Umst\u00e4nden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\na Alain de Janvry and Elisabeth Sadoulet, 2009, Agricultural Growth and Poverty Reduction: Additional Evidence, The World Bank Observer, 25(1): 1-20.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend der letzten zwei Jahrzehnte haben eine Vielzahl von Entwicklungsl\u00e4ndern Verzerrungen in ihren Handels- und Sektorpolitiken reduziert. Sie konnten dadurch die Besteuerung der Landwirtschaft mehrheitlich beseitigen. Auch einige einkommensstarke L\u00e4nder haben marktverzerrende Aspekte ihrer Agrarpolitik zur\u00fcckgefahren und damit das Mass der Subventionierung reduziert. 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